Welche Werte brauchen wir?

In Nordrhein-Westfalen soll "Ehrfurcht vor Gott" als Erziehungsziel in das Schulgesetz aufgenommen werden

"Die Christenheit muss wieder lebendig und wirksam werden und sich wieder eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen bilden, die alle nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihren Schoß aufnimmt und gern Vermittlerin der alten und neuen Welt wird." - Novalis, Die Christenheit oder Europa, 1799.

Was Novalis als romantischen Vorstoß gegen das Gift der Aufklärung verkündete, hat auch in diesen Tagen wieder Auftrieb. Das europäische Christentum ist vielfältig umstellt. Angeschlagen von der "Wissenschaftsgläubigkeit" (Kardinal Meisner), der Islamisierung des Westens und einer "heidnischen" Alltäglichkeit wird die "Revangelisierung" das Gebot der Stunde.

Liebe Schwestern und Brüder! Wir sprechen zu Recht davon, dass eine Reevangelisierung in Deutschland und in ganz Mitteleuropa nötig ist.

Erzbischof von Bamberg, Dr. Ludwig Schick, bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda am 25. September 2003

Ein Jahr zuvor formulierte das Kardinal Meisner auf der Deutschen Bischofskonferenz in Stuttgart noch direkter und ließ seitdem nicht ab, den Willen zur Reevangelisierung (Das Gift der "Inquisition light") durch weitere Verkündigungen zu belegen: "Unsere Welt braucht einen unverschämten Glauben."

Der moderne laizistische Staat hielt die religiöse Toleranz einschließlich des Respekts vor dem Nichtglauben bislang für eine seiner herausragenden Tugenden. Der immer schwelende Kopftuch-Streit wurde nicht nur in Frankreich zum Anlass, diese Tugend einzufordern. Vor der religiösen Erziehung steht die Entscheidung der Eltern respektive des Schülers, sich freiwillig oder gar nicht in die religiösen Anfangsgründe einweisen zu lassen.

Offensichtlich ist die Erinnerung an Zeiten, in denen ein „unverschämter Glaube“ Menschen und Gesellschaften terrorisierte, längst nicht ausreichend, den Seelenfrieden christlicher Kirchtürme im Dorf zu lassen. Nun soll das Schulgesetz für das Land Nordrhein-Westfalen (Schulgesetz NRW –SchulG) vom 11. Februar 2005 (GV. NRW. S. 1029) nach dem Referentenentwurf der Landesregierung NRW wie folgt geändert werden:

Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung. Die Jugend soll erzogen werden im Geist der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, in Liebe zu Volk und Heimat, zur Völkergemeinschaft und zur Friedensgesinnung.

„Ehrfurcht vor Gott“ steht auf der neuen Prioritätenskala der Schulerziehung also ganz vorn, so wenig sich die religiöse Semantik selbst dem Frömmsten leicht erschließen dürfte. Um welchen Gott handelt es sich überhaupt, der da mit diversen säkularen Tugenden eingeschmuggelt wird? Es klingt nach einem ökumenisch windigen Formelkompromiss, den sich Pontius Pilatus ausgedacht haben könnte, wenn man in Zeiten konkurrierender Religionen eine eindeutige Zuordnung vermissen lässt. Und weiter: Kann ein persönlicher Gott überhaupt auf den Leisten eines Curriculums geschlagen werden? Was heißt überdies Ehrfurcht und wie wird sie überprüfbar von den Zöglingen eingefordert? Gottlose Lehrer unterfallen dann demnächst auf untergeordneten Regelungsebenen einem „Atheisten-Erlass“. Bekennende Zweifler und Nichtgläubige unter den Schülern verfehlen das Klassenziel. Denn es geht ja in beiden Fällen nicht um ein marginales Versagen, sondern um das „vornehmste“ Erziehungsziel. Vielleicht hilft solchen gefallenen Seelen dann nur noch die „Duldsamkeit“ des Referentenentwurfs, die den strapazierten Begriff der „Toleranz“ wohl durch seine demütigere, christliche Begriffsvariante ersetzen soll.

