Weiße Pyramiden des Satans

Greenpeace vs. MVRDV: Die Küsten Spaniens als Projektionsfläche und Schlachtfeld der Zukunft

Spanien, Anfang 2005. Das Meer schäumt an der Küste weiß auf, in der rauen Landschaft ragen Kräne in die Luft, auf einer Baustelle, die ein Gebäude in Pyramiden-Form erkennbar werden lässt: Stockwerke, die wie Treppenstufen vom Strand in den Himmel führen. Noch ist in Algarrobico nicht alles fertig, noch wird gebaut – die Firma Azata hat dort Großes vor. Ein Dutzend weiterer Pyramiden sollen in den nächsten Jahren an dieser Stelle entstehen. Darüber hinaus Golfplätze und andere Ferienanlagen.

Was am Strand von Algarrobico vor sich geht, ist kein Einzelfall. Der Bauvorgang steht für einen Prozess der forcierten Urbanisierung, wie er bereits seit Jahren die spanische Küste prägt. Boomtowns sind im Zuge dessen im Entstehen begriffen, die selbst globale Megastädte alt aussehen lassen: Benidorm beispielsweise hat eine bauliche Dichte dreimal so hoch wie Mexico City. Längst liegen Studien vor, die die Ostküste Spaniens auf Strukturen der Agglomeration hin untersuchen. Das Architektenbüro MVRDV (Das flüssige Auge des Architekten) etwa spricht in diesem Zusammenhang von der „Costa Iberica“. Unter diesem Titel hat es ein reich bebildertes Buch herausgebracht.

Costa Iberica. Bild von MVRDV

Die holländischen Architekten begreifen die „Costa Iberica“ als eine einzige Stadt, die sich von der französischen Grenze bis nach Gibraltar zieht und deren Besitzer keine nationale Wirtschaft, sondern die Ströme des globalen Kapitals sind. MVRDV hat dieser Vision mit statistischen Erhebungen ein Fundament und mit zahlreichen bunten Computergrafiken ein Gesicht verliehen: Grau schimmernde Hochhäuser, die rasterförmig ineinandermorphen, turmhohe Symbole der Weltwirtschaft, die als Oasen des touristischen Müßiggangs in Szene gesetzt werden: Wer drinnen einen Platz findet, hat einen atemberaubenden Ausblick auf das Meer und ein garantiertes Maß an Privatsphäre, die an den überbevölkerten Stränden kaum noch gegeben ist.

Die Bilder haben bis heute nichts von ihrer futuristischen Qualität eingebüsst, doch haben sich vor allem in diesem Jahr dystopische Layer auf ihrer Oberfläche abgelagert. Die Schlagzeilen, die anlässlich der Flüchtlingsproblematik in den spanischen Enklaven von Nordafrika die Runde machten, wurden insbesondere von der Tageszeitung „El Pais“ mit Bildern illustriert, die mit der MVRDV-Ästhetik den Kontrollstaat Gestalt annehmen ließen: Kühle Hightech-Strukturen der Sicherheitsdogmatiker am weißen Strand, mit großem Aufwand durch 3-D-Rendering in Szene gesetzt – die Grafiker der spanischen Tageszeitung machten daraus sogar eine im Internet begehbare Installation, in die man nach Blieben reinzoomen konnte, von Küstenstützpunkt zu Küstenstützpunkt hoppend.

Die aktuellsten Bilder, die sich wie Kehrseiten der MVRDV-Bilder ausnehmen, stammen aus dem Hause Greenpeace und haben den eingangs erwähnten Strand von Algarrobico zum Gegenstand. Das pyramidenhafte Gebäude ist auf diesen Bildern, die um den 17. November herum vor Ort entstanden, mittlerweile in weiß getaucht. Banner, die die Umweltorganisation darauf angebracht hat, kommen auf diesem Grund besonders gut zur Geltung.

Greenpeace-Aktivisten am Strand von Algarrobico. Das Hotel im Bau befindet sich im Naturpark Cabo de Gata-Níjar. Bild: Greenpeace

An der Fassade zum Meer steht in vertikaler Hängung auf 168 Quadratmetern „Demolación“. Etwas kleiner ist das Banner, das darüber hängt und auf dem in gleichfalls schwarzen Buchstaben „Hotel Ilegal“ prangt. Selbst einer der Kräne muss als Prothese für den Protest herhalten, vor der Küste kreisen derweil Schlauchboote mit Aktivisten, die „Hotel Ilegal, Demolición – Greenpeace“-Transparente in die Luft stemmen.

Die 1.500 Zimmer der Pyramide sind noch nicht bezogen, die Gäste haben den Strand noch nicht verschmutzt, aber die Aktivisten fordern schon jetzt ihren Abriss. Der Bau sei illegal, er verstoße gegen die Umweltgesetze und sei nur möglich geworden, weil unterschiedliche öffentliche Stellen, darunter das spanische Umweltministerium, ein Auge zugedrückt haben. Der Protest richtet sich gegen jene Entwicklung, die von MVRDV als Costa Iberica benannt worden ist: Keine Verstädterung der Küste! Keine Zerstörung der dort vorhandenen Ressourcen! Keine Ausbreitung des neoliberalen Kapitalismus! Der Ort, an dem die Protestaktion stattfindet, ist strategisch gewählt: Die Demonstranten können die leerstehenden Zimmer zur Übernachtung nutzen und der Hausbesetzung einen Akzent politisch-metaphorischer Natur abringen: Die Avantgarde der Costa Iberica wird von der Sperrspitze des Tourismus ad absurdum geführt: Greenpeace-Aktivisten.

Hier geht es nicht nur um einen Bilderkrieg, denn auch die flotten Images von Greenpeace werden von einer Studie begleitet. Sie ist bewusst oder unbewusst an die MVRDV-Publikation angelehnt und heißt: Destrucción a toda la costa (2005). Als zentrale Probleme werden darin Urbanisierung, Tourismus und speziell die Küstenbauten genannt. Die Studie rechnet vor: Letztes Jahr wurden 768.000 neue Wohnungen, 58 neue Golfanlagen und 77 neue Sporthäfen an den Küsten der iberischen Halbinsel gebaut. Selbst die letzten unberührten Flecken (Murcia, Almería, Cadíz, Huelva und die kantabrische Küste) seien mittlerweile von diesem Prozess vereinnahmt worden. Ferner: 44.900 dieser Wohnungen seien illegal, verstießen jedenfalls gegen die Gesetzte eines Landes, dessen Administratoren als Promoter dieses Prozesses auftreten. Umweltgesetze seien in diesem Zusammenhang zweitrangig, Priorität habe „der Verkauf des letzten Meters unberührten Strands“. In diesen Tagen gilt die weiße Pyramide am Strand von Algarrobico als Symbol dieses teuflischen Plans. (Krystian Woznicki)