Wenn Lokführer oder Piloten streiken

070710_gdl_strike_leipzig2.jpg:Bild: bigbug21/CC BY-SA-2.5

In Streikzeiten tendieren die Medien zur Arbeitgeberseite, sagt eine Studie

Streiken macht in Deutschland nicht unbedingt beliebt. Das mussten zum Beispiel Ende 2014 die Lokführer erfahren. Von "Pogromstimmung" sprach damals der Vorsitzende der Lokführer-Gewerkschaft Claus Weselsky. Kein Wunder, schließlich hatte die Bild-Zeitung Weselsky, der seit 2007 Mitglied der CDU ist, als "Der Größen-Bahnsinnige" betitelt und massiv Stimmung gegen ihn und die Lokführer gemacht.

Aber auch andere Medien kritisierten die lange Streikdauer und machten dafür wie selbstverständlich die GDL verantwortlich und nicht etwa die Arbeitgeberseite. Dabei hatten die Lokführer nicht mehr und nicht weniger gemacht, als für ihr Geld zu kämpfen, und zwar ganz legal, genauso, wie es der Gesetzgeber vorsieht. Das wurde seinerzeit auch zweimal vor Gericht bestätigt, zuerst vom Arbeitsgericht Frankfurt und dann vom Hessischen Landesarbeitsgericht. Am Ende einigten sich die Tarifparteien unter anderem auf Lohnerhöhungen und Überstundenabbau. Den Kompromiss hatten als Schlichter der SPD-Politiker Matthias Platzeck und der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) vermittelt.

Doch sind solche Ausfälle wie in der Bild-Zeitung die Regel der Medienberichterstattung? Gewerkschafter haben natürlich immer den Eindruck, dass Streiks vor allem als Störfaktoren gelten und nur unter einem Aspekt wahrgenommen werden: Was bedeutet das für den Kunden? Dann ist die Resonanz natürlich negativ, denn wenn Kindergärtnerinnen, Müllmänner oder Lokführer die Arbeit niederlegen, fallen am Streiktag Bahnen aus, der Müll bleibt liegen und die Kita geschlossen.

Dass hier Menschen um ihren Lebensunterhalt kämpfen, dass die Bezahlung etwa in sozialen Berufen in Deutschland besser sein müsste - all das wird gar nicht erst diskutiert. Stattdessen ist dann vom Chaos an den Flughäfen die Rede, von der angeblichen Streikrepublik Deutschland oder vom Megastreik.

Christina Köhler und Pablo Jost, zwei Kommunikationswissenschaftler am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, haben die Berichterstattung der Medien über Tarifkonflikte in Deutschland jetzt genauer unter die Lupe genommen. Insgesamt haben sie 1.309 Medienartikel sowie 128 Pressemitteilungen der Tarifparteien untersucht und in einer Studie für die Otto Brenner Stiftung, die Wissenschaftsstiftung der IG Metall, ausgewertet. Dabei wollte Autoren-Duo wissen, warum es manche Tarifkämpfe eher in die Medien schaffen als andere und wer in welchem Licht präsentiert wird. Und schließlich untersuchten die Kommunikationswissenschaftler auch die Pressearbeit der Tarifparteien.

Dabei zeigt sich, dass vor allem über Streiks "mit angenommener hoher Betroffenheit" berichtet wird, also wenn die Medienmacher annehmen, dass viele Leserinnen und Leser persönlich und direkt von dem Streik betroffen sind. Das ist etwa bei Piloten und Lokführern der Fall, wenn Züge nicht mehr fahren und Flugzeuge am Boden bleiben. In diesem Fall stehen die Streikfolgen für die Kunden im Vordergrund der Berichterstattung. Bei Tarifkonflikten mit niedriger Betroffenheit zeigen die Medien dagegen mehr Verständnis für die Arbeitnehmer, in diesem Fall zum Beispiel Gebäudereiniger, Metallarbeiter, Redakteure, Telekom-Angestellte und Versicherungsmitarbeiter. Als Konflikte mit mittlerer Betroffenheit gelten die von Ärzten und Bodenpersonal.

Auch in den verschiedenen Phasen eines Tarifkonflikts ändert sich die Berichterstattung. In der Konfliktphase, also wenn der Ausstand läuft, wird am meisten berichtet und dann auch eher negativ, was die Konsequenzen für die Verbraucher angeht. Rückt die Einigung näher, wird es wieder positiver, aber "der Blick der Journalisten nimmt eher die Arbeitnehmerperspektive ein". Wird verhandelt, werden in den Medien eher die Arbeitgeber in der Pflicht gesehen, einzulenken, in der Streikphase eher die Arbeitnehmer.

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