"Wenn man den Mächtigen nach dem Maul schreibt, bekommt man die besseren Honorare"

Harald Schumann über die Medien und seine Dokumentation "Macht ohne Kontrolle - Die Troika"

"Wir haben genau die Medien, die wir verdienen", sagt der Journalist Harald Schumann im Interview mit Telepolis. Schumann, der 2004 beim Spiegel kündigte, nachdem eine Geschichte von ihm zum Thema Energiepolitik nur in veränderter Form erscheinen sollte, geht im Telepolis-Interview auf die aktuelle Kritik an den Medien ein und erzählt, was er bei seiner Arbeit zu der viel beachtenden Dokumentation "Macht ohne Kontrolle - Die Troika" erlebt hat.

Nach ihm gab es eine Absprache zwischen den Verantwortlichen der Europäischen Zentralbank (EZB), des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission, um sich so kollektiv seinen Interviewanfragen zu verweigern. "Das habe ich in 32 Jahren Journalistenleben zum ersten Mal erlebt", sagt Schumann.

Für den Journalisten, der beim Tagesspiegel arbeitet, ist das Verhalten ein Zeichen dafür, dass sich diese Institutionen nicht der Öffentlichkeit rechenschaftspflichtig fühlen: "Das hat mich schockiert, denn das bedeutet nämlich, dass wir auf der Reise in die Postdemokratie doch schon viel weiter vorangekommen sind, als ich es erwartet habe."

"Viele Kollegen werden daran gehindert, überhaupt kritische Journalisten zu werden, weil ihre Vorgesetzten das gar nicht wollen." Die Aussage könnte man vermutlich von ihrer inhaltlichen Richtung her auch in einem Forum eines großen Mediums lesen, wo Leser, die unzufrieden mit den Medien sind, Kritik üben. Nun stammt die Aussage aber von Ihnen, also von jemand, der Medien nicht nur aus seiner Alltagserfahrung kennt, sondern der selbst seit vielen Jahren in den großen Medien arbeitet. Wie kam es zu der Aussage, die Sie vor einigen Jahren einmal getätigt haben?
Harald Schumann: Zum einen spielen da natürlich meine persönlichen Erfahrungen beim Spiegel eine Rolle. Als ich dort gearbeitet habe, gab es Vorgesetzte und Chefredakteure, die kritische Haltungen gar nicht gerne sahen und diese dann, wenn aus ihrer Sicht nötig, abgebügelt haben.
Aber das ist lange her. Ich bin seit 2004 nicht mehr beim Spiegel. Das kann sich längst geändert haben. Allerdings weiß ich ja auch von vielen anderen Kollegen, sowohl bei Zeitungen, als auch bei öffentlich-rechtlichen Anstalten, dass bestimmte Themen und bestimmte Fragestellungen von ihren Chefredakteuren und Vorgesetzten nicht gewollt werden. Oder dass Geschichten, die ganz anders vorgesehen waren, umgestrickt werden.
Also die Problematik findet sich in vielen Medien.
Harald Schumann: Ja, natürlich. Bei Medien handelt sich um hierarchische Organisationen. Und man kann im Grunde sagen, je höher in der Hierarchie die Leute stehen, desto unkritischer wird ihre Einstellung zu Regierungs- und Konzernhandeln.
Q. Wie erklären Sie sich das?
Harald Schumann: Journalisten sind genauso wie alle anderen Menschen. Es handelt sich um den ganz gewöhnlichen Alltagsopportunismus, den es überall gibt. Gegen den Strom schwimmen, kostet nun mal viel mehr Kraft. Da müssen Sie sich erst mal weit mehr Informationen zusätzlich besorgen, die man meist nicht frei Haus serviert bekommt, wie die Agenturschnipsel aus den Pressekonferenzen oder den Pressestellen. Außerdem bekommt man leicht Ärger. Diejenigen, die man kritisiert und deren öffentliche Aussagen man in Frage stellt, haben die Möglichkeit, sich bei Vorgesetzten und Chefredakteuren zu beschweren. Hinzu kommt: Wer kritisch Position bezieht, exponiert sich persönlich. Auch das ist nicht jedermanns Sache. Wer das tut, macht sich angreifbar - was natürlich viele Leute vermeiden wollen.
Jedenfalls führt all das dazu, dass die große Mehrheit der Journalisten diesen beschwerlichen Weg scheuen, und das erst recht, wenn sie von ihren Vorgesetzten mit Gegenwind rechnen müssen.
