Weisheit der Massen

Wikipedia: Quelle für wissenschaftliche Arbeiten?

Wikis, insbesondere die gemeinschaftlich von Freiwilligen verfasste Online-Enzyklopädie Wikipedia, sind eine praktische Form, Wissen zu kreieren und zu organisieren. So entstand in nur wenigen Jahren ein Wissensfundus, der mit den klassischen, in Buchform gehaltenen, renommierten Enzyklopädien durchaus mithalten kann und Verlagsmanagern vermutlich schlaflose Nächte bereitet.

Auch der Medienphilosoph und stets als Seismograph neuer Medientrends gefragte Norbert Bolz zeigte sich kürzlich im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ von Wikipedia begeistert1:

Von wenig Relevanz kann jedenfalls keine Rede sein, wenn Sie neue Gemeinschaften wie die der Online-Enzyklopädie Wikipedia betrachten. Da entsteht ein weltweites Laienwissen, das in Konkurrenz zum Expertenwissen tritt. [...] Das ist das Faszinierende an Wikipedia. Es ist der erste systematische Versuch, dieses diffuse, weltweit verstreute Meinungswissen in Prozessen der Selbstorganisation zu einer der akademischen Arbeit mindestens ebenbürtigen Alternative zu machen.
SPIEGEL: Ist die Weisheit der Massen dem Expertenwissen überlegen?
Bolz: Ja, und zwar in sehr vielen Dimensionen: in der Aktualität, der Anwendungsbreite, der Eindringungstiefe und dem Verweisungsreichtum. Dagegen kriegen Sie natürlich niemals so wunderbar hoch abstrahierte Beiträge wie etwa im Historischen Wörterbuch der Philosophie.

Besitzt Wikipedia damit eine Quellenfähigkeit für wissenschaftliche Arbeiten? Dagegen steht die eindringliche Warnung zahlreicher Propädeutiken und Anleitungen zum wissenschaftlichen Arbeiten, dass eine Enzyklopädie keine angemessene Quelle für eine wissenschaftliche Arbeit ist. Und dagegen sprechen eigene Warnungen in den Wikipedia-Regeln und der Wikimedia-Verantwortlichen.

Was Wikipedias Status als zuverlässige Informationsquelle angeht, sind die Meinungen nämlich bislang geteilt: Bezeichnen es die einen als die Quintessenz der Weisheit der Massen, als ein Vorbild für demokratisierte Information oder als einen Nagel im Sarg der schwerfälligen alten kommerziellen Enzyklopädie, sind andere besorgt über die Verlässlichkeit einer unkontrollierten Bezugsquelle, die jede Menge absichtlicher oder zufälliger Fehler und Widersprüche enthalten kann. Sogar Jimmy Wales, der Gründer der Wikipedia, der laut eigenen Angaben jede Woche ca. zehn Emails von amerikanischen Studenten erhält, die sich darüber beschweren, dass ihre Arbeiten ein „F“ (= mangelhaft oder ungenügend) erhalten haben, sprach sich im Juni 2006 auf einer Konferenz an der University of Pennsylvania mit den Worten „For God sake, you’re in college; don’t cite the encyclopedia“, dagegen aus, Wikipedia-Artikel in Hausarbeiten und anderen Texten mit wissenschaftlichem Anspruch zu zitieren. Das ‚F’ sei verdient.

Auch Wikipedia warnt in seiner US-Ausgabe in den so genannten „Policies“ vor möglicher Unzuverlässigkeit und betont, dass die Enzyklopädie keine Primärquelle sei.

Articles may not contain any previously unpublished arguments, concepts, data, ideas, statements, or theories. Moreover, articles may not contain any new analysis or synthesis of published arguments, concepts, data, ideas, or statements that serves to advance a position. (Die Artikel enthalten normalerweise keine bislang unpublizierten Argumente, Konzepte, Daten, Ideen, Statements oder Theorien. Ferner enthalten die Artikel üblicherweise keine neuen Analysen oder neue Zusammenführungen von bereits publizierten Argumenten, Konzepten, Daten, Ideen oder Statements, die dazu dienen, eine Sachlage voranbringen)

Doch aller Warnungen zum Trotz: Musste man in Zeiten vor der Wikipedia ein unbekanntes Thema mühsam und zeitaufwändig googeln, bis man nach vielen vergeblichen Abstechern auf schlechte Websites eine der wenigen Perlen fand, reicht heute in vielen Fällen die Eingabe des gesuchten Begriffes in der Wikipedia und der Artikel zeigt nicht nur einen Abriss über das Thema, sondern häufig auch die zentralen Literaturangaben, Netzknotenpunkte/zentrale Stellen (sogenannte „Hubs“) und auch die Links, die auf diesen Artikel verweisen, was weitere wertvolle Kontexte und Diskurse eröffnen kann. Zweifellos hat Wikipedia die Suchmodalitäten für Wissensthemen enorm beschleunigt und verbessert - kein Wunder also, dass die Enzyklopädie von Studenten wie Professoren gleichermaßen für die bequeme und schnelle Recherche genutzt wird.

