Wen trifft der Ölpreisverfall?

Jährlicher Ausbau und kumulative Leistung aller Windkraftanlagen an Land. Rückbau ist negativ eingezeichnet (grau). Bild Bundesverband Windenergie

Die Energie- und Klimawochenschau: boomender Anlagenbau, billiger Windstrom und die Unwägbarkeiten des Ölpreises

Viel ist in den letzten Monaten spekuliert worden, wem der aufsehenerregende Fall des Ölpreises nutzt, wem er schadet und wer ihn womöglich willentlich verursacht haben könnte. Eine der verschiedenen Thesen lautet, Riad drücke im Einverständnis mit Washington den Preis durch ein Überangebot auf dem Markt. Damit sollten der Iran und Russland geschädigt werden. Ob das als etwaiges Motiv angesichts der Gefahren für die US-Schieferölförderung ausreicht und ob Russlands Schwierigkeiten tatsächlich so groß sind, wie in der westlichen Presse meist dargestellt, ist jedoch mehr als fraglich.

RN-Purneftegaz in Westsibirien. Bild: Rosneft

Im ersten Halbjahr hatte sich der Preis für ein Barrel (159 Liter) der europäischen Standardsorte Brent zwischen 100 und 105 US-Dollar bewegt um im Juni für einige Wochen auf 110 US-Dollar zu klettern. Von dort ging es dann erst langsam und später immer schneller bergab. Inzwischen ist der Preis bei rund 60 US-Dollar pro Barrel angekommen. Zugleich ist auch der Rubelkurs eingebrochen, aber ob das tatsächlich für Russland das große Drama ist, wie es in den meisten hiesigen Medien dargestellt wurde, ist noch fraglicher.

Der schwächere Rubel wirkt dem Ölpreisverfall nämlich entgegen, wie bereits kurz vor Weihnachten von Christoph Stein hier auf Telepolis erläutert wurde (Sanktionen gegen Russland). In der ersten Jahreshälfte lag der Kurs im Schnitt ungefähr bei 35 Rubel pro Dollar. Für ein Barrel Brent erhielt Russland also umgerechnet 3.675 Rubel. Natürlich verkauft Russland kein Brent, sondern andere Ölsorten, deren Preis sich jedoch an dem von Brent orientiert. Je nach Qualität gibt es einen Auf- oder Abschlag.)Nach dem der Rubel gegen die spekulativen Attacken Mitte Dezember verteidigt werden konnte, scheint sich der Kurs nun bei etwa 55 Rubel pro Dollar einzupendeln. Damit kostet ein Fass Brent umgerechnet 3.300 Rubel. Wie man sieht, beträgt der Preisverfall aus russischer Perspektive nur rund zehn Prozent, während Staaten und Unternehmen, die in US-Dollar oder in Währungen handeln, die einen gegenüber dem US-Dollar stabilen Kurs haben, einen Einnahmeverlust von etwas über 40 Prozent hinnehmen müssen.

Der von Stein zitierte französische Ökonom Jacques Sapir hat in verschiedenen lesenswerten Aufsätzen ausgeführt, dass diese Entwicklung für Russlands Wirtschaft durchaus sehr vorteilhaft sein könnte. Der schwächere Rubel bedeutet, dass die Importe sich verteuern. EU-Sanktionen und vor allem der russische Importstopp für Lebensmittel aus der EU bewirken ein Übriges. Zusammen führen diese Faktoren dazu, dass die Inlandnachfrage erhöht wird. Das beflügelt die tendenziell trotz der enormen natürlichen Ressourcen eher notleidende russische Landwirtschaft, und das könnte auch zur Stimulation der in den letzten 20 Jahren vernachlässigten Industrie führen.

Ergänzend dazu plant die russische Regierung, der bisher noch stark durch administrative und finanzielle Restriktionen eingeengten kleineren Privatwirtschaft auf die Beine zu helfen. Eine gesteigerte Inlandsnachfrage, die durch die erzwungene Umleitung der Öleinnahmen bewirkt wird, kann da ein zusätzlicher Stimulus sein.

Insgesamt ist das Bild natürlich noch etwas komplizierter. Zum Beispiel haben russische Firmen und Banken Auslandsschulden in US-Dollar, und zwar nicht wenig. Auf rund 600 Milliarden US-Dollar müssen Zinsen und Tilgung gezahlt werden. Sofern das Geld dafür in Rubel erwirtschaftet werden muss, könnte es für den einen oder anderen eng werden. Auch die hohen Zinsen von 17 Prozent, mit denen die Zentralbank derzeit auf die Rubel-Spekulation reagiert, sind für die lokale Ökonomie natürlich Gift. Investitionen werden dadurch erheblich verteuert, weshalb die Zentralbank auch heftig kritisiert wird, wie der russische Journalist Oleg Schenderjuk im Interview mit Jacques Sapir erläutert.

Derweil schreibt die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf das Moskauer Wirtschaftsministerium, dass die russische Wirtschaft im November erstmalig seit fünf Jahren geschrumpft sei. Mit 0,5 Prozent fiel der Rückgang allerdings mäßig aus und betraf vor allem Dienstleistungen, Bauwirtschaft und Landwirtschaft. Letzteres ist nicht unbedingt konsistent mit den Informationen Sapirs, der davon berichtete, der Agrarsektor habe im ersten Halbjahr 2014 zugelegt.

Alles in allem bleibt es also spannend und eine der großen Fragen wird sicherlich sein, wie lange es dauert, bis der Ölpreis erneut explodiert und dann in womöglich nie zuvor erreichte Höhen klettert. Die derzeit geringen Gewinnaussichten führen nämlich dazu, dass die Investitionen in neue Felder und Bohrlöcher massiv zurückgehen. Da aber das Niveau der Förderung nur durch sie gehalten werden kann, ist die Verknappung des Angebots nur eine Frage weniger Jahre. Je länger der Ölpreis im Keller bleibt, desto stärker dürfte dieser Effekt zum Tragen kommen. Fragt sich also, wer letztlich am längeren Hebel sitzt.

Ausbau der Windenergie

Der Ausbau der Windenergie ist in diesem Jahr besonders schnell vorangekommen. Die Zeitung "Welt" vermeldet, dass netto rund 3.350 Megawatt neu hinzugekommen wären. Beim Bundesverband Windenergie war allerdings über die Weihnachtstage das Büro nicht besetzt, so dass es von dort für Telepolis keine Bestätigung gab.

3.350 MW neue Windkraftleistung wäre in der Tat ein neuer Zubau-Rekord und läge knapp über dem bisherigen Rekordjahr 2002. Seit dieser Zeit hat sich in der Anlagentechnik allerdings eine Menge getan. Die Windräder sind heute wesentlich leistungsfähiger, was zum einen durch höhere Türme erreicht wird, zum anderen durch einen größeren Durchmesser der Rotoren. In Schleswig-Holstein lag im ersten Halbjahr 2014 die Nabenhöhe der Neuanlagen im Durchschnitt bei 84 Meter und der Durchmesser der Rotoren bei 94. Im Binnenland muss jedoch, um eine wirtschaftlich vertretbare Leistung zu erreichen, beides noch deutlich größer sein. Am höchsten waren die Türme im ersten Halbjahr in Rheinland-Pfalz mit durchschnittlich 138 Meter. Zusammen mit einem mittleren Rotorradius von 53 Metern gibt das bis zur oberen Blattspitze schon beachtliche 191 Meter, aber nicht "über 200 Meter", wie das Springerblatt schreibt, bei dem es natürlich nicht ohne Stimmungsmache gegen den Ausbau der Erneuerbaren geht.

Bei genauerem Hinsehen ist ohne nicht ganz klar, ob die Zeitung vielleicht die Zahlen für den Ausbau auf See in den genannten Wert reingerechnet hat. Aber auf jeden Fall ist das zurückliegende Jahr für die Branche sehr erfolgreich gewesen, und wenn die "Welt"-Prognose auch nur annähernd stimmt, dann dürften inzwischen bundesweit an Land Windkraftanlagen mit einer Leistung von rund 37 Gigawatt stehen, und nicht 36 GW, wie in der letzten Wochenschau angenommen (Weihnachtsgans gesichert).

