Weltbank berechnet die Kosten des Syrien-Kriegs

Cover des Weltbank-Berichts

Der Bericht kommt zum Ergebnis, dass die Folgen viel schlimmer und langfristiger sind als Opferzahlen oder die zerstörte Infrastruktur

Die Weltbank hat einen Bericht veröffentlicht, in dem versucht wird, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des Krieges in Syrien zwischen 2011 und 2016 abzuschätzen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes wurde vertrieben oder ist geflüchtet, 400.000 bis 470.000 Menschen wurden getötet, 7 Prozent der Häuser wurden völlig sowie 20 Prozent teilweise zerstört, auch die Infrastruktur ist dort, wo gekämpft und bombardiert wurde und wird, beschädigt oder zerstört. Die Wirtschaft liegt in weiten Teilen des Landes darnieder. Die Weltbank schätzt die wirtschaftlichen Verluste auf 226 Milliarden US-Dollar.

Für den ausführlichen Bericht wurden Satellitenbilder zusammen mit Medienberichten und Postings in sozialen Medien, Informationen von Partnerorganisationen, die im Land vertreten sind, und Daten einer Schadenserfassung in Syrien ausgewertet. Aber die Zerstörungen durch den Krieg, so die Hauptbotschaft, würden weitaus tiefer gehen und langfristig schwerer wiegen, als die Todeszahlen, die verwüstete Infrastruktur oder die wirtschaftlichen Schäden zeigen.

Während der ersten vier Jahre seien jährlich fast 540.000 Jobs verloren gegangen. Junge Menschen, die mit einer Arbeitslosenrate von 78 Prozent konfrontiert sind, haben kaum Aussichten und sind eine willige Rekrutierungsgruppe für kriminelle Banden und Milizen. Da medizinische Einrichtungen gezielt von allen Seiten zerstört wurden, ist das Gesundheitssystem ruiniert und breiten sich ansteckende Krankheiten aus.

Vermutlich, so die Weltbank, sterben mehr Menschen wegen der mangelnden medizinischen Versorgung als an den Kämpfen selbst. Das Ausbildungssystem ist vielfach nicht mehr vorhanden, Schulen werden mitunter als militärische Stützpunkte verwendet. In größeren Städten gibt es oft zu wenig Öl, weswegen die Stromversorgung mitunter nur noch zwei Stunden am Tag funktioniert. Das hat eine ganze Serie von Folgen.

Die Tatsache, dass 9 Millionen Syrer nicht arbeiten, wird Folgen noch lange nach dem Ende der Kämpfe haben. Die Flucht von 5 Millionen Menschen wird, kombiniert mit unzureichender Schulbildung und Mangelernährung langfristig das wertvollste Gut des Landes, sein menschliches Kapital, beeinträchtigen. In der Zukunft, wenn Syrien sie am dringendsten benötigt, wird es einen kollektiven Mangel an lebenswichtigen Fachkräften geben

Saroj Kumar Jha von der Weltbank

Der Krieg hat überdies wirtschaftliche Vernetzungen zerstört, sagt die Weltbank, Anreize, produktive Tätigkeiten aufzunehmen, seien reduziert worden, Versorgungsketten sind ebenso zerbrochen wie soziale Netzwerke: "Simulationen zeigen, dass kumulative BIP-Verluste durch Störungen der ökonomischen Organisation die Zerstörung von Kapital in den ersten sechs Jahren des Konflikts um das Zwanzigfache übersteigen."

In funktionierenden Gesellschaften wären Kapitalverluste - etwa bei Naturkatastrophen - begrenzt, Kapital würde schnell wieder aufgebaut. Wenn aber ökonomische Organisationen zerstört werden, würden Investitionen um 80 Prozent in Simulationen zurückgehen, was langfristige Folgen habe. Der Krieg in Syrien zerstört den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang des Landes, sagt Hafez Ghanem, der Vizepräsident der Weltbank für den Nahen Osten und Nordafrika: "Die Zahl der Opfer ist verheerend, aber der Krieg zerstört auch die Institutionen und Systeme, die Gesellschaften zum Funktionieren benötigen. Sie zu reparieren, wird ein größeres Problem sein als der Wiederaufbau der Infrastruktur."

Allerdings sind Verlustrechnungen immer auch schief, denn das Land wird eben auch anders aus dem Krieg und den Trümmern wieder hervorgehen, schließlich haben die Institutionen und Systeme auch die Baath-Herrschaft des Assad-Clans gestützt. Jetzt ist es geschwächt und entsteht beispielsweise das kurdische Projekt einer zumindest propagierten multiethnischen und multikulturellen säkularen Staatlichkeit. Der Bericht hält fest, dass Syrien schon vor dem Konflikt hoch korrupt war, das Vertrauen in die staatlichen Institutionen war gering, das Land war eine Diktatur, die Einkommensungleichheit hoch, was auch daran lag, dass kaum Frauen arbeiteten.

Der Krieg und die Kämpfe der vielen Gruppen hat wohl vor allem das Vertrauen in die Gesellschaft und die Mitmenschen zerstört, das ein friedliches Miteinander erst ermöglicht. Wer erlebt, zu welchen Grausamkeiten seine Mitmenschen plötzlich bereit sind und wie wenig ein Menschenleben und die Würde von allen Seiten geachtet werden, sieht sich in einer Hobbesschen Gesellschaft wieder, in der jeder gegen jeden kämpft und nur den eigenen Vorteil bzw. das eigene Überleben sucht. Das Vertrauen in Staatlichkeit wieder zu gewinnen, wird lange dauern, ebenso lange wird es dauern, bis die erlebten Traumata der Opfer und Täter zu schwinden beginnen.

Die Weltbank ist eher nüchtern. Wenn der Krieg dieses Jahr aufhören würde, wofür nichts spricht, auch nicht der baldige Fall der IS-Hochburg Raqqa, könnte Syrien in vier Jahren wieder 41 Prozent des BIP erzielen, das vor dem Konflikt bestand. Allerdings dauert es um so länger, wieder wirtschaftlich aufzuholen, je länger der Konflikt anhält. Überdies könnte die Zahl der Menschen, die in andere Länder flüchten, weiter steigen.

Es sollte also das primäre Interesse der Konfliktparteien sein, den Krieg möglichst schnell zu beenden. Aber dem stehen geopolitische Interessen entgegen, die unterschiedliche lokale Fraktionen unterstützen. Für Syrien sieht die Prognose wohl schlecht aus, schlechter als für den Irak, der aber auch vor dem Zerfall steht und schnell Milliarden in den Wiederaufbau und in die Integration der sunnitischen und kurdischen Bevölkerung investieren müsste, die das Land nicht hat.

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