Die Kehrseite zeigt sich darin, dass immer mehr Hausarbeiten nicht mehr sind als mit wenigen eigenen Sätzen zusammen gekittete Kopierkollagen aus der Online-Enzyklopädie, für die kein einziger Schritt über die Schwelle einer Bibliothek gesetzt wurde (vgl. zum Thema „Copy und Paste“ und veränderter wissenschaftlicher Textproduktion auch Von der Internetplage des geistigen Diebstahls, Kommen nach den "science wars" die "reference wars"?, Mit Shake and Paste ans Ziel und Pimp my Text!). Anlass dafür, einmal der Frage nach dem Wert der Wikipedia für das wissenschaftliche Arbeiten nachzugehen.

In diesem Zusammenhang sind drei Fragen relevant:

  1. Was ist eine Enzyklopädie oder, anders gefragt: Wie unterscheidet sich Wikipedia von einer klassischen Enzyklopädie?
  2. Welche Faktoren von Wissenschaftlichkeit können von einem Wikipedia-Zitat gestört werden?
  3. Sollte ein grundsätzliches Wikipedia-Zitierverbot ausgesprochen werden oder gibt es Fälle, in denen Wikipedia-Zitate sinnvoll sind?

Enzyklopädie heißt wörtlich übersetzt „universale Bildung“ bzw. „Alltagsbildung“ (von gr. Kyklos: Kreis und Paideia: Erziehung, Bildung). Seit dem 17./18. Jahrhundert und der Arbeit der Enzyklopädisten ist der Ausdruck ein Begriff für die Gesamtheit des menschlichen Wissens. Der Begriff der Enzyklopädie ist seit dieser Zeit stark mit dem der Aufklärung verbunden. Insofern ist der Bezug von Wikipedia auf den Begriff „Enzyklopädie“ von tieferer Bedeutung und geht über einen rein technischen Anspruch hinaus, das gesamte Wissen der Menschheit in einem System zur Verfügung zu stellen. Der aufklärerische Anspruch liegt auf der Hand: Alle Nutzer sollen durch Zusammenarbeit und Selbstkontrolle ein freies und kostenloses Wissensnetzwerk schaffen, das den zentralen, redaktionell geführten und für Schüler oder Studierende meist unerschwinglichen Werken durchaus ebenbürtig oder sogar überlegen sein soll. Paradigmatisch gesagt: Allen soll alles zugänglich sein. Das ist ein zutiefst humanistisches Ziel, birgt allerdings einige Probleme.

Die philosophische Frage, ob es heute überhaupt möglich ist, das gesamte Wissen der Menschheit zusammenzuführen, sei es online oder offline, zentral oder dezentral, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Wichtiger ist die Frage, ob das Angebot von Wikipedia grundsätzlich mit einer Enzyklopädie wie Brockhaus oder der Encyclopädia Britannica vergleichbar ist, oder ob Arbeitsweise und Inhalte sich von einem klassischen Nachschlagewerk unterscheiden.

Vergleichbar mit klassischen Werken sind Eigenschaften wie die einführende, überblicksartige und eher allgemein gehaltene Anlage der Texte sowie ihr Sekundär- bzw. Tertiärquellencharakter, der es nahe legt, auf die Primärquellen zurückzugreifen. Was die Zuschreibung zu einzelnen Autoren anbelangt, gehen wichtige Enzyklopädien unterschiedliche Wege: Bei Brockhaus existiert zwar eine Autorenliste, aber eine Zuordnung zu den einzelnen Artikeln ist nicht möglich. Die Encyclopädia Britannica ermöglicht dagegen die Zuordnung mittels eines Registers. Die Artikel selbst sind mit den Initialen des Autors gekennzeichnet. Im Falle von Wikipedia sind Informationen über Autoren teilweise abrufbar und zwar dann, wenn der oder die Autoren mit vollem Namen registriert waren, ansonsten lässt sich nur der Rechner (IP-Nummer) identifizieren, auf dem der Text geschrieben wurde. Die Informationen über die einzelnen Versionen des Textes und dessen Verfasser müssen somit nicht immer vollständig sein. Die Stärke von Wikipedia, das kollaborative Arbeiten an einem Gegenstand, ist streng wissenschaftlich gesehen eine Schwäche, da der Text eine Gemeinschaftsarbeit darstellt, oftmals keinem Autor eindeutig zuzuordnen ist und zudem meist nur einen Zwischenstand der Arbeiten darstellt.

