Weltkriegsmunition: Zeitbomben in Nord- und Ostsee

Vorsicht, Verbrennungsgefahr: Weißer Phosphor verändert in Salzwasser seine Gestalt und kann am Strand mit Bernstein verwechselt werden. Foto: Dnn87 / CC-BY-SA-3.0

Großreinemachen geplant: Die Altlasten des Zweiten Weltkriegs stören nicht nur bei der Errichtung von Windparks

Auf dem Grund von Nord- und Ostsee liegen noch immer große Mengen Munition, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg dort verklappt wurde. Zunehmend wird sie zur Gefahr: Sie behindert den Bau von Windparks und das Verlegen von Kabeln und Pipelines, birgt aber auch eine Gefahr für die Umwelt.

Lange wurde das Thema von der Politik wenig beachtet, nun haben sich auch der Bundestag und das Europäische Parlament damit beschäftigt. Ein Großreinemachen ist geplant. Am vergangenen Montag gab es eine Anhörung im Umweltausschuss des Deutschen Bundestags. Sachverständige machten sich dafür stark, dass die rund 1,6 Millionen Tonnen Munition aus Nord- und Ostsee geborgen werden. Den größten Teil (1,3 Millionen Tonnen) vermuten die Experten in der Nordsee. Ihre Beseitigung kann Jahre bis Jahrzehnte dauern, schätzen Experten.

Pilotprojekt noch in diesem Jahr gefordert

Die Fraktion der Grünen und der FDP hatten einen gemeinsamen Antrag eingebracht, in dem sie die Bundesregierung auffordern, eine Strategie für die vollständige Bergung und Vernichtung der Munitionsaltlasten zu entwickeln. Dafür solle eine Institution geschaffen werden, welche die Arbeiten koordiniert. Noch 2021 solle in der Ostsee ein Pilotprojekt gestartet werden. Schon zuvor hatte es Initiativen aus dem Europaparlament gegeben.

Ende April hatte es in einer Entschließung den Einsatz der Europäischen Union beim Auffinden und Entsorgen der versenkten Munition in der Ostsee gefordert. Die genaue Lage der betroffenen Gebiete solle von einem EU-Fachteam untersucht und kartiert werden. Eine Mehrheit der Abgeordneten hatte sich auch dafür ausgesprochen, die Entsorgung der Schadstoffe finanziell zu unterstützen.

Schon im März hatten 39 Europaabgeordnete einen Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) geschickt. "Wir bringen unsere tiefe Besorgnis über die Bedrohung zum Ausdruck, die immer noch von chemischen und konventionellen Waffen ausgeht, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee versenkt wurden", heißt es darin. Die alten Waffen seien "eine der Hauptursachen für die Verschmutzung der Ostsee und gleichzeitig eine der gefährlichsten". Über die Grenzen der einzelnen Länder hinweg bedrohten sie Gesundheit und Sicherheit.

Als das russische Schiff, dass die Gas-Pipeline Nord Stream 2 verlegt, im März seine Arbeit wieder aufnahm, warnte der ukrainische Geheimdienst: Auf dem Meeresgrund der Ostsee nahe der dänischen Insel Bornholm könnte man auf dort verklappte chemische Waffen stoßen. Die russischen Seeleute sollen inzwischen Atropin an Bord haben, berichtete das Internetmagazin Euractiv. Atropin ist ein Medikament, das bei Vergiftungen mit einigen Nervenkampfstoffen eingesetzt werden kann.

Ohne Schutzschicht in der Kieler Bucht

Nach dem Krieg hatten die Alliierten noch große Munitionsbestände in Deutschland gefunden. Um die Deutschen schnell zu entwaffnen, hatte man sich entschlossen, Granaten, Minen, Munition und chemische Kampfmittel im Meer zu versenken. Einige Gebiete sind bekannt, zum Beispiel im Bereich des Jadebusens vor den Ostfriesischen Inseln, vor Sylt. In der Nordsee hatte man die Fracht gesichert, indem eine mehrere Meter dicke Schicht aus Sand und Sediment darüber gespült wurde, damit die alte Munition nicht an die Küste getrieben wird, wenn es stürmt. In der Ostsee hatte man auf die Sicherung verzichtet. In der Kieler Bucht liegt die Munition zwei Seemeilen vor der Küste in zehn bis zwölf Metern Tiefe einfach auf dem Meeresboden.

Schon so mancher Urlauber hat mit den Überresten Bekanntschaft gemacht - und sich schwere Verbrennungen zugezogen. Weißer Phosphor zum Beispiel verändert im Salzwasser seine Gestalt. Wird er an den Strand gespült, ähnelt er sehr stark dem Bernstein. Wird der vermeintliche Bernstein von Strandbesuchern in die Hosentasche gesteckt, kann er sich entzünden. Aber nicht nur das ist bedenklich: Reste von Kampfmitteln lassen sich längst in Meeresbewohnern nachweisen, im Muschelfleisch, in der Galle von Klieschen; bei Dorschen im Bornholmer Becken fanden sich selbst im Filet Reste von Sprengstoffen.

Krebserregende Stoffe in Muschelfleisch

Edmund Maser, Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, sagte bei der Anhörung: Die Konzentration von Explosivstoffen in Miesmuscheln sei umso höher, je näher sie sich an versenkten Minen befunden hätten. Diese Stoffe seien giftig und krebserregend und könnten über die Nahrungskette auch den Menschen gefährden.

Auch für den Ausbau der Windenergie auf See ist die Altmunition ein Problem. Bevor ein Standort erschlossen und Kabeltrassen verlegt werden können, muss das Gelände von Blindgängern und Altmunition geräumt werden. Momentan sind noch die Projektträger dafür verantwortlich, den Baugrund zu erkunden. Wenn Munition gefunden wird, müssen die Fundorte gemeldet und den Behörden gemeldet werden.

Innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone sind dann die Bundesländer dafür zuständig, die Kampfmittel zu räumen. Wer die Kosten dafür tragen wird, ist noch nicht ganz klar. Ende April hatte Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) bei der Bundesregierung ersucht, sich stärker finanziell zu beteiligen. Es werden Kosten in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags erwartet, und die könnten die Küstenbundesländer nicht alleine tragen. Bislang erhalten die Länder nur knapp 30 Millionen Euro im Jahr aus dem Bundeshalt für das Beseitigen von Kampfmitteln. (Bernd Müller)