Wenn schon die Fakten nicht stimmen

Screenshot aus einem Tagesspiegel-Video

Teil 2 der Kritik zum Corona-Journalismus

Jeder kann und darf Journalismus machen, wie er mag. Es kann dafür keine allgemeingültigen Richtlinien geben, schließlich ist Journalismus in den meisten Fällen ein kommerzielles Geschäft; ob ein Medium seinen Erfolg mit neutralen Informationen, Meinungskampf oder Kaffeefahrten machen möchte, ist ihm selbst überlassen. "Guter Journalismus", wie immer man ihn definieren mag, ist daher immer nur eine von vielen Möglichkeiten, mit nicht-fiktionalen Publikationen Geld zu verdienen. Verbindliche Vorgaben gibt es nur für den Rundfunk.

Es gibt allerdings sehr eindeutige Qualitätskriterien für Journalismus, der Orientierung geben will. Der sich von seinen Ursprüngen in der Parteipresse gelöst hat und Kampagnen für und gegen was auch immer der PR überlässt.

Im Folgenden werden Qualitätsmängel der "Corona-Berichterstattung" nur beispielhaft an einzelnen journalistischen Artikeln und Details daraus aufgezeigt, es ist keine quantitative Untersuchung. Der Fokus liegt dabei im Interesse einer möglichst guten Nachvollziehbarkeit bewusst auf einigen wenigen, wiederkehrenden Themen und Ereignissen. Sofern einzelne Medien, denen hier Fehlleistungen attestiert werden, für sich gar nicht in Anspruch nehmen wollen, eine der Aufklärung verpflichteten Journalismus zu produzieren, können sie gleichwohl als Beispiele dienen, wie das nicht gelingen kann, wenn man es doch will.

Wenn nachfolgend nur kurz von "Journalismus" die Rede sein wird, ist stets jener gemeint, der mit Recherche und Aufbereitung aktueller und relevanter Tatsachen und Meinungen ein Angebot für die gesellschaftliche Kommunikation machen möchte. Jede generalisierende Aussage ist im Zweifelsfall nur auf die hier genannten Beispiele zu beziehen, auch wenn dies nicht in jedem Satz mantraartig erwähnt wird.

Basiskategorie Richtigkeit

Das grundlegende Qualitätskriterium im Journalismus ist die Richtigkeit. Für die Orientierungsleistung der Medien sind zwar weitere Kriterien unabdingbar und viele deutlich spannender, doch ohne das strikte Bemühen um Faktizität haben wir es erst gar nicht mit Journalismus zu tun.

Umso erstaunlicher ist, wie viele Fehler sich im Journalismus finden. Neben Fragen zur Ethik fokussieren daher Medienwatchblogs vor allem auf Patzer bei der Richtigkeit, von denen es keineswegs nur bei der Bild-Zeitung reichlich gibt. Über die Tragweite einzelner Fehler in der Berichterstattung mag man streiten, letztlich kann aber jede Unrichtigkeit zu Fehlorientierungen führen, also genau zum Gegenteil dessen, was Journalismus für sich beansprucht. Zudem beeinträchtigt jede Unrichtigkeit das Vertrauen in Medien und kann damit die öffentliche Aufgabe des Journalismus insgesamt beschädigen.

Sehen, was man sehen will

Wer war am 1. August 2020 bei der Demonstration "Das Ende der Pandemie - Der Tag der Freiheit" auf der Straße? Laut Medien: "Corona-Leugner". Von Tagesschau bis FAZ ergaben alle investigativen Recherchen diese Tatsachenbehauptung. Manche Medien wie der Spiegel packen die "Corona-Leugner" nur in die URL. Und hellseherisch begabte Journalisten wussten sogar schon vor dem Ereignis, wer demonstriert, in den lyrischen Worten des RBB: "Wanderzirkus der Corona-Leugner kommt in die Stadt".

Am Framing aller Kritiker der Corona-Politik als "Corona-Leugner" und damit der Etikettierung als Realitätsverweigerer und Lügner haben viele, wenn nicht die meisten Journalisten von Anfang an einen Narren gefressen. Das Problem daran ist nur: Die Etikettierung ist schlicht falsch. Sie mag auf ein paar wenige zutreffen, aber keineswegs auf das Gros, jedenfalls ausweislich ihrer Forderungen, ihrer Plakate, ihres Demo-Aufrufs, der Gespräche mit ihnen.