Eine Einschätzung, wie qualifiziert die Verfasser eines Artikels sind, ist somit schwierig, da die Revisionsgeschichte eines Artikels die Autoren oft unter Pseudonymen oder anonym identifiziert, was es erschwert, ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Personen können, insofern ein Artikel über sie besteht, diesen umschreiben. Diese Flüchtigkeit stellt das Zitieren vor neue Herausforderungen. Zitierte Versionen eines Artikels können schon wenige Stunden später Korrekturen oder andere Verbesserungen enthalten; folgt man später dem Link des von einem wissenschaftlichen Autor rezipierten und zitierten Artikels, hat man damit die aktuellste Version verpasst.

Jeder Artikel kann zu jedem Zeitpunkt in einem schlechten Zustand sein. Gründe dafür können sein, dass er gerade radikal be- und umgearbeitet wird oder dass er Opfer von Vandalismus oder eines „Edit Wars“ wurde. Da viele Artikel als nur aus wenigen Sätzen bestehenden Fragmenten („Studs“) beginnen, die erst nach und nach zu ausführlichen Einträgen ausgebaut werden, ist Unvollständigkeit programmiert. Manchmal ist eine solche Unvollständigkeit offensichtlich, manchmal jedoch auch versteckt, so z. B. wenn ein kontroverser Gegenstand einseitig präsentiert wird.

Viégas/Wattenberg/Dave haben bereits 2004 eine Analyse der Artikelentstehung und -historie bei Wikipedia durchgeführt und kamen zu dem Ergebnis, dass

Wikipedia und seine Nutzer müssen als ein System betrachtet werden, in dem fortwährender Wandel sowohl eine Stärke als auch eine Schwäche bedeutet. Das Angebot ist Gegenstand von regelmäßigem Vandalismus und Ungenauigkeiten, ganz wie die Skeptiker es vermuten — aber die aktive Wikipedia Community bringt die größten Schäden schnell und wirkungsvoll wieder in Ordnung.

Viégas und seine Forscherkollegen fanden nur wenig Anzeichen für Stabilität im Angebot. Sie vermerkten aber auch, dass der hohe Umschlag es ermöglicht, aktuelle Ereignisse schnell in das Angebot zu integrieren, was bei einer gedruckten Enzyklopädie in dieser Weise unmöglich sei.

Aber nicht nur die Artikel selbst, sondern auch ihre Qualität fluktuiert. Leider sind die Motive derjenigen, die zu einem Artikel beitragen, unbekannt. Die Verfasser können im Negativfall politische oder kommerzielle Altruisten, Spaßvögel oder Vandalen sein. Manche Verfasser überschätzen ihre fachliche Kompetenz und liefern stattdessen Spekulationen, Gerüchte, Hörensagen oder unkorrekte Information. Freiwillige Beiträge repräsentieren in hohem Maße die Interessen und das Wissen einer selbsterwählten Gruppe von Mitwirkenden. Es gibt keine systematische Instanz (wie bei klassischen Enzyklopädien etwa ausgebildete Redakteure) und keinen systematischen Wissensorganisationsplan, der sicherstellt, dass offensichtlich wichtige Themen adäquat behandelt werden.

Das hat zur Konsequenz, dass Themen, die junge und Internet-versierte Personen interessieren, in Wikipedia meist gut dokumentiert sind. Gerade bei popkulturellen Themen wie Fernsehserien oder Sport und aktuellen Themen wie z. B. Naturkatastrophen oder Terroranschlägen, die aufgrund ihrer Neuigkeit noch nicht den Weg in die Buchform gefunden haben, entstehen bei der Wikipedia oftmals hochwertige Artikel in nur wenigen Tagen. Dies trifft auch auf politische und kriegerische Ereignisse zu:

Innerhalb einer Woche während der US-amerikanischen Invasion in den Irak 2003 entstand beispielsweise eine komplette Seite ausschließlich zu diesem Thema und in den Wochen nach der Invasion verdreifachte sich die Größe des Artikels über den Irak.

Viégas/Wattenberg/Dave

Andere Themen, die schwierigen wissenschaftlichen Gebieten entstammen, sind dagegen unterrepräsentiert bzw. nur unvollständig verfügbar. Die entscheidenden Unterschiede zu einer gedruckten Enzyklopädie bestehen also darin, dass

  1. es keine Herausgeberinstanz gibt, die wissenschaftliche Qualität kontrolliert. Die Qualitätskontrollen finden durch die Nutzer selbst statt.
  2. Gruppen von Personen an Artikeln schreiben. Dies führt im Idealfall zu einer dezentralen Sicht- und Schreibweise und zur gegenseitigen Verbesserung und Ergänzung, im ungünstigsten Fall zu Edit-Wars.
  3. es keinen Redaktionsschluss und keine abgeschlossene Ausgaben gibt; die Aktualität ist höher als bei einem gedruckten Werk, Wikipedia ist damit schneller. Andererseits ist es nie ganz klar, ob eine Artikelversion stabil und qualitativ brauchbar ist.
  4. es keine Themenbeschränkungen gibt; es findet keine Relevanzprüfung statt; jeder kann zu jedem Thema einen Artikel verfassen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Wikipedia einige klassische Enzyklopädieelemente aufweist, dass sie aber auch Eigenschaften besitzt, die deutlich über gedruckte Werke hinausgehen. Dies betrifft insbesondere die Aktualität der Online-Plattform.

Was aber heißt wissenschaftlich und was mag an Wikipedia-Texten unwissenschaftlich sein? Ein Text ist nach Umberto Eco2 nur dann wissenschaftlich, wenn er dem Wissen der wissenschaftlichen Öffentlichkeit etwas hinzufügen und wenn alle künftigen Arbeiten zum gleichen Thema die Ergebnisse berücksichtigen müssen. Eine wissenschaftliche Untersuchung müsse Dinge über den untersuchten Gegenstand sagen, „die noch nicht gesagt worden sind, oder sie muss Dinge, die schon gesagt worden sind, aus einem neuen Blickwinkel sehen“. Diese Forderung nach einem Entdeckungs- und Erkenntnischarakter dürfte auf die wenigsten Artikel in Wikipedia zutreffen, bauen diese i.d.R. auf bereits Bekanntem auf und sind maximal kompilatorischer Natur. Allerdings kann auch eine kompilatorische Arbeit einen wissenschaftlichen Nutzen aufweisen, nämlich dann, „wenn es auf diesem Gebiet nichts Vergleichbares gibt“. Letzteres mag in Wikipedia stellenweise auf junge Themen zutreffen, die bspw. dem Bereich Technik und Computer zuzuordnen sind. Hinreichend ist diese Forderung von Eco selbstverständlich noch nicht. Wissenschaftlichkeit kann ergänzt werden, benötigt: Sachbezogenheit und Objektivität im Sinne von Unvoreingenommenheit, systematische und klare Darstellung, Nachvollziehbarkeit, Nachprüfbarkeit und in diesem Zusammenhang Quellentransparenz.

Insbesondere bei den Punkten Unvoreingenommenheit, Nachvollziehbarkeit, Nachprüfbarkeit und Quellentransparenz hapert es leider bei Wikipedia. Die Wikimedia-Stiftung ist sich dessen bewusst und versucht mit Anleitungen zum Schreiben eines guten Artikels oder mit Workshops, die Qualität im obigen Sinne zu verbessern. Da meist Laien die Wikipedia-Texte erstellt haben, ist der Alltagscharakter der Texte evident. Dahinden3 hat in einem Überblick die Eigenschaften von wissenschaftlichem Wissen und Alltagswissen gegenübergestellt. Auch hier wird „wissenschaftlich“ mit Innovation und Fortschritt in Verbindung gebracht, mit standardisiertem und methodisch kontrolliertem Vorgehen, mit Theoriebildung und dem Anspruch auf intersubjektive Gültigkeit. Alltagswissen sei dagegen personenbezogen und ein Resultat von zufälliger Alltagserfahrung. Alltagswissen werde über Alltagssprache vermittelt.

