Wenn der Wüstenwind weht

Windenergie aus Nordafrika könnte die Hälfte des gesamten Strombedarfs in Europa decken

Die Sahara hat das, was uns in den gemäßigteren Breiten fehlt: Sonnenenergie im Übermaß, weit mehr als Nordafrika und Europa zusammen verbrauchen können. Eine massive Nutzung scheitert derzeit jedoch noch an der mangelnden Wirtschaftlichkeit von Solarkraftwerken. Günstiger, wenn auch bislang noch wenig beachtet, stellen sich dagegen die Verhältnisse im Bereich der Windenergie dar.

Bild: Saharawind-Projekt

Insbesondere an der Westküste der Sahara ist das Windaufkommen ausgesprochen gut. Etwa 2000 Kilometer Küstenlinie stehen zur Verfügung, um mit Windkraftanlagen bebaut zu werden. Bei einer Bebauungsdichte von 2,4 Megawatt pro Quadratkilometer, rechnet Khalid Benhamou vom Saharawind-Projekt vor, könnten mehr als 1000 Terawattstunden pro Jahr erzeugt werden - ausreichend, um ungefähr die Hälfte des europäischen Strombedarfs zu decken.

Über eine 4500 Kilometer lange Hochspannungsgleichstromleitung könnte der Strom bis nach Deutschland transportiert werden. Bei einer Kapazität von fünf Gigawatt und mehr würden die Leitungsverluste Benhamou zufolge unter 15 Prozent liegen. Auf diese Weise könnte der in Mauretanien und Südmarokko produzierte Windstrom in Mitteleuropa und Deutschland zu konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden.

Gregor Czisch vom Institut für Solare Energieversorgungstechnik an der Universität Kassel bestätigt diese Schätzung. Seine Kalkulation ergibt Kosten von 4,5 Cent pro Kilowattstunde für den in der Sahara produzierten und nach Deutschland transportierten Strom gegenüber 6,5 Cent für Windstrom, der vor Ort in Deutschland erzeugt wird.

Ein Vorzug dieses Szenarios liegt darin, dass es Stück für Stück realisiert werden kann. Den Anfang soll ein Windpark in Südmarokko machen, um politischen Streitigkeiten über den Status des südlich davon liegenden Westsahara-Gebiets aus dem Weg zu gehen. Aufgrund der Passatwinde sind die südlicher gelegenen Küstenabschnitte zwar interessanter, aber auch in Südmarokko in der Gegend um Tarfaya ließen sich fünf Gigawatt Windstrom erzeugen, sagt Benhamou. Eine 1300 Kilometer lange Hochspannungsgleichstromleitung soll den Strom nach Spanien transportieren.

Die Koudia Al Baida Windfarm in Marokko. Bild: Saharawind-Projekt

"Dieser Strom könnte deutlich günstiger sein als der in Spanien produzierte Windstrom", bestätigt Czisch. "Die Leitungen könnten Stück für Stück bis nach Deutschland verlängert und ausgebaut werden, mit Anzapfstationen, die auf dem Weg Leistung abzweigen, und sich zu einem Ringsystem oder auch zu einem Netz entwickeln, wie es beispielsweise ABB bereits vorgeschlagen hat." Nach und nach könnten auch in Nordafrika weitere Anlagen angeschlossen werden, solarthermische Kraftwerke, Fallwindkraftwerke, je nachdem, was für eine bestimmte Region am günstigsten ist. "In der Vielzahl von Regionen und Techniken, die zur großräumigen Stromversorgung beitragen, besteht ein großes Optimierungspotenzial."

Die Idee ist klar, die Zahlen überzeugend. Da stellt sich die Frage, warum die Initiativen zur Realisierung bislang nur sehr verhalten in Gang kommen. Für Czisch liegt die Hauptverantwortung bei der Politik. "Jedenfalls fehlt es nicht an den technischen Möglichkeiten", sagt er. "Erfahrungen mit leistungsstarkem länderübergreifendem Stromtransport liegen weltweit vor und sind auch in Afrika zu finden. Wie das Beispiel Algerien zeigt, aus dem die EU 30% ihres Erdgasimports bezieht, ist auch leitungsgebundener Afrikanisch-Europäischer Energietransport kein Neuland und auch hier liegen große Investitionsvolumina vor."

Benhamou verweist ebenfalls auf Erfahrungen mit Erdgaspipelines als Beispiele für erfolgreiche Kooperationen unterschiedlicher Partner. "Die deutsch-russische Erdgasleitung stellt hier ein konstruktives Beispiel dar", sagt er. "Die Umstände legen eine Zusammenarbeit mit den nordafrikanischen Staaten nahe, die die Möglichkeit einer neuen Form von Entwicklungspolitik eröffnet: Alle Partner arbeiten gleichermaßen an dem gemeinsamen Ziel einer nachhaltigen Energieversorgung mit adäquater Infrastruktur."

Czisch zufolge müsste eine politische Initiative nicht zwingend von vornherein auf EU-Ebene erfolgen. "Ich könnte mir durchaus auch Initiativen einzelner Staaten vorstellen. Zum Beispiel könnte Spanien eine Kooperation mit Marokko eingehen. Eine Studie beschäftigt sich derzeit auch mit der Kopplung von Offshore-Windenergie in Deutschland mit Speicherwasserkraft in der Schweiz. Das könnten Keimzellen für einen großen, letztlich transkontinentalen Stromverbund sein." (Hans-Arthur Marsiske)

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