Wem gehört das Wasser?

Wer darf sich wieviel vom Grundwasser nehmen? Multinationale Konzerne greifen verstärkt auf kommunale Wasserquellen zu

Mineralwasser sind nicht direkt gesund, sollen aber irgendwie zum Wohlbefinden beitragen. Sie ergänzen den Mineralienhaushalt, helfen gegen Übersäuerung, regen die Verdauung an usw. 2015 fand Öko-Test in einigen Mineralwassern sogar ungesunde Rückstände. Ihr großer Nachteil ist, dass die Flaschen oft von weither angekarrt werden müssen. Das setzt unnötiges CO2 frei und verschlechtert die Klimabilanzen.

Bis zu 140 Liter Mineralwasser pro Kopf und Jahr wird in Deutschland getrunken. Mehr als 500 verschiedene Mineralwassermarken und rund 50 verschiedene Heilwässer finden sich in den Verkaufsregalen. Den Löwenanteil daran haben Danone und Nestlé. So lässt Danone für seine Marken Evian und Volvic Wasser aus den fanzösischen Alpen und in der Auvergne abpumpen, unter anderem auch für deutsche Konsumenten.

Für die Coca-Cola Company mit Sitz in Atlanta (USA) arbeiten mehr als 700.000 Mitarbeiter, davon 8.000 Mitarbeiter in Deutschland. 2016 hatte der Getränke-Riese hierzulande mit einem Absatz von 3,6 Milliarden Litern einen Marktanteil von rund 36 Prozent. Seine Mineralwasser-Marken lässt er direkt in Deutschland abfüllen. Allerdings hat die langjähre Marke Apollinaris offenbar an Bedeutung verloren, weshalb Coca-Cola die einstige "Queen of Tablewaters" ab kommendem Jahr aus den Supermärkten und Getränkeläden nehmen und nur noch an Hotels und Gastronomie verkaufen will.

Gleichzeitig will das Unternehmen in Lüneburg, wo bereits an zwei Stellen im Stadtgebiet jährlich 350 Millionen Liter Wasser abgezweigt werden, nun noch einen dritten Brunnen bauen. So sollen im benachbarten Reppenstedt künftig 700 Millionen Liter Wasser pro Jahr entnommen werden.

Weil das Wasser hier von mächtigen Deckschichten aus Ton von äußeren Einflüssen abgeschirmt ist, soll es von bester Qualität sein. In der Tiefe bilde sich jedes Jahr ein Vielfaches an Grundwasser neu, behauptet Coca-Cola, weshalb keine Gefahr bestehe, dass das Wasser knapp werde. Seit der Konzern vor Ort vor 13 Jahren ins Mineralwassergeschäft eingestiegen ist, sei die Nachfrage kontinuierlich gestiegen, erklärt Projektleiter Dieter Reckermann gegenüber der ARD. Millionen Euro habe man in den Ausbau des Standorts investiert.

Seit Ende Juli 2020 laufen Bohrungsarbeiten für einen Pumpversuch: Die Wasserbehörde genehmigte eine einmalige Entnahme von 118 Millionen Liter Wasser. An mehr als 60 Stellen soll gemessen werden, ob die Grundwasserstände weiter absacken. Die Messergebnisse sollen in ein Gutachten einfließen. Fallen sie negativ aus, könne der Brunnen wieder in den ursprünglichen Zustand hergestellt werden, versichert der Lüneburger Landrat.

Das will der Konzern natürlich verhindern - mit dem Hauptargument Arbeitsplätze: Angeblich sollen mit dem dritten Brunnen 200 Jobs gesichert werden. Die lokale Bürgerinitiative bezweifelt die Unabhängigkeit des Gutachtens. Denn, so fragen sie, wie können von Coca-Cola bezahlte Hydrogeologen, die die Daten für das Gutachten auswerten, unabhängig sein?

Mit den Bohrungen würden Tatsachen geschaffen, noch bevor entschieden sei, ob an dem Standort langfristig gefördert werden dürfe. In den vergangenen Jahren sei der Grundwasserspiegel vor Ort stetig gesunken. Einen dritten Brunnen zu bohren, sei in dieser Situation unverantwortlich, erklärt Bettina Schröder-Henning. Die BI-Vorsitzende sieht das Land Niedersachsen in der Pflicht, den Kommunen bei einem nachhaltigen Wassermanagement zu helfen.

"Unser Trinkwasser gehört uns - nicht Coca-Cola"

Unter diesem Motto übergab die Initiative Mitte September eine Petition, die von rund 92.000 Menschen unterstützt wurde. "Sauberes und jederzeit verfügbares Trinkwasser ist besonders in Zeiten des Klimawandels und der vermehrten Hitze-Sommer ein schützenswertes Gut und muss für viele Generationen bereitstehen", erklärt Initiatorin Karina Timmann.