Ein Leugner streitet Tatsachen ab, mit ihm kann man nicht diskutieren. Ein Kritiker hingegen beurteilt Tatsachen (und seine Wahrnehmungen dieser). Doch die Erzählung von den Corona-Leugnern beherrscht die gesamte Berichterstattung, Proteste mit diskutierbaren Positionen gibt es praktisch nicht. Doch wer wollte korrekte Infos über Details erwarten, wenn der Journalismus bereits scheitert an der einfachen Beschreibung, was zu sehen ist. (Einen entsprechenden Bericht auf Telepolis von der zweiten Großdemo vier Wochen später, bei dem sich die Berichterstattung nicht verbessert hatte, kann ich aus eigener Anschauung im Wesentlichen bestätigen.)

Mit einem falschen Begriff wird der komplette Diskurs vergiftet, ja unmöglich gemacht. Dabei wäre es so einfach, sachlich zu bleiben, wenn Journalisten ihre Behauptungen belegen würden. Da könnten sich die Medien ein Beispiel nehmen an der gerade derzeit so hochgelobten Wissenschaft, deren ganze Glaubwürdigkeit davon abhängt, dass ihre Behauptungen von jedem (mit den notwendigen Fähigkeiten) überprüft werden können.

Einen Tag nach der ersten Berliner Großdemonstration titelte der Spiegel "Mehrere Polizisten bei Auflösung von Berliner Kundgebung verletzt" und behauptete:

Bei der Auflösung der Kundgebung von Gegnern staatlicher Corona-Auflagen in Berlin sind am Samstag mehrere Polizeibeamte verletzt worden. Drei Polizisten mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Der Spiegel

Als Quelle diente folgender Tweet der Polizei selbst:

Ca. 1100 Kolleg. waren an diesem herausfordernden #b0108 im Einsatz. Stand jetzt wurden 18 von ihnen verletzt, 3 werden im Krankenhaus behandelt.

Polizei Berlin

Aus dem Hashtag "b0108", den die Polizei schlicht für alle Veranstaltungen an diesem Tag nutzte, machte der Spiegel einen einzelnen Zeitabschnitt einer einzelnen Veranstaltung - ohne jede Grundlage. Das war nicht nur gewagt spekulativ, sondern schlicht falsch. Doch zu einer eigenen Meldung aufgebauscht, lieferte diese Falschinformation den Demo-Kritikern nun einen Beleg, dass die "Covidioten" auch noch gewalttätig waren.

Die Allgegenwart des journalistischen "Sehen, was man sehen will" sei an Merkels berühmter Rede: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/ansprache-der-kanzlerin-1732108 vom 18. März aufgezeigt. Die Kanzlerin sprach:

Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.

Angela Merkel

Daraus wurde allerhand, was sie nicht gesagt hat: "Corona-Krise größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" (Neue Westfälische). "Deutschland steht nach den Worten von Kanzlerin Angela Merkel in der Coronakrise vor der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Es habe seither nichts gegeben, 'bei dem es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt', sagte Merkel in einer TV-Ansprache." (Spiegel).

Es passt einfach zu gut zum Daueralarm der Medien (eindrücklich visualisiert von Christian Laesser für die Zeit): Die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg rechtfertigt die mediale Monothematik. Dass die Darstellung, was Angela Merkel gesagt habe, schlicht falsch ist, spielte im Applaus der Medien von FAZ bis taz keine Rolle.

Kleine Fehler, große Verständnislücken

Viele Unrichtigkeiten bleiben unterhalb des Radars. Durch die allgegenwärtigen Kommentar- und Response-Funktionen wird zwar alles Mögliche bekrittelt, zu einer wahrnehmbaren Medienkritik gereicht es hingegen nicht. Sicherlich oft zurecht: hier ein Rechtschreibfehler, dort ein missverständlicher Begriff. Durch viele der kleinen Fehler (bei "Spiegelkritik" daher, wenn auch oft augenzwinkernd, "Korinthen" genannt) entsteht keine Fehlorientierung, der Journalismus büßt also nicht seine Funktion ein. Bei manch kleinen Fehlern aber eben doch.

Vor allem ist bei einigen der vermeintlich kleinen Unrichtigkeiten zu fragen, ob ihnen nicht ein grundlegendes Unverständnis der Dinge zugrunde liegt, über die gerade berichtet wird. Dann nämlich geht es nicht mehr um den kleinen Fehler. Wer nicht vollständig verstanden hat, worüber er berichtet, wird womöglich wichtige Fragen nicht gestellt (also recherchiert) haben, kann Tatsachenbehauptungen nicht auf ihre Tatsächlichkeit hin geprüft haben, vermag vielleicht Tatsachen und Meinungen nicht auseinanderzuhalten, hat eventuell den Gegenstand seines journalistischen Stücks selbst gar nicht begriffen?

"BVG-Kontrolleure verhängten 470 Bußgelder wegen Masken-Verstößen", schrieb die BZ am 24. September und wandte sich auch im weiteren Text nicht von diesem offenkundigen Unsinn ab. Die BVG, für Nicht-Berliner und Nicht-Berlin-Reisende, sind die "Berliner Verkehrsbetriebe", die für den ÖPNV ohne S-Bahn zuständig sind, also für Busse, Straßenbahn, U-Bahn, ein paar Fähren. Auch wenn es sich bei der BVG um eine Anstalt des öffentlichen Rechts handelt (wie bei den Landesrundfunkanstalten), so ist sie nicht in der Lage, "Bußgelder" zu verhängen, die eine Angelegenheit des Ordnungsrechts sind.

Grundlage für das, was die BVG kassiert hat, ist daher auch nicht das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, sondern eine von der BVG selbst gesetzte Regelung, wie dies jede Firma machen kann, daher hier auch korrekt "Vertragsstrafe" zu nennen. Für die reine Info, dass Menschen ohne Mund-Nasen-Bedeckung Geld zahlen mussten, mag diese Differenzierung egal sein. Aber die Fakten zu kennen, bedeutet eben auch zu verstehen, wer hier welche "Bußgelder" anordnet - und wer sie verwenden darf. Die "BVG-Bußgelder" landen eben nicht bei der Kommune bzw. dem Bundesland Berlin, sondern bei dem Unternehmen BVG.

"2.000 Menschen haben sich zu einer unerlaubten Kundgebung getroffen" und "die Ansammlung an der Siegessäule war keine genehmigte Kundgebung", behauptete die Zeit am 30. August. Dass sie diese falsche Darstellung der Rechtslage von der Polizei übernommen hat, macht den Fehler nicht kleiner: Demonstrationen müssen in Deutschland niemals genehmigt werden. Demonstrationen müssen nur angemeldet werden, Spontanversammlungen nicht mal das, und für Eilversammlungen gilt die gesetzliche 48-Stunden-Frist nicht (Art. 8 GG; §§ 14, 15 Versammlungsgesetz; BVerfGE 69, 315), und das gilt auch für Berlin. Ist es zu viel verlangt, dass ein Journalist, der über einen Fall des Versammlungsrechts berichtet, dieses wenigstens in den binnen zwei Minuten per Internet erschließbaren Grundzügen kennt, um keine Falschmeldungen zu verbreiten?

Tatsachen und Meinungen

Tatsachen sind immer richtig, Meinungen nie. Das macht für die Richtigkeitsprüfung erforderlich, beides strikt zu trennen - und vor allem Meinungen deutlich als solche auszuweisen, wozu zwingend gehört, sie zu personalisieren.

Der Inzidenz-Wert von 50 pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen ist eine Meinung. Wenn Politik und Behörden bei entsprechenden Werten handeln, sind das natürlich so wie die Infektionen selbst Tatsachen, ihre Interpretation aber eben etwas, worüber man streiten kann (und zwar aus allerlei Gründen). Dass Gesetze Gültigkeit haben und Verstöße gegen sie harte Sanktionen nach sich ziehen können, ist eine Tatsache, der Inhalt der Gesetze bleibt aber Meinung: Man kann eben wahlweise männliche Homosexualität unter Strafe stellen oder deren Diskriminierung.

Ein Standardfehler in der Berichterstattung ist daher die Verwechslung der Tatsache Corona mit der Meinung Corona-Politik. Und so lesen wir dann etwa völlig falsch: "Viele Prostituierte sind wegen Corona in existentieller Not". Aber nein, die existentielle Not hat nicht "Fräulein Corona" verursacht, sondern das von der Politik verhängte Prostitutionsverbot. Ob die Nachfrage auch ohne ein Verbot zurückgegangen wäre, ist reine Spekulation.

Die Wirtschaft leidet auch nicht unter Corona, sondern unter dem globalen Shutdown. Ob Dunja Halali ihre Filmarbeiten bei der ersten Berliner "Corona-Demo" tatsächlich abbrechen musste, wie es viele Medien behaupteten, wissen wir nicht. Tatsache ist allein, dass sie ihn abgebrochen hat (und, nebenbei bemerkt, natürlich zu keinem Zeitpunkt neutrale, sondern stets teilnehmende Beobachterin war, Akteurin, Partei). Halalis Bodyguard ist Fakt, die Notwendigkeit vielleicht eine Meinung, in jedem Fall eine Meinungsbehauptung.

Covid-19-Patienten auf Intensivstationen "müssen" auch nicht beatmet werden, was ein Faktum wäre, sondern sie "werden künstlich beatmet", aufgrund der Meinung der behandelnden Ärzte (aus der unendlichen Liste: Radio 91,2;Express; FAZ; Bild; Radio Bremen). Den Hinweis auf dieses völlig falsche "müssen" findet Prof. Tanjev Schultz sophistisch und entgegnet in der "journalistik":

Als mündiger Leser verstehe ich, wenn ich die kritisierte Formulierung lese, dass die Beatmung im Urteil der Mediziner, die das entschieden haben, notwendig war.

Prof. Tanjev Schultz

Aber versteht der mündige Leser auch, dass es parallel andere Meinungen gab, etwa die des Palliativmediziners, der zur Sterbebegleitung geraten hat? Entnimmt der mündige Leser diesem kurzen "müssen" auch das Geschäftsmodell des Krankenhauses? Liest er die unabhängig von Corona große Zahl medizinischer Fehlentscheidungen mit, die täglich getroffen werden? Weiß der mündige Leser, wie viele der künstlich beatmeten Patienten in die Behandlung eingewilligt haben, noch einwilligen konnten oder dies per Patientenverfügung vorab geregelt haben, und bei wie vielen Ärzte und ggf. Angehörige an ihrer statt entschieden haben?

Das Müssen gehört zur Arztsprache, aber es ist fast immer falsch. Man muss keine Tabletten nehmen, man muss nicht unters Messer, man muss sich nicht ausziehen. Es kann Wenn-Dann-Konstellationen geben: "Wenn ich als Arzt Sie behandeln soll, dann erfordert dies von Ihnen dies und das und jenes." Oder: "Wenn wir eine Antibiotika-Behandlung beginnen, dann müssen Sie sich verpflichten, diese auch bis zum Ende durchzuhalten, weil Sie sonst durch die Möglichkeit einer Resistenzbildung andere Patienten gefährden könnten." Aber viel Leid wird verursacht, weil Menschen glauben, sie müssten tun, lassen oder ertragen, was Ärzte verlangen. Es ist daher keine Petitesse, eine Zwangsläufigkeit zu behaupten, wo nur eine Meinung oder gar ein Geschäftsmodell existiert.

Über einen Beitrag "Kommentar" zu schreiben macht die Unterscheidung von Ansichten und Fakten noch nicht obsolet. Sicherlich wird "der mündige Leser" dort an vielen Stellen ein nicht geschriebenes oder nicht gesprochenes "Ich bin der Ansicht" selbst gedanklich korrekt ergänzen. Dass Prof. Christian Drosten versuche, "nach bestem Wissen und Gewissen über das neuartige und noch immer weitgehend unbekannte Virus, dessen Eigenheiten und die davon ausgehenden Gefahren für die Menschheit zu informieren", kann der Autor dieser Aussage natürlich gar nicht wissen, aber es darf sein Eindruck sein, und genau so werden es wohl die allermeisten lesen (auch dies ist eine Meinung, hoffentlich hinreichend durch "wohl" gekennzeichnet).

Aber was ist mit einer Agenturmeldung zur ersten Berliner Großdemo, in der es (vielfach kolportiert) heißt: "Trotz steigender Infektionszahlen hatten Tausende Menschen gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie protestiert"? Ist dieses "trotz" als Meinung erkennbar, und wenn ja: Wer äußert sie? Die Deutsche Presseagentur als Unternehmen? Dies zu fragen ist ebenso wenig sophistisch wie das "müssen" beim Beatmen zu kritisieren. Denn es wird ein Konflikt oder Widerspruch ohne jeden Beleg behauptet.

Ist es zwangsläufig, also eine Tatsache, dass bei "steigenden Infektionszahlen" Proteste gegen die Politik unterbleiben müssten, dass sie unsinnig sind, sich selbst ad absurdum führen? Vermutlich (Meinung!) steht hinter diesem simplen "trotz" ein Weltbild, eine Haltung, eine Meinung, jedenfalls vermittelt es so etwas. Welche nachrichtliche Aussage bekämen wir, wenn das "trotz" durch ein "wegen" ersetzt würde? Das entspräche ggf. einigem, was auf der Veranstaltung selbst proklamiert wurde: "Weil auch schärfste Eingriffe in die Grundrechte die Ausbreitung des Corona-Virus nicht komplett gestoppt haben, halten wir sie für unverhältnismäßig'." Dieses simple "trotz" kommuniziert einen "Trotz", eine Tatsachen gegenüber ignorante Haltung, ohne Beweise oder wenigstens Belege dafür zu nennen. Mit diesem simplen "trotz" scheitert die dpa als größte Nachrichtenagentur des Landes an der simplen Herausforderung, einen Sachverhalt korrekt darzustellen. (Und da sprechen wir noch nicht über die Frage, was "der mündige Leser" unter "steigenden Fallzahlen" am 2. August verstanden haben mag, so ohne jede Einordnung.)

Sich des grundlegenden Unterschieds von Meinungen und Tatsachen bewusst zu sein, könnte schon bei der Quellenauswahl helfen. Warum fokussierten Journalisten gerade zu Beginn der Pandemie so auf Merkel und Spahn, warum ist Lauterbach Dauergast in den Talkshows? Sie geben politische Meinungen zum Besten. Die Tatsachen, die sie dabei einstreuen und je nach Belieben für ihre Argumentationen nutzen, stammen regelmäßig nicht von ihnen, sind nicht Ergebnis ihrer eigenen Forschung.

Es ist geradezu Rechercheverweigerung, sich von Politikern ein Naturereignis erklären zu lassen, zumal man bei ihnen nie weiß, ob das Geäußerte wenigstens wirklich ihre Meinung ist, oder nur eine opportune Meinungsbehauptung. Im März hatte Bundeskanzlerin Merkel, die für ihre Wissenschaftlichkeit von Journalisten gefeierte "Physikerin der Macht", noch prognostiziert, 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung werden sich mit dem Corona-Virus infizieren und schloss sich dem globalen Mantra "Flatten the Curve" an. Dass wir dann eine ganz andere Politik zu spüren bekamen, ist unstrittig.

Im Dunkeln bleiben wird, wann welche Meinungsbekundungen so sehr vom Gedachten abwichen, dass man von Lügen sprechen würde. Nur selten lässt sich das so schön dokumentieren wie mit jenem denkwürdigen Tweet des Bundesministeriums für Gesundheit vom 14. März: "Achtung Fake News" stand da zwischen zwei dicken roten Ausrufezeichen, gefolgt von der Meinungsbekundung:

Es wird behauptet und rasch verbreitet, das Bundesministerium für Gesundheit / die Bundesregierung würde bald massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigen. Das stimmt NICHT! Bitte helfen Sie mit, ihre Verbreitung zu stoppen.

Bundesministerium für Gesundheit

Vielen Medien, allen voran der ARD-Faktenfinder, nahmen die politische Propaganda als Tatsache und verbreiteten sie so. Zwei Tage später wurden die "Fake News" Wirklichkeit, die Politik verhängte den Shutdown.

Die oft vernachlässigte Unterscheidung von Tatsachen und Meinungen (über Tatsachen) wird beim Qualitätskriterium "Vollständigkeit" im dritten Teil dieser Serie noch eine wichtige Rolle spielen.

Unbelegte Behauptungen

Viele Fehler ließen sich vermeiden, wenn Journalisten für wirklich jede Tatsachenbehauptung einen Beweis suchen würden. Der sarkastische Aphorismus dazu lautet: Recherche macht die schönsten Geschichten kaputt. Ