Wem nutzt die Frauenquote?

Entwicklung der Leiharbeit in Deutschland nach Zeit und Geschlecht: Leiharbeit nimmt durch die inzwischen fünf Gesetzesreformen immer weiter zu. In den letzten zwanzig Jahren verzehnfachte sich die Anzahl der Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter. Davon sind vor allem Männer betroffen (70%, innerer Kreis), während es am gesamten Arbeitsmarkt keine Geschlechtsunterschiede mehr gibt (äußerer Kreis). Quelle: Bundesagentur für Arbeit, 2016 (leicht modifiziert)

Wie uns Arbeitspolitik als Feminismus verkauft wird

Vor rund einem Jahr feierten Politikerinnen die Verabschiedung einer Frauenquote, allen voran Familienministerin Manuela Schwesig. Während diese Maßnahme so gut wie niemandem nutzt, auch nicht der Mehrheit der Frauen, äußert sich in der Begründung deutliche Männerfeindlichkeit. Zudem wird die Unterdrückung von Frauen kollektiviert, die von Männern individualisiert. Der Feminismus begann früher als Emanzipationsbewegung, ist heute aber in großen Teilen Arbeitspolitik geworden. Mit Blick auf Trends der Demografie und Wohlstandsverteilung ist das nur logisch.

Wer seine Kräfte für die Förderung des Weltfriedens einsetzen will, der verstehe, dass dieses Ziel am schnellsten durch das Frauenwahlrecht erreicht wird. Denn mit einem Parlament, das zum Teil aufgrund der Stimmen von Frauen zusammengestellt ist, wird der Staatshaushalt nicht mehr mit einer jährlich steigenden Anzahl von Millionen für Kriegsmaterial und den Heeresunterhalt belastet werden können.

Aletta H. Jacobs, 1899

Träumen von einer besseren Zukunft

Aletta Jacobs (1854-1929) war eine niederländische Feministin der "ersten Welle" (ca. 1850-1940). Nachdem sie für das Studium noch eine persönliche Genehmigung des Innenministers brauchte, wurde sie dort 1878 die erste Hochschulabsolventin. 1879 promovierte sie mit einer Doktorarbeit über die Lokalisierung von Erkrankungen im Gehirn. Die erste Ärztin des Landes kümmerte sich um die Sexualaufklärung von Frauen und die medizinische Versorgung von Randgruppen, beispielsweise Prostituierten.

Über das Leben und Wirken dieser beeindruckenden Frau habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben (Aletta Jacobs - A Dutch Feminist). Mir geht es hier um ihre Voraussage, mit der sie sich - leider - geirrt hat: Sobald Frauen wählen dürften, würden sich keine Kriege mehr finanzieren lassen.

Politik der Frauen

Im Deutschland der Gegenwart hat die erste Verteidigungsministerin der Geschichte Anfang 2016 eine Aufstockung des Wehretats angekündigt: 130 Milliarden zusätzlich sollen in den kommenden zehn Jahren für die Bundeswehr ausgegeben werden. Man muss also nicht erst die ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin bemühen, um Frauen in Machtpositionen zu finden, die sich für die Rüstung starkmachen.

Erst vor einem Jahr hielt die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig vor dem Bundesrat eine Rede über das "Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen". Kurz darauf, nachdem die starre Frauenquote für über hundert Unternehmen verabschiedet wurde, sprach sie von einem historischen Moment: 2015 sei der letzte Internationale Frauentag ohne Frauenquote gewesen.

Diskriminierung in der Arbeitswelt

Die schiefe Verteilung der Geschlechter in Führungspositionen kann man nicht abstreiten. Mit der Quote von mindestens 30 Prozent wird sich das in den nächsten Jahren ändern. Die entscheidende Frage ist: Wird die Gesellschaft dadurch besser? Oder konkreter für die berufliche Welt: Werden die Arbeitsbedingungen besser? Und wenn ja, für wen?

Meine These ist, dass sich bestehende Ungerechtigkeiten durch die Frauenquote nicht ändern werden. Um meinen Gedanken mit dem eingangs erwähnten Bild von Aletta Jacobs militärisch auf den Punkt zu bringen: Ob die Gewehrkugel, die dich ins Herz trifft, dank einer männlichen oder weiblichen Wählerstimme finanziert wird, ändert nichts daran, dass dich eine Kugel ins Herz trifft.

Wenn heutige Feministinnen in einem Punkt Recht haben, und vieles spricht dafür, dann geht es bei der Vergabe von Führungspositionen nicht mit rechten Dingen zu. Stellen werden nämlich aufgrund von Faktoren vergeben, die nichts mit der beruflichen Eignung zu tun haben. Das nennt man Diskriminierung.

"Press mal mehr aus deinen Jungs raus!"

Was ist die Aufgabe solcher Führungspositionen? In einer kapitalistischen Wirtschaft geht es um das Durchsetzen der Gewinnerwartung derjenigen, die ein Unternehmen besitzen. Dabei wird wenig Rücksicht auf Empfindlichkeiten genommen. Schwesig zitiert aus einer im Auftrag ihres Ministeriums durchgeführten Studie die folgende Führungsempfehlung: "Press mal mehr aus deinen Jungs raus!"

Das ist ein so pointiertes wie aufschlussreiches Beispiel für die von ihr kritisierte "männliche" Führungskultur, deren Tage jetzt gezählt seien. Es ist gut möglich, dass die Kommunikation in Anwesenheit von Frauen anders ist. Vor dem Bundesrat stellte die Familienministerin dies wie folgt in Aussicht:

Jede Frau kennt das: Ist sie in einem Gremium die einzige Frau, so hat sie es ein wenig schwerer, als wenn wenigstens drei Frauen an Bord sind. Dann benehmen sich die Männer gelegentlich vernünftiger als sonst. Alle anwesenden ausgenommen: Sie werden es sicherlich auch tun, wenn nur eine Frau anwesend ist.

Rede vor dem Bundesrat am 6.2.2015

Der Mann, das unvernünftige Wesen

Männer bräuchten also, das lernen wir von der Familienministerin in offizieller Funktion, mindestens drei Frauen, um, wenigstens gelegentlich, vernünftiger zu sein als sonst. Das muss freilich noch nicht sehr vernünftig sein. Man führe sich nur vor Augen, wie Männer "sonst" so sind. Eine Ausnahme stellen laut Schwesig die Abgeordneten des Bundesrats dar. Bei denen reiche nämlich schon eine Frau.

Merke: Sexistische Beleidigungen von Männern sind okay, sogar im öffentlichen Amt. Merke außerdem: Männer im Bundesrat sind irgendwie besser. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie so lange mit Frauen wie der Familienministerin zusammenarbeiten, die ihnen die Unvernünftigkeit ausgetrieben haben. Ein Chef müsste für die Bemerkung, seine Mitarbeiterinnen bräuchten mindestens drei Männer, um gelegentlich vernünftiger zu arbeiten als sonst, heutzutage wohl seinen Posten abgeben.

Neue Kommunikationskultur

Lassen wir den Spaß von Frau Schwesig beiseite und kehren wir zur Vernunft zurück: Die Kommunikationskultur ändert sich vielleicht, wenn mehr Frauen (mindestens drei pro Gremium) in Führungspositionen sind. Nicht ändern werden sich dadurch aber die Gewinnerwartungen derjenigen, denen gegenüber die neuen Führungsfrauen - wie jetzt schon die Führungsmänner - verantwortlich sind.

Anstatt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter direkt "auszupressen", wird man ihnen wahrscheinlich mit Worten weismachen, dass die Ziele der Eigentümer die eigenen Ziele sind. Hänge dich also ins Zeug, denn was für das Unternehmen gut ist, ist auch für dich gut. Oder um es mit den Worten der Facebook-Milliardärin Sheryl Sandberg zu sagen: "Lean in!"

Führung statt Mitspracherecht

Die nachrückenden Jahrgänge werden sich aufgrund der Geburtenschwäche in der Tat hereinhängen müssen, um die Ziele der Besitzenden zu verwirklichen. Nach dem Modell der Familienministerin wird es aber lange dauern, bis sie ein Mitspracherecht erwerben. Denn nach Schwesig sind es die "Führungsgremien …, wo über Arbeitsbedingungen und Lohnbedingungen … entschieden wird". Und wer wiederum diktiert den Führungsgremien die Bedingungen? Die Betroffenen haben demnach wenig zu sagen.

In ihrer Rede zum letzten Weltfrauentag kam die Ministerin auch kurz auf Männer zu sprechen, vor allem als Väter. Ihr geht es um eine Gleichstellungspolitik für Frauen und Männer. Darum müsse man aber nicht dort, so Schwesig, wo Frauen diskriminiert würden, "krampfhaft" nach Diskriminierungen von Männern suchen.

