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Die Wikipedia wird sieben und muss erwachsen werden

Die Wikipedia wird heute sieben Jahre alt. Die freie Online-Enzyklopädie ist eines der erfolgreichsten Internet-Projekte überhaupt: Tausende von Freiwilligen haben über neun Millionen Artikel in über 250 Sprachen verfasst, die Wikipedia ist eine der zehn meistbesuchten Webseiten des Internets. Zeit für einen Kurswechsel.

"Das Experiment Wikipedia wird immer wieder als ein überwältigender Erfolg gefeiert", heißt es in der Pressemitteilung der Wikimedia Foundation, die das organisatorische Rückgrad des Projekts bildet. Der Diagnose kann man sich kaum verschließen. In immer neuen Tests wird Wikipedia-Artikeln eine erstaunlich hohe Qualität bescheinigt, die Enzyklopädie gilt als Musterbeispiel der Zusammenarbeit von Freiwilligen. Für viele ist die Wikipedia die Informationsquelle Nummer Eins im Netz.

Aber auch die zweite Aussage im Satz entspricht der Wahrheit: Wikipedia ist immer noch ein Experiment. So nimmt das Projekt für sich gar nicht erst in Anspruch zuverlässig zu sein oder das Weltwissen adäquat auf seinen Seiten zu versammeln - trotzdem verlassen sich immer mehr Nutzer auf die Informationen die sie in der Wikipedia finden. In den meisten Fällen helfen die Wikipedia-Informationen weiter, oft genug finden sich aber falsche oder irreführende Informationen in dem Gemeinschaftswerk.

Auch organisatorisch ist Wikipedia ein großer Experimentierkasten. So werden die Entscheidungen innerhalb der verschiedenen Projekte größtenteils von der "Community" geregelt. Wer diese Community ist und wie innerhalb dieser Gruppe Entscheidungen zustande kommen, ist weitgehend unklar - und ändert sich laufend. So sind auf der einen Seite Abstimmungen unerwünscht, da sie im offenen System Wikipedia zu einfach zu manipulieren wären. Auf der anderen Seite werden Wikipedia-Administratoren und sogar Wikimedia-Vorstandsmitglieder per Abstimmung benannt. Allerdings ist die Wahlbeteiligung denkbar gering. Der Schritt von der Mitarbeit an Artikeln zu den lästigen Verwaltungsaufgaben ist groß.

So sinnvoll die unbürokratische Herangehensweise für das Projekt in den ersten Jahren war, häufen sich doch die Probleme mit den flachen Hierarchien. So erscheinen Entscheidungen über Artikel-Löschungen relativ willkürlich - was nicht nur bei betroffenen Autoren für Ärger sorgt. Zum Beispiel verweigerten Webcomic-Autoren ihre Unterstützung für die Wikipedia, nachdem mehrere Artikel über ihr Genre gelöscht wurden. Selbst erfahrene Editoren wissen nicht, wie sie problematische Entscheidungen korrigieren können. So wurde in der englischen Wikipedia eine Teilsperre anonymer Autoren vor zwei Jahren handstreichartig eingeführt - trotz großer Zweifel an dem Erfolg der Maßnahme lässt sich die Entscheidung nicht wieder aufheben.

Viele Hürden müssen noch genommen werden

Will die Wikipedia den Status als Experiment hinter sich lassen und ihre eigentliche Mission - die nachhaltige Verbreitung von Wissen - in Angriff nehmen, muss sie noch viele Hürden nehmen. Die wesentlichen Herausforderungen sind noch dieselben wie vor fünf Jahren (Fünf Herausforderungen für die Wikipedia): Zwar wurden viele Verbesserungen angekündigt, die tatsächliche Umsetzung lässt jedoch auf sich warten. Symptomatisch ist das Feature der gesichteten Versionen, bei dem angemeldete Nutzer Veränderungen in der Wikipedia als Vandalismus-frei markieren sollen. So soll grassierende Vandalismus-Problem der Wikipedia verringert und die Verlässlichkeit der Wikipedia-Artikeln verbessert werden. Obwohl die Zustimmung zu diesem Projekt beeindruckend groß ist, lässt der angekündigte Probelauf in der deutschsprachigen Wikipedia seit mittlerweile zwei Jahren auf sich warten.

Die Bürde, das Projekt nach vorne zu bringen, lastet nun auf den Schultern der frisch engagierten Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner. Sie hat den Umzug der Wikimedia Foundation vom beschaulichen Florida ins hippe San Francisco durchgesetzt - und will dort mit einer weitgehend neuen Mannschaft die Foundation in eine schlagkräftige Organisation verwandeln.

Erste Priorität dürften derzeit aber nicht inhaltliche Fragen spielen - die Foundation braucht dringend Geld. Erste Erfolge konnte sie bereits verzeichnen. So zahlte ein anonymer Spender eine halbe Million Dollar an die gemeinnützige Stiftung. Das ist jedoch nicht genug: Für das laufende Geschäftsjahr sind Ausgaben von 4,6 Millionen Dollar vorgesehen. Für ein simples Experiment ist das ein beachtliches Budget, für ein gefestigtes Projekt zur Zusammenstellung des Weltwissens hingegen ein echtes Schnäppchen. (Torsten Kleinz)

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