Wenn Frauenhass tötet - und links wie rechts nur Teilwahrheiten zählen

Gewalt gegen Frauen kommt meistens mit Ansage. Grafik: Gerd Altmann auf Pixabay (Public Domain)

Wer nach einer Gewalttat wie der in Würzburg Prävention statt Abschottung und Überwachung fordert, muss bereit sein, die Gründe für die Gewalt zu analysieren - schonungslos

Die Gleichsetzung von links und rechts verbietet sich aus vielen Gründen, aber wenn Frauen Opfer schwerer Gewalttaten werden, ähneln sich die Reaktionen eines Großteils beider Lager: Die Bereitschaft, Frauenhass als Motiv in Betracht zu ziehen und das Verbrechen als Politikum zu sehen, hängt erst einmal von Herkunft und Hautfarbe des Täters ab.

Ist er weiß und westlich sozialisiert, sind es die Rechten, die darin entweder eine unpolitische "Beziehungstat" oder die Tat eines psychisch durchgeknallten Einzeltäters sehen - je nachdem, ob Täter und Opfer sich kannten. Patriarchale Denkweisen sind dann jedenfalls nicht schuld, denn die glaubt man im "christlichen Abendland" längst überwunden. Ist der Täter dunkelhäutig, sind es Linke, die erst einmal zur Entpolitisierung neigen, denn patriarchale Denkweisen gibt es zwar überall, aber in diesem Fall wäre der Hinweis auf ein solches Motiv ja von rechts instrumentalisierbar.

Als Linke enttäuscht mich nicht, dass Rechte tun, was sie immer tun - es wird dadurch nicht besser, aber ich erwarte von politischen Gegnern nicht, dass sie mich positiv überraschen. Selbstverständlich werden manche von ihnen der Meinung sein, dass ich besser gleich selbst in Würzburg erstochen worden wäre, wenn ich jetzt immer noch nicht das Asylrecht abschaffen will. Und natürlich will ich das nicht, denn das ginge eher auf Kosten von Menschen wie Chia Rabiei, der geholfen hat, den Täter zu stoppen. Der Täter selbst wird erst einmal sehr viel Zeit in einem deutschen Gefängnis oder in der geschlossenen Psychiatrie verbringen.

Auch mehr Überwachung hilft nicht gegen Gewalttäter, die ihren eigenen Tod oder einen längeren Gefängnisaufenthalt in Kauf nehmen. Soweit bekannt, hatte der Täter, der am Freitag in Würzburg drei Frauen erstach und weitere überwiegend weibliche Menschen verletzte, zuvor in einem Obdachlosenheim gelebt; er stammte aus Somalia; sein Asylantrag war abgelehnt worden. Er hatte also nicht viel zu verlieren und keine Überwachungskamera hätte ihn von der Tat abgehalten.

Im Fall des wohnungslosen Daniel G., der 2018 in Nürnberg auf drei Frauen eingestochen hatte, die aber zum Glück überlebten, konnte das Gericht angeblich nicht klären, ob sein Motiv Frauenhass war oder der Wunsch, ins Gefängnis zu kommen. Beides könnte aber auch zusammengekommen sein. Dass Daniel G. beinahe in Vergessenheit geraten ist, liegt natürlich zu großen Teilen daran, dass seine Opfer überlebt haben. Trotzdem wäre der Fall wahrscheinlich von Rechten prominenter behandelt worden, wenn er nicht weiß gewesen wäre. Beide Männer waren trotz großer Unterschiede in ihrer Vorgeschichte zur Tatzeit in einer perspektivlosen Situation, was natürlich rein gar nichts entschuldigt. Wer einfach nur sterben oder ins Gefängnis will, kann das anders regeln - für den Knastaufenthalt reicht es schon, seine Rundfunkgebühren nicht bezahlen.

Auch die Erklärung "psychische Probleme" kann die Falschen treffen

Wer Menschen - in diesen Fällen bevorzugt weibliche - potenziell tödlich angreift, tut es, weil er es will. Und von Linken kann im Gegensatz zu Rechten erwartet werden, dass sie ihre Lesart des Geschehens nicht von der Herkunft des Täters abhängig machen. Genau das passiert aber viel zu oft. Beim Versuch, Geflüchtete, People of Colour, tatsächliche oder vermeintliche Muslime vor Anfeindungen zu schützen, werden Hinweise auf "psychische Probleme" des Täters hervorgehoben. Als ob das nicht auch mit der Gefahr verbunden wäre, eine Gruppe von Menschen zu stigmatisieren, die zu großen Teilen gar nicht gewalttätig ist und es schon schwer genug hat, nämlich die Gruppe der psychisch Kranken.