Formen von Diskriminierung

Allerdings geht die Gleichstellungspolitik, wie oben festgestellt, von Diskriminierungen auf dem Karriereweg aus. Neben dem Geschlecht kennt beispielsweise das Grundgesetz noch Benachteiligung oder Bevorzugung wegen der Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Herkunft, religiöser oder politischer Anschauung und des Glaubens (Artikel 3, Absatz 2 GG). In der Praxis wird aber nur nach dem Frauen-Männer-Verhältnis geschaut.

Von der Familienministerin brauchen Männer keine Unterstützung zu erwarten. Schwesig stellt nämlich fest:

Warum gibt es denn in Kitas oder Altenpflegeeinrichtungen so wenige Männer? Nicht, weil Männer diskriminiert würden. Sondern weil Männer nicht in Jobs gehen, die für schwierige Arbeitsbedingungen geringe Bezahlung bieten.

Rede zum Weltfrauentag 2015

Männer sind selber schuld

Um es zusammenzufassen: Wo Frauen möglicherweise benachteiligt würden, liege dies an diskriminierenden Strukturen und/oder männlicher Unterdrückung; wo Männer möglicherweise benachteiligt würden, liege es an deren eigenen Ansprüchen.

Dabei dürften die im Bau-, Logistik-, Reinigungs- oder Sicherheitsgewerbe, die als Leiharbeiter (70% Männer)1 oder wissenschaftliche Mitarbeiter mit halber Stelle eingesetzten Männer mit Einkommen im Bereich der Armutsrisikogrenze aufhorchen. Mit anderen Worten: Unterdrückung von Frauen wird kollektiviert (Schuld der anderen!), Unterdrückung von Männern wird individualisiert (selber schuld!).

Das Leiharbeitertum ist für die Diskussion der Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt ein vielsagendes Beispiel. Als Hauptargument für Maßnahmen zur Förderung von Frauen wird nämlich häufig gefordert: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!" Nun haben die Bundesregierungen mit inzwischen fünf Reformen der Arbeitnehmerüberlassung seit 1985 den Typus Leiharbeiterin oder Leiharbeiter überhaupt erst geschaffen.

Leiharbeit: Gesetzliche Ungleichstellung

Nach der ersten Reform 1985 verdoppelte sich deren Zahl bis 1995 auf 100.000. Bis zur fünften Reform im Jahr 2003 verdreifachte sie sich auf knapp 300.000. Nach dieser Maßnahme der Regierung Schröder kam aber erst der eigentliche Boom: Mit knapp einer Million Menschen arbeiten heute zehnmal so viele Menschen als Leiharbeiterin oder Leiharbeiter als noch vor zwanzig Jahren.

Über alle Branchen hinweg verdienen diese Menschen deutlich weniger als der Durchschnitt, nämlich mit monatlich 1.700 Euro brutto fast nur die Hälfte (gegenüber 2.960 Euro). Das gilt nicht nur für Hilfskräfte (1.449 gegenüber 2.070 Euro), sondern auch für Fachkräfte (1.951 gegenüber 2.731 Euro), Spezialisten (2.795 gegenüber 3.880 Euro) und Experten (3.948 gegenüber 4.873 Euro; alles Medianwerte).

Von der politischen Forderung nach "Gleichem Lohn für gleiche Arbeit" profitiert diese Million bisher nicht, ebenso wenig von der Frauenquote. Im Gegenteil hat die Politik ihre Ungleichbehandlung durch die Deregulierung des Arbeitsmarktes erst ermöglicht. Das nutzt nicht nur den Unternehmen, sondern vor allem den Vermittlungsagenturen, von denen es in Deutschland inzwischen 50.000 gibt. Diese kassieren den Aufschlag, der Firmen die als Flexibilisierung verkleidete Ungleichstellung wert ist.

Gescheiterte Bildungspolitik

Eine Alternative zur Quote von oben wäre eine Ermächtigung der Menschen von unten. Es wurde oft gesagt, dass Bildung den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht. Seit Jahrzehnten belegen aber die Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks eine starke Benachteiligung von Kindern aus bildungsfernen Haushalten (Wie sich ein Akademiker ein ungerechtes System zurechtbiegt).

An diesem Befund hat keine der vergangenen Regierungsparteien, CDU, FDP, Grüne oder SPD etwas Grundlegendes geändert, abgesehen von Darlehen für Studierende aus ärmeren Haushalten (BAFöG). Um in den Genuss dieser Förderung zu kommen, muss man aber auch erst einmal die Hochschulreife erlangen und hinterher das geliehene Geld zurückzahlen. Dadurch ergibt sich erneut eine Wettbewerbsverzerrung zugunsten der Wohlhabenderen.

Ungleichheit im Bildungssystem

Dass es inzwischen um die schulischen wie akademischen Leistungen von Jungen und jüngeren Männern schlechter bestellt ist, weiß auch die Familienministerin. 60% der Schulabbrecher sind Männer.2 Um Schwesig hier ein letztes Mal zu zitieren:

Obwohl heute Abiturienten in der Mehrzahl Frauen sind, obwohl diejenigen, die einen Studienabschluss haben, vor allem Frauen sind, und obwohl Frauen heute höchste Leistungsbereitschaft zeigen, merken sie, dass sie nicht in Führungsetagen ankommen, weil es die sogenannte gläserne Decke gibt…

Rede vor dem Bundesrat, 6.2.2015

Die obere "gläserne Decke" wird jetzt per Gesetz für einige Frauen durchbrochen. Die untere gläserne Decke für Männer wird kommentarlos übergangen und damit zementiert. Aber nur in einer Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle geht es gerecht zu. Wenn ein Teil, aufgrund welcher Diskriminierung auch immer, auf der Strecke bleibt und deshalb Aussicht auf geringere oder keine soziale Teilhabe hat, dann wird das auch für alle anderen ein Problem.

Frauenquote für Milliardäre!

Denken wir anhand eines Gedankenexperiments über die Auswirkungen der Frauenquote nach: Stellen wir uns eine Liste der hundert reichsten Menschen vor. Auf dieser befinden sich 88 Männer und zwölf Frauen, wie das gegenwärtig bei der Forbes-Liste der Fall ist. Die Grenze für den Eingang in diesen Olymp liegt momentan bei rund 10 Milliarden Dollar Privatvermögen, Tendenz steigend.

Jetzt kommen Feministen und rufen: Diskriminierung! Damit haben sie in vielen Fällen auch Recht, wenn wir etwa an historische Benachteiligungen im Erwerbsleben, im Erbrecht und so weiter denken, die diesen Vermögensverteilungen unterliegen. Was bedeutet das aber für die Gegenwart? Diese Feministinnen fordern Gleichstellung und erhalten dafür auch politische Unterstützung: Es müsse zumindest annähernd eine Quote von 50:50 auf der Liste der reichsten Menschen herrschen.

Wem nutzt die Quote?

Also wird ein Gesetz verabschiedet, das das Nachrücken von Männern auf die Liste verbietet. Deren Einkünfte werden so lange an die wohlhabendsten Frauen verteilt, bis fünfzig Milliardärinnen unter den reichsten hundert Menschen sind. Das Beispiel ist konstruiert, beantwortet aber einige Fragen zu den Folgen einer Geschlechterquote:

Erstens nutzt diese Maßnahme von vorneherein nur den Frauen, die sowieso schon sehr weit oben sind - viel weiter als die meisten anderen Frauen und Männer jemals kommen werden. Zweitens trifft sie nicht diejenigen, die in der Vergangenheit von der Diskriminierung profitiert haben. Drittens ändert die Quote kaum etwas an der Vermögensverteilung in der Gesellschaft: Vorher standen hundert superreiche Menschen 7,3 Milliarden ärmeren Menschen gegenüber; hinterher ebenfalls.

Neue Probleme dank der Quote

Für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands in der Welt ist die Maßnahme, von der 0,000001% der Frauen profitieren, nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Unterschiede sind so minimal, wie es die vielen Nullen andeuten. Als Konsequenz haben einige reiche Männer ihre - verdienten oder unverdienten - Einkünfte abgenommen bekommen, einige reiche Frauen sie - verdient oder unverdient - bekommen.

Solche falsch-positiven und falsch-negativen Karrieren wird es jetzt auch dank der Frauenquote geben: Neben Frauen, die verdientermaßen in eine Führungsposition kommen (richtig-positiv), wird es auch sogenannte "Quotenfrauen" geben (falsch-positiv). Das Gesetz schreibt eben vor, dass es mindestens 30% sein müssen. Auf der anderen Seite werden geeignete Männer übergangen werden (falsch-negativ), wenn bereits 70% der Führungspersonen an Männer vergeben sind. Da kann man dann eben nichts machen...

Diskriminierung wird vorgeschrieben, nicht abgeschafft

Der frappierendste Punkt ist aber, dass wir am Anfang mit einem wahrscheinlich diskriminierenden System angefangen haben - und am Ende ein System haben, das mit Sicherheit per Gesetz diskriminiert. Die Karrierewege sind dadurch keineswegs transparenter geworden. Führungsposten werden weiterhin im Verborgenen vergeben, mit einem großen Schwerpunkt auf Netzwerken und "Vitamin B".

Während auf der einen Seite so gut wie alle Frauen nichts von dem Gesetz haben, weil sie ohnehin nicht für eine solche Führungsposition infrage kommen und dies wahrscheinlich auch gar nicht anstreben, fallen auf der anderen Seite einige wahrscheinlich sehr hart arbeitende Männer herunter. Neben dem Geschlecht bleiben außerdem noch viele andere Diskriminierungsgründe übrig.

Ein "politischer Erfolg"

Die Politik wird uns dies aber zweifellos als großen Erfolg verkaufen. Bei zukünftigen Weltfrauentagen wird sie wahrscheinlich darstellen, wie gut es um die Berufschancen der Frauen in der Bundesrepublik bestellt ist. In einer Zeit, in der man Krieg gegen Drogen, Krieg für Frieden und Krieg gegen Terror politisch durchsetzen kann, obwohl diese Maßnahmen die Drogenkriminalität, Kriege und Terror bisher verstärken, kann man eben auch Diskriminierung gegen Diskriminierung durchsetzen.

Das alles lässt sich vielleicht noch unter der Annahme nachvollziehen, dass Macht unter einigen wenigen Menschen aufgeteilt wird und darunter intelligente und einflussreiche Frauen sind, die die Politik in ihrem Interesse beeinflussen können. Nicht nachvollziehbar ist aber für mich, das als Erfolg für die Frauenbewegung anzusehen: Die alleinerziehende Mutter, die Friseurin um die Ecke, die Verkäuferin, Telefonistin, die Pflegerin, die Lehrerin, also die breite Masse der Frauen wird nichts von der Frauenquote haben.

Feminismus für eine gerechtere Gesellschaft

Den Feministinnen der ersten Welle, wie der eingangs erwähnten Aletta Jacobs, ging es um eine gerechte Gesellschaft. Auch den Feministinnen der zweiten Welle - man denke etwa an Simone de Beauvoir - ging es noch darum. Ihnen ist gemeinsam, dass sie die vorherrschenden Strukturen genau analysierten und kritisch hinterfragten.

Sie forderten damals echte Unabhängigkeit, nämlich Emanzipation. Historisch benachteiligte viele Frauen die Abhängigkeit vom Ehemann. Dies geschah in einer Gesellschaft, die Frauen in diese Struktur "Ehe" zwang oder zu einem Außenseiterdasein verdammte. Unabhängigkeit wird aber nicht dadurch erreicht, jetzt alle Menschen in die Abhängigkeit vom Arbeitgeber oder vom Markt zu drängen.

Gleichstellung reicht nicht

Das Ziel der Gleichstellungspolitik ist nämlich auch dann erreicht, wenn (so gut wie) alle Menschen flexibel einsetzbare und möglichst billige Arbeitskräfte für das Kapital sind. Auch in einer Gesellschaft von Sklaven kann Gleichstellung erfolgreich umgesetzt werden. Genau dann, wenn sowohl Frauen als auch Männer gar keine Rechte mehr haben. Gerade deshalb ist Gleichstellung etwas ganz anderes als Emanzipation.

Das ist auch einigen Feministinnen der "dritten Welle" seit den 2000ern bewusst. Das Gros der Debatte konzentriert sich aber auf Gehaltsunterschiede und Führungspositionen. Sie werden des Rechnens und Vergleichens von Mittelwerten nicht müde. Die hierarchisch in ein immer kleiner werdendes Oben und ein immer größer werdendes Unten geteilte Gesellschaft wird aber nicht infrage gestellt.