Die beabsichtigte Gesetzesänderung verletzt die durch Artikel 4 des Grundgesetzes garantierte Weltanschauungsfreiheit. Dem Staat als ‚Heimstatt aller seiner Bürger’ ist die religiös-weltanschauliche Neutralität strikt vorgeschrieben ... Dem Staat fehlt jede Kompetenz, über Gott positiv oder negativ etwas auszusagen. Die Nennung Gottes in der Präambel des Grundgesetzes ist eine unverbindliche Deklamation, nur Dekor und nicht mal Programm. Sie stellt keinesfalls ein Bekenntnis des Staates zu einem persönlichen Gott dar. Im staatlichen Schulwesen können sich Bekenntnisse nur insoweit entfalten, wie dies das Grundgesetz per explizite Ausnahmeregelung für den konfessionellen Religionsunterricht zulässt.

Kommentar des Internationalen Bunds der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA)

In Zeiten, in denen weltliche Frohbotschaften knapp werden, könnte wieder die Stunde überirdischer, "unverschämter" Frohbotschaften a la Meisner schlagen. Längeres Zuwarten könnte den Auszug der christlichen Gemeinde aus der Gesellschaft endgültig besiegeln und den Siegeszug des Islam, nicht weniger den des alltäglichen Atheismus und Indifferentismus, unwiderruflich machen. Die „Ehrfurcht vor Gott“ lenkt zudem vom Relativen menschlicher Verhältnisse ab. Wer von jenseitiger väterlicher Autorität redet, kann sich den Umweg zum fragilen Glück über sichere Renten oder gar Wohlstand zu Lebzeiten verkürzen. Wer legt schon die Fährnisse einer kurzen Lebenszeit und seine Arbeitslosigkeit in die Waagschale, wenn es um das ewige Leben und die Vermeidung von langfristiger Höllenpein geht?

"Herr, gib uns unser täglich Brot" ersetzte in präziser Lesart seit je Lebensplanung durch Gottvertrauen, Altersvorsorge durch warme Worte. Die „Ehrfurcht vor Gott“ als autoritäre Unterordnung hat nicht zufällig wieder politische Konjunktur, wenn die ökonomische auf sich warten lässt und die Sozialstaatsdemontage eines schlingernden Staates von der gegenwärtigen Politik nicht aufzuhalten ist. Und ist nicht auch das in diesen Tagen erregt geschilderte Chaos unbändiger Schüler an der Berliner Rütli-Schule allein durch eine staatlich verordnete (Rück)Besinnung der Schüler auf die guten alten christlichen Werte zu lösen, wenn Metalldetektor-Gesellschaft und Polizeiknüppel selbst ihren eifrigsten Apologeten nicht als Dauerlösung erscheinen dürften?

Die Protagonisten der Reevangelisierung zielen nicht nur auf eine Wertefundierung des christlichen Europas, sondern glauben wohl, dass nur die von Augustinus ausgerufene „civitas dei“, die alles auf Gott als höchstes Gut bezieht, eine Aussicht auf Wiederkehr ihres Glaubens in der Konkurrenz der Religionen bietet. Es handelt sich nicht nur um konkurrierende Offerten von Heilsbotschaften und Erlösungsszenarien, sondern um einen politischen Generalangriff auf die vielen jungen Herzen der Finsternis, der mit dem kirchlichen Segen in eine alte Schlacht zieht.

Alte Religionen gleichen den alten Weinen, die das Herz erwärmen, aber den Kopf nicht entflammen.

Joseph Joubert

Doch so einfach wie die neuen alten Ehrfurchtprediger glauben mögen, dürfte der christliche Wertetransfer auf eine leidlich aufgeklärte, aber funktional hochdifferenzierte und religiös wie kulturell heterogene Gesellschaft, vulgo: Sündenhaufen (massa peccati), längst nicht mehr funktionieren.