Wenn dies Geflüchtete aus Kriegs- und Krisengebieten sind, kommt als Nächstes der Hinweis, es sei doch logisch, dass Menschen aus solchen Herkunftsländern psychische Probleme hätten - so auch sinngemäß am Sonntag im Neuen Deutschland. Auch das ist in der Regel "gut gemeint", zielt auf mehr Therapieangebote ab und richtet sich gegen biologischen Rassismus. Auch weiße Menschen können schließlich nach Kriegserlebnissen verhaltensauffällig sein - abgesehen davon, dass weniger weiße Menschen zwangsweise mit solchen Erlebnissen konfrontiert werden; auch wenn junge Bundeswehr-Soldaten nicht immer wissen, worauf sie sich einlassen.

Wer aber schwerste Gewalttaten ausschließlich mit den Traumata des Täters zu erklären versucht, wird damit sicher nicht erreichen, dass Geflüchteten offener und freundlicher begegnet wird. Am Ende könnten sie auch pauschal als menschliche Zeitbomben betrachtet werden. Dabei sollte sich herumgesprochen haben, dass nicht jedes Gewaltopfer und nicht jeder Zeuge von Gewalt auch zum Täter wird. Wer ein erhöhtes Risiko zumindest beim männlichen Teil der Traumatisierten vermutet, darf dann aber auch Vorsicht im Umgang mit ihnen nicht pauschal als Rassismus betrachten.

Geflüchtete Frauen sind sicher nicht weniger traumatisiert, fallen aber keineswegs durch erhöhte Gewaltbereitschaft auf - und Männer, bei denen Trauma und islamisch-konservative Erziehung zusammentreffen, haben die Wahl, ob sie gewalttätig werden oder nicht. Denn die wenigsten sind psychisch bis zur Unzurechnungsfähigkeit gestört - und auch ein Großteil der muslimischen Männer mit psychischen Problemen entscheidet sich gegen eine "Karriere" als mordender Islamist.

Ein Problem, das nur Muslime lösen können

Ob der Täter von Würzburg nun ein gefestigter Islamist war oder nur ein perspektivloser "Incel", der den Ruf "Allahu Akbar" eher spontan zur Selbstrechtfertigung genutzt hat, werden die weiteren Ermittlungen zeigen. Es dürfte aber kein Zufall sein, dass er beim Töten von Frauen nicht "Rettet die Wale" gerufen hat, sondern genau das, was Dschihadisten auch in den Sinn kam, als sie 2018 im nordsyrischen Afrin die Leiche der kurdischen Kämpferin Barin Kobane verstümmelten und das Kriegsverbrechen in einem Video festhielten.

Natürlich ist dieser Ausruf nicht immer mit Gewalt und Terror verbunden - er ist nur als Legitimation für Gewalt und Terror ausgesprochen beliebt; und dieses Problem können nur Muslime lösen, die es erkannt haben. Wenn atheistische und agnostische Linke erklären wollen, was mit dem Islam zu tun hat und was nicht, wird es peinlich. Denn der Islam ist nun mal das, was diejenigen, die sich auf ihn berufen, daraus machen - und nicht das, was wir uns wünschen, damit es für die völkischen Rechten weniger zu instrumentalisieren gibt. Wer auf Prävention statt auf Überwachung und Abschottung setzen will, darf sich nicht weigern, die Gründe für die Gewalt und die Denkweise der Täter genau zu analysieren. Wer die nämlich nicht kennt, kann keine Prävention betreiben.

Die Instrumentalisierung durch Dritte kann auch nicht das Hauptproblem von Linken sein, wenn drei Frauen in aller Öffentlichkeit erstochen werden und alle Indizien für Frauenhass als Motiv sprechen. Frauen dürfen sich dann auch mal um ihre eigene Sicherheit sorgen - wenn Linke darauf bisher keine eigenen Antworten finden außer "Deal with it, es gibt so viel strukturelle Gewalt, da müssen wir mit solchen Ausrastern leben", dann ist es wohlfeil, jedes Mal wieder über die Instrumentalisierung zu heulen.

Frauen - mit oder ohne Migrationshintergrund - sind keine Opfer zweiter Klasse. Wenn ein Rassist gemordet hat, wird von der Gruppe, aus der die Opfer stammen, auch nicht erwartet, dass sie sich erst einmal um andere diskriminierte Gruppen sorgt. Von Linken kommen dann meist klare und richtige Forderungen an die Sicherheitsbehörden zur Bekämpfung von rassistisch motivierter Gewalt. Nur Frauenhass zählt noch nicht hundertprozentig als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die entschlossen bekämpft werden muss. (Claudia Wangerin)