Weniger Geburten, mehr Schwangerschaftsabbrüche

Sich bewusst für ein Kind zu entscheiden, erfordert in Krisenzeiten Optimismus. Symbolbild: StockSnap auf Pixabay (Public Domain)

Ob sich die Nachrichtenlage im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg auf die Zahl der Abbrüche auswirkt, ist unklar. Materielle Existenzängste tun es erfahrungsgemäß immer.

Überraschend klingen aktuelle Meldungen zur demographischen Entwicklung in Deutschland angesichts multipler Krisen nicht. Die zusammengefasste Geburtenziffer gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens bekäme, wenn ihr Geburtenverhalten so wäre wie das aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren im betrachteten Jahr. Nachdem dieser Wert in den Jahren 2015 bis 2021 zwischen 1,5 und 1,6 Kindern pro Frau pendelte, sank er in den ersten Monaten dieses Jahres auf 1,3 bis 1,4, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) am Dienstag in Wiesbaden mitteilte.

Impfkampagne soll Familienplanung beeinflusst haben

Zurückgeführt wurde das teilweise auf die Corona-Impfkampagne – allerdings nicht im Sinne der Impfgegner, die in diesem Zusammenhang vor Unfruchtbarkeit warnten. Im Mai 2022 habe sich bereits wieder eine leichte Erholung der Geburtenrate abgezeichnet – jetzt lag die Ziffer bei 1,48 Kindern pro Frau.

Der zeitliche Zusammenhang deutet nach Einschätzung des BiB darauf hin, dass sich der Corona-Impfkampagne und die zunächst fehlende Impfempfehlung für Schwangere auf die Familienplanung in Deutschland ausgewirkt haben. Es sei "plausibel, dass sich manche Frauen erst impfen lassen wollten, bevor sie schwanger werden", erklärte der BiB-Forschungsdirektor Martin Bujard.

11,5 Prozent mehr Abbrüche im zweiten Quartal

Eine andere Erklärung muss es für die gestiegene Zahl der Schwangerschaftsabbrüche im zweiten Quartal dieses Jahres geben, die sich erst demnächst auf die Geburtenziffer auswirken wird: 11,5 Prozent mehr Abbrüche waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Welche Rolle die allgemeine Nachrichtenlage dabei genau gespielt hat, ist unklar. "Aus Studien wissen wir, dass generell die berufliche und finanzielle Unsicherheit als häufige Gründe bei einem gewünschten Schwangerschaftsabbruch genannt werden", erklärte die Pressesprecherin des Bundesverbands des pro familia Bundesverbands, Regine Wlassitschau, am Mittwoch gegenüber Telepolis.

Keine regelmäßige Statistik über Gründe

Die Organisation, bei der ungewollt Schwangere sich beraten lassen können, wenn sie über einen solchen Eingriff nachdenken – oder sich schon entschieden haben und den dafür rechtlich nötigen Beratungsnachweis brauchen – führt allerdings keine Statistik über die jeweiligen Gründe. Eine entsprechende Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) stammt bereits von 2016. (Claudia Wangerin)