Wenig Interesse am Open Peer Review

Das Wissenschaftsmagazin Nature hat in einem Experiment Artikel vor der offiziellen Veröffentlichung zur Kommentierung online gestellt - mit mäßigem Erfolg

Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften werden durch Peer Review geprüft. Dabei werden zur Qualitätssicherung Artikel vor der Publikation von unabhängigen, in aller Regel anonymen, von den Redakteuren gewählten Gutachtern aus dem jeweiligen Wissenschaftszweig gelesen und kommentiert. Diese Prozedur verzögert allerdings nicht nur die Veröffentlichung, sie kann auch keineswegs garantieren, dass Artikel mit Mängeln erscheinen oder Plagiate oder Betrügereien sind. Das führt immer wieder einmal zu Skandalen wie beispielsweise bei dem koreanischen Forscher Hwang Woo-suk, der in der angesehenen Wissenschaftszeitschrift Science 2005 einen auch noch als Titelgeschichte präsentierten Durchbruch beim Klonen von menschlichen Stammzellen veröffentlichen konnte. Die im Artikel beschriebene Forschung hat sich nachträglich ebenso als Fälschung herausgestellt wie ein schon 2004 publizierter Artikel. Beim Aufdecken der Fälschung spielten zuerst Blogger eine maßgebliche Rolle.

Im Wissenschaftsjournal Nature findet nicht nur seit einiger Zeit eine Debatte darüber statt, wie sich der Peer Review-Prozess verbessern ließe, beispielsweise nach dem Vorbild von Wikipedia durch die Einbeziehung der "Weisheit der Massen" im Internet. Es wurde auch zwischen 1. Juni und 30. September dieses Jahres ein Experiment mit einem Ansatz von Open Peer Review gestartet, nachdem Autoren von Nature Interesse an einem Versuch gezeigt hatten. Von den 1.369 Artikeln, die während dieser Zeit eingereicht und zur Veröffentlichung dem Peer Review-Prozess unterzogen wurden, stimmten dann allerdings nur 71 Autoren (5%) einer Online-Veröffentlichung zu. Das theoretische Interesse reicht also nicht sehr weit. "Trotz des hohen Interesses am Versuch entschied sich nur ein kleiner Anteil der Autoren für die Teilnahme", heißt es in Nature diplomatisch.

Die der Öffentlichkeit online zugänglich gemachten Artikel wurden parallel der normalen Peer Review-Prüfung unterzogen. Wer einen Kommentar abgeben wollte, musste sich registrieren, zudem wurden von Nature die Kommentare vor dem Posten erst auf mögliche rechtliche Probleme durchgesehen. Die Leser von Nature wurden mehrmals durch E-Mails auf das Experiment aufmerksam gemacht. Zudem schrieb man Wissenschaftler aus den jeweiligen Disziplinen an, ob sie nicht einen Kommentar abgeben wollen, und wies auf der Homepage der Zeitschrift an prominenter Stelle während der gesamten Dauer auf das Open Peer Review hin.

Trotz dieser Bemühungen war das wirkliche Interesse der Wissenschaftlergemeinschaft aber auch bei der Prüfung der Artikel sehr gering. Die meisten Artikel behandelten Umwelt- oder Klima-Themen oder waren aus dem Bereich Ökologie/Evolution und der Physik. Jeweils sechs Artikel behandelten astronomische, neurowissenschaftliche oder immunologische Themen. Daneben gab es je ein oder zwei Artikel etwa aus der strukturellen Biologie, der Materialwissenschaft oder der Biotechnologie. Aus manchen Bereichen wie Biochemie, Chemie, Genetik, medizinische Forschung, Mikrobiologie oder Zoologie wurden von den Autoren keine Artikel freigegeben. Hier dürfte vielfach Angst dominiert haben, dass konkurrierende Wissenschaftler aus der Vorveröffentlichung Vorteile ziehen könnten.

Von den 71 Artikeln erhielten überhaupt nur 38 Kommentare. Von den insgesamt 92 Kommentaren waren 49 für 8 Artikel. Die zuständigen Nature-Redakteure beurteilten die meisten als nicht hilfreich, da sie nur von allgemeiner Natur waren. 27 der Autoren, die an dem Experiment teilgenommen hatten, beantworteten nach Abschluss des Experiments einen Fragebogen. 20 fanden den Versuch interessant, 11 von ihnen würden einen Open Peer Review bevorzugen. Von den 14 Autoren, die Kommentare erhielten, beurteilten vier diese als nicht nützlich, sechs als ein wenig nützlich und vier als sehr nützlich.

Trotz der nach Nature ausreichenden Webbesuche des Experiments - durchschnittlich 5.600 Page Views in der Woche - gab es also während der Dauer von vier Monaten kaum eine Beteiligung der "Massen", und wenn, dann war sie meist nicht substanziell. Die Reaktionen zeigen, so schreibt Nature, eine "deutliche Zurückhaltung bei den Forschern, offene Kommentare zu machen". Nature, so heißt es weiter, werde zwar auch in Zukunft die "partizipativen Netzanwendungen" erkunden: "Aber zumindest jetzt werden wir keinen Open Peer Review einrichten."

Mit diesem Experiment, das wissenschaftlichen Maßstäben nicht genügt, sei, so heißt es im Editorial von Nature, keineswegs die Hypothese widerlegt worden, dass nicht eines Tages Open Peer Review zur allgemein akzeptierten Praxis werden könnte. Gezeigt aber habe sich, dass die Wissenschaftler zu wenig Zeit und zu geringe Anreize für die Karriere hätten, "Um zu einer Website wie Nature zu gehen und öffentliche kritische Beurteilungen der Arbeiten ihrer Kollegen zu posten". Möglicherweise würde das Interesse größer sein, wenn die Artikel bereits offiziell veröffentlicht sind, überlegt man bei Nature und will 2007 einmal diese Variante testen.

Das im Dezember gestartete Open Access Wissenschaftsmagazin Plos One versucht beide Möglichkeiten zu kombinieren. Die mit Peer Review geprüften Artikel können nach der Veröffentlichung kommentiert werden. Zumindest bislang ist die Beteiligung auch hier recht mäßig. (Florian Rötzer)