Man wolle Maßnahmen ergreifen, die verhindern, dass die Wasserentnahme an den Produktionsstandorten negative Auswirkungen auf das Umfeld hat. Zudem soll der Wasserverbrauch weiter reduziert werden, heißt es in der Konzern-Nachhaltigkeitsstrategie. Sollte die Trinkwasserversorgung beeinträchtigt sein, könnten Wasserrechte beschränkt oder auch ganz zurückgenommen werden, beschwichtigte eine Konzernsprecherin.

Unterdessen stieß der Vorschlag, dass aus einem Probebrunnen nur eine geringere Menge gefördert und direkt in Flaschen abgefüllt werden könnte, bevor in einem zweiten Schritt mehr Wasser abgepumpt wird, bei der Lüneburger Bürgerinitiative auf Skepsis.

Wasser abpumpen zum Fast-Null-Tarif?

Es sei nicht vermittelbar, dass sauberes Grundwasser für 0,009 Cent pro Liter an einen Weltkonzern wie Coca-Cola abgegeben werde, um 10.000 Mal teurer in Plastikflaschen für 90 Cent verkauft zu werden, kritisierte Imke Byl, umweltpolitische Sprecherin der Grünen. Sie fordert eine höhere Wasserentnahmegebühr und ein Konzept zum sparsamen Umgang mit Wasser.

2018 verlieh die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch dem Konzern den Goldenen Windbeutel für sein Produkt Glacéau Smartwater, das als "dampfdestilliertes natürliches Mineralwasser, von Wolken inspiriert", beworben wurde. Das Wasser werde verdampft, um es danach wieder aufzufangen. Verloren gegangene Mineralstoffe würden nachher künstlich wieder hinzugefügt. Dafür zahlen die Verbraucher satte 1,65 € - sieben Mal mehr als für normales Mineralwasser, kritisiert Foodwatch.

IWF und Weltbank sowie Freihandels- und Investitionsabkommen ebnen denWeg für multinationale Konzerne wie Veolia, Suez, Coca-Cola und Pepsico mit "marktorientierten Lösungen" für die Wasserbewirtschaftung. Allen voran Nestlé, dem weltweit größten Nahrungsmittelkonzern mit Sitz in der Schweiz. Seinem Jahresbericht 2019 zu Folge erwirtschaftete das Unternehmen 92,6 Milliarden Franken. Wasserprodukte machen mit 7,4 Milliarden Franken rund ein Zwölftel am Gesamtumsatz des aus. Nach eigenen Angaben beschleunigte der Konzern sein Wachstum auf 2,9 Prozent, den höchsten Stand seit sechs Jahren.

Weltweit kauft der Nahrungsmittelkonzern Rechte von staatlichen Behörden, die es ihm erlauben, Wasser direkt aus dem Grundwasser abzupumpen - und das häufig an Orten, wo Wasser ohnehin knapp ist - so wie in Südafrika, wo 2019 eine schwere Dürre herrschte. Nestlé Waters umfasst insgesamt 95 Produktionsstandorte in 34 Ländern Das Wasser wird gereinigt, als Tafelwasser in Plastikflaschen abgefüllt und teuer verkauft. In der 2012 veröffentlichten Doku "Bottled Life" wird der Konzern für seine Wasserentnahme in Pakistan kritisiert. Eine Wagenladung Wasser kostet Nestlé gerade mal zehn Dollar, heißt es darin. Im Laden würde diesselbe Menge 50.000 Dollar kosten.

Nestlés Ansturm auf neue Wasserquellen

Immer wieder versucht der Weltmarktführer bei Flaschenwasser an billiges Grund- und Quellwasser zu kommen, insbesondere in den USA. So eröffnete er in Phoenix/Arizona, einem der trockensten Gebiete Nordamerikas, eine Abfüllanlage, die nach einem halben Jahr unter dem Druck der Anwohner ihren Betrieb wieder schließen musste.

Jahrelang pumpte der Konzern im kanadischen Bundessstaat Ontario nahezu kostenfrei Frischwasser ab und verkaufte es in Flaschen zu horrenden Preisen im Supermarkt. Weil Nestlé täglich 3,6 Millionen Liter Wasser abpumpte, saß die indigene Bevölkerung im Six-Nations-Gebiet auf dem Trockenen. Für eine Million Liter zahlte der Konzern gerade mal 390 Dollar. Unter dem Druck von Umweltverbänden beschloss Nestlé Ende 2019, sein Wassergeschäft in Kanada zu verkaufen, um sich auf die internationalen Kultmarken San Pellegrino, Perrier und Acqua Panna zu konzentrieren.

Im San Bernadino National Forest im Süden Kaliforniens pumpte der Konzern 237 Millionen Liter Wasser ab, obwohl er nur die Genehmigung für 32 Millionen Liter hatte. Unter der Marke Arrowhead verkaufte er das Wasser im gesamten Westen der USA.