Niklas Luhmann sah das Kernproblem der Säkularisierung darin, dass die bloße Mitgliedschaft in der Kirche nicht mehr ausreicht, die "Mikromotivation" der Gläubigen sicherzustellen. Mit anderen Worten: Es wird für die Kirchen schwerer, den Einzelnen über päpstliche Hirtenworte und Kanzelpredigten überhaupt noch zu erreichen. Frohbotschaften nutzen sich im Laufe ihres Gebrauchs ab, wenn sie nicht mit den je spezifischen Lebenserfahrungen der Gläubigen verquickt werden können und ihre Heileffekte dauerhaft ausbleiben. Die säkulare Aufweichung der Religion muss verhindert werden, auch zu dem Preis einer vermeintlichen Weltfremdheit der Religion, die von außen als Starrheit und Bornierung wahrgenommen wird. Das Wort des Herrn leidet seit längerem unter quälendem Aktualisierungs- und Authentizitätsdruck, ohne dass der heilige Geist bisher die Probleme zufriedenstellend gelöst hätte. Was taugt biblische Lebenshilfe in einer pluralistischen Gesellschaft und ihrer Unteragentur „Schule“ mit sozialen, ökonomischen, kulturellen, ethnischen und ethischen Provokationen, die kein Kirchenvater voraussehen konnte?

Dass nun ausgerechnet die Religion das malade Schulwesen, die Pisa-Waisen und gleichermaßen lernunwilligen wie ehrfurchtslosen Prügel-Rowdies retten soll, ist eine historisch schwer zu überbietende Ironie. Das Verhältnis der Wissenschaft zur Religion ist vornehmlich eine Geschichte theologischer Blamagen. Beginnend mit dem heiligen Paulus, dem nicht weniger heiligen Augustinus bis hin zu Luther und weit darüber hinaus sind die borniertesten Ressentiments gegen das bloße Wissen, die fröhliche Neugier des Menschen auf die Welt zahlreich. Der wahre Gläubige solle sich um sein Seelenheil, d.h. Gott, kümmern und nicht um die "Faseleien der Physiker" (Lactantius). "Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott", verkündete Paulus paradigmatisch.

Wir brauchen seit Jesus Christus keine Wissbegierde und seit dem Evangelium keine Forschung.

Tertullian, De praescriptione haereticorum

Und das war nicht nur das Verdikt wider Philosophie und Wissenschaft, sondern mindestens ebenso aus dem Instinkt heraus gesagt, dass das scheinbar ohnmächtige Machtspiel der frühen Gemeinden gegen die Mächtigen der Welt, vor allem gegen den Staat mit nicht aufgeklärten Schäflein am besten zu führen wäre.

Argwohn gegenüber der Wissenschaft bleibt ein Grundzug des Christentums, das zwar die Empirie nicht mehr mit päpstlichen Bullen von den darwinistischen Füßen auf den kreationistischen Kopf stellt, aber immer noch mit Ignoranz und moralischer Anmaßung dieser Konfrontation heute begegnet. Wer das Loblied der christlichen Wissenschaft singt, wer behauptet, dass ohne das Christentum die abendländische Wissenschaft nicht entstanden wäre und diese christliche Union nun in die Schulen schleusen will, ignoriert die notorische Wissenschaftsfeindlichkeit nicht nur dieses Religionsbekenntnisses, die bis zu den heutigen Angriffen Kardinal Meisners gegen "Wissenschaftsgläubigkeit" reicht. Denn jede wissenschaftliche Erkenntnis bedeutet unwiderruflich Bodenverlust für den religiösen Universalismus, der seinen einzigen Fluchtpunkt in Gott respektive der Ehrfurcht vor ihm findet.

