Wenn der Troll zur Knarre greift

Belästigungen und Attentäter gibt es auch im Cyberspace

Wird sozial auffälliges Verhalten durch „Killerspiele“ und Internet ausgelöst oder ist es nicht umgekehrt und stellen Online-Welten nicht geradezu ein bislang ungenutztes Frühwarnsystem dar?

Wenn wieder einmal ein Jugendlicher Amok läuft, wird der Jugendschutz auf den Plan gerufen: die Jugendlichen müssen vor schlechten Einflüssen geschützt werden. Eigentlich unlogisch, schließlich hat doch ein Jugendlicher auf Erwachsenen geschossen und nicht umgekehrt? Oder soll war damit etwa gemeint, die Jugendlichen sollten besser vor ihren Eltern und Lehrern geschützt werden, von den Mitschülern ganz abgesehen? Doch nicht nur hier scheine Ursache und Wirkung gerne verwechselt zu werden.

Das Böse hat schon immer fasziniert und besonders junge Menschen sind durchaus empfänglich für Satanismus, Terrorismus, Amokläufer und Selbstmordattentate, und natürlich für jede Menge anderen kleineren und größeren Unfug. Eltern und Lehrer sollten hier durchaus aufpassen, erziehend eingreifen und aufpassen, dass nichts aus dem Ruder läuft. Überwachung, Kontrolle und Repression sind allerdings nicht die Lösung – sie verhärten die Fronten nur, führen dazu, dass die Rebellen erst recht brutal werden – ob nun Terroristen oder verzweifelte Einzel-Amokläufer.

Amokläufe sind auch keinesfalls auf Jugendliche beschränkt – Erwachsene können sich ebenso so in die Enge gedrängt fühlen, dass sie an Selbstmord denken, aber dabei noch einige auf die letzte Reise mitnehmen wollen, bei denen sie die Schuld für ihre Misere sehen. In Amerika, dem Land der Selfmademen, sind Amokläufer seit Jahrzehnten Alltag und manche Berufe sind bereits sprichwörtlich, beispielsweise die der Postler: "Going Postal" ist nach etlichen Vorfällen inzwischen ein Synonym für "ausrasten und Amok laufen" geworden.

Ebenso häufig besuchen dort ehemalige Mitarbeiter ihre früheren Kollegen und Chefs mit der Waffe in der Hand und auch Anwaltskanzleien werden nicht nur, wie in Deutschland, mal mit laufender Fernsehkamera, sondern gleich mit der Kalaschnikow im Anschlag besucht. Keine schöne Entwicklung, die die Verwilderung der Sitten und das unmenschliche Miteinander des modernen Lebens widerspiegelt. Bei den Anwaltskanzleien fragt sich ohnehin so mancher schon seit Längerem, wann es in Deutschland wohl das erste Mal soweit ist. Und auch das Vorbild für die Schul-Schießereien stammt aus Amerika.

Niemand hat das Recht, andere Menschen umzubringen, doch hilft diesen das auch nicht mehr weiter, wenn sie dann tot sind. Insofern helfen Schuldzuweisungen hier nicht weiter. Natürlich werden Einzelgänger mit der Zeit komisch, wenn sie von anderen nie akzeptiert werden, und da hilft es auch nichts, wenn sie dazu selbst einen oder auch mehrere Gründe gegeben haben. Gerade an Schulen war es ja immer schon so, dass sich eine Klasse ein schwarzes Schaf, einen Außenseiter herausgepickt hat, um diesen fertig zu machen – Kinder sind da oft sehr gedanken- und mitleidlos und gerade bei strenger Erziehung froh, selbst mal am befehlenden Ende zu sein.

