Weltinformationsordnung 2.0

Wider den techno-kommunitaristischen Ideologien

Der Untertitel ist zwar nicht das offizielle Motto des Projekts, aber die hier versammelten Positionen unterschiedlichster Artikulationsformen lassen sich damit auf den Punkt bringen. Denn sowohl den diversen Referenten/innen am , als auch den Protagonisten/innen der hier vorgestellten kunst-kulturellen und/oder sozio-kulturellen Initiativen haben sich den gemeinsamen Anspruch zum Vorsatz gemacht, den weitreichenden Konsequenzen der neuen Telekommunikationsformen unter dem Paradigma neoliberalistischer Politik etwas entgegensetzen zu wollen.

World-Information.Org ist eine Unternehmung vom Institut für Neue Kulturtechnologien / Public Netbase t0 in Wien, die erstmals im Juli 2000 als Leitprojekt des Neuen-Medien-Programmes im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Brüssel 2000 präsentiert und ebendort mit einer Auszeichnung bedacht wurde. Unter der Patronanz der UNESCO und in Partnerschaft mit Brüssel 2000 wird in Kooperation mit dem Technischen Museum, ebenda vom 24. November bis zum 24. Dezember, das Projekt als World-Information Exhibition auch in Wien präsentiert. Gleich zum Start am 24. November fand im Rahmen der Veranstaltung eine Konferenz statt, auf der Referenten/innen kritisch zur gegenwärtigen Situation einer zunehmend cyberkulturellen Welt Stellung nahmen und - so die Quintessenz - für den Schutz beziehungsweise für eine Radikalisierung der Demokratie plädierten. (Zur Veranstaltung im Juli in Brüssel siehe Der Aufbau der Neuen Weltinformationsordnung)

Auch wenn das Projekt in der Partnerschaft mit Brüssel 2000 realisiert wurde, soll das keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass mehr oder weniger geheime Kommissionen in der "Europäischen Kulturhauptstadt" im Zusammenhang mit den Neuen Informationstechnologien an Regelungen arbeiten, die mehr zur Besorgnis als zur Freude Anlass geben. Dieser Sachverhalt kollidiert zwangsläufig mit dem Generalanspruch der Veranstaltung selbst, nämlich "Intelligence Provider gegen das Ungleichgewicht in der digitalen Welt" sein zu wollen, so Konrad Becker, Leiter von Public Netbase t0. (vgl. Kulturförderung als Politikum)

Nur zirka vierzehn Tage davor sprach der Soziologe Pierre Bourdieu im Rahmen einer Veranstaltung in Wien davon, dass in Brüssel weithin die US-amerikanische neoliberal-globalistische Hardcoreline exekutiert wird. Unter diesem Aspekt muss auch das Treffen der fünfzehn EU-Regierungschefs im Mai dieses Jahres auf dem Lissabonner Ratsgipfel verstanden werden, wo neben anderem beschlossen wurde, das Internet in den Mittelpunkt der EU-Entwicklungsstrategien zu rücken. Was also in Europa im Herbst 1955 auf der in Mailand stattfindenden Veranstaltung "Die Zukunft der Freiheit" als erster Schritt der US-amerikanischen "westernization" begann (ein prominenter Teilnehmer war der Soziologe Daniel Bell), fand im Jahre 2000 in Lissabon seinen vorläufig letzten Höhepunkt. Die Veranstaltung im Jahre 1955 wurde vom "Kongress für kulturelle Freiheit" organisiert, eine 1950 in Berlin gegründete Stiftung, die ohne Wissen der Mitglieder vom CIA finanziert wurde. Auf der Tagesordnung der Mailänder Veranstaltung stand das Ende der Ideologie, das Ende der Klassengesellschaft und des Klassenkampfs, das Ende der Politik und mithin das Ende des kritischen Intellektuellen und allem Engagement.

