Weltwüstentag: "20 Prozent Spaniens sind als Wüste anzusehen"

Landwirtschaftlich genutzte Gebiete mit Kulturpflanzen sind am anfälligsten für Desertifikation

Welche Landschaften sind nach Ihren Untersuchungen besonders anfällig für eine Wüstenbildung?
Martínez Valderrama: Als das zuständige Ministerium das Programm zur Bekämpfung der Desertifikation 2008 veröffentlichte, wurden fünf Szenarien der Wüstenbildung bestimmt, die im Zusammenhang mit einer konkreten Nutzung der Böden stehen. Diese fünf verschiedenen Landschaften findet man an verschiedenen Stellen der Iberischen Halbinsel.
Da sind die trockenen Landschaften, die zum Beispiel mit forstwirtschaftlichen Nutzpflanzen wie Oliven- oder Mandelbäumen bepflanzt sind. Dazu kommen Gebiete, die für die Landwirtschaft ohne künstliche Bewässerung genutzt werden, wie am Ebro oder am Guadalquivir. Dann gibt es bewässerte Gebiete mit einer Übernutzung der Wasserreserven. Und dazu kommt das Problem der Überweidung, wie in der "Dehesa" in der Extremadura. Und dazu kommt noch der diffusere Fall von Gebieten mit niedrigem Bewuchs, die es ebenfalls oft gibt und die auch der Gefahr einer Wüstenbildung unterliegen.
Bardenas - Wüste auch am Rand der Pyrenäen. Bild: R. Streck
Und wo ist sie besonders stark?
Martínez Valderrama: Nach unseren Studien sind landwirtschaftlich genutzte Gebiete mit Kulturpflanzen besonders stark von Erosion betroffen und am anfälligsten für Desertifikation. Das extensiv für Ackerbau genutzte Land in der Provinz Cordoba kollabiert nach allen unseren Simulationen in 61 Jahren. Die Vegetation unter forstwirtschaftlichen Nutzpflanzen wurde weitgehend beseitigt, weshalb der fruchtbare Boden dem Regen ungeschützt ausgesetzt ist und weggespült wird.
Welche Faktoren haben nach Ihren Untersuchungen einen großen Einfluss auf die Wüstenbildung?
Martínez Valderrama: Wir haben zwar fünf repräsentative Beispiele untersucht. Das erlaubt allerdings nicht, daraus Rückschlüsse auf alle Gebiete dieser Art im ganzen Land zu ziehen. Es ist notwendig, weitere Fälle zu untersuchen, um ein Schema zu erhalten, das auf andere Gebiete übertragen werden kann. Bis diese Aufgabe nicht abgeschlossen ist, können noch keine allgemeinen Rückschlüsse gezogen werden. Diese fünf verschiedenen Gebiete wurden mit dem Ziel untersucht, eine Methode zu erarbeiten, die es uns dann später erlaubt, das Risiko der Wüstenbildung abzuschätzen zu können.
In den bisher analysierten Fällen waren die bedeutsamsten Faktoren zur Desertifikation diejenigen, die mit den klimatischen Bedingungen zusammenhängen: also Trockenheit, Niederschläge und Temperaturen. Doch wir können dabei natürlich nicht die menschliche Aktivität und ökonomische Faktoren unbeachtet lassen. Da sind zum Beispiel direkte oder indirekte Subventionen, die letztlich zu einer intensiveren Nutzung und stärkerer Erosion führen. Denn es herrscht letztlich oft auch das Ziel vor, schnelle Gewinne zu erzielen.
Klimaveränderungen gehen auch wieder auf menschliche Aktivitäten zurück, die wiederum die Böden einem verstärkten Degradationsdruck setzen. Schließt sich damit der Kreis nicht wieder?
Martínez Valderrama: Natürlich. Die Definition der Vereinten Nationen zur Desertifikation ist, dass sie auf Klimabedingungen und unsachgemäße Aktivitäten der Menschheit zurückzuführen ist. Verfolgen wir also den Faden weiter, dass wir für den derzeitigen Klimawandel verantwortlich sind, sind wir letztlich für beide zentralen Faktoren der Wüstenbildung verantwortlich. Allerdings folgt das Klima auch eigenen Gesetzmäßigkeiten, wo es trockenere, feuchtere, kältere und wärmere Phasen gibt. Doch die bewegen sich im Bereich von Jahrtausenden. Der Einfluss der Menschen auf das Klima wirkt sich aber schon in Jahrzehnten aus und das sind sehr schnelle Veränderungen.
Bardenas - Wüste auch am Rand der Pyrenäen. Bild: R. Streck
Wenn die bestimmenden Faktoren für die Wüstenbildung klimatische sind, vor welchem Szenario steht Spanien oder die Iberische Halbinsel angesichts der Klimamodelle? Diese prognostizieren, dass die Auswirkungen des Klimawandels hier besonders stark sein werden (Spanien bald ohne Orangen, Wein und Olivenöl)?
Martínez Valderrama: Angesichts einer Situation mit vorhersehbar weniger Niederschlägen, höheren Temperaturen und mehr Dürreperioden müssten wir Druck von den Systemen nehmen und die Böden weniger intensiv nutzen. Das ist die einzige Lösung, um ihrer Degradation entgegenzuwirken. Das ist aber aus sozioökonomischen Gründen sehr schwierig. Normalerweise zielen die Produktionsbedingungen auf eine Maximierung in kurzer Zeit ab. Wir haben dagegen eine langfristige Planung im Blick und da kommt es dann zum Frontalzusammenstoß verschiedener Interessen. Wir setzen auf eine Politik, die auf lange Sicht ausgelegt sein müsste, die aber der entgegensteht, die auf kurzfristige Interessen einer schnellen und hohen Rentabilität ausgerichtet ist.
Jetzt sind wir schon ein wenig in den Bereich der Maßnahmen vorgedrungen, um die Wüstenbildung aufzuhalten. Mich hat erstaunt, dass in praktisch keinem Artikel über diese Studie darüber etwas darüber zu lesen war. Dabei wird schon im Titel und im ersten Satz der Zusammenfassung darauf hingewiesen, dass der Vorbeugung eine zentrale Bedeutung zukommt. Warum ist die Prävention so bedeutsam?
Martínez Valderrama: Wenn die Desertifikation schon begonnen hat, wenn also die Auswirkungen schon sichtbar sind, der fruchtbare Boden schon teilweise verloren ist, Grundwasserreserven übernutzt werden und Salzwasser eingedrungen ist, kann praktisch nichts mehr viel getan werden. Es gibt zwar einige technische Lösungen, beispielsweise kann Süßwasser in Grundwasserträger gedrückt oder es kann künstlich fruchtbarer Boden erzeugt werden, doch dabei handelt es sich um sehr teure Angelegenheiten. Im großen Maßstab ist das kaum umzusetzen und wird deshalb sicher auch nicht gemacht werden.
Wir haben hier schon 20% Wüste, weil die Gebiete sich auch in Jahrhunderten nicht regenerieren konnten. Deshalb drängen wir auf Prävention, auf eine gute Planung für eine vernünftige Nutzung der Ressourcen. Eine Diversifizierung der Produktion ist auch eine weitere Möglichkeit, um nicht zu extremen Situation zu kommen. Andere reale Optionen gibt es nicht. Hat die Desertifikation einmal Fahrt aufgenommen, ist es extrem schwierig, sie wieder zu stoppen. Deshalb setzen wir auf Früherkennung und auf Simulationsmodelle, die uns eine Abschätzung erlauben, ob wir uns in einem Gebiet in eine gefährliche Richtung bewegen oder nicht.
Dagegen wird lieber auf große Schockmaßnahmen gesetzt. Da ist zum Beispiel die Barriere aus Bäumen für die Sahara, um deren Ausbreitung aufzuhalten. Dabei ist dort die massive Überweidung im Überlebenskampf der Menschen das Problem. Dagegen muss etwas getan werden. Der bestimmende Faktor muss deaktiviert werden, die zu solchen gefährlichen Entwicklungen führen.
Das ist also das Ziel der Studie und ihrer Veröffentlichung?
Martínez Valderrama: Wir wollen konkrete Daten liefern und auf die Notwendigkeit hinweisen, dass es eine vernünftige Planung braucht. Und das gilt natürlich nicht allein für die Wüstenbildung, worauf wir spezialisiert sind. Das gilt genauso für die Überfischung der Meere, für die Abholzung von Wäldern… Viele Fronten rücken gleichzeitig vor, die alle auf die gleiche Ursache zurückgehen und alle eine ähnliche Lösung haben. Doch es ist schwierig, zu einer Übereinkunft zwischen vielen verschiedenen Menschen und ihren verschiedenen Interessen zu kommen. (Ralf Streck)