"Weirder" als alles andere

In den Labyrinthen des Möglichen: Thomas Pynchon

Im Sommer habe ich an dieser Stelle Jeff Vandermeer als einen herausragenden Autoren der "Weird Fiction" präsentiert (vgl. Der stadtgewordene Pilzrausch). Aber Thomas Pynchon zeigt mit seinem jüngsten Roman, dass er weiterhin der unangefochtene Altmeister des Genres ist, wenn nicht gar sein eigentlicher Erfinder.

"Against the Day" heißt der Backstein, er ist 1050 Seiten stark und, das sei gleich verraten, nicht nur gerade lang genug, sondern auch "weirder" als alles andere, was sich noch kohärent zwischen zwei Buchdeckel pressen lässt. Worum es geht? Normalerweise ist es kein gutes Zeichen, wenn sich darauf keine klare Antwort geben lässt; bei Pynchon liegt das aber nicht an unkontrollierter Verworrenheit oder unklarer Struktur, sondern an der schieren Fülle des Materials, das er verarbeitet hat. Kann immerhin der Zweck der Anstrengung in einem Satz gefasst werden?

Pynchon will offenbar die Frage erforschen, was wohl die formativen Jahre der Moderne gewesen sein mögen, und was wohl seinerzeit schief gelaufen sein muss, damit unsere Welt aussieht, wie sie heute aussieht. Das ist keine umwerfend neue Frage, auch die Antworten darauf weisen oft auf eine Epoche hin: Die Zeit um den ersten Weltkrieg ist als Ausgangspunkt für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nahezu unstrittig. Das gilt für so unterschiedliche Texte wie "Das Märchen vom letzten Gedanken" oder "All tomorrow’s parties".

Dass der letztgenannte Roman von William Gibson stammt, der Pynchon seit langer Zeit auf ganze eigene Weise nacheifert, sei hier am Rande erwähnt. Bei Gibson ist das Jahr 1911 dasjenige, "in dem sich alles änderte", Pynchon greift weiter aus und beschäftigt sich mit der Zeit von 1895 - 1918. Unmöglich und unsinnig, alle Themen aufzuzählen, die er angeht. Stellvertretend seien daher nur ein paar der Pfade ins Unterholz des Möglichen nachgezeichnet, die Pynchon auf seiner phantastischen Landkarte einträgt.

Anarchismus

Da ist zum Beispiel der Diskurs "Anarchismus", der beispielhaft von dem Gewerkschafter Webb Traverse und seiner Familie geführt wird. "Gewerkschafter" bedeutete im US-amerikanischen Westen des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht etwa Betriebsratsarbeit und Maidemonstration mit Bratwurst und Hüpfburg, sondern oft genug ein Mittelding zwischen halb illegaler Betriebsorganisation und bewaffnetem Kampf. Webb Traverse, der in Komitees, Versammlungen und Hinterzimmertreffen die Bergarbeiter agitiert, begeht gleichzeitig Sabotageakte und Sprengstoffattentate, um den Forderungen seiner Gewerkschaft militant Nachdruck zu verleihen.

Die Minenbosse ihrerseits, für die nicht ohne Grund in dieser Zeit der Begriff "Gewerkschafter" ein Synonym für "militanter Anarchist" ist, schrecken vor absolut nichts zurück, um ihre Herrschaft über die Minen zu sichern. Diese Verhältnisse sind nicht etwa der Phantasie von Pynchon entsprungen, sondern rekurrieren konkret auf die tatsächlichen Zustände zur beschriebenen Zeit; eine Epoche, in der die USA dem offenen Klassenkrieg näher standen als irgendwann sonst.