Was dieser Rückblick mit unserer gegenwärtigen Situation zu tun hat, dazu lieferte Steve Wright (Omega Foundation, Manchester/UK) als einer der Referenten auf dem World-Information Forum auch gleich die konkreten Hinweise. In seinen Ausführungen über universelle Überwachungs- und Kontrolltechnologien verwies er neben den schon bestehenden globalen Überwachungssystemen Echelon und Carnivore auch auf das geplante EU-FBI Telekommunikations-Überwachungsnetz. Bereits im vergangegen Sommer wurden EU-Abkommen beschlossen, die es möglich machen, dass Immigranten via biometrischer Computer-Netzwerke überprüft werden. Schon heute werden täglich etwa 29 Millionen Telefonanrufe, Faxe und E-Mails von Nachrichtendiensten abgefangen und ausgewertet. (vgl. Carnivore im FBI-Test)

Gegen diese Maßnahmen einer Technopolitik hat sich andererseits wieder das Echelon-Kommitte des Europäischen Parlaments formiert, so wie es bereits auch ein juristisches Vorgehen Frankreichs gegen den NSA gibt. Die vermeintlichen Ungereimtheiten sind aber schnell abgeklärt, folgt man beispielsweise den Aussagen des Journalisten Duncan Campbell, der dazu anmerkte, dass Regierungen die Informationen nutzen würden, um den eigenen Firmen und Handelsinteressen Wettbewerbsvorteile zu verschaffen (vgl. Inside Echelon). Bei diesen Auseinandersetzungen geht es demnach nicht darum, sich generell gegen die modernen Überwachungs- und Kontrollinstrumente zu wenden, sondern sie aus dem Wirtschaftskrieg rauszuhalten. Für Übereinkünfte dazu, zumindest auf dem Papier, gibt es weitaus bessere Chancen als für die Anliegen diverser Bürgerbewegungen, die beispielsweise den Nutzen von Kameraüberwachung und DNA-Tests als Prävention hinterfragen.

Der für das Forum als Sprecher angekündigte Ben H. Bagdikian (Graduate School of Journalism, University of California at Berkeley/USA), Autor diverser Bücher, war aufgrund einer akuten Erkrankung nicht persönlich anwesend, hebt in seinem als Manusskript vorliegenden Referatstext neben anderem hervor, dass die Sicherung der persönlichen Privatsphäre eine grundlegende Voraussetzung für die Demokratie ist. "Wo es keine persönliche Privatsphäre gibt, da gibt es keine Demokratie." Noch beunruhigender, dass längst kritische Intellektuelle, Umweltschützer, NGOs und WTO-Gegner mithilfe der aktuellen Überwachungstechnologien unter die Aufsicht der politischen Kontrolle gestellt sind. Der für die Aufrechterhaltung der Demokratie unabdingbare demokratische Dissens wird kriminalisiert und Protest gegen Organisationen wie der WTO zum Terrorismus erklärt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, bedenkt man, dass die zunehmend vernetzte Weltwirtschaft enorm an Macht gewinnt, während zugleich die Macht der Regierungen schwindet, und die Unternehmen unter der Priorität der Profitmaximierung immer mehr die Gesetzgebung und die staatliche Politik diktieren. In diesem Zusammenhang müssen die neu entstehenden Info-Krieg-Doktrinen verstanden werden, bei denen der Staat unter der politischen Kontrolle des Kapitals nach Feinden im Inneren sucht.

Die universelle Überwachung wird im Teil World-C4U der Ausstellung thematisiert. Die Begriffe Command, Control, Computer und Communication (C4) stehen für moderne Sicherheits- und Kontrollsysteme. Während des Rundgangs durch die Ausstellung hinterlassen die Besucher/innen ihre ganz individuellen Datenspuren im integrierten Closed Circuit TV System, wo sie auch gleich ihren virtuellen Doppelgängern begegnen können.

