Weniger Nachwuchs, sinkender Wohlstand?

Demographie als Politikersatz

Die Deutschen sterben aus, zuvor ist ihr Wohlstand bedroht. Wer ist daran schuld? Natürlich eine Gesellschaft, die nicht für genügend Nachwuchs sorgt. Diese Klagen sind nicht neu und wurden oft genug widerlegt. Doch sie werden immer wieder erneuert.

Die jüngsten Kassandrarufe dieser Art konnte man in der Welt, dem intellektuellen Flaggschiff des Springerkonzerns, lesen: Mit dem Volk schrumpft der Wohlstand. Sie stützt sich dabei auf die kürzlich vorgelegte Elfte koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Die regelmässig erscheinenden Materialien der Behörde sind zunächst einmal Daten, die nicht nur beliebig für diese oder jene politischen Zwecke ausdeutbar sind. Sie sind auch selber schon interessengeleitet.

Darauf hat ein auch Kommentator hingewiesen. Er warf den Statiskern vor, die Chance verpasst zu haben, die Daten zur Bevölkerungsentwicklung endlich einmal neutral und ohne jede Panikmache darzustellen. Das aber sei die eigentliche Aufgabe des Statistischen Bundesamtes. Wie schwer hier für Laien die Grenze zwischen neutralen und interessengeleiteten Daten zu entdecken ist, wird in einem Beispiel deutlich:

War etwa in der letzten Vorausberechnung noch die Rede von der "Differenz zwischen Lebendgeborenen und Gestorbenen", hat man den technischen Terminus jetzt durch einen griffigeren Begriff ersetzt: "Geburtendefizit". Die Botschaft zwischen den Zeilen ist klar: Momentan erfüllen die deutschen Frauen den Sollwert an Geburten nicht. Die Bevölkerung schrumpft, und das darf wohl nicht sein.

Dabei hat man in der Wissenschaft und auch in den Medien in der letzten Zeit die Vorteile einer schrumpfenden Bevölkerung entdeckt. So kamen mehr als 200 Forscher auf einer Tagung im Schweizerischen Luzern letztes Jahr zu dem Ergebnis, dass die alternde und abnehmende Bevölkerung Europas durchaus auch Chancen für das Wachstum birgt:

Durch vermehrtes Sparen etabliert sich ein tiefes Zinsniveau, welches Investitionen in Forschung und Entwicklung stimuliert. Eine schrumpfende Bevölkerung eröffnet zudem die Möglichkeit, Wachstum neu zu definieren: Von quantitativem zu qualitativem Wachstum. Auch Unternehmen werden sich vermehrt auf über 55-jährige Arbeitnehmer stützen. Dies alles führt auch zu einem schonenderen Umgang mit Ressourcen und Umwelt. Eine Umfrage an der Konferenz ergab denn auch ein optimistisches Bild für die Zukunft Europas, vor allem hinsichtlich Umwelt und Wirtschaft.

Diese gerade begonnene Debatte wird hier mit scheinbar neutralen Daten der Statistiker abegewürgt, befürchtet der Reporter in der Zeit.

Besonderes Augenmerk wurde dieses Mal auf einen angeblichen Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwicklung und dem Wachstum der Bevölkerung gelegt.

Der Bevölkerungsschwund hat dramatische Folgen für unsere Wirtschaftskraft. Der Ökonomie drohen Verluste in Billionenhöhe, die Pro-Kopf-Verschuldung steigt unaufhörlich. Mehr Zuwanderung und eine höhere Geburtenrate könnten helfen. Aber beides ist nicht in Sicht.

Mit dem Volk schrumpft der Wohlstand

Nun weiß man nicht, was den überwiegend konservativen Lesern der Welt mehr Missvergnügen bereitet: die Angst vor dem Aussterben der Deutschen oder die Aussicht, dass ein Ausweg aus den prognostizierten wirtschaftlichen Verwerfungen nach Ansicht der Autoren nur durch eine Masseneinwanderung von Nichtdeutschen aufgehalten werden kann. Dabei wird doch seit Jahren von den Innenministern der unterschiedlichen Regierungen alles getan, um die Grenzen möglichst undurchlässig zu machen. Gerade Medien wie die Welt warnen ja gelegentlich vor den Scharen von Afrikanern, die angeblich nur darauf warten, nach Deutschland zu gelangen. Doch die Warnung vor den Flüchtlingsströmen und das Klagen über eine sinkende Zahl von Zuwanderern sind nur scheinbar ein Widerspruch.

Der beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln arbeitende Ökonom Axel Plünnecke machte deutlich, wer einreisen und wer draußen bleiben soll.

Statt eine Einwanderung in die Sozialsysteme zu befördern, müssen Eliten ins Land geholt und integriert werden. Schon einmal ist das Ende des 17. Jahrhunderts gelungen - im Fall der Hugenotten, die in Frankreich wegen ihres Glaubens verfolgt wurden und technischen Fortschritt ins Land gebracht haben.

Da haben allerdings schon vor Jahren die vielzitierten Computerinder mehrheitlich dankend abgelehnt, als ihnen die Greencard avisiert worden ist. Daher kommt auch die Klage, dass diese Einwanderung jedenfalls massenhaft nicht zu erwarten ist. Davon abgesehen wird allein in diesen Vorstellungen ein im wahrsten Sinne des Wortes reaktionärer Politikansatz deutlich, wenn auf die Aufnahme der Hugenotten rekurriert wird, die zu einer Zeit statt fand, als sich die Nationalstaaten gerade konstituierten. Solche Rezepte sollen dann in einer Zeit helfen, die von Globalisierung und dem Bedeutungsverlust der Nationalstaaten geprägt ist. Das zeigt, wie stark die Propagandisten solcher Vorschläge im nationalstaatlichen Denken befangen sind.

Deswegen scheinen sie auch ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass die Eliten aller Welt den Wohlstand in Deutschland mehren sollen. Mit einem Blick über den nationalen Tellerrand würde deutlich werden, dass das Abwerben von so genannten Eliten aus den Ländern der so genannten 3. Welt zu noch mehr Verelendung bei der dortigen Bevölkerung führt. Während die wenigen ausgebildeten Akademiker den Wohlstand in Deutschland erhalten sollen, dürfen die Menschen in deren Heimatländern weiter an Hunger oder längst heilbaren Krankheiten leiden.

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