Die Sympathien von Pynchon in diesem Beinahekrieg sind klar, er macht allerdings nicht den Fehler, aus Webb Traverse eine reine Lichtgestalt destillieren zu wollen. Der Mann, der als Organisator und "Freizeit-Terrorist" für die Befreiung kämpft, kommt mit seinem persönlichsten Umfeld nicht klar. Als er von zwei Spitzeln der Minenbesitzer bestialisch ermordet wird, ist die Reaktion seiner Familie alles andere als eindeutig:

Zwei seiner Söhne schwören Rache, einer lässt sich von Scarsdale Vibe, dem Boss aller Bosse, zunächst mit einer Universitätsausbildung kaufen, und die einzige Tochter bandelt ausgerechnet mit dem Mörder ihres Vaters ein, heiratet ihn gar. Die Schicksale des Traverse-Clans sind gewissermaßen das erzählerische Skelett des Romans, wobei man nie ganz genau weiß, ob dieses Skelett wie bei Wirbeltieren im Inneren des Körpers zu finden ist, oder wie beim Chitinpanzer der Insekten die Organe von außen zusammenhält.

Macht und Überwachung

Eng verbunden mit dem Diskurs "Anarchismus" sind natürlich die Diskurse "Macht" und "Überwachung". Für die Macht steht der schon erwähnte Scarsdale Vibe, eine Figur, die in all ihrer Rücksichtslosigkeit und Erbärmlichkeit vorgeführt wird. Die Befreiung von der Teilnahme am amerikanischen Bürgerkrieg hat er sich einst durch Vorschieben eines Stellvertreters erkauft - der später sein dämonisch-pflichteifriger Adjutant wurde.

Seine Kinder, deren Pfade sich des öfteren mit denen der Traverse-Familie kreuzen, sind von Gewissensbissen getriebene Mörder, werden in der Familienvilla quasi gefangen gehalten oder dilettieren als Flittchen. Vibe verfällt im Verlauf der Erzählung immer mehr einem religiösen Wahn, ein Prozess, der vielleicht auch durch das missglückte Attentat beschleunigt wird, das ein italienischer Künstler-Anarchist in Venedig mit einer bizarren "Höllenmaschine" auf ihn verübt, wobei Pynchon den genauen Charakter dieser Höllenmaschine kunstvoll offen lässt.

Beim Diskurs "Überwachung" reden unzählige Stimmen mit, was nicht verwundert, gilt Pynchon doch unter den amerikanischen Großautoren als der paranoideste; die bizarren Vertreter der verschiedensten Geheimdienste und all ihre informellen Mitarbeiter geben sich in "Against the Day" die Klinke in die Hand. Einer der nachvollziehbarsten ist noch Lew Basnight, der, von einem unklaren Bedürfnis nach Sühne getrieben, während der Chicagoer Weltausstellung zunächst bei einer Detektei nach Pinkerton-Art anheuert.

In diesem Zusammenhang gerät er sehr schnell in die politische Arbeit zur Neutralisierung des virulenten amerikanischen Anarchismus. Er erledigt diese Arbeit zuerst auch ohne große Widerrede, merkt aber bei der Infiltration seines Zielmilieus schnell, dass er von Interessen ferngesteuert wird, die ihm fremd sind. Sein weiteres Schicksal ist exemplarisch für die Charakterentwicklung bei Pynchon. Noch in den USA findet Basnight Geschmack an einem halluzinogenen Sprengstoff(!), dessen Verzehr ihm heftige Visionen verschafft.

Zu gaga für die Wirklichkeit?

Als es ihn nach England verschlägt, heuert er bei den militanten Spiritisten von der „T.W.I.T.“ an - ein metaphysischer Nachrichtendienst, der, ähnlich wie eine Geheimloge organisiert, die schwarzmagischen Kräfte der Finsternis bekämpft. Zu gaga für die Wirklichkeit? Wenn man sich die Geschichte der amerikanischen und britischen Geheimdienste zu dieser Zeit anschaut (vgl. Der magische Geheimdienstchef) könnte man auf den Gedanken kommen, dass Pynchon hier nur mäßig übertreibt.

Dass Aufklärung und Verdunkelung in diesem Gestrüpp der Geheimnisse oft Hand in Hand gehen, ist ohnehin klar, Pynchon führt es auf seine Art exemplarisch vor. Die Geisterseherei und ihre durchgedrehten Adepten sind in dem Roman aufs Engste mit dem vielleicht wichtigsten Thema verbunden, das in "Against the Day" (vom Titel an) verhandelt wird: dem der Zeit.