Die World-Information Exhibition ist insgesamt in ihrem Anspruch zu verstehen, die digitale Revolution und ihre gesamtgesellschaftlichen Veränderungen einer interessierten Öffentlichkeit in didaktischer Weise mit Einbeziehung der Neuen Medien näher zu bringen. Die im Ausstellungsteil World-Infostructure präsentierten Fakten wurden im Rahmen des seit einem Jahr laufenden Forschungsprogramms von World.Information.Org zusammengestellt. Das Material über die weltweite Verteilung etwa von Informationsressourcen oder zu New Economy, das in der Ausstellung auf großen Schautafeln aufbereitet ist, unterstreicht eindrucksvoll, dass die technischen, politischen und kulturellen Grundlagen der sogenannten globalen Informationsgesellschaft längst alle Lebenssphären bestimmen. Mit einem technologische Ansatz allein kann den großen Problemen der Welt wie globale Armut, Umweltzerstörung und Wohlstandsdifferenz jedoch nicht begegnet werden. "Das Neue an den Informationstechnologien", so meinte einmal der Ökonom André Gauron in einem Interview, "ist nicht die Digitaltechnik, sondern der Umstand, dass ein wichtiger Bereich menschlicher Tätigkeit - die Kommunikation - zur Ware wird. Damit bemächtigt sich der Markt einer genuin menschlichen Beziehung."

Dem Begründer der Kybernetik, Norbert Wiener, der 1948 mit seinem Buch ein epochales Denkmodell vorstellte, können die negativen Auswirkungen der Informationsrevolution nicht angelastet werden. In Wieners humanistischer Perspektive sollte die Informationstechnologie dazu beitragen, dass die Menschheit nicht wieder in die "Welt von Bergen-Belsen und Hiroshima" abgleitet. Die "Methoden des Sammelns, Verarbeitens, Speicherns und Übertragens von Informationen" können jedoch nur dann reibungslos funktionieren, so Wiener, wenn sie auch ungehemmt zirkulieren können. Letzteres ist aber Utopie geblieben, weil Macht und Geld die tatsächlich freie Zirkulation zu verhindern wissen. Die Globalplayer des 20. Jahrhunderts, wie Sears oder Exxon, werden im 21. Jahrhundert von Medienkonzernen wie TimeWarner, Disney, Seagram oder AOL abgelöst.

In die selbe Kerbe der Kritik schlug auch Kunda Dixit mit seinen Ausführungen am World-Information Forum. Kunda Dixit war von 1997 bis 2000 Direktor des Panos Institute South Asia und ist Herausgeber der Nepali Times. Was sind die Versprechungen der sogenannten Informationsrevoluton wert, so seine Generalfrage, wenn beispielsweise wie in Indien nur 0,5 % der Bevölkerung einen PC besitzen und weniger als 3 % über einen Telefonanschluss verfügen? Wiewohl die meisten Softwareentwickler und Programmierer im Silicon Valley aus Indien stammen, können die paar Tausend gut ausgebildeten Südasiaten wenig zur Veränderung in ihrer Heimat beitragen, in einem Land, in dem 400 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben. "Man sollte die Menschen nicht zum Narren halten", so Dixit, "indem man das Internet als heldenhaften Retter darstellt, der unsere Armutskrise lösen wird." Derartige Heilsversprechungen erinnern lebhaft an die Betreiberargumente im Zusammenhang der Forcierung von Kernenergie. "Es ist daher nicht überraschend, dass in den USA jeder Dritte über einen Internet-Zugang verfügt, in Indien, Pakistan und Bangladesh dagegen nur jeder Zehntausendste", präzisiert Dixit. "Die politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die hinter der Informationsrevolution stehen, sind dieselben wie hinter der industriellen Revolution, die das Ökosystem der Erde ruiniert hat", ergänzt Dixit seine Sachverhaltsdarstellung einer wachsenden globalen Armut und Wohlstandsdifferenz.

Weiterhin kritisch aber betont kämpferisch gaben sich die Referentinnen, die im dritten Teil der Tageskonferenz unter dem Titel "Civil Participation in the Infosphere" dem Forum ihre jeweiligen Unternehmungen und Aktivitäten vorstellten. Allen gemeinsam ist der Anspruch, die Optionen der aktuellen Telekommunikations-Technologien zugunsten der Demokratie zu nutzen; ganz im Gegensatz zu der Ansicht, diese Möglichkeiten als privates Privileg einigen wenigen zu überlassen. Unter der Moderation von Pauline van Mourik Broekman, Mitherausgeberin des Londoner Technokultur-Magazins Mute, sprach die Autorin und Filmemacherin Hito Steyerl (D) über den Zusammenhang neuer Formen filmischer Repräsentation - wie sie etwa in Doku-Soaps a lá Big Brother etabliert werden - und den neuen Überwachungssystemen einerseits und ihre Integration in die globale Informationswirtschaft andererseits.