Die Lehrer durchblicken diese Mechanismen dann oft nicht, sind überlastet, haben auch gar keine Zeit für solch soziale Dinge abseits des Lehrplans oder suchen sich selbst auch einen Sündenbock. Ebenso ist es später oft im Beruf: Zur morgendlichen Einstimmung sucht sich der Chef erstmal einen Mitarbeiter aus, um diesen vor allen anderen rundzumachen und anschließend eventuell noch versehentlich verbliebene Motivation und Lebenslust mit Sprüchen wie „wem es hier nicht gefällt, der kann sich ja den fünf Millionen Arbeitslosen anschließen“ oder „Das würde hier alles viel besser laufen, wenn ich euch alle raus schmeiße und alles selber mache“ zu vernichten. Ist dann die Situation einmal festgefahren, gibt es fast keinen Ausweg mehr – die einen Schüler kommen nur heulend nach Hause und gehen ihren Eltern auf den Wecker, schaffen es aber bis ins Erwachsenenalter. Andere erhängen sich eines Tages scheinbar unvermittelt und wieder andere schmieden Rachepläne. Oder ein Manager der mittleren Ebene greift nach 20 Uhr zu zwei Flaschen Rotwein, stürmt in die Büroräume der noch arbeitenden und telefonierenden Kollegen und schreit „bald dreh ich hier durch und mache euch Flaschen alle!“.

Ja, erwachsene Menschen gelten als gefestigter, doch auch hier ärgern und lähmen einen mitunter missgünstige Kollegen oder – bei Selbstständigen – Wettbewerber durch Mobbing oder Rechtsstreits; lang anhaltende Arbeitslosigkeit, Einbrüche oder persönliche Katastrophen werfen auch zuvor stabile Persönlichkeiten aus der Bahn, und auch wenn die meisten schweigend weiterkämpfen, denken einige „Was würden Sylvester Stallone oder Tom Cruise wohl jetzt tun?“ und legen dann den Plot für „Rambo IX“ vor. Ob der Betreffende aus objektiver Sicht nun wirklich Grund zur Verzweiflung hat oder einfach nur überempfindlich ist, ist weder strafrechtlich noch anderweitig wirklich das Entscheidende. Unangenehm sind jedoch die Folgen, kurzfristig für die Opfer, doch auch langfristig: Im Gegensatz zu dem, was viele Amokläufer sich insgeheim erhoffen, nämlich dass die Öffentlichkeit aufwacht und etwas zum Positiven ändert, verkehrt sich die Situation meist ins Gegenteil.

So wie ein Terroranschlag meistens zu einem politischen Rechtsruck und zur Stärkung von Polizei und Militär führt, sodass das Leben in diesen betreffenden Staat anschließend noch unangenehmer ist als vorher – was manche Terroristen ebenso erzielen wollen, wie deswegen mitunter ja auch Anschläge extra inszeniert werden, um eine Rechtfertigung für die Einführung von Kriegsrecht und Ausnahmezustand zu haben, so führen auch Amokläufer zwar durchaus dazu, dass die Machthabenden für kurze Zeit ein kleines bisschen Bammel haben. Doch das hält nicht lange an und menschlicher wird die Situation auf gar keinen Fall, wenn es einmal so weit gekommen ist.

Von heute auf morgen findet ein Amoklauf jedoch selten statt – ihm gehen wie einem eher positiv besetzten Anschlag auf einen Tyrannen oder Diktator immer lange Planungsphasen voraus, und oft genug auch Drohungen, die nicht ernst genommen werden. Die Früherkennung ist deshalb wichtig und unabhängig davon, ob man nun die so genannten "Killerspiele" persönlich als ekelhaft ablehnt, sind sie bestenfalls ein Symptom, aber nicht die Ursache.

Jedoch wird die soziale Funktion heutiger Online-"Killerspiele" von Außenstehenden unterschätzt. Das klassische PC-Spiel, in dem der Spieler alleine mit der Knarre in der Hand als einzigem „Körperteil“, den er von sich selbst im Blickfeld hat, durch Unmengen von Gängen und Stockwerke läuft und dabei auf alles schießt, das ihm vor die Flinte kommt, soll nach Untersuchungen von Wissenschaftlern durchaus zu psychischen Störungen führen, ist heute jedoch nicht mehr Stand der Technik. Auch die "Kriegsspiele" verlagern sich in Online-Multiplayer-Varianten, bei denen verschiedene Clans gegeneinander kämpfen, was bedeutet, dass der einzelne Schütze nicht mehr einsam ballernd durch die Gänge läuft, sondern sich mit seinen Clan-Mitgliedern absprechen und koordinieren muss.

Der einsame Amokläufer fällt auch hier sehr unangenehm auf und wird nicht akzeptiert. Teilweise kann es für ihn dann die Wiederholung der Erlebnisse im richtigen Leben darstellen, doch sehr oft wollen solche Einzelgänger dies auch gar nicht anders: sie sehen das Spiel nur als Spiel, und dass sie dabei den anderen das Spiel verderben, ist ihnen egal. Ebenso wie die Trolle in Online-Foren für Unruhe sorgen und nur zu gerne den anderen diskutierenden den Spaß verderben, so benehmen sich die sogenannten "Griefer" in Online-Spielen daneben. Das Problem ist seit über einem Jahrzehnt in 2D- und 3D-Online-Welten bekannt.

Besonders in den Online-Spielen, die weniger kriegerisch und mehr auf soziale Interaktion ausgelegt sind, wie die Online-Version der SIMs oder „Second Life“, fallen Griefer extrem unangenehm auf: Während alle anderen sich miteinander unterhalten und zusammen Aktionen unternehmen, taucht der Griefer plötzlich in der typischen schwarzen Lederkluft mit schwarzer Sonnenbrille à la "Matrix" auf, wie sie auch die Schul-Attentäter bevorzugen, und schießt einfach auf alle Mitspieler, so wie er es von den Ego-Shootern schon gewohnt ist. Macht er das zwei- bis dreimal, so fliegt er aus dem Spiel und wird gesperrt, was ihn nur zur Überzeugung "langweiliges Scheißspiel, fade Leute!" bringt.

Dies allerdings ist nur das Verhalten absoluter Newbies – nach dem zweiten oder dritten Rausschmiss werden sie meistens geschickter darin, nicht gleich in der ersten Minute unangenehm aufzufallen. Die Griefer ziehen ihre Befriedigung daraus, andere Spieler anzugreifen und zu belästigen und damit eben "Grief", also Leid und Schmerz, zu erzeugen. Die Akteure in den sozialeren Online-Spielen wie SIMs online und Second Life vermuten beim Auftauchen derartiger schwarz vermummte Gestalten, dass diese aus den First-Person-Ego-Shootern kommen, doch dort mit ihrer Art keinen Erfolg hatten und sich nun vermeintlich weichere Ziele suchen: die außerhalb speziell dafür eingerichteter Bereiche nicht an Schießereien interessierten Mitspieler dieser sozialen 3D-Welten. Allerdings sind auch virtuelle Polizisten und Reporter den Firmen, die die virtuellen Welten betreiben, nicht immer willkommen: Auch Störenfriede sind zahlende Kunden...

„Griefer“ sind bislang kein Massenphänomen, sondern selbst in First Person Shootern eine sehr geringe Minderheit. Erschreckend ist allerdings, dass sie bis zu einem Viertel der Hotlineanrufe verursachen und umfangreiche Kontrollmechanismen in den Spielen notwendig machen. Auch die in der letzten Zeit aufgetretenen Würmer und sonstigen Störenfriede in „Second Life“ stammen von solchen Personen, die gar kein Interesse daran haben, nach den Regeln mitzuspielen.

In den virtuellen Welten sind derartige Charaktere nur lästig; wenn ihr Verhalten in die richtige Welt überspringt und sie dann immer noch mit Bomben und Gewehren durch die Gegend laufen, wird es jedoch gefährlich. Und ebenso, wie Forentrolle mitunter ihre Opfern auch in der richtigen Welt stalken, kommt dies bei Griefern vor. Statt den Zugriff auf entsprechende Welten für Jugendliche einzuschränken – wobei im Fall des Attentäters von Emsdetten der Jugendschutz ohnehin nichts bewirkt hätte, weil er bereits 18 und mit der Schule fertig war – wäre aus also sinnvoller, unsoziales Verhalten in Foren und Online-Welten zukünftig als Frühwarnsystem zu betrachten, die Foren und virtuellen Welten nicht einfach zur Trollwiese bzw. zum Cyberschlachtfeld werden zu lassen und entsprechend zu reagieren, bevor der Avatar irgendwann auch in Real Life mit der Knarre unterm Arm seine ehemalige Schule oder Arbeitsstätte – oder auch seine Mitspieler – besucht.

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