Ein neuer Karrierefeminismus

Die Unterordnung des Lebens unter die Wirtschaft wird nicht nur nicht kritisiert, sondern im Gegenteil beworben. Die einzige Voraussetzung ist die gleiche Verteilung der Geschlechter. "Lean in!" (Werbung für den Karrierefeminismus) Wer jetzt noch Zweifel hat, was die oberste Priorität ist, dem bezahlt der Arbeitgeber in Bälde wohl ein "social freezing" von Eizellen für die Familienplanung nach der Karriere.

Wie gezeigt, die zum 1. Januar 2016 eingeführte Frauenquote bringt nahezu allen Menschen nichts. Das sollte vor allem denjenigen zu denken geben, die sich dafür lautstark einsetzen und damit die Interessen einer kleinen privilegierten Gruppe durchsetzen, zu der sie noch nicht einmal gehören.

Arbeitspolitik statt Feminismus

Bei näherer Betrachtung handelt es sich bei der politischen Maßnahme also nicht um Feminismus, sondern um Arbeitspolitik: Frauen werden dazu motiviert, sich härter für die Gewinnziele der anderen ins Zeug zu legen. Dafür werden sie dann mit Karrieremöglichkeiten belohnt. Natürlich haben Frauen und Männer die gleichen Rechte, das zu tun, und sollen sie dafür auch die gleichen Belohnungen erhalten.

Auffallend ist aber, dass sich hier zwei historische Parallelen aufzwängen: Die "zweite Welle" des Feminismus entstand auch unter dem Eindruck, dass Frauen im Zweiten Weltkrieg, während Millionen Männer im Krieg oder in Kriegsgefangenschaft eingingen, die Wirtschaft am Laufen hielten. Es war nur folgerichtig, dass sie sich später dagegen wehrten, zurück in die starre Hausfrauenrolle gedrängt zu werden.

Merke nebenbei: Für die Mehrheit der Männer ist das Patriarchat kein Zuckerschlecken, nämlich für diejenigen, die nicht in den relativ sicheren Führungspositionen sind. Die Ungleichverteilung unter den Kriegsopfern ist auch heute noch in der Alterspyramide zu sehen.

Emanzipation in der DDR

Etwa zwanzig bis dreißig Jahre später vollzog sich in der DDR die andere interessante Entwicklung: Verglichen mit den westdeutschen Frauen waren ihre Geschlechtsgenossinnen im Osten nämlich überraschend emanzipiert - und zwar sowohl auf sexuellem Gebiet (Pille, Abtreibung) als auch auf dem Arbeitsmarkt. Das lag aber wahrscheinlich nicht daran, dass die SED-Führung besonders feministisch gewesen wäre.

Die Psychologin und Soziologin Katrin Wegner führt in ihrem Buch über die Pille und die Emanzipation der Frau stattdessen aus, wie dem "sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern" schlicht die Arbeitskräfte wegliefen, nämlich in den Westen. Dass die verbleibenden Frauen daraufhin stärker in den Arbeitsmarkt einbezogen wurden, war also schlicht eine ökonomische Notwendigkeit.3 Auch hier sieht rationalistisch kalkulierende Arbeitspolitik nur an der Oberfläche wie Feminismus aus.

Die Frauen haben es in der Hand

Familienministerin Schwesig, Arbeitsministerin Nahles und Kanzlerin Merkel sind drei Frauen in mächtigen Führungspositionen. Sie könnten auf einen Schlag etwas gegen die Unterdrückung von Frauen in Deutschland unternehmen, indem sie etwa die Gehälter in den gesellschaftlich so wichtigen Pflege- und Lehrberufen anheben. In diesen arbeiten überwiegend Frauen, zudem im öffentlichen Dienst. Stattdessen feiern die Politikerinnen ihre Frauenquote als Durchbruch für die Frauenbewegung.

In vielen europäischen Ländern findet derzeit ein demografischer-ökonomischer Wandel statt: Auf der einen Seite verabschieden sich die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand, auf der anderen Seite ziehen sich immer mehr Millionäre und Erben aus dem aktiven Erwerbsleben zurück. Diese lassen lieber das Geld für sich arbeiten. Irgendjemand muss die Arbeit aber erledigen.

In diesem Sinne, liebe Frauen, alles Gute zum Weltfrauentag und Glückwunsch zur Freiheit. Zu einer Freiheit, den Politikerinnen und denen, deren Interessen sie vertreten, die Wünsche zu erfüllen: Hängt euch rein, lean in! Geldverdienen kann nur dann als Weg zur Freiheit wahrgenommen werden, wenn man erst finanziell unfrei gemacht wurde.