Welchen Zweck könnte das Land sonst haben?

Der Erhalt der urbanen Verdichtung ist absurd

Vor Jahren habe ich ein Interview mit Richard Rogers in seinem Büro in der Nähe von London gemacht. An irgendeiner Stelle bemerkte ich, dass er wahrhaft ein Mensch des 20 Jahrhunderts sei. Zu meiner Überraschung verstand er das keineswegs als Kompliment. "Ich will kein Mensch des 20. Jahrhunderts sein", sagte er. "Ich will ein Menschen des 21. Jahrhunderts sein." Ab diesem Augenblick erkannte ich, dass Lord Rogers ein Mann mit großen Ambitionen ist.

Jahre später, als das praktisch unumstrittene Ergebnis seiner Expertengruppe auf dem Tisch des Kabinetts landete, konnte jeder seine Ambition sehen. Aber gleichzeitig ließ sich auch die Nemesis erkennen, die den Fußstapfen der Macht folgt. Lord Rogers ist ganz offensichtlich nicht ein Mensch des 21. Jahrhunderts geworden, sondern ein Menschen, der mit dem 21. Jahrhundert hadert. Der Bericht seiner Expertengruppe ist absolut falsch, was die Zukunft der Städte angeht. Er ist falsch, weil im breitest möglichen Sinne jeder bedeutsame Fortschritt in der Wissenschaft, Technik und Gesellschaft während des letzten Jahrhunderts die zentrifugale Zerstreuung der menschlichen Siedlungen gestärkt und deren zentripetale Gegenkraft geschwächt hat.

Nur Regierungen, die stets entschlossen sind, gutes Geld für den Widerstand gegen nicht aufzuhaltende Trends zum Fenster hinauszuwerfen, bieten eine Unterstützung für das Trugbild einer urbanen Renaissance an. Alles Übrige weist in die andere Richtung.

Man schaue sich nur die urbane Infrastruktur an. Die U-Bahn Londons beispielsweise, die jeden Tag drei Millionen Menschen befördert, ist die Grundlage der öffentlichen Verkehrsmittel in der City. Unlängst büßte sie wegen jahrelang hinausgeschobener Reparaturarbeiten und fehlender Investitionen 25 Prozent ihrer Gleisstrecke ein. Der Zustand des Systems ist jetzt so schlecht, dass 50 Milliarden Pfund und Betriebsbehinderungen während eines Zeitraums von 10 Jahren notwendig wären, wenn man es modernisieren würde.

London ist genau wie die U-Bahn. Es hat Straßen, die zu eng sind, Gebäude, die zu alt sind, und weit übertriebene Vorstellung von dem Wert des Ganzen. Diese irrige Vorstellung von dem Wert unterstreicht die Leugnung, mit der viele der "Menschen des 21. Jahrhunderts" den Tatsachen des urbanen Niedergangs begegnen. Wenn wird 5 Milliarden Pfund in die CrossRail hätten investieren können, dann hätten wir das getan. Wenn wir 10 Milliarden Pfund für neue Buslinien hätten beiseite legen können, dann hätten wir dies getan. 10 Milliarden für die Sanierung der Slums und den sozialen Wohnungsbau? Ja, natürlich. Für nur 70 Milliarden Pfund - und mit jahrelangen Störungen in der ganzen Stadt - könnte man London wieder in Fiorm bringen. Aber wir können uns diese Ausgaben nicht leisten, und wir können uns die Zeit nicht leisten. Deswegen spielen wir mit der Mehrwertsteuer herum und stellen öffentliche Mittel für die urbane Renaissance bereit, die gerade ein bisschen mehr als der Werbetopf der Autoindustrie sind.

Tief im Inneren wissen wir, dass wir uns nur die leichte, elektronische und informatorische Infrastruktur leisten können, für die die Verbraucher gerne bezahlen. Und diese Infrastruktur ist überhaupt nicht mehr an einen Ort gebunden.

Jetzt schaue man sich das Land an, das angeblich so wertvoll ist, dass man es zu jedem Preis schützen muss. Zu was kann es dienen, wenn nicht zu einem vorteilhaften Zweck? Versteht unser "Mensch des 21. Jahrhunderts" die Auswirkungen der wissenschaftlichen Landwirtschaft auf die Lebensmittelproduktion? Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde die Landwirtschaft organisch betrieben. Sie konnte leicht eine Tonne Lebensmittel für jeden Hektar produzieren, der bestellt wurde. Innerhalb von 50 Jahren des wissenschaftlichen Fortschritts vervierfachten sich die Ernteergebnisse. In den letzten 10 Jahren verdoppelten genetische Veränderungen diese noch einmal. Es gibt genug Platz auf dem Land, um sowohl Landwirtschaft zu betrieben, als auch Gebäude zu errichten.

Die ganze Idee, die Bevölkerung in den Städten zu konzentrieren, während das Land zu seinem eigenen Schutz geschont wird, ist absurd. Urbane Verdichtung ist nicht effizient, sie ist teuer, unflexibel, undemokratisch und gefährlich. Gering bevölkerte und weiträumige Netzwerke von Siedlungsgebieten sind kontrollierbar, erhalten sich selbst und - was das Wichtigste ist - bieten an, wo die Menschen wirklich leben wollen. (Martin Pawley)