Weißhelme-Gründer tot

Weißhelm in Idlib. Foto: usaid.gov

Selbstmord oder Stoß vom Balkon?

James Le Mesurier, der Gründer der umstrittenen Organisation "Weißhelme", ist gestern tot vor seiner Wohnung im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu gefunden worden. Entsprechende Berichte der türkischen Tageszeitungen Sabah und Sözcü wurden inzwischen von Raed al-Salah und anderen Sprechern der Weißhelme bestätigt. Allerdings lässt sich bei einer Bestätigung der Weißhelme schwer sagen, was diese wert ist - womit man bereits beim Kern der Problematik wäre.

Die Weißhelme, die überwiegend in Gebieten auftreten, die von al-Nusra bzw. HTS oder anderen Islamistengruppen kontrolliert werden, wurden nämlich für Fotos und Videos aus dem Syrienkrieg bekannt, bei denen sich im Nachhinein Verdachtsmomente dafür ergaben, dass sie gestellt sein könnten (vgl. Syrien: Inszenierte Wirklichkeit auf Video). In Douma, wo die Organisation mit einem Video einen Gasangriff von syrischen Regierungsgruppen behauptete (vgl. Das lässt aufhorchen: Angeblicher Chemiewaffenangriff in Ost-Ghouta), sagten Personen, die auf den Aufnahmen zu sehen sind, beispielsweise später aus, dass ihre darstellerischen Leistungen mit Lebensmitteln vergütet worden seien (vgl. US-Verteidigungsminister Mattis: "Keine soliden Beweise für Chemiewaffenangriff"). Auch gegen den Bericht der OPCW über den Vorfall wurden schwerwiegende Vorwürfe erhoben (vgl. Whistleblower: OPCW-Bericht zum Giftgasanschlag in Douma einseitig).

USA wollten Eingreifen wie in Jugoslawien, Afghanistan, dem Irak und Libyen nicht wiederholen

Für die Staatsführung der USA war das Video Anlass, die syrische Armee mit einem Marschflugkörperangriff zu bestrafen. Von weitergehenden Einsätzen sah US-Präsidenten Donald Trump jedoch ab. Solche weitergehenden Einsätze zum Zwecke eines Wechsels der Staatsführung in Damaskus waren den Kritikern der Weißhelme zufolge das Ziel der Organisation, das sie nicht erreichte. Sowohl Trump als auch sein Vorgänger Barack Obama beschränkten sich auf eine Unterstützung von "Rebellen" an der Grenze zu Jordanien und östlich des Euphrat, wo der IS der syrischen Regierung bereits vorher das Heft aus der Hand genommen hatte.

Ob und wie sehr Le Mesurier enttäuscht davon war, dass die USA in Syrien nicht ihr Eingreifen in Jugoslawien, in Afghanistan, im Irak und in Libyen wiederholen wollten, ist unklar. Den türkischen Medienberichten nach soll die Polizei aber von einem Selbstmord als wahrscheinlichster Todesursache ausgehen. Danach sprang er nachts vom Balkon seiner Wohnung, was seine Ehefrau angeblich nicht bemerkte, weil sie - ebenso wie ihr Ehemann - Schlaftabletten genommen hatte. Dass sich an seiner Leiche zwar Brüche an den Beinen und am Schädel, aber weder Schnittwunden noch Schussverletzungen fanden, muss allerdings nicht heißen, dass beim Sturz nicht jemand nachgeholfen hat.

Britische Staatsführung bestreitet MI6-Tätigkeit

Dafür infrage kämen neben Kritikern seiner Bildwerke in Damaskus, Moskau oder Teheran auch enttäuschte Akteure aus den Kreisen, mit denen er sich im syrischen Kriegsgebiet anscheinend eingelassen hat. Sonst hätte er kaum in den von der syrischen al-Qaida und anderen dschihadistischen Organisationen kontrollierten Gebieten seine Videos drehen können. Ein dritter Täter, der denkbar ist, sind staatliche türkische Akteure mit Interessen in Syrien.

In jedem Fall starb der Engländer eine Woche nachdem die russische Außenministeriumssprecherin Maria Sacharowa die britische Regierung öffentlich dazu aufgefordert hatte, dessen Verbindungen zu international aktiven Dschihadisten genauer unter die Lupe zu nehmen. Es gebe, so Sacharowna, nämlich Informationen, "die darauf hindeuten, dass al-Qaida-Mitglieder in seinem Team waren".

Mit Personen, die einem schnell den Kopf oder lebenswichtige Organe kosten können, soll Le Mesurier den russischen Erkenntnissen nach bereits während der NATO-Intervention im Kosovo Kontakt gehabt haben - und zwar nicht als normaler britischer Armeeangehöriger, sondern als Offizier des britischen Auslandsgeheimdiensts MI6. Karen Pierce, die britische Botschafterin bei der UN, wies das im Auftrag ihrer Regierung als "unbedingt unwahr" zurück.

Sicher ist dagegen, dass der im Empire-Establishment gut verankerte Sohn von Benjamin Havilland Churchill Le Mesurier nach einer Karriere bei den britischen Streitkräften Führungspositionen bei privaten Sicherheitsdiensten wie Good Harbor Consulting einnahm, die in den arabischen Golfstaaten gut vergütete Aufträge annahmen. Aus diesen Golfstaaten, die im syrischen Bürgerkrieg großes Interesse an einem "Regimewechsel" in Damaskus zeigten, soll auch ein großer Teil der Mittel der 2013 gegründeten Weißhelme gekommen sein.

Außer von dort bezog die offiziell als Hilfsorganisation auftretende Gruppe bis 2018 aber auch durchaus nennenswerte Steuermittel aus westlichen Staaten (vgl. US-Außenministerium hat Zahlungen für die Weißen Helme eingestellt und Syrien: Niederlande beendet Unterstützung der Weißhelme und der bewaffneten Opposition). (Peter Mühlbauer)