2019 wurde der Lebensmittel-Gigant auf die Lagunen und Quellen im Park Ginnie Springs nahe des Santa Fe River in Florida aufmerksam. Während der letzten 20 Jahre hatte das Unternehmen Seven Springs, dem das Land um Ginnie Springs gehört und das an Nestlé vertraglich gebunden war, die Genehmigung für die Entnahme für fast 1,2 Millionen Gallonen (rund 4,5 Millionen Liter) pro Tag.

Tatsächlich wurde lange nur ein Viertel davon abgepumpt. Als der Konzern das Volumen erhöhen wollte, hagelte es Proteste. Auf Grund der hohen Wasserentnahme könnte das ganze Ökosystem leiden, fürchteten Umweltschützer. Neben Wassertiefständen im Fluss könnte es auch bedrohte Arten schädigen.

Dort, wo betroffene Gemeinden gegen den Konzern vor Gericht ziehen, haben sie immer öfter Erfolg. So wie im Städtchen Flint in Michigan, wo Nestlé mehr als 590 Millionen Liter für jährlich 200 Dollar pro Jahr abpumpte. Diese Menge sollte auf 2000 Liter pro Minute erhöht werden, wofür eine Pumpstation im 100 Meilen entfernten Osceola errichtet werden sollte.

Zunächst gab ein Richter aus Mason City dem Konzern Recht. Doch dann legte die Gemeinde, deren Grundwasserspiegel seit Jahren immer weiter sank, Berufung ein - mit Erfolg. Auch das kleine Städtchen Waitsburg im Bundesstaat Washington, wo Nestlé ein Abfüllwerk für Trinkwasser aus kommunalen Quellen bauen wollte, erteilte dem Konzern schließlich eine Absage.

Vittel - eine Kleinstadt trocknet aus

Auch in Europa ist der Lebensmittel-Gigant aktiv. So stammt das italienische Markenwasser San Pellegrino aus der Provinz Bergamo. Es wird als Mineralwasser und als Limonaden in mehr als 135 Länder verkauft. In der Kleinstadt Vittel in den Vogesen pumpt der Konzern seit 1990 aus drei Brunnen jährlich eine Million Kubikmeter Wasser ab: die ersten beiden Brunnen reichen von fünf bis circa 70 Meter, ein dritter Brunnen geht bis zu 250 Meter tief.

Aus diesem wird mineralstoffreiches Wasser für die Marke Vittel Bonne Source herausgeholt und nach Deutschland verkauft. Zusätzlich wird diese Quelle von der örtlichen Käserei, Landwirten und Anwohnern genutzt. Weil der Grundwasserspiegel jährlich um etwa 30 Zentimeter sinkt, trocknet die Ortschaft zunehmend aus. Dem Konzern ist das Problem bekannt. "Wir pumpen mehr Wasser ab als es sich natürlicher Weise regenerieren kann", bestätigte Ronan Le Fanic, Werksdirektor Nestlé Waters gegenüber dem ZDF.

Als Gegenmaßnahme hat Nestlé Waters sein Pumpvolumen um 30 Prozent reduziert. Doch Bernard Schmitt, Mitglied der lokalen Wasserkommission, bezweifelt, dass das ausreichen wird. Ab 2050 werden die jungen Menschen hier kein Wasser mehr haben, fürchtet er und fordert den Konzern auf, sich aus den tiefsten Brunnen zurückzuziehen, damit sich die Quellen regenerieren können.

Auf der anderen Seite zahlt das Unternehmen jährlich im Schnitt 13 Millionen Euro Steuern an Gemeinde und Staat. Der Vertrag mit dem Konzern läuft bis 2027. Zudem könnten 1.000 Arbeitsplätze verloren gehen, heißt es. Allerdings wurden im Juni 2020 bereits 120 Mitarbeiter an den Abfüllstandorten Vittel und Contrexéville entlassen.

Inzwischen stellte sich heraus, das Nestlé in den vergangenen Jahren an mindestens zwei Stellen ohne Genehmigung über eine Milliarde Liter Wasser abgepumpt hat. Im Juni 2020 erstatteten gleich mehrere Umwelt- und Verbraucherschutzverbände Anzeige dagegen. Werde hier, wie geplant, bis Ende 2026 Wasser entnommen, würde das EU-Ziel - die Einhaltung eines ausgeglichenen Grundwasserspiegels bis 2021 - deutlich verfehlt.

Die Klimakrise hinterlässt auch in den Vogesen ihre Spuren. Im Sommer 2018 waren rund 40 Gemeinden der Region - darunter Contrexéville und Vittel - von Dürre bedroht. Einige Ortschaften mussten sogar über Tanklastwagen mit Wasser versorgt werden - während der Schweizer Konzern sich direkt vor Ort am Trinkwasser bediente.