Ob nun durch die Verdichtung und Kombination von Alltagswissen etwas entsteht, das dem Expertenwissen überlegen ist (so wie es Bolz im eingangs zitierten Interview sieht), müsste eingehender geprüft werden. Erste Vergleiche mit etablierten Nachschlagewerken bescheinigen Wikipedia eine durchaus beachtliche Qualität, so beispielsweise eine Studie der Zeitschrift „Nature“:

Dennoch legt die Untersuchung von Nature nahe, dass der Vorsprung von Britannica nicht groß ist, insbesondere wenn es sich um wissenschaftliche Einträge handelt. In der Studie wurden Artikel aus Wikipedia und der Enzyklopädia Britannica aus einer breiten Vielfalt von wissenschaftlichen Disziplinen ausgewählt und dann jeweils den Experten zum Peer-Reviewing gegeben. (…) Lediglich acht ernstzunehmende Fehler, unter ihnen Falschauslegungen bedeutender Theorien, wurden in den paarweise zu prüfenden Artikeln gefunden, je vier in jeder Enzyklopädie. Allerdings fanden die Reviewer auch zahlreiche (kleinere) Sachfehler, Auslassungen oder missverständliche Formulierungen: 162 in Wikipedia beziehungsweise 123 in Britannica.

Dies war eine für Wikipedia ermutigende Stichprobe, insbesondere ihre wissenschaftlichen Artikel betreffend. Dennoch: Es ist nie sicher, welche Information akkurat ist und welche nicht. Jeder Artikel kann zu jedem Zeitpunkt in einem schlechten Zustand sein (s.o.), das ist ein Hauptproblem.

Auch Brändle4 von der Universität Zürich hat in einer aufwändigen Studie die Qualität von Wikipedia-Artikeln untersucht. Eine Stichprobe von 450 Artikeln wurde einer Inhaltsanalyse unterzogen und mit externen Faktoren verglichen. Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage, welche Themen wie viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und welche Qualität die Artikel aufweisen, die aus diesen Themenkreisen entstehen. Das Ergebnis lautete: je mehr Autoren ein Artikel hat, desto mehr Aufmerksamkeit zieht der Artikel auf sich und je höher ist seine Qualität; viel beachtete Artikel werden aber auch öfter vandalisiert, d.h. durch qualitätsbedrohende Aussagen verunstaltet. In jeder Themenkategorie gibt es sehr gute und sehr schlechte Artikel; m. a. W. hat die Themenkategorie nach Brändle keinen Einfluss auf die Qualität der Texte.

Es ist also festzuhalten:

  1. Vorsicht ist generell geboten, wenn Informationen nur aus einer Quelle stammen.
  2. Wenn enzyklopädische Artikel sich auf externe Quellen beziehen (gleichgültig ob on- oder offline), sollten diese gelesen und dahingehend überprüft werden, ob sie wirklich das aussagen, was der Artikel behauptet.
  3. In den meisten Fällen ist eine Enzyklopädie keine angemessene Quelle für eine wissenschaftliche Arbeit.

Gegen die wissenschaftliche Verwendbarkeit von Wikipediatexten spricht v.a. ihr Tertiärquellencharakter, ihr Alltagsstil sowie das Transitorische und die mitunter fehlende Transparenz von Quellen und Verfassern. Diese Defizite mögen möglicherweise wieder wettgemacht werden durch die Diskussion der Verfasser untereinander und ihre fruchtbare Zusammenarbeit über die Zeit. Die Untersuchung von Brändle hat Anhaltspunkte ergeben, dass die Autoren sich gegenseitig befruchten und die Qualität ihrer Texte zu steigern vermögen. Bolz (s.o.) hofft nicht ohne Grund auf eine „ebenbürtige Alternative“ zu streng wissenschaftlichen Texten.

Wenig sinnvoll ist dennoch ein generelles Zitierverbot von Wikipediatexten, nach dem Muster: Keine Haus- oder Abschlussarbeit mit wissenschaftlichem Anspruch, geschweige denn eine Dissertation, darf Referenzen auf Wikipedia-Texte enthalten, weil sie sonst die wissenschaftlichen Standards nicht erfüllt. Denn die Frage ob man aus Wikipedia zitieren darf, scheint prinzipiell falsch gestellt zu sein, da sie primär normativ-moralische Kategorien betrifft. Wichtiger ist die Frage, ob es sinnvoll ist, aus Wikipedia zu zitieren, d.h. ob Wikipedia-Zitate einem wissenschaftlichen Ziel dienen können.