Sollen die zahlreiche Differenzen von staatlich säkularen Lerninhalten, gesellschaftlichen Überzeugungen und Bibelwahrheiten nun auf einmal in einer alten „unio mystica“ wieder vermittelbar sein? Niklas Luhmann hielt Pauschalkonfrontationen von Religion und Wissenschaft zwar für antiquiert. Doch die Konkurrenz beider in der sehr unterschiedlichen Suche nach letzten Antworten, wird durch den Kampf um Programmatik und Menschenbild der Schulen wieder aktualisiert. Religionen reklamieren für ihren Glauben, die umfassende Wahrheit für alle menschlichen Belange zu bieten. "In der göttlichen Allwissenheit erhebt sich der Mensch über die Schranken seines Wissens", erkannte bereits der vielleicht energischste Religionskritiker, Ludwig Feuerbach. Und je fundamentalistischer der religiöse Anspruch und je diffuser die Ehrfurcht sind, desto weitreichender wird die Einmischung des Glaubens noch in die alltäglichsten Lebensvollzüge hinein.

Die christliche Kirche und ihre neuen alten Apologeten in Regierungen und Parteien geraten in das Dilemma, einerseits diese Tradition als ihr ureigenes Kapital nicht aufgeben zu können, weil anders ihr hartnäckig ersehntes Leitbild sich nicht konturieren will. Andererseits reicht diese – selbst bei ihren selbst ernannten Hütern anämisch gewordene - Tradition aber nicht aus, die vielfältigen Orientierungs- und Identitätsprobleme ihrer Mitglieder und Konkurrenz zu anderen Kulturen zufriedenstellend zu lösen.

Allen Frohbotschaften fehlt die Komplexität, die ihr von einer komplexen Welt abgefordert wird, weil sie alte Antworten auf neue Fragen geben. Die christlichen Traditionalisten wollen nun aus dieser Not eine kämpferische Tugend machen, auch da mitzureden, wo sie wenig oder gar nichts zu sagen haben. Hardliner wie Kardinal Meisner beharren auf vormodernen Werten, deren postmoderne Stunde wieder irgendwann schlagen soll wie in jenen seligen prämodernen Zeiten, wo sich die Verkünder der heiligen Dreifaltigkeit noch auf die "sancta simplicitas", die heilige Einfalt, oder eben auf finale pyrotechnische Lösungen verlassen konnten.

Der Antimodernismus war zuvor explizite Weltflucht und relativierte sich noch nicht hinter Weichformeln wie der „Ehrfurcht vor Gott“, die nun scheinbar harmlos in den bunten Wertekatalog einer demokratischen Gesellschaft eingestreut werden. Der berühmt-berüchtigte "Syllabus" Pius IX. (1864) und die Enzyklika „Pascendi Dominici gregis“ Pius X. (1907) markierten diesen (Irr-)Weg der Kirche in einer an Irrwegen nicht gerade armen Geschichte. Alle Theologen und alle Priester mussten bis knapp vor dem II. Vatikanischen Konzil den "Antimodernisten-Eid" von 1910 ablegen.

Wird diese historisch scheinbar unhintergehbare Zäsur jetzt zurück genommen? Die Chicagoer Erklärung zuur biblischen Irrtumslosigkeit von 1977, eine Art Magna Charta für christliche Fundamentalisten und selbstgefälliges Pamphlet der Ignoranz, wird uns so erläutert:

Durch das Bekenntnis zur Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Bibel wird die Selbstanmaßung des modernen Menschen, die Welt allein mit eigenen Mitteln zuverlässig verstehen und interpretieren zu können, in ihre Schranken verwiesen.

Die Wiederbelebung des Konkreten, die Verdinglichung des Bildhaften, die Rückkehr zum Wunder könnten gegenwärtig das wichtigste Kapital sein, das Religionen gegen ihre säkulare Aufweichung in die Schlacht zu werfen haben.

Zeitgenössische, ungläubige Philosophen - wie etwa Max Horkheimer - haben den Versuch von Theologen angeprangert, sich am Glaubenskern vorbeizumogeln, indem sie etwa die Heiligste Dreifaltigkeit, den Himmel und die Hölle, die Menschwerdung und damit verbunden die Jungfrauengeburt, die eucharistische Realpräsenz sowie die Erzählungen der Bibel ins rein Symbolische zurückstufen und so "unanstößig" machen.

So beklagte sich Kardinal Meisner 2002 in Bezug auf einen unverdächtigen Zeugen, der wohl die Objektivität religiöser Selbstreflexion belegen soll. Man besinnt sich also auf diesen ältesten Trick des Glaubens, den Ludwig Feuerbach so beschreibt:

Wo daher einmal die Einbildungskraft des Glaubens eine solche Gewalt über die Sinne und Vernunft sich angemaßt hat, dass sie die an evidenteste Sinnenwahrheit leugnet, da ist es auch kein Wunder, wenn sich die Gläubigen selbst bis zu dem Grade exaltieren konnten, dass sie wirklich statt Wein Blut fließen sahen.

Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums

Dass die veränderte mentale Ausstattung von Menschen längst keine Garantie ist, in solche irrationale, kategorienschwache Ehrfurcht zurückzufallen, machen immer neue Epiphanien bis hin zum jüngst in der russischen Taiga zum zweiten Mal wiederauferstandenen Jesus klar, der bis 1990 noch als russischer Polizeibeamter Sergei Torop tätig war. Der selbsternannte Jesus mit dem etwas anderen Namen Vissarion soll schon 5.000 Seelen gefangen haben, die bereit sind, mit ihm in einer urchristlichen Kommune zu leben. Träumt auch das projektierte NRW-Schulgesetz von diesen urparadiesischen Zuständen, die weder Fragen nach dem Kampf der Kulturen noch der Integration Andersdenkender oder gar konkreter Bildungspolitik aufwerfen?

Die in der modernen Theologie blass gewordenen Schatten des Schreckens werden seit einiger Zeit nachkonturiert, um wieder an menschliche Urängste zu rühren, die weder von Vernunft noch keimfreier Wissenschaft zu vertreiben sind. Mindestens so real wie der Satan in der Hölle ist das Böse, dem der glaubensstarke Präsident Bush wieder einen fundamentalistischen Namen gegeben hat: Globaler Terrorismus. Doch der noch größere Satan der zeitgenössischen Kirche ist der gottlose Zeitgeist und die drängendste Gefahr nicht nur nach Kardinal Meisner, dass die Kirche sich darin verflüchtigt und schließlich zu einer Sekte unter vielen wird.

Die Spannung zwischen Dogma, kasuistischen Vorschriften und einer probabilistischen Lebenspraxis der Gläubigen, die je individuell einen Moralentwurf annehmen, um einen weniger bequemen zu verwerfen, wurde zum Grundmerkmal der modernen, aufgeweichten Religiosität des Christentums. So pflegte man etwa den Kirchgang, aber betrieb Empfängnisverhütung auch jenseits von Knaus-Ogino und Gottvertrauen. Vor allem wird die Nächstenliebe auf überschaubare Dimensionen eingeschrumpft, weil das Weltelend zu groß und der eigene unhintergehbare Lebensstandard zu hoch ist. Diese Variante der „Ehrfurcht vor Gott“ ist eher preiswert erhältlich und von einem „unverschämten“ Glauben Lichtjahre weit entfernt.

Die Zeiten der freundlicheren Assimilierer, die vormals Jugendtreffs, Jazz-Gottesdienste und modernistische Populärversionen ihrer uralten Wahrheiten unter dem Druck einer unbotmäßig werdenden Gesellschaft offerierten, um die so indifferenten Kids jenseits der Schule für das Wort des Herrn zu retten, könnten erledigt sein. Setzt mit der „Ehrfurcht vor Gott“ jetzt eine konzertierte Aktion von Kirche und Staat ein, das lau gewordene Christentum als verbindlichen Wertekanon wieder scharfzüngiger zu retten?

Bekannt wurden hierzulande die hartnäckigen Weigerungen religiöser Fanatiker, der staatlichen Schulpflicht zu entsprechen und ihre Kinder in die öffentlichen Schulen zu schicken. Ein zentraler Stein des religiösen Anstoßes war, dass statt der biblischen Schöpfungsgeschichte die Evolutionslehre in unschuldige Kinderherzen verankert wird. Der Glaubenskonflikt, der das Landgericht Gießen beschäftigte, machte paradigmatisch klar, dass Lerninhalte staatlicher Curricula nicht mit der wortgläubigen Bibelauslegung übereinstimmen. Soll das nun in der „Ehrfurcht vor Gott“ nachharmonisiert werden?

