Wenn die Kassenkraft zweimal klingelt

Bisher harmlose Discounter-Verkäuferinnen entpuppen sich als skrupellose Agentinnen, die heimlich in Häuser einbrechen und Computer untersuchen. Klingt unwahrscheinlich? Nicht, wenn es nach einer der starken Politikerinnen geht

Mit den Discountverkäuferinnen ist das so eine Sache (und auch den Verkäufern, wir wollen ja nicht sexistisch sein): Da legt man seine frisch ausgewählten Waren zum Zwecke der Erwerbes auf das Rollband, will bezahlen (und das Eigentum erwerben) und dann fällt einem auf, dass man etwas vergessen hat. Denn auch wenn jetzt die diversen Lebensmittel schon in den Einkaufswagen gepurzelt sind und die bunten Scheine nur darauf warten, den Eigentümer zu wechseln, da war noch etwas. Und so wartet man auf sein Wechselgeld und beginnt derweil seine Backups an die Verkäuferin (ich bleibe mal beim Klischee) auszuhändigen.

Natürlich hat man bisher schon seine gesamten „normalen Daten“ herausgegeben, die gute Frau weiß den Namen, die Adresse, die Nummern der fünf Prepaid- und sechs Vertragshandies, die fünfzehn verschiedenen Emailadressen und kennt die Krankenakte auswendig, aber etwas fehlt noch. Und deshalb das Backup der Festplatte.

Um noch einmal klarzustellen, dass es sich um ein aktuelles Backup handelt wird eine eidesstattliche Versicherung zusammen mit einer DNS-Probe übergeben und nun können wir endlich gehen. Falls man aber gemogelt hat – das kann vorkommen, seien wir ehrlich – so wird sich abends die Discount-Verkaufskraft entweder heimlich im Jamina Bound-Outfit in unsere Wohnung schleichen, um ein Backup der Festplatte anzulegen oder aber sich mittels geheimnisvoll aussehender USB-Sticks an unsere Daten heranschleichen und in bester Krimimanier diese Daten absaugen und uns ausspionieren. Aber das ist ja auch das, was eigentlich jeder von der Kassenkraft erwartet, oder?

Wer jetzt denkt, hier hätte ich zu oft an billigem Leim geschnüffelt oder die letzten Pilze aus dem Wald genutzt, der hat nicht verstanden, was Beatrix Philipp, eine der starken Politikerinnen aus diesem Lande sagt. Wie andere starke Damen wurde sie von der Rheinischen Post „gefeatured“ wie es in Neudeutsch heißt und dabei erfährt der geneigte Leser unter anderem, dass Beatrix sich für Onlinedurchsuchungen einsetzt.

Die Resolute, wie Frau Philipp in dem Artikel betitelt wird, hat auch ein schlagkräftiges Argument für ihre Ansicht parat:

Ich verstehe nicht, dass die Bürger dem Staat weniger trauen als Aldi, Plus und Metro, denen sie bedenkenlos sämtliche Daten geben.

Das klingt einleuchtend, wenn man das obige Szenario, was uns tagtäglich begegnet, bedenkt.

Nicht nur, dass die Discounter auch die gleichen gesetzlichen Befugnisse haben wie der Staat, sie haben sich in den letzten Jahren natürlich auch hinsichtlich des Datenschutzes ähnlich hervorgetan wie die deutsche Regierung. Auch Aldi, Plus und Metro haben natürlich tagtäglich die Chance, in die heimische Wohnung einzubrechen oder mit Hilfe der Provider ggf. an unsere Computer heranzukommen.

Gleichermaßen hat keiner eine Chance, den Discountern zu entkommen, die jederzeit in der Lage sind, völlig legal ihre Schergen auszusenden um im Rahmen der neu erlassenen Gesetze auch den letzten Rechner noch der Onlinedurchsuchung auszusetzen. Fast jede Stunde liegen USB-Sticks in den Discountern herum und erwecken den Anschein, sie enthielten geheime Informationen des Verfassungsschutzes, Verkäuferinnen kommen kaum mehr dazu, die gekauften Waren einzuscannen, so sehr sind sie damit beschäftigt, sich auch noch das letzte Detail des Kernbereiches der privaten Lebensführung des Käufers anzuhören.

Ob sexuelle Ausrichtung, Kaufverhalten, private Probleme, finanzieller Zustand oder Phantasien jedweder Art – es gibt nichts, was der geneigte Kunde nicht der Verkäuferin erzählt. Was bleibt ihm denn auch übrig, wo doch notfalls im Geheimen nachkontrolliert wird? Und zwischen dem neuesten Sonderangebot und der günstigen Kunststofftüte lächelt er und gibt natürlich die Einwilligung dazu, dass sich die drei Engel vom Aldi demnächst auch in seine Wohnung fighten und dort seinen Plüschtux mit einem Handkantenschlag erlegen bevor sie dann den Keylogger installieren und dezent noch den letzten Werbeprospekt hinterlassen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Frau Philipp nicht ausgerechnet in den eigenen vier Wänden ein Deathmatch mit Frau Korfmann liefert, die in ihrer Wohnung eine Schutzzone sieht:

Da guckt keiner rein.

Tja, bis dann die erste Discounterin auftaucht. Denn wenn man Frau Philipp ernst nimmt, vertraut ja jeder den Discountern auch noch die letzten sensiblen Daten an, um ein paar Rabattpunkte zu ergattern. Widerstand ist zwecklos bis nicht vorhanden. Hoffentlich kommen dann die Discounter nicht auf die Idee, die vielleicht sogar geheimen Daten noch zu verraten – wie das ausgeht. sieht man ja zur Zeit bei den Journalisten (vgl. "Dass das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in dieser Weise ignoriert wird, ist bedenklich").

Für den versierten Computernutzer, der jeden Tag seine sexuellen Phantasien zwischen Ölsardinen und Billigprosecco der Kassenkraft ins Öhrchen flüstert, bleibt nur eines: Türen verschließen und immer darauf achten, was als Startpage eingetragen ist. Wenn es statt der Bombenbauanleitung plötzlich das Angebot des Discounter ist: hit and run!

Aber vielleicht haben wir ja auch Frau Philipp völlig falsch verstanden und sie meint nur, dass die Diskussion um die Onlinedurchsuchung einfach einen unverhältnismäßigen bürokratischen Aufwand bedeutet. So wie es auch bei der Frage, ob Unternehmen ihre Kunden informieren sollten/müssen, wenn die Gefahr besteht, dass deren Daten missbraucht wurden, der Fall war. Oder wir verkennen einfach Frau Philipps dahinter stehende berechtigte und verantwortungsbewusste Absicht. (Twister)

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