Wenn Amphibien aussterben

Bergmolche überleben zwar häufig die Krankheit, übertragen sie aber auf andere Amphibienarten. Foto: Anevrisme / CC-BY-SA-3.0-migrated

Nicht nur der Klimawandel und die Zersiedlung von Feuchtgebieten bedrohen ihre Existenz: Weltweit breiten sich Pilzkrankheiten aus, die Molche, Lurche oder Kröten töten. Ursache ist der internationale Handel mit exotisch aussehenden Fröschen

Dunkelgrün, vielleicht 30 Zentimeter hoch und scheinbar unendlich lang: Derzeit sind überall in Deutschland die blauen Plastik-Zäune aufgespannt, die Frösche, Lurche oder Kröten von den Straßen fern halten sollen. Es ist Paarungszeit auch bei den Amphibien – und weil das für manch unbedachten Drang sorgt, sind solche Zäune überlebenswichtig. Denn die Amphibien sind auch hierzulande extrem bedroht. Das Bundesamt für Naturschutz stuft Amphibien und Reptilien in Deutschland als stärker gefährdet ein als andere Artengruppen.

Einerseits sorgt der Siedlungsdruck des Menschen und auch seine Landwirtschaft dafür, dass immer mehr Feuchtgebiete und Tümpel verschwinden, Lebensgrundlage für die kiementragenden Larven der Lurche. Andererseits setzt der Klimawandel die Tiere mit steigenden Temperaturen und zunehmenden Dürreperioden unter Stress. Eine Studie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ergab: Die Bestände gehen zurück und die Ausbreitungsgebiete werden kleiner oder verändern sich so sehr, dass die jeweilige Art ganz weichen muss.

In Asien hatten die Tiere Zeit, Abwehrkräfte zu bilden

"Neuerdings kommt der Salamanderfresser noch dazu, eine Pilzkrankheit, gegen die es keine Rettung gibt", sagt die Gewässerökologin Malvina Hoppe. Es handelt sich um den Pilz Batrachochytrium salamandrivorans, kurz Bsal, der aus Asien stammt. "Dort konnte sich die heimische Amphibienfauna über Jahrmillionen auf die Existenz des Erregers einstellen", sagt Hoppe, die beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LVB) zuständig für Amphibienschutz ist.

Hier aber sind Molche und Lurche dem Pilz schutzlos ausgeliefert: Ist ein Tier befallen, bedeutet das den raschen Tod, der Pilz frisst buchstäblich Löcher in die Haut. Hoppe: "Feuersalamander sterben nach etwa zwei Wochen, auch Kammmolche oder Alpensalamander sind bedroht. Bergmolche überleben zwar, aber sie übertragen so die Krankheit auf andere Amphibien."

In der Eifel, im Ruhrgebiet, in Bayern - Deutschland habe sich in den letzten Jahren zu einem regelrechten Hotspot der "Salamanderpest" entwickelt, wie es Hoppe nennt: Besonders in der Grenzregion zu den Niederlanden sind viele Fundstellen registriert. Es wird vermutet, dass die Krankheit durch den internationalen Amphibienhandel über die Niederlande nach Deutschland eingeschleppt wurde, im Nachbarland ist die Salamanderpopulation bereits um 95 Prozent eingebrochen.

Um mehr über die Ausbreitung der Krankheit zu erfahren, ruft der Landesbund die Bevölkerung in Bayern nun zur Mithilfe auf: "Wer einen toten Feuersalamander beim Spaziergang bemerkt, solle diesen fotografieren und uns mit den Koordinaten-Daten melden", bittet Malvina Hoppe unter Feuersalamander@lbv.de. Die Experten würden dann versuchen, das verendete Tier zu bergen und zu untersuchen.

Bsal ist nicht der einzige Pilz, der die heimischen Amphibien bedroht. Ein anderer nennt sich Batrachochytrium dendrobatits, kurz Bd, benannt nach den zentralamerikanischen "Dendrobatiden", den Pfeilgiftfröschen, die massenhaft verenden. "Beide Pilze sind weltweit ziemlich sicher durch den Menschen verfrachtet worden", sagt Stefan Lötters von der Universität Trier.

Asiatische Molche für unsere Gartenteiche: Neben dem Handel mit Lebendtieren könnten die Erreger auch indirekt verfrachtet worden sein, etwa mittels Wasserpflanzen oder Froschschenkeln für den Kochtopf, so der Professor für Biogeografie: "Während Bsal fast nur Schwanzlurche befällt, ist Bd auf alle Amphibien übertragbar."

Massensterben ganzer Populationen

Immerhin ist Bd in Europa nicht so aggressiv. "Dieser Pilz wirkt sich ungünstig auf die Amphibien aus, wenn sonstige Bedrohungen hinzukommen, wie zum Beispiel der Stress durch den Klimawandel", so Lötters. Tropische Arten seien durch Bd deutlich bedrohter, vor allem in Südamerika und Australien. "In diesen Regionen hat Bd lokale Massensterben von ganzen Populationen ausgelöst." Die Wissenschaft geht davon aus, dass etliche Arten nach dem Befall ausgestorben sind.

Gibt es irgendeine "Medizin", mit der Amphibien geschützt werden könnten? "Im Prinzip könnte man Bd und Bsal mit einem Antimykotikum behandeln", so Lötters, einem Arzneimittel gegen Pilzinfektionen. Bei Bsal würde sogar eine Wärmebehandlung anschlagen, der Pilz stirbt dabei ab. "Im Freiland ist das Ganze jedoch nicht praktikabel: Man würde nicht alle infizierten Tiere erwischen." Außerdem existierten wohl bisher nicht bekannte Reservoire, beispielsweise gebe es Hinweise, dass Bsal auch auf totem Laub überleben kann.

Für Amphibienschützer wie den bayrischen Verband für Amphibien- und Reptilienschutz bergen die Pilze schlimmste Szenarien: Mit viel Aufwand und Behördengeld richten sie ein für Molche oder Kröten intaktes Habitat her, und plötzlich ist es von einem Monitoring zum nächsten leer. In Bayern trat der Salamanderpilz 2020 zu ersten Mal auf, seitdem ist seine Verbreitung scheinbar nicht mehr zu stoppen. Deshalb arbeitet der Verband mit dem LBV, dem Bund Naturschutz und auch der Universität Trier zusammen: Funde toter Salamander außerhalb Bayerns, die nicht durch Überfahren verendeten, sollten dem Lehrstuhl in Trier gemeldet werden.

Insekten, Reptilien, Vögel, Fische: Überall auf dem Planeten ist die wild lebende Fauna von einem rasanten Artensterben erfasst. Derzeit gehen jeden Tag etwa 150 Spezies für immer verloren – Tiere und Pflanzen. Herpetologen warnen jedoch, dass sich dieses Massensterben nirgendwo so schnell vollzieht wie bei den Amphibien – Arten, die an Land leben, zu ihrer Fortpflanzung aber Gewässer brauchen. Professor Lötters urteilt: "Langfristig schneiden auch wir uns den eigenen Ast ab, wenn wir Amphibien nicht schützen." (Nick Reimer)