Der bibeltreuen Familie Bauer erschienen die öffentlichen Schulen wie Horte der "Zügellosigkeit und Ausschweifung", die sich nun grosso modo in einigen Klagen über die anarchischen Zustände der Rütli-Schule wiederfinden. Ähnlich radikal geriert sich die Urchristen-Gemeinde Zwölf Stämme, deren Mitglieder gemeinsam in Bayern immer noch vergeblich auf die Apokalypse warten und jeglichen Einfluss des Zeitgeistes auf ihren Nachwuchs ablehnen:

Wir lehnen es ab, unsere Kinder in unordentliche Klassenzimmer zu schicken, in denen Rebellion gegen Eltern, Lehrer, die Menschenwürde und die Religionsfreiheit (die vom Grundgesetz geschützt wird) vorherrscht. Außerdem nehmen sexuelle Freizügigkeit, Drogenmissbrauch und antichristliches Gedankengut überhand. Es ist uns von unserem Herrn und Gott geboten, uns im Denken und Lebenswandel nicht dieser Welt anzugleichen, sondern separat von ihr zu sein (Römer 12,1-2 Einheitsübersetzung).

Das ist in der Tat zu befürchten, wenn unterschiedslos alle Menschheitsübel in eine religiöse Waagschale geworfen werden. Der Teufel in seiner jeweiligen Menschengestalt hat in diesen erlösungsbedürftigen Weltbildern eine Generalermächtigung für alle Menschheitsplagen. Die Seelenfänger betreiben jedoch selbst ein leicht durchschaubares Spiel, eben ihre christologischen Rezepturen als Allheilmittel anzupreisen, so wenig zweitausend Jahre reichten, nennenswerte Fortschritte in der moralisch-religiösen Therapie der dauermaladen Menschheit zu verzeichnen.

Nun macht die staatliche Schulpflicht gerade ihren guten Sinn, Kinder wenigstens streckenweise aus dem ideologischen Dunstkreis solcher Familien zu entfernen, die selbst gefährdet sind, gemeinschaftsunverträgliche Brutstätten von Eiferern und Störenfrieden aller Sorten zu kultivieren. Das Landgericht Gießen entschied zu Recht zu Gunsten der Schulpflicht. Aber der Kampf um die gottlosen Kinderseelen ist damit längst nicht entschieden.

Der Prälat des Opus Dei, Monsignore Javier Echevarría, erklärte den Pilgern zum Marienwallfahrtsort Torreciudad, dass es gerade die Familie sei, "wo die verschiedenen Berufungen in der Kirche geschmiedet werden." Der Glaube versetzt bekanntlich Berge, auch die der nicht anzuzweifelnden Statistiken über den ansteigenden Exodus aus dem Schoß der Kirchen. Die römisch-katholische Bewegung "Miles Jesu" ("Soldaten Jesu") beobachtet unberührt davon den neuen "Trend im Katholizismus" dass eine wachsende Zahl von Anglikanern, Protestanten und Muslimen zum katholischen Glauben überläuft. Die Mitglieder von Miles Jesu sehen sich selbst an der vordersten Front der Neuevangelisierung.

Die Zeit drängt. Denn konservative Christen, zudem jene, die Christentum und Mission weiterhin in einem Zuge denken, gehen von islamischen Eroberungsabsichten aus. Die Gründung einer "Medina", eines islamischen Gottesstaates in Deutschland steht angeblich bevor. Selbst wenn einige islamische Gruppen diese Absichten hegten, kann das gerade kein Grund sein, in atavistisch-religiöse Reflexe zu verfallen. Das festgeschriebene Feindbild der Anderen belegt dann das eigene und die damit eingeläuteten Bekehrungsszenarien stellt man sich besser erst gar nicht vor.

Die politische Betätigung der Katholiken und die Beziehungen zwischen Kirche und Staat dürften nicht zur "Theologisierung der Politik oder zur Ideologisierung der Religion" führen, beschwichtigte dagegen der Papst zuvor in seiner Eigenschaft als Präfekt der Glaubenskongregation bei einem Runden Tisch an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom. Doch zugleich erklärte er: Der Glaube könne eine kranke Vernunft heilen, denn "es gibt eine gewisse Verbindung zwischen Glaube und Vernunft: der Glaube kann sie erleuchten und heilen, wenn sie krankt, und er kann ihr helfen, ganz sie selbst zu sein".

Das Schulgesetz macht sich darauf jetzt den pädagogischen Endreim: Ohne Ehrfurcht vor Gott kann es keine vernünftige Lebens- und Wertepraxis geben. Die für Aufklärer paradoxe Engführung von Glaube und Vernunft ist eine alte Kompetenzanmaßung, die bis zur mittelalterlichen Theologie des Thomas von Aquin zurückreicht, der die Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben so erläuterte, dass die natürliche Vernunft dem Glauben untertan sei. Solche reanimierten Auffassungen schaffen dann die Legitimation, den überlegenen Glauben der vorgeblich kränkelnden Vernunft in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu oktroyieren. Die Partei der bibeltreuen Christen definiert sich folgerichtig als das Gewissen in der Politik, wo wir Staatsziele, Transparenz und Kontrolle für vorzugswürdig gehalten hätten. Der Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) erklärt dazu:

Da sich die PBC als Produkt göttlichen Wirkens begreift, schreibt sie ihrem Programm eine göttliche Inspiration zu ... Damit werden politische Sachfragen sehr schnell zu Glaubensfragen stilisiert und die innerparteiliche Meinungsbildung behindert.

Die PBC hat dementsprechende Antworten für die neuen Curricula der religiös zu erneuernden Gesellschaft:

Jüngste Berichte des Verfassungsschutzes belegen eindeutig die scheinheilig beteuerte Friedfertigkeit des Islam. Wie lange wollen sie noch tatenlos dieser Wühlarbeit zusehen, die eines im Sinne hat, die Demokratie und damit auch unsere Glaubensfreiheit zu zerstören? Die Antwort auf diese Herausforderung kann nur sein: Alle Kräfte zu mobilisieren um den vielen Muslimen in unserem Land das Evangelium in Wort und Schrift zu bringen. Dadurch würden viele Anhänger des Islam durch die Kraft des ewig gültigen Wortes Gottes selbst verwandelt und in die Nachfolge Jesu Christi geführt.

Dieses Zitat belegt gut die symptomatische Weltbildverwirrung, die vergebliche Suche nach einem eigenen starken Leitbild, das ja nur dann eines wäre, wenn es sich den vermeintlich Ungeleiteten intrinsisch erschließen würde. Doch die Wandlung jenes Glauben, der nach Joseph Joubert den Kopf nicht mehr entflammt, zu einem „anschlussfähigen“ Evangelium vermitteln alte Welterschließungsagenturen nicht, die Zeit genug hatten, die irdische Bedingtheit ihrer Methoden unter Beweis zu stellen und sich auf neue besinnen müssten, wenn es denn welche gäbe.

Wir schlagen bis dahin vor, die Änderungsvorschläge des Schulgesetzes von NRW zu überdenken und die „Ehrfurcht vor Gott“, wenn´s denn schon pathetisch werden soll, in die „Achtung vor der Vernunft“ umzutaufen. Das löst zwar wie alle Wertebeschwörungen par ordre de mufti auch nicht das geringste Problem unserer kränkelnden Schulen, besitzt aber immerhin den heuristischen Charme, nicht über Gottes-, sondern Menschenbilder nachzudenken, die nicht mit ältesten Hypotheken beschwert sind. Wenn dann noch die Bildungspolitik teuflisch gut würde, etwa durch den Bannfluch gegen die bleierne Kulturhoheit der Länder, könnte man sich Glaubensbekenntnisse nach alter sowie neuer Rechtschreibung für den Kirchgang aufheben.

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