Zeitverschiebungen, Zeitreisen, unmögliche Synchronizitäten durchziehen das ganze Buch. In einer der luzidesten Passagen des Buchs verwandelt sich ein Luxusdampfer während der Fahrt in ein Kriegsschiff; teilweise finden sich die Passagiere der billigeren Klassen plötzlich als Heizer für die Maschinen eines Schlachtkreuzers wieder.

Pynchon, in seiner unglaublichen, clownesken Frechheit will den Leser glauben machen, dass die beiden Schiffe, das zivile wie das militärische, schon bei der Konstruktion auf der Werft irgendwie miteinander verschmolzen, wobei er natürlich genauso wenig ausschließt, dass zwei Versionen desselben Schiffs in zwei Paralleluniversen existieren könnten, die an der Membran zwischen den beiden Universen fröhlich ineinander übergehen. Auf diese Weise erzählt Pynchon vom Doppelcharakter nicht nur der europäischen Flottenrüstung vor dem ersten Weltkrieg, wie das kein Geschichtsbuch könnte.

Kunstfertige Späße wie dieser kommen in dem Roman häufig vor, raffinierter aber noch ist die Art, in der Pynchon die Gegenwart die Vergangenheit infizieren lässt, auf dass sie sich wechselseitig kommentieren. So weist Scarsdale Vibe natürlich einige Charakterzüge auf, die man gern Mitgliedern der noch aktuellen Bush-Administration zuschreibt (obwohl man ihn sich physiognomisch eher wie George W. Bush sen. vorstellt).

Gleichzeitig bleibt er doch immer das Bild eines Industriemagnaten um 1900, einer Epoche, in der die politisch-wirtschaftliche Macht noch so deutlich von Einzelpersonen repräsentiert wurde, wie das heute gar nicht mehr denkbar wäre. An anderen Orten taucht die Gegenwart oder die jüngste Vergangenheit aus schierem Übermut in der erzählten Zeit auf. Zum Beispiel fällt im Zusammenhang mit dem Tunguska-Ereignis das natürlich auch Erwähnung findet, der Name „Tschernobyl“.

Anachronismen sind - was wiederum dem Titel höchst gemäß ist - bei "Against the Day" keine Fehler, sondern Gestaltungsprinzip. Ergebnis ist ein halluziniertes Kontinuum, in dem alle Zeitebenen einander durchdringen. Bemerkenswerterweise verliert sich dadurch die Erzählung nicht in einem richtungslosen Einerlei; sie bleibt stets in der Hand des Autors - wenn auch nicht unter seiner völlig bewussten Kontrolle, was dem Roman auch ganz unangemessen wäre. Und das ist dann auch die schönste Synchronizität, die Pynchon seinem Leser zu bieten hat: Den groben Zügen seiner Erzählung kann man leicht folgen, aber in ihrem Unterholz, in ihrem Kleingedruckten gewissermaßen, lauern viel mehr Fußangeln, als man auf die ersten drei Blicke ahnt.

Freilich lohnt es sich auch sehr, hier zu stolpern und in Gefangenschaft zu geraten. Man verweilt dadurch nämlich ein wenig länger als geplant in diesem bizarren Wald und sieht dann Dinge, die einem sonst nicht aufgefallen wären. Es ist kein Wunder, dass Pynchonexperten bereits ganze Wikis mit den Details füllen.

Wie geht es weiter mir Pynchon und seinem Alterswerk? Die blöde Debatte darüber, ob und wann er denn nun den Nobelpreis endlich bekommt, kann man sich eigentlich sparen. Interessant aus der Sicht des Lesers ist doch nur die Frage, ob dies schon sein letzter (und bester) Roman war, oder ob wir in einigen Jahren mit etwas beschenkt werden, was noch über "Against the Day" hinausreicht. Wenn das Pynchons Plan ist, dann wünsche ich ihm alles Gute bei der Ausführung. Und den Nobelpreis wünsche ich ihm natürlich obendrein. (Marcus Hammerschmitt)