Sie sehen hier also vor allem diese "menschliche Ebene" am Wirken?
Harald Schumann: Sicher. Hinzu kommt noch das, was meine Kollegin Ulrike Hermann mal als implizite Korruption bezeichnet hat. Es ist doch so, wenn man, um es mal alt-links auszudrücken, den Mächtigen nach dem Maul schreibt, wird man auch eher eingeladen, dann kriegt man die besseren Moderations- und Vortragsangebote, die höheren Honorare. Man gehört dazu. Das ist nicht zu unterschätzen.
Diese Erfahrung musste ich ja nun auch machen. Als wir unsere Doku gedreht haben, haben sich die relevanten Leute von allen drei Institutionen der Troika konsequent verweigert und keine Interviews gegeben. Und zwar organisiert verweigert! Das habe ich in 32 Jahren Journalistenleben zum ersten Mal erlebt, dass sich die verantwortlichen Presseleute der Institutionen miteinander verabreden und sagen, mit denen reden wir nicht.
Woher wissen Sie denn, dass es da eine Absprache gab?
Harald Schumann: Der Sprecher des damals für Währungsfragen zuständigen EU-Kommissars Olli Rehn hat das am Telefon ganz offen gesagt hat.
Was hat er gesagt?
Harald Schumann: Er sagte, nachdem wir schon mehrere Anfragen per Email geschickt hatten: "We have considered your request and I have now talked to the other two institutions, the EZB and the IMF, and we came to the conclusion that all three institutions won't cooperate with your project."
Wie bewerten Sie dieses Verhalten?
Harald Schumann: Eine solche Verweigerung gegenüber einem Medium, das ja nicht ganz irrelevant ist - Arte ist immerhin ein auf das europäische Projekt hin ausgerichteter Sender und die ARD, für die wir ebenfalls tätig waren, ist auch nicht ganz unwichtig -, ist schon erstaunlich. Offenbar müssen diese Leute die öffentliche Kritik nicht mehr fürchten. Wenn man so will, war es eine Bestätigung der Ausgangshypothese für die Recherche. Da entwickelt sich auf der supranationalen Ebene eine Form von Macht, die sich der demokratischen Kontrolle entzieht und damit auch der Kontrolle durch die Medien.
Die Medien stehen derzeit ganz schön in der Kritik...
Harald Schumann: ...ja, aber diesen Spruch, die bösen Medien sind schuld, den mag ich nicht mehr hören. Die Medien machen doch genau das, womit sie durchkommen. Da sind sie nicht anders als die Politiker. Wir haben genau die Regierung, die wir verdienen, und wir haben auch genau die Medien, die wir verdienen.
Wenn der überwiegende Teil der Bevölkerung, und damit meine ich 98 Prozent, ihre demokratischen Rechte überhaupt nicht wahrnehmen, z.B. nie mit ihrem Abgeordneten reden, sich nie öffentlich einmischen und die einzige Ausübung ihres demokratischen Rechts darin besteht, dass sie alle vier Jahren zur Wahl gehen, dann sollen sie sich nicht wundern, wenn andere die Macht ausüben, die sich um diese Demokratie wenig scheren. Medien können da nicht stellvertretend für eine massenhaft träge Bevölkerung die Revolution machen.
Diese Art von Bürgerbeteiligung ist sicherlich wünschenswert, aber leichter gesagt, als getan. Hürden gibt es viele, die Menschen daran hindern, sich politisch einzumischen.
Harald Schumann: Von welchen Hürden sprechen Sie? Wo ist die Hürde im Internet mir die Tel. meines Abgeordneten meines Wahlkreises zu suchen oder auch die Emailadresse und dort hinzuschreiben: Sehr geehrter Herr Abgeordneter, ich habe gerade gelesen, dass in Griechenland Maßnahmen verfügt wurden, die dafür sorgen, dass kranke Leute nicht mehr behandelt werden. Wie konnten Sie diesem Programm zustimmen? Also diese Art von Mail kann jeder schreiben, wenn er will.
Ganz so einfach ist es vielleicht doch nicht. Viele Menschen haben mit ihren eigenen alltäglichen Problemen zu kämpfen. Menschen gehen arbeiten, oft für wenig Lohn, kommen nach Hause, sind erschöpft, müssen ihre ganze Energie darin stecken, irgendwie sich und ihre Familie bis zur nächsten Lohnauszahlung durchbringen und haben so kaum einen Kopf dafür, ihre Gedanken auf die große politische Ebene auszurichten, um am Abend noch eine Email an einen Abgeordneten zu schicken.
