Wenig Chancen für künftiges Familienleben

Das alte Familienmodell wird durch die neuen Verhältnisse in der Lebenswelt langsam zerrieben

Es steht noch immer ganz oben auf der Sehnsuchtsliste der Menschen: Ein gelungenes Familienleben haben oder finden. Die Chancen dafür werden jedoch zusehends schlechter. Arbeitswelt, Konsumansprüche und der daraus folgende Lebensstil verändern die Individuen nachhaltig; dauerhafte solidarische (Partner) und altruistische (Kind) Beziehungen gelingen dann immer schlechter.

Menschen finden sich heute von vielen Mauern umgeben. Oft sind es eher massive Wände, harte Wälle und feste Architekturen, innerhalb derer man sich - als Einzelner und alleingelassen - bewegen muss, manchmal sind diese Rahmen eher weich und elastisch. Erwerbsarbeit, Konsum, Medien, Politik sind die Felder, in denen sich Menschen heute fortbewegen müssen, ob sie das nun wollen, erkennen oder auch nicht. Vieles ist vorgegeben, die Spielräume sind meist schmal.

Die biblische Heilige Familie von Agnolo Bronzino. Bild: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH/gemeinfrei

Linkes Denken, also die frühere Emanzipation von den Alltagszwängen und das Gebot von mehr persönlicher Freiheit, haben sich heute auf verbales "Gutmenschentum" und autoritäre "Politische Korrektheit" reduziert. Dieses Eliminieren von perspektivischer Vielfalt und sein Ersatz durch eine einzig gültige Sichtweise (Sprechweise) ist das Gegenteil von "links", es ist rechts, daran ändert auch die "Multikulti"-Attitüde nichts. Wirklich andere, nämlich substantielle Ziele, für die es sich einzustehen lohnte, sind außer Sicht. Halbwegs friedvolles Zusammenleben und eine nicht vom Kapitalismus getriebene Wirtschaft bleiben in individuelle Träume eingepackt.

Um halbwegs überleben zu können, muss man durch bezahlte Arbeit Geld verdienen. Ohne das geht gar nichts, will man nicht dauerhaft auf Eltern oder Großeltern angewiesen sein, oder sich in kriminelle Handlungen verstricken. Alle Lebens-Mittel, alle Dinge für das Leben müssen gekauft werden, wir leben ja schon lange in einer Konsumgesellschaft, die uns mehr im Griff hat, als wir das im Alltag selber wissen wollen.

Und die Medien: auch die sind durchgängig präsent und berichten immerfort von Events, "Bad News", vielen politischen Ereignissen und nebenbei eingestreut vor allem über die positiven Seiten der kaufbaren Dinge, vom Dabeisein im Konsum, sowie den unendlich vielen kleinen Höhepunkten und Zerstreuungen.

Dazu gibt es die große Politik, deren Parteien wir alle paar Jahre wieder wählen und dann jahrelang zusehen dürfen, was gemacht und meist nicht gemacht wird, wobei die Mehrheit mittlerweile immer weniger von den politischen Eliten hält. Und dann gibt es irgendwo noch Abermillionen einzelne Individuen, die halbwegs sinnvoll ihre eigenen Vorstellungen mit den äußeren Verhältnissen ins Klare bringen wollen.

Natürlich haben Menschen Vorstellungen, wie sie ihr Leben gestalten möchten, ungefähre Vorstellungen zumindest. Eine gelingende dauerhafte Beziehung, ein Kind oder vielleicht gar zwei - ja, das könnte schön sein. Drei Viertel der Jüngeren sehen das so, als wünschenswertes Ideal. Im Alltag, das wissen sie aber genau, steht dem viel entgegen.

In Deutschland leben heute drei Viertel der Menschen in einem Haushalt mit ein oder zwei Personen (die durchschnittliche Haushaltsgröße beträgt zwei Personen), nur in einem Fünftel der Haushalte leben noch minderjährige Kinder. In 40 Prozent der rund 40 Millionen deutschen Haushalte leben Menschen allein: Singles, in den Städten ist der Anteil noch weit höher. Nach begeistertem Familienleben sieht das nicht mehr aus.

Dabei hat es große psychische, soziale und ökonomische Vorteile, als Paar zu leben. Sexualität ist meist in einem sicheren Hafen, gegenseitige Unterstützung (Solidarität) hilft durch Alltagsklippen, und gemeinsam zu leben ist erheblich preiswerter. Ökonomen rechnen durchaus zu recht die Lebenshaltungskosten eines Paars mit dem Faktor 1,5 - zu zweit gibt es also eine Ersparnis von 25 Prozent. Statt zweimal eine kleine, reicht eine größere Wohnung, einmal Küche genügt, ebenso Bad und Toilette und so weiter.

Allerdings fallen andere nichtmonetäre, psychische und soziale "Kosten" an: Einbußen an individuellen Handlungsspielräumen, mitunter mühsames Aushandeln von Kompromissen, Verantwortung gegenüber dem oder der anderen, ebenso muss man sich dann und wann mit Problemen, die der andere einschleppt, herumschlagen.

Für viele Menschen haben sich, abgesehen vom Ideal der geglückten Paar- oder Familienbeziehung, die Leitbilder, also die Vorstellungen, was gut und richtig ist, verändert. Ausgelöst wurde dies durch langsame kulturelle Umbauten, etwa die sogenannte "68er-Kultur", eine lichtere Pädagogik, den Feminismus, dann durch die neoliberale Denkfigur, dass jeder für sich selbst verantwortlich sein soll und mit genügend persönlicher Anstrengung gleichsam alle Ziele wirklich werden können. Jetzt genießen, jetzt nicht verzichten, denn übermorgen kann man schon tot sein, das ist beispielsweise so ein heimliches Muster, das uns die kapitalistische Konsumgesellschaft in den Kopf gesetzt hat (und das durchaus eine Berechtigung hat, da menschliches Leben riskant und sehr begrenzt ist). Dabei haben sich die Medien zu heimlichen Erziehungsanstalten entwickelt, die nicht müde werden, uns bei der Anpassung an diese Gegebenheiten mit Mainstreammodellen zu helfen.

Andere Leitbilder und medial vermittelte Erziehungsziele betreffen Beziehungen und Selbstbilder. Frauen sollen sich beruflich selbstverwirklichen, jedenfalls wirtschaftlich selbstständig sein - statt abhängig. Individualität ist sehr wichtig, ebenso die Teamfähigkeit: Hausarbeit soll gerecht geteilt werden, in privaten Beziehungen soll die Lebensführung partnerschaftlich und damit demokratisch stattfinden, dazu gehört das Leitbild einer guten Kindheit, wenn an Kinder gedacht wird:

Kinder sind als Subjekte anzuerkennen. Sie dürfen nicht bevormundet werden. Die Beziehungen zu ihnen sind herrschaftsfrei und im Sinne von Partnerschaftlichkeit zu gestalten. Kinder genießen als Subjekte Rechte; Pflichten werden ihnen nicht zugemutet.

Fasmilienleitbilder in Deutschland
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