Billiger Windstrom

Wer übrigens angesichts des kräftigen Zubaus befürchtet, dadurch werde die EEG-Umlage in die Höhe getrieben, kann beruhigt werden. Für Strom aus 2014 errichteten Windkraftanlagen gibt es eine garantierte Einspeisevergütung von lediglich 8,9 Cent pro Kilowattstunde in den ersten fünf Jahren und danach nur noch 4,95 Cent pro Kilowattstunde. Diese Beträge werden in den kommenden Jahren außerdem für jeweils neue Anlagen weiter abgesenkt und vermutlich sogar stärker als erwartet. Mit der letzten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) hat die große Koalition nämlich erstmalig einen Zielkorridor für den Ausbau der Windenergie an Land definiert, der zwischen 2.400 und 2.600 MW netto liegt. Netto heißt hierbei immer, dass die Leistung der abgebauten Altanlagen - inzwischen immerhin mehrere hundert MW pro Jahr - von der Zubausumme abgezogen werden. Wird der Zielkorridor überschritten, so wird im folgenden Jahr die Vergütung für Neuanlagen stärker als geplant abgesenkt, und zwar um bis zu 1,2 Prozent. Ab 2016 werden diese Regressionsschritte zudem nicht mehr jährlich sondern im Vierteljahrestakt erfolgen.

Eine entsprechende Regelung war zuvor schon für die Solarenergie eingeführt worden und hat deren Ausbau inzwischen stark gedrosselt. Zusammen mit der harten Konkurrenz auf dem Weltmarkt und sicherlich auch der einen oder anderen unternehmerischen Fehleinschätzung hat das der hiesigen Solarwirtschaft erheblichen Schaden zugefügt. Volker Quaschning von der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin spricht von 50.000 Stellen, die inzwischen in der Branche verschwunden seien. An seiner Hochschule gingen die Neueinschreibungen für den Studiengang "Regenerative Energien" stark zurück.

Die Windenergiebranche und der Ausbau der Windkraft im Inland scheinen allerdings deutlich robuster zu sein. Das hat zum einen mit der gefestigten Position der Hersteller auf dem Weltmarkt zu tun. Zum anderen wird der überwiegende Teil des Windstroms schon seit einigen Jahren direkt vermarktet. Die Netzbetreiber gehen in ihrer Prognose für das kommende Jahr davon aus, dass etwa 67 Milliarden Kilowattstunden (TWh) Windstrom erzeugt werden, was übrigens schon über zehn Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung wären. Davon würden rund 57,5 TWh direkt von den Anlagenbesitzern verkauft ohne die gesetzliche Einspeisevergütung bei den Übertragungsnetzbetreibern in Anspruch zu nehmen.

Der Wald lichtet sich

Einige Landesregierungen wie die Bayerns und Sachsen haben sich ja inzwischen mit übertriebenen Abstandsregelungen auf eine Windkraft-Verhinderungspolitik verlegt. Sachsen scheint dadurch weitgehend frei von Windkraftanlagen zu bleiben. Im ersten Halbjahr 2014 war dort kein einziges errichtet worden, wie aus der Halbjahresbilanz des Bundesverbandes Windenergie hervorgeht. In Bayern gibt es offenbar einen kleinen Boom, um vor dem Inkrafttreten der Regeln noch eine Baugenehmigung zu bekommen. Dennoch lag das große Flächenland im ersten Halbjahr mit 8,2 Prozent aller deutschen Neuanlagen nur im Mittelfeld.

Einsam an der Spitze fand sich hingegen das kleine Schleswig-Holstein, auf das rund ein Viertel aller neuen Windräder entfiel. Dort dürfte auch das Repowering, das heißt, der Ersatz alter durch neue Windräder, eine erhebliche Rolle gespielt haben. Das könnte vielleicht in den nächsten Jahren dazu führen, dass die etwas unschönen Anlagenwälder an der Nordseeküste etwas gelichtet werden. Dort stehen aus der Anfangszeit der modernen Windkraftnutzung mancherorts kleine Anlagen von 0,5 MW oder weniger dicht an dicht. Die neuen Anlagen haben hingegen einen deutlich größeren Abstand und bringen in der Summe dennoch mehr Ertrag. Im ersten Halbjahr 2014 brachten es neue Turbinen im Durchschnitt auf eine Leistung von 2,65 MW. Im Bestand liegt der Durchschnitt hingegen bei 1,463 MW. (Wolfgang Pomrehn)

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