Wenn ohne Auto nichts geht: Verkehrswende macht Bogen um ländlichen Raum

Egal, wie alt, wer auf dem Land lebt, braucht häufig gerade das, was den Ökosystemen nicht gut tut: ein Auto. Foto: SergioAtWork auf Pixabay (Public Domain)

Auf dem Land sind viele Haushalte auf ein Zweit- oder Dritt-Auto angewiesen, weil der Bus nicht einmal jede Stunde anhält

Wenn die Republik von "Verkehrswende" oder "Mobilitätswende" spricht, dann meint sie in erster Linie: Bus und Bahn. Doch der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) wird jetzt nicht nur teurer, sondern ist in vielen ländlichen Regionen auch kaum existent. Damit es endlich vorangeht mit der "Verkehrswende" mahnt die Ko-Vorsitzende der Partei Die Linke, Janine Wissler, ein Umdenken an.

Es sei ein fatales Signal für die Verkehrswende, dass viele Verkehrsverbünde jetzt die Preise für Bus und Bahn anhöben, erklärte Wissler am Dienstag. Das halte nur noch mehr Menschen davon ab, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Für Menschen mit geringen Einkommen - etwa im Hartz-IV-Bezug, mit Niedriglöhnen oder kleinen Renten - sei die regelmäßige Nutzung des ÖPNV ohnehin schon lange unerschwinglich.

Während die genannten Gruppen darauf angewiesen sind, ihre täglichen Wegstrecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigen zu können, müssen sich Beschäftigte, deren Einkommen teils nur geringfügig höher ist, auf dem Land in der Regel ein Auto leisten – ob sie wollen oder nicht; Rücklagen für Reparaturen inklusive.

Damit wieder mehr Menschen in Bus und Bahn steigen, brauche es "mehr Verbindungen gerade im ländlichen Raum, bessere Taktung und bezahlbare Preise mit der Perspektive des Nulltarifs im ÖPNV", erklärte Wissler. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre, dass die neue Bundesregierung die Investitionen in den Nahverkehr absichert. "Damit könnten die klammen Kommunen planen und kämen nicht in Versuchung, den Nahverkehr weiter zusammenzustreichen", so Wissler weiter.

Angebot für 55 Millionen Menschen mangelhaft

Gerade für ländliche Regionen heißt das: Es gibt viel zu tun, denn sie sind nur schlecht für den öffentlichen Nahverkehr erschlossen. Das ist das Ergebnis einer Mobilitätsanalyse von ioki, einem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, das nach eigenen Angaben "smarte Mobilitätslösungen für die Zukunft" entwickelt. Es sind demnach vor allem die Bewohner großer Städte und Metropolregionen, die über einen sehr gut ausgebauten ÖPNV verfügen.

"Für 55 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern, die im Umland und im ländlichen Raum wohnen, ist das Angebot deutlich geringer", heißt es bei ioki. Es gebe zwar ein dichtes Netz an Haltestellen in Deutschland, doch nur weniger als die Hälfte werde auch mehr als zweimal pro Stunde angefahren.

Ein Drittel der Landbevölkerung nur davon träumen, dass die Haltestelle einmal pro Stunde bedient wird. Auch bei neuen Mobilitätsangeboten bestehe ein erhebliches Stadt-Land-Gefälle: Mehr als 90 Prozent der Ruf-Angebote, Leihräder und E-Scooter befinden sich in den Zentren der Großstädte.

Bei den Autos ist es genau andersherum: Laut den ioki-Forschern besitzt jeder vierte deutsche Haushalt mehr als einen Pkw - und fast alle Haushalte mit Zweit- oder Drittauto befinden sich im ländlichen Raum. Damit sie darauf verzichten könnten, müsste es für sie vor Ort ein attraktives ÖPNV-Angebot als Alternative geben. "Insgesamt 42 Millionen deutsche Haushalte besitzen zwölf Millionen Zweit-, Dritt- oder Viertwagen. 380.000 On-Demand-Fahrzeuge könnten diese Autos ersetzen", heißt es in einer Zusammenfassung der ioki-Studie.

Und der Ausstoß von Kohlendioxid könnte um rund 15 Millionen Tonnen pro Jahr verringert werden, was etwa zehn Prozent der Emissionen im Verkehrssektor entspricht.

"Grün-Schwarz" im Ländle verspricht "Mobilitätsgarantie"

Wenn es um "neue, nachhaltige Mobilität" geht, will das "grün-schwarz" regierte Bundesland Baden-Württemberg zum Vorreiter werden. Bis 2030 sollen die Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr verdoppelt werden, betonte der stellvertretende Ministerpräsident Thomas Strobl (CDU) Mitte Oktober. Zuvor war der Entwurf der "ÖPNV-Strategie 2030" zur Anhörung freigegeben worden.

Der Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg, Winfried Hermann (Grüne), hatte sich schon im Sommer dazu geäußert. Um das Ziel zu erreichen, brauche es eine "Mobilitätsgarantie". Für die Zeiten von 5 Uhr früh bis Mitternacht solle das Angebot verbessert werden. Konkret bedeute das, die Taktzeiten zu verringern: In ländlichen Regionen solle jede halbe Stunde eine Fahrt mit dem ÖPNV möglich sein, in Ballungsgebiet jede Viertelstunde.

Das gehe aber nicht nur mit Bussen und Bahnen, es müssten eine ganze Bandbreite von Dienstleistungen angeboten werden. Das könne zum Beispiel ein Taxi im Dienste des ÖPNV sein. Knapp 600 Millionen Euro würde die "Mobilitätsgarantie" pro Jahr kosten - und zahlen sollen die Bürger.

Nach Vorstellungen des Landes soll den Kommunen die Möglichkeit eingeräumt werden, eine Nahverkehrsabgabe einzuführen. Die Kommunen könnten selbst entscheiden, ob sie alle Einwohner oder nur die Autofahrer zur Kasse bitten wollen. Zwischen zehn und 57 Euro waren bei einem Modellversuch in vier Kommunen als Monatsbeiträge im Gespräch. (Bernd Müller)