Desweiteren stellte Alice Dvorská (CZ), Mitbegründerin und Pressesprecherin von Initiative Against Economic Globalization (INPEG) diese Unternehmung vor. Die Plattform INPEG, wurde vor etwas mehr als einem Jahr gegründet, mit der Absicht, Aktionen gegen den IMF- und Weltbankgipfel im September 2000 zu organisieren. Inzwischen gehören verschiedene Aktivisten/innen und Gruppen der INPEG an, die anarchistisch, wie etwa die tschechoslowakische Anarchist Federation, revolutionär-sozialistisch oder radikal-ökologisch orientiert sind. Mehrheitlich kommen die Aktivisten/innen aus der Menschenrechts- oder soziokulturellen (alternativen) Szene.

In diesem Zusammenhang ist auch das überregionale Projekt Indyymedia.uk zu verstehen, das die Kulturwissenschaftlerin und Aktivistin Marion Hamm (D/UK) vorstellte. Die Initiative ist an Veranstaltungen verschiedener sozialer Bewegungen beteiligt. Das Kollektiv setzt sich aus Politaktivisten/innen, Künstler/innen, Teccies, Grafikdesignern und Videomacher/innen zusammen, mit dem Anspruch, an neuen Formen politischer Artikulierung zu arbeiten.

Typisch für die neuen ultramodernen Hybriden steht auch das Online-Kunstprojekt radioqualia, das1998 in Australien gegründet wurde, wie ebenso ihre Mitbegründerin, die Künstlerin, Schriftstellerin, Designerin und Kuratorin Honor Hagar (NZ/UK). Mithilfe verschiedener Streaming-Software experimentiert radioqualia mit unterschiedlichen Konzeptionen von Rundfunk, wobei sowohl die herkömmlichen Massenmedien als auch das Internet verwendet werden. In Kollaboration mit Künstlern/innen aus den entlegendsten Gegenden, hat radioqualia Software und Hardware für das Streaming von Medienprojekten entwickelt. radioqualia war auch Initiator von Net.Congestion, dem internationalen Streaming-Medien-Festival, das im Oktober 2000 in Amsterdam stattfand.

Bei der zum Abschluss der Tageskonferenz veranstalteten Party kam auch eine der ersten Schnittstellen für eine neue Generation des Online-Musik-Jammings zum Einsatz, die bis zu zwölf Usern gleichzeitig ermöglicht, einen MP3-Stream zu manipulieren. World Radio Remote Audio Systems (RAS) wurde von PureData@klingt.org in Zusammenarbeit mit World-Information.Org entwickelt.

In der Abteilung Future Heritage der World-Information Exhibition werden Installationen, wie etwa die der Gruppe Monochrom (A) präsentiert: In einem Büroambiente wird auf spielerische Weise die Überwachungssituation im Arbeitsalltag sichtbar gemacht. Wesentlich komplexer sind die anderen in diesem Rahmen präsentierten Netzkunst-Projekte, die über diverse Computerterminals vor Ort erkundet werden können; noch weitaus praktischer aber an Ihrem PC von daheim. Daher finden Sie hier lediglich die Auflistung der Webadressen:

makrolab.ljudmila.org
www.worldprocessor.com
critical-art.net/cone
rtmark.com/voteauction.html
rtmark. com/etoynsi.html
www.virtualmanifesta.com
www.kunstundbuecher.at/propaganda
synworld.t0.or.at
www.constantvzw.com
www.apsolutno.org
www.re-lab.lv
www.deepdisc.com/earshot
Und vieles andere mehr unter
world-information.org (F.E. Rakuschan)

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