Wenn es quakt wie eine Ente, war es im Zweifel die Regierung

Bigfoot, Osama Bin Laden und Prinzessin Diana betreten gemeinsam eine Bar. "Das kann kein Zufall sein", denkt der Barkeeper und zückt sein Smartphone - Eine Replik

Wie unserem Barkeeper geht es nach wie vor vielen Kommentatoren in der Causa Epstein. Auch zwei Wochen post mortem sind die Stimmen nicht verebbt, die behaupten, der Tod von Jeffrey Epstein sei kein Freitod gewesen, sondern ein Mord und der Mord nicht irgendein Mord, sondern ein Auftragsmord und der Auftragsmord nicht irgendein Auftragsmord, sondern natürlich ein Auftragsmord mit Hintermännern im neunten Höllenkreis der milliardenschweren Machtelite. "Das kann kein Zufall sein", beten ganze Kommentarspalten im Chor.

Wenn es hierfür keinerlei Beweise gibt: halb so wild. Wenn der Autopsiebericht das Gegenteil berichtet: Hey, Schwamm drüber. Wenn die seriösen Medien darüber nicht berichten: Die sind halt Teil der Verschwörung!

"Man wird ja wohl noch andeuten dürfen, dass es kein Selbstmord war", so der Tenor. Einfach so. Aus einem Bauchgefühl heraus. Und zwar bitte schön ohne gleich "Verschwörungstheoretiker" genannt zu werde für diese … nun ja … wie soll man sagen … Theorie, über die, äh … große Verschwörung? Ach, egal. Wie dem auch sei: Wer das V-Wort verwendet, ist der Feind. Der Feind, der Paketband über die Münder nonkonform redender Kritiker klebt. Antiaufklärerisch und womöglich von Strippenziehern bezahlt.

So oder so ähnlich liest man es.

Fakt eins: Ich habe einen Artikel zum Thema Epstein-Verschwörungsdenken geschrieben. Fakt zwei: Man wirft mir vor, ein systemkonformer Naivling zu sein. Fakt drei: Diese Resonanz ist sowohl vorhersehbar als auch inhaltlich deplatziert.

Ich glaube nicht fraglos an Selbstmord, wie mir vorgeworfen wird: Fall Epstein: Journalisten, die fraglos an Selbstmord glauben. Das stand auch nirgends so in meinem Artikel. Ich habe vor allem darauf hingewiesen, dass konspirative Spekulation - im Fall Epstein und ganz allgemein - als das benannt werden muss, was sie ist: konspirative Spekulation.

Und dass sich alle Hobby-Chefermittler, die den Fall bereits mit ferndiagnostischer Magie gelöst zu haben meinen, bitte mal bremsen sollten. Allerdings gibt es ein paar Dinge, an die ich durchaus fraglos glaube:

  1. Ich glaube fraglos an die menschliche Neigung, sich vorschnell einen Reim zu machen auf unverstandene Ereignisse.
  2. Ich glaube fraglos an die Tendenz der Alles- und Besserwisserei.
  3. Ich glaube fraglos an die Tatsache, dass den meisten Zeitgenossen Meinungen immer (ich wiederhole: immer) wichtiger sind als Fakten.

Woran ich mittlerweile nach mehreren Jahren der Verschwörungstheorie-Recherche nicht mehr glaube: epistemische Demut. Daran, sich einfach mal einzugestehen, dass man etwas nicht weiß. Daran, weitere Entwicklungen abzuwarten anstatt wild zu spekulieren. Dabei würde genau das vielen Mitmenschen guttun. Die eigene Meinung der Faktenlage anzupassen - und nicht umgekehrt.

Was ist aus dem sokratischen Eingeständnis des Nichtwissens geworden?

Heute ist das Internet voller Anti-Sokratiker. Aus "Ich weiß, dass ich nicht weiß" wird ein "Ich weiß, dass ich alles weiß - und zwar schneller als die Behörden." Von epistemischer Demut jedenfalls keine Spur. Ermittlungsergebnisse abwarten? Fehlanzeige. Vor allem nicht bei jenen, deren Epstein-Mordkomplott-Verschwörungstheorien fester stehen als das Metropolitan Correctional Center, in dem Epstein verstorben ist.

Warum auch? Man muss keine Ermittlungsergebnisse abwarten, wenn man davon ausgeht, dass "Vertreter von Ermittlungsbehörden absichtlich Ermittlungen sabotieren". Hier beißt sich die konspirative Schlange selbst in den Schwanz.

Ist mein Text "Epstein, Epstein, alles muss versteckt sein" eine Absage an den kritischen Journalismus? Ist mein Buch "Wahrheit und Verschwörung - Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist" ein Abgesang auf das kritische Denken? Bloß alles schlucken, was Die Mächtigen™ uns auftischen? Guten Appetit?

Nein, nein und nochmals nein.

Was ich möchte, ist, dass die Menschen sich ihrer konspirativen Denkweisen bewusst werden - sie sich eingestehen und sich klarmachen, welche intelektuellen Fallstricke sich hinter dieser Denke verbergen.

"Hier wird allen Ernstes getadelt, dass Nutzer sozialer Medien jene zentralen Fragen stellen, die eigentlich von kritischen Journalisten öffentlich und mit der gebotenen Lautstärke gestellt werden müssten", heißt es.

Falsch.

Fragen dürfen und sollen gestellt werden. Darum geht es nicht.

Ich tadele zu keinem Zeitpunkt, dass Fragen gestellt werden. Ich tadele, dass Antworten ("Epstein wurde umgebracht!!!") als Fragen ("Wurde Epstein umgebracht?") präsentiert werden. Ich tadele diese unsägliche "Ich stelle doch nur Fragen in den Raum"-Haltung, die in Wahrheit exakt null Fragen in den Raum stellt, die einer Antwort bedürften - und stattdessen zehn Antworten. Im Subtext liest man: Ja, er wurde ermordet. Ja, es wird vertuscht. Ja, es waren irgendwelche mächtigen Profiteure. Wer etwas anderes glaubt, ist ein Naivling und Handlanger der Machteliten.

So der Subtext. So der Subtext-Singsang der Konspirationisten, die nicht so genannt werden wollen. Bitte nicht das V-Wort sagen.

Aus Sicht der zirkulären Wahrnehmungswarte der Verschwörungstheoretiker sind dies - natürlich - alles nur Mechanismen, um die Wahrheit™ zu unterdrücken.

"Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass es kein Selbstmord war", heißt es. Na klar. Natürlich kann man sagen, was man will, in diesem großen Land voller Meinungsfreiheit. Wenn man so etwas allerdings ultraschnell und ohne (!) jegliche (!!) Beweise (!!!) für seine These tut, muss man auch damit leben, "Verschwörungstheoretiker" genannt zu werden. Auch das ist Meinungsfreiheit.

"Ich bin zwar kein Verschwörungstheoretiker, aber … ", raunt es durch die Republik.

Nicht zuletzt kommt immer das Argument mit den "echten Verschwörungen". Gab es nicht wirklich echte Verschwörungen? Gab es nicht den VW-Abgasskandal und das NSU-Behördenversagen und das Celler Loch und MK ULTRA und irgendwas mit Kennedy und und und?

Die Antwort lautet: Klar, es gab in der Vergangenheit immer wieder Machenschaften. Komplotte. Das bedeutet allerdings nicht, dass Glaskugel-Ratespielchen eine angemessene investigative Methode sind, diese Machenschaften und Komplotte aufzudecken!

"Dass hinter der ein oder anderen 'Theorie' möglicherweise eine wahre Realität steckt", adelt wilde Spekulation niemals zum angemessenen Erkenntnismittel. Richtig geraten ist etwas ganz anderes als gewusst. Wenn ich Sie nach der elften Nachkommastelle von Pi frage und Sie dann achselzuckend die "Theorie" äußern, es handele sich dabei vielleicht um die Neun; dann ist das in diesem Fall zwar richtig, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Sie bloß geraten haben - und gar nichts gewusst.

Die Chance war lediglich 1/10. Das Ergebnis stimmt, die Herleitung ist falsch. Wer sich trotz Nichtwissens dann als Kreiszahlenspezialist hinstellt, ist in Wahrheit bestenfalls ein Zocker, schlimmstenfalls ein Hochstapler. Und genau so verfahren Verschwörungstheoretiker. Ins Blaue raten - und falls es sich ausnahmsweise im Nachhinein als wahr herausstellt, pochen sie sich mit Inbrunst an die Brust und sagen: ICH! HAB! ES! DOCH! GEWUSST!

Da kann man nur sagen: Netter Versuch. Nix hast du gewusst. Geraten hast du. Oft ist dabei der sogenannte Rückschaufehler mit am Werk. Im Nachhinein, nach der Aufdeckung, scheint alles so, als hätte man es schon immer vorhergesehen.

Ja, ja. Die Mächtigen mal wieder. War ja klar.

"Nur weil Behörden sagen, dass etwas 'so aussieht', heißt das noch lange nicht, dass 'es' auch tatsächlich so 'ist'."

Nur weil Verschwörungstheoretiker sagen, dass etwas so aussieht, heißt es noch lange nicht, dass es tatsächlich so ist. Das "Nur weil X etwas sagt, heißt das noch lange nicht …"-Spiel ist mühsam und ergebnisoffen. Es bringt nichts.

Es gibt einen Mittelweg zwischen naiver Behördengläubigkeit und quasi-religiöser Faktenfreiheit. Als erste (!) Bestimmung eines Phänomens gibt es übrigens den sog. "Ententest": "Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente." Der Verschwörungslogiker sieht das freilich anders: "Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann will die Regierung, dass du denkst, es sei eine Ente."

Apropos Tiere.

Wie fängt ein Mathematiker einen Hasen? Er baut sich einen Käfig, setzt sich rein und definiert: "Hier ist Außen!".

Im Endeffekt ist es mit dem Konspirationisten dasselbe.

Der Verschwörungstheoretiker definiert seine Frage zur Antwort und seine Ungewissheit zum Beweis.

Nur witzig ist das leider nicht.

Jan Skudlarek, geboren 1986 in NRW. Promovierter Philosoph. 2017 erschien von ihm bei Rowohlt das Sachbuch "Der Aufstieg des Mittelfingers" über die Konjunktur von Beleidigungen. Im März 2019 veröffentlichte der Reclam-Verlag "Wahrheit und Verschwörung", ein Buch darüber, wie wir erkennen, was echt und wirklich ist. Schreibt, denkt, lebt in Berlin. Twittert.