Onlinequellen, darunter auch solche aus Wikipedia, können Referenzen auf einen gewählten Untersuchungsgegenstand sein und zeigen, dass für bestimmte, aktuelle und neuartige wissenschaftlich relevante Fragestellungen Wikipedia als Quelle durchaus sinnvoll sein kann. Ähnlich mag der Fall gelagert sein, wenn Studierende sich mit Wikipedia als Gegenstand einer wissenschaftlichen Thematik beschäftigen, zum Beispiel in einem Journalistik-Seminar zur Online-Recherche. Welche Funktion hat Wikipedia im journalistischen Alltag für die journalistische Recherche? Dies kann durchaus Gegenstand einer Hausarbeit sein, die dann auch Artikel der Online-Enzyklopädie zitieren mag. Die hier zitierten Forschungsarbeiten sind Beispiele von Fragestellungen, die sich Wikipedia selbst zum Gegenstand gewählt haben.

Wikipedia kann ferner eine Datenquelle für wissenschaftliche, insbesondere sozialwissenschaftliche Problemstellungen sein. Auch dafür kann der oben zitierte Artikel von Viégas, Wattenberg und Dave als Beispiel herangezogen werden. Die Erforschung der Schreibproduktion von Menschen nach herausragenden politischen Ereignissen mag ein Beispiel einer solchen Fragestellung sein. Inhalts- und Logfileanalysen, Befragungen von Autoren oder die Beobachtung der Aussagenproduktion mögen adäquate Methoden sein, um empirische gestützte Aussagen zu treffen.

Wer trotz aller hier geäußerten Bedenken aus Wikipedia zitieren will, sollte einen Wikipedia-Artikel nach Empfehlung der Wikipedia nach folgendem Schema „Titel des Artikels. Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Datum und Uhrzeit“ zitieren und den dazugehörigen Perma-Link setzen.

Beispiel:

Artikel Hauptseite. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 28. Juni 2006, 23:01 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hauptseite&oldid=18407589 (Abgerufen: 3. Juli 2006, 10:59 UTC)

Wikipedia kann unter bestimmen Umständen auch für wissenschaftliche Arbeiten eine sinnvolle Quelle sein, insbesondere wenn die Online-Enzyklopädie selbst Gegenstand der Forschung ist. In den meisten Fällen dürfte sich die Online-Ezyklopädie nicht als Zitatequelle eignen. Falls dennoch Zitate entnommen werden, ist es unumgänglich im Auge zu behalten, dass die Artikel der Online Enzyklopädie von stark unterschiedlicher Qualität sein können. Artikel auf wissenschaftliche Brauchbarkeit, auf Relevanz und Qualität abzuklopfen erfordert einiges an Reflexionsarbeit und an Erfahrung. Letztere haben aber gerade Studierende in unteren Semestern noch nicht. Für die Verwendung in Seminar- oder B.A.-Abschlussarbeiten ist das Online-Angebot deshalb wohl am schlechtesten geeignet. Gerade jüngere Studierende sollten also besonders vorsichtig mit Wikipedia umgehen.

Der leichte Zugang zu Texten darf nicht zum einzigen Kriterium ihrer Verwendung werden. Darauf hat Eco in seinem Buch zum wissenschaftlichen Arbeiten bereits in den 70er Jahren in einem Beispiel mit umgekehrten Vorzeichen hingewiesen, indem er die Entschuldigung von Studierenden „Ich wohne in der Provinz und habe keinen Zugang zu einer Universitätsbibliothek“ nicht gelten ließ und statt dessen demonstrierte, wie man auch in einer Kleinstadtbibliothek mit begrenzten Mitteln zu beachtlichen wissenschaftlichen Ergebnissen kommen kann.

Dennoch scheint heute die unbedingte Forderung nach von Primärquellen gestützten, plagiatfreien Haus- und Seminararbeiten partiell antiquiert. Aber nicht etwa wegen der (klar gerechtfertigten) Einforderung wissenschaftlicher Standards, sondern weil Pädagogen die neuen Möglichkeiten des vernetzten Arbeitens und den dramatisch erleichterten Zugang zu Informationen offenbar gar nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Intelligenter als Verbote oder langatmige Ethikcodes wären daher die Entwicklung und/oder der Einsatz von akademischen Lehr- und Lernformen, die Plagiate und Copy-Paste-Texte erst gar nicht zulassen bzw. sinnlos machen: Statt Studierende also die x-te Zusammenfassung über die „Theorie der Nachrichtenfaktoren“ schreiben zu lassen, könnten Seminarteilnehmer eine aktive, eigenständige Arbeit auf gleichem Niveau bewerkstelligen.

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