Wem nützt das abgebrochene Höcke-Interview?

Vielleicht war das MDR-Sommerinterview mit Höcke im August aufschlussreicher, nur hat es kaum jemanden interessiert

War es eine mediale Niederlage für Höcke oder gewinnt die AfD immer? Diese Fragen werden diskutiert, nachdem Björn Höcke ein Interview mit dem ZDF nach mehr als 10 Minuten abgebrochen hatte, das anschließend vom Sender gegen seinen Willen verbreitet wurde. Nun ist klar, dass diejenigen, die schon immer gegen Höcke und Co. waren, sich einmal mehr bestätigt fühlen. Es wurde ein Rechtsaußen gezeigt, der in seinen Schriften Vokabular verwendet, das auch Parteifreunde von ihm, wie etwa der AfD-Politiker von NRW, Martin Renner, nicht von NS-Vokabular unterscheiden können.

Doch für diejenigen, die Höcke und Co. wählen, ist das ganze Interview ein Beispiel für die Unausgewogenheit der vom Rundfunkbeitrag finanzierten Medien. Sie fühlen sich nur bestätigt, weil für sie schon die gesamte Sprachanalyse einzig "neomarxistisches Teufelszeug" ist. Das hat Höcke schließlich selbst im Interview vorgeführt, als er auf den Vorwurf, dass er bewusst kontaminierte Begriffe benutze und davor Pausen und andere Gesten mache, erklärte, er habe Marker gesetzt, weil er genau weiß, wo die Sprachanalytiker ansetzen. Diejenigen, die dieser Überzeugung sind, werden nun das Interview als weiteres Beispiel nehmen.

Hitler oder Höcke - die richtigen Fragen?

Nun muss man sich aber auch kritisch fragen, ob das ZDF nicht selbst dem zutiefst bürgerlich-liberalen Narrativ verfangen ist, wenn sie für Höckes rechtes Vokabular nur auf Hitlers "Mein Kampf" zurückgreift. Tatsächlich finden sich solche Versatzstücke in vielen Verlautbarungen von bisher völlig anerkannten Künstlern, Politikern und Wissenschaftlern.

Wenn dann wieder mal rauskommt, dass ein Christian Peter Beuth, nach dem eine Hochschule in Berlin benannt ist, antisemitische Vokabeln verwandte, als es die Nazis noch nicht gab, ist die Verwirrung groß. Ein anderes Beispiel: "Juden und Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muss. Ich glaube, das Beste wäre Gas." Dieses Zitat stammt nicht aus "Mein Kampf", sondern ist einige Jahre älter.

Der gestürzte Monarch Wilhelm II hat das 1920 erklärt, als er in Allianz mit der damals sich bildenden völkischen Rechten gegen die Weimarer Republik konspirierte und damit 1933 Erfolg hatte. Die Nachkommen dieses eliminatorischen Antisemiten beanspruchen nun Schlösser und andere Liegenschaften. Wenn nun die ZDF-Reporter völkisches und nationalistisches Vokabular wieder nur bei "Mein Kampf" verorten, nehmen sie bewusst oder unbewusst die bürgerliche und feudalistische Welt aus dem Blickfeld, die erst dafür gesorgt hat, dass "Mein Kampf" nicht die skurrile Schrift eines völkischen Sektenpredigers blieb.

Insofern blieb das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch hier seiner Aufgabe treu, die bürgerliche Gesellschaft zu verteidigen auch gegen ihre Verstrickung mit dem NS. Das gilt unabhängig davon, ob das Interview Höcke genutzt oder geschadet hat. Bemerkenswert ist ja, dass er nicht selbst aufgestanden ist und das Interview beendet hat, sondern sein Pressesprecher, ein langjähriger bürgerlicher Journalist, intervenierte.

Hat Höcke den Journalisten gedroht?

Nun konzentriert sich die Diskussion darauf, ob Höcke den ZDF-Journalisten gedroht hat, als er mögliche Folgen ankündigte, wenn er doch mal ein "bedeutender Politiker" werde. Doch auch hier blieb er bei den Mehrdeutigkeiten, die er seit langem bedient. Das rechte Umfeld kann verstehen, dass er dann mit den kritischen Medien aufräumen würde. Wenn er darauf angesprochen wird, kann er selbst sich darauf herausreden, dass er auch dann dem ZDF kein Interview mehr geben würde, wenn sie sich darum reißen würden.

Mit diesem Interviewboykott wäre er nicht allein. Politiker aller Parteien haben bestimmten Medien keine Interviews gegeben. Helmut Kohl zählte auch die Taz zu den feindlichen Medien, mit denen er keinen Kontakt wünschte.

Weniger beachtet als das ZDF-Interview aktuell, das abgebrochen wurde, wurde ein Sommer-Interview des MRD mit Höcke Mitte August. Dort wurden auch kritische Publikumsfragen eingeblendet. Da wollte ein Zuschauer wissen, warum sich Höcke nicht klar zum Vorwurf äußert, er habe noch vor 8 Jahren unter dem Pseudonym Landolf Ladig in NPD-Zeitschriften publiziert. Der Sozialwissenschaftler Andreas Kemper hat durch eine Sprachanalyse herausgearbeitet, dass dem sehr wahrscheinlich so ist. Selbst der vorherige AfD-Vorstand sah das als so überzeugend an, dass er darauf das mittlerweile gescheiterte Parteiausschlussverfahren aufbaute.

Höckes Reaktion beim MDR-Interview war aufschlussreich. Er beschied den Frager, er solle sich an die Antifa wenden und nannte da auch eine Adresse in Jena. Nur werden die eben klar sagen, dass Höcke und Ladig identisch sind. Das kann als indirekte Bestätigung aufgefasst werden. Zudem hat Höcke auf die Frage des MDR-Reporters, ob - rein theoretisch - ein Mann, der unter dem Pseudonym Landolf Ladig publiziert hat, sich für eine Rolle in der deutschen Politik disqualifiziert hat, erwidert, dass es wichtigere Probleme gebe.

So hat dieses Interview die Position von Kemper und den anderen gestärkt, die überzeugt sind, dass Höcke und Ladig identisch sind. Nur hat das scheinbar kaum jemand wahrgenommen, denn die Öffentlichkeit konzentriert sich auf das abgebrochene ZDF-Interview. Wenn einmal der Missing Link gefunden wird und Höcke nicht mehr abstreiten kann, dass er unter dem Pseudonym Ladig publiziert hat, wird das niemand mehr aufregen. Alle werden sagen, das haben sie doch schon lange gewusst.

Herbert Grönemeyer und sein Kampf gegen rechts?

Neben dem abgebrochenen Höcke-Interview sorgt auch eine Anti-Rechts-Rede des Sängers Herbert Grönemeyer für viel Medienwirbel. Nun kommt nicht nur Kritik von rechts. Manche erinnern daran, dass Grönemeyer seinen Kollegen Xavier Naidoo verteidigt hat, als der wegen Positionen, die mit der Reichsbürgerbewegung kompatibel waren, in die Kritik geraten war. (Peter Nowak)