Weltwirtschaftsforum täuscht mit Global Gender Gap Report

Beifallklatscher beim Weltwirtschaftsforum. Foto: Kreml/CC-BY-SA-4.0

Österreichischer Wirtschaftskammer-Referent kritisiert die für den Bericht verwendeten Methoden als “unseriös und manipulativ”

Das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum oder kurz “WEF”) veranstaltet nicht nur das jährliche Elitentreffen in Davos, für das es vor allem bekannt ist, sondern gibt auch einen Global Gender Gap Report heraus. Der sorgte unlängst in deutschsprachigen Mainstreammedien für viel Aufmerksamkeit, weil Deutschland, die Schweiz und Österreich in der darin enthaltenen Gleichstellungs-Rangliste auf den Plätzen 13, 12 und 52 liegen - und damit hinter Ländern wie Ruanda, das dort auf Platz fünf kommt.

Kaum einem Mainstreammedium kam das merkwürdig genug vor, dass es sich fragte, was diese Rangliste eigentlich konkret aussagt und wie sie zustande kam. Stattdessen bedauerte man einhellig, wie schlecht es doch um die Gleichstellung bestellt sei, wenn ein afrikanisches Land so viel besser abschneidet.

Eine Ausnahme ist die österreichische Tageszeitung Der Standard, die den bei der österreichischen Wirtschaftskammer für Sozialpolitik und Gesundheit zuständigen Referenten Rolf Gleißner einen etwas intensiveren Blick auf das Zustandekommen der Liste werfen ließ. Das Urteil, zu dem Gleißner dabei kam, ist vernichtend: Die verwendeten Methoden sind seiner Ansicht nach “unseriös und manipulativ” - und die Botschaft, dass Länder wie Österreich bei der Gleichstellung hinter Entwicklungsländern lägen, hält er für “absurd”.

Niedriglöhne, Analphabetismus und de-Facto-Diktatur

Konkret zeigt der Wirtschaftskammerreferent das unter anderem am für die Bewertung der “Wirtschaftschancen für Frauen” herangezogenen Kriterium der Einkommensgleichheit. Sortiert man die Rangliste nur anhand dieses Kriteriums, dann würde Ruanda sogar auf Platz eins landen – und Österreich nur auf Platz 84. Dass eine Frau in Ruanda nur ein Zweiungzwanzigstel dessen verdient, was eine Österreicherin im Durchschnitt bekommt (und Lohnunterschiede entsprechend geringer sein müssen), bleibt dabei unberücksichtigt.

Allerdings ist die Methodik der Einkommensermittlung so untauglich, dass nicht einmal klar ist, ob das überhaupt stimmt: Denn während man für Länder wie Österreich auf konkrete Zahlen zurückgriff, befragte man in Ruanda in Ermangelung solcher Daten einfach ein paar Führungskräfte, die offenbar mehrheitlich versicherten, in ihrer Umgebung würden Frauen ähnlich viel (beziehungsweise hier passender: wenig) verdienen wie Männer.

Ähnliche methodische Mängel gibt es bei der Bewertung der Bildungschancen (wo Österreich nur auf Platz 86 kommt, während ein Land wie Nicaragua vorne liegt, obwohl hier 17 Prozent der Frauen nicht einmal Lesen und Schreiben lernen) und der politischen Teilhabe, wo Österreich schlechter abschneidet als die de-Facto-Diktatur Angola, die seit 37 Jahren von gleichen Machthaber beherrscht wird.

Beim Lebensalter zählte nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit

Den Gipfel der Absurdidät fand Gleißner bei der Bewertung der Lebenserwartung: Hier zählte nicht etwa, ob Männer und Frauen eine ähnlich lange Lebenserwartung haben, sondern das Gegenteil: Um wie viele Jahre Frauen länger leben als Männer. Russland, wo diese Ungleichheit mit elf Jahren Unterschied besonders groß ist, kam deshalb in dieser Kategorie auf Platz eins, während die Niederländer, die insgesamt deutlich älter werden, für nur zwei Jahren Unterschied mit Platz 115 bestraft wurden.

Gleißners Fazit:

Man tut der Sache der Frau (und des Mannes) nichts Gutes, wenn man mit unseriösen Vergleichen agiert. Damit wird das, was in Österreich und Europa in der Gleichberechtigung erreicht wurde, schlechtgeredet und die großteils miserable Lage der Frau in der Dritten Welt schöngefärbt.

(Rolf Gleißner)

(Peter Mühlbauer)