Harald Schumann: Das verstehe ich natürlich. Ich meine die Mitbürger, die sich selbst für politisch halten und zum Beispiel zu Veranstaltungen kommen, bei denen ich vortrage. Wenn dann die Frage kommt, warum nichts gegen die angeprangerten Verhältnisse unternommen wird, frage ich immer: "Wo sind Sie denn engagiert?" Ich frage dann weiter: "Wer von Ihnen im Raum hatte in den vergangenen 24 Monaten Kontakt zu seinen Vertretern in den Parlamenten?" Und dann gehen, wenn da hundert Leute sitzen, maximal zwei Arme hoch. Das heißt, selbst diejenigen, die sich für politisch halten, sind nicht bereit, ihre demokratischen Rechte wirklich für den Zweck einzusetzen, für die sie ursprünglich mal erkämpft worden sind.
Aber mal noch ein anderes Beispiel. Als 2001 in Genua hunderttausend junge Leute aus ganz Europa gegen die selbsternannten Weltenlenker der G7 auf die Straße gingen und sich dort eine ganz neue Form von Protest manifestierte, bekam ich gleich am nächsten Morgen einen Anruf des Chefredakteurs Stefan Aust, der sinngemäß sagte: "Herr Schumann, Sie kennen sich doch aus, Sie wissen was diese Leute wollen. Schreiben Sie, schreiben Sie. Wir machen eine Titelgeschichte, Sie kriegen so viel Platz, wie Sie wollen."
Was lehrt uns das? Die Medien reagieren auf das soziale und demokratische Engagement der Bevölkerung. Insbesondere, wenn die Menschen es in großer Zahl tun. Und genau in der Reihenfolge ist es ja auch logisch. Medien sind nun einmal genau das, was das Wort sagt: Medien. Als solches spiegeln sie nur die Machtverhältnisse in der Gesellschaft.
Medien können aber auch steuern und Meinungen beeinflussen. Sie spiegeln wider, was sich in der Gesellschaft abspielt, aber sie können den Verhältnissen, über die sie berichten, auch einen bestimmten "Dreh" geben. Medien können "wohlwollend" über eine Demonstration berichten, sie können sozusagen durch ihre Berichterstattung eine kritische Politik fördern, die dann irgendwann vielleicht auf die Proteste einsetzt, sie können aber auch den sich formierenden "kritischen Geist" durch ihre Berichterstattung unterdrücken oder abwürgen.
Harald Schumann: Sicher. Aber das hängt auch davon ab, was sich im Rest der Gesellschaft tut. Also wenn man so will: Die Hoffnung, dass Medien unabhängig davon, was im übrigen Teil der Gesellschaft passiert, quasi eine Avantgardefunktion übernehmen könnten und sollten, die halte ich für falsch. Wir Journalisten sind keine besseren Menschen. Wir sind genauso wie alle anderen auch. Natürlich verstehe ich, dass viele Leute sich über Medien ärgern. Ich muss jeden Tag 5 Zeitungen lesen und ärgere mich ständig.
Das Verhältnis zwischen Mediennutzern und Medien ist derzeit ja ziemlich angespannt. Wie ließe sich das denn wieder verbessern?
Harald Schumann: Hm, ich kann mit diesem "angespannten Verhältnis" nicht wirklich etwas anfangen. Wie meinen Sie das?
Medien werden teilweise heftig kritisiert. Journalisten werden beschimpft, Begriffe wie Herrschaftsmedien fallen. Man kann nun darüber diskutieren, wie breit diese Medienkritik tatsächlich ist, aber sie ist zumindest hörbar. Und von daher muss man von einem "angespannten Verhältnis" sprechen.
Harald Schumann: Ok, das kann man so sehen. Das liegt aber auch vor allem daran, dass viel mehr Menschen heute die Möglichkeit haben, ihrem Ärger über schlechte Medien auszudrücken. Früher mussten sie das für sich behalten oder mühsam Leserbriefe schreiben, die dann im Papierkorb gelandet sind. Heute können sie ihre Meinung so oder so veröffentlichen, und das kann sich dann schnell mal zusammenballen. Wobei da eben häufig auch völlig überzogene Kritik dabei ist. Da behaupten Leute auch Dinge, die sie selbst nicht belegen können. Aber grundsätzlich gilt natürlich: Journalisten bekommen heute mehr Gegenwind von ihrem Publikum, und das ist doch sehr zu begrüßen.
Und wenn das wirklich in größerer Zahl stattfindet, dann wird das auch Einfluss auf die Berichterstattung haben. Bei unseren Redaktionskonferenzen kommt regelmäßig der Einwurf, ganz viele Leser haben sich gemeldet wegen dieses oder jenes Artikels und damit müssen wir uns dann auch auseinandersetzen. Grundsätzlich finde ich diese Auseinandersetzungen auch richtig.
Wenn Leute sich bei mir beschweren und fragen, was kann man denn gegen schlechte Medien tun, dann sage ich: Nehmen Sie sich den Artikel, den Beitrag vor, der Ihnen besonders falsch erscheint. Und dann prüfen Sie, welche der dort aufgestellten Behauptungen, Zuschreibungen, Tatsachen womöglich falsch sind, während das Gegenteil bewiesen ist. Und dann konfrontieren Sie den Autor/die Autorin mit Ihren Erkenntnissen in Form einer Email. Wenn er oder sie nicht antworten, dann rufen Sie nochmal an und sagen: Hören Sie zu, Sie haben dieses und jenes geschrieben, gesagt oder gesendet. Aber nach den mir vorliegenden Daten und Fakten stimmt das so nicht.
Ich bin mir hundertprozentig sicher: Zwei oder drei Anrufe reichen völlig aus, um dem Kollegen oder der Kollegin für lange Zeit klarzumachen, dass er oder sie sich das so nicht mehr leisten kann.
Also auch hier wieder die persönliche Initiative, die Ihrer Meinung nach gefragt ist?
Harald Schumann: Ja, auf jeden Fall. Ein Beispiel für den schlimmen Verfall journalistischer Sitten war die Berichterstattung in Sachen Griechenland in den zwei Monaten nach der Wahl der neuen Regierung in Athen. Dabei ist es regelmäßig vorgekommen, dass auf Basis anonymer Quellen (wo es dann heißt, aus Regierungskreisen oder ein hoher EU-Diplomat hat gesagt, also das, was man branchenintern als "unter 2" deklariert, das heißt, man darf zitieren, aber nicht sagen, wer das Zitierte gesagt hat) die Grundlagen dafür bildeten zu berichten, dass die griechische Regierung wahlweise unfähig, planlos, arrogant oder frech ist.
Jeder Journalistenschüler lernt schon in den ersten 6 Wochen: Wenn solche Vorwürfe in die Welt gesetzt werden, muss der Autor die andere Seite anrufen und fragen: "Uns oder mir ist erzählt worden, dass... Was sagen Sie dazu?" Und dann muss diese andere Seite zitiert werden. Wenn sie nicht erreichbar ist, sich nicht äußern will oder nur Beschimpfungen ausstößt, dann schreibt man genau das: War nicht erreichbar. Wollte sich nicht äußern. Aber in allen großen deutschen Medien fand vielfach die Berichterstattung nur auf Basis anonymer Quellen statt, ohne der griechischen Seite auch nur die Möglichkeit zu geben, Stellung zu nehmen. Das war eine schlimme Verletzung journalistischer Standards.
: Was ist der Grund für dieses Verhalten?
Harald Schumann: Die Kollegen haben es getan, weil es einfach war. Man konnte sich der Aufmerksamkeit des Lesers und des Zuschauer sicher sein. Es war eine Story. Eine chaotische, rebellische Regierung in Griechenland lehnt sich auf gegen den EU-Konsens, und man konnte es schnell vermarkten.
Können Sie für unsere Leser zusammenfassen, worum es bei Ihrer Doku im Kern geht?
Harald Schumann: Im Zuge der Aushandlung von Kreditverträgen mit den Schuldenstaaten wurden Delegationen von Beamten aus den drei beteiligten Institutionen EZB, IWF und EU-Kommission gebildet, die diese Verträge und die damit einhergehenden Auflagen für die kreditnehmenden Ländern und Regierungen ausverhandelt und formuliert haben.
Die Art und Weise, wie diese Verträge formuliert wurden, welche wirtschaftspolitische Konzeptionen diesen zugrunde lagen und vor allem, wie sie dann hinterher im Detail ausgeführt wurden, wurde komplett an anonyme Technokraten ausgelagert, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen. Und das hat zu kontraproduktiven Programmen geführt, die die Länder noch viel tiefer in die Verschuldung reingeführt haben, anstatt sie herauszuholen und dort der Wirtschaft massiv geschadet haben. Das gilt insbesondere für Griechenland und Portugal, aber in Teilen auch für Irland, Zypern und Spanien. Und der zweite wichtige Punkt ist: Einige der beteiligten Beamten haben erheblichen Machtmissbrauch betrieben.
Inwiefern?
Harald Schumann: Sie haben sich selbst Regierungsgewalt angemaßt, indem sie gesagt haben, entweder ihr tut dieses oder jenes oder die nächste Kredittranche wird nicht freigegeben, dann ist euer Land insolvent.
Das ist eine ganz klare Anmaßung von Macht durch ungewählte Technokraten, die keinem Parlament und keinem Rechnungshof rechenschaftspflichtig sind. Selbst wenn sie schmutzige Geschäfte gemacht hätten - was ich im Einzelfall nur vermuten, aber nicht beweisen kann - und es gäbe Beweise, könnten sie nicht verfolgt werden, weil sie diplomatische Immunität genießen. Dieser gesamte Vorgang ist mit einem demokratischen Gemeinwesen überhaupt nicht vereinbar.
Die Verhältnisse, die Sie da beschreiben, können sich ja nicht einfach so ergeben haben. Es gibt doch politisch Verantwortliche, die an der Etablierung der Troika mitgewirkt haben, und die Beamten, die vor Ort waren, sind nicht aus einem eigenen Antrieb losgezogen.
Harald Schumann: Sie handeln im Auftrag der Finanzminister und Regierungschefs der Eurogruppe. Diese tragen die politische Verantwortung, das stimmt. Allerdings haben die Beamten unglaubliche Freiheiten gehabt. Der damalige Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean Claude Juncker, jetzt Chef der EU-Kommission, hat offen zugegeben, dass er und seine Kollegen sich mit den Details und vor allem auch mit den Konsequenzen der Durchführung dieser Programme überhaupt nicht befasst haben. Insofern kann man schon sagen, dass da wirklich viel Macht übertragen wurde an nicht gewählte Beamte, die nicht einfach nur, wie manche behaupten, ausführendes Organ waren und brav ihre Pflicht erfüllt haben. Sie haben selber Gesetzestexte formuliert, um diese dann den Ministern zu diktieren und zu sagen, ihr macht es so und nicht anders. Das geht gar nicht.
Gab es etwas bei den Recherchen zu Ihrem Film, das Sie besonders betroffen gemacht hat?
Harald Schumann: Ja, dass sich keiner der Beteiligten rechtzeitig und ernsthaft mit den Folgen der Kürzungspolitik in Griechenland auseinandergesetzt hat. Denn eine der Folgen war, dass Menschen daran sterben mussten, dass sie keine medizinische Behandlung mehr bekamen. Und zwar rede ich hier von bis zu tausend Menschen pro Monat.
Bis heute weigert sich die Euro-Gruppe, einen Plan vorzulegen, wie man die heraufziehende oder schon stattfindende medizinische Katastrophe in Griechenland aufhalten muss. Das finde ich unmenschlich und unverantwortlich.
Und was noch?
Harald Schumann: Der schon angesprochene Boykott der Verantwortlichen in den drei Institutionen, die verabredet haben, mit den Autoren eines Dokumentarfilms für ARD und Arte über eine möglicherweise kritische Beurteilung der Euro-Krisenprogramme kein Interview zu führen. Sowohl die politischen Spitzenbeamten als auch ihre Chefverhandler, also Christine Lagarde und Poul Thomsen für den IWF, Benoit Coere und Klaus Masuch für die EZB und Olli Rehn und Matthias Mors für die EU-Kommission haben jede Stellungnahme für diesen Film verweigert. Und selbst die schriftlich eingereichten Fragen haben sie nicht beantwortet.
Das bedeutet, dass diese Leute sich gegenüber der Öffentlichkeit nicht rechenschaftspflichtig fühlen. Oder nur dann, wenn sie Journalisten gegenüberstehen, die willfährig und brav sind. Das hat mich schockiert, denn es bedeutet, dass wir auf der Reise in die Postdemokratie doch schon viel weiter vorangekommen sind, als ich es erwartet habe.
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