Wenn globale Lieferketten reißen

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Corona-Krise und der Nachschub von Teil- oder Fertigprodukten. Wenn alles gut geht, steigen nur die Preise

Vor Corona, als die Welt noch in Ordnung war, wurden die Lieferketten auf Kosteneffizienz getrimmt und vielfach Single-Sourcing betrieben, um auf möglichst hohe Stückzahlen zu kommen. Der Transport per Schiff und Flugzeug sowie in zunehmendem Maße per Zug aus Fernost war bestens getaktet und äußerst zuverlässig.

Mit Corona und den unterschiedlichen Reaktionen der einzelnen Länder, ja sogar einzelner Regionen, begannen Lieferketten zu reißen. Die Verfügbarkeit von Komponenten und Fertigprodukten war teilweise abrupt nicht mehr gesichert, teilweise war dies ein schleichender Prozess, der durch externe Faktoren noch verschlimmert wurde.

Wie fragil die weltweiten Lieferverflechtung sind, zeigte sich beispielsweise im vergangenen März, als das Containerschiff Ever Given im Suezkanal auf Grund gelaufenen war und sechs Tage lang den Schifffahrtsweg blockierte. Für das Schiff selbst ging es sogar erst nach einer Zwangspause von über 100 Tagen weiter, nachdem sich der Schiffseigner Shoei Kisen Kaisha mit der ägyptischen Kanalbehörde auf eine Entschädigung geeinigt hatten.

So mancher europäische Kunde war über drei Monate von seinem Nachschub abgeschnitten. Die sorgte auf der einen Seite für einen akuten Mangel und flutete danach die Lager, weil inzwischen schon die nächste Charge im Anrollen war.

Auch danach kam es immer wieder zu Engpässen, weil verschiedene Häfen nach dem Ende der Coronapandemie die aufgrund der gestiegenen Nachfrage anfallenden Menge an Containern nicht mehr bewältigen konnten und der Abtransport aus den Häfen ins Hinterland nicht mehr funktionierte. Auf der anderen Seite drückte der eng getaktete Fahrplan der Containerriesen, so dass Container nicht verladen werden konnten und die Schiffe ihren Weg ohne die Exportgüter antraten.

Diese Probleme sind inzwischen keinesfalls behoben und werden noch verschärft durch die Tatsache, dass Container im Zielland nicht schnell genug entladen werden und so für den Transport nicht mehr im berechneten Zeitrahmen zur Verfügung stehen.

In Europa sorgt der Brexit für weitere Reibungsverluste. Die Abfertigung an den Grenzen zwischen dem britischen Königreich und der EU wird noch verkompliziert durch die politisch bedingten Sonderlösungen im Falle von Nordirland und den Wunsch der Brexiteers polnischen Arbeitskräften den Zugang zum britischen Markt zu erschweren. Dass jetzt viele LKW-Fahrer fehlen, konnte man in dem Drang zur Unabhängigkeit von der verhassten EU ja nicht vorhersehen.

Für manche Produkte hat sich die Auswahl der Rohstoffquellen stark reduziert

Ein gerade klassisches Beispiel für einen Rohstoff, auf den man in der Elektronik nicht verzichten kann, ist Galliumarsenid (GaAs). Viele elektronische Produkte sind auf Galliumarsenid angewiesen, von dem in Europa gerade mal etwa 200 Kilogramm pro Jahr in einer Fabrik produziert werden, die auf den VEB Spurenmetalle Freiberg zurückgeht.

Auch bei Antibiotika und vielen Medikamentengrundstoffen gibt es heute nur noch wenige Anbieter. In der Medizin sind diese Produktionen inzwischen meist in China angesiedelt. Auch bei Seltenen Erden ist China führend. Die könnte man zwar auch in deutschen Bergwerken gewinnen, die Umweltschutzauflagen würden die Produktion jedoch stark verteuern. Der Weltmarkt wird zunehmend von immer weniger Anbietern und dann besonders von funktionierenden Lieferketten abhängig.

Die chinesische Energiekrise sorgt für zusätzliche Probleme

Zusätzliche Probleme in der globalen Wirtschaft treten durch den Energiemangel in China auf. Ob dies in erster Linie durch den schnellen Aufschwung Chinas nach Corona ausgelöst wurde oder durch den Streit mit Australien, ist derzeit noch nicht absehbar. Derzeit rationiert mehr als die Hälfte aller Provinzen in China den Zugang zu Strom. Millionen Menschen sitzen mitunter stundenlang im Dunkeln und können ihre Smartphones nicht laden.

Wer beobachtet hat, welche Wellen der sechsstündige Ausfall der Angebote des Facebook-Konzerns kürzlich geschlagen hat, kann sich lebhaft vorstellen, wie die deutlich technikaffineren Chinesen hier reagieren. Dass Ampeln ausfielen, war da noch zu verkraften. Ärgerlicher war es schon, dass Menschen in Aufzügen feststeckten und Firmen kurzfristig ihre Produktion einstellen mussten.

So waren in der Industrieprovinz Guangdong im September fast 150.000 Unternehmen von der Energiekrise betroffen. Ärgerlich ist dabei, dass die Abschaltungen sehr kurzfristig erfolgen und die Unternehmen teilweise erst abends per App die Nachricht erhalten, dass am nächsten Vormittag der Strom abgeschaltet wird. Die führt zu regelmäßigen Produktionsstillständen, was sich ganz direkt auf die Verfügbarkeit von Waren auswirkt und damit ein weiteres Risiko für die Aufrechterhaltung der Lieferketten darstellt und steigenden Preisen.

Aufgrund steigender Kohlepreise wurden zahlreiche Kohlekraftwerke vom Netz genommen. Eine behutsame Liberalisierung des Strommarktes soll es diesen Kraftwerken ermöglichen, ihre steigenden Preise auf den Strompreis umzulegen. So will der Staat versuchen, die Stromlücken weniger dramatisch ausfallen zu lassen, riskiert damit jedoch steigende Strompreise.

Es ist derzeit nicht abzuschätzen, ob die volatile Situation bei den Lieferketten nur zu deutlichen Preissteigerungen führen wird oder ob bestimmte Produkte, an die man sich in den letzten Jahren gewöhnt hatte, einfach nicht mehr lieferbar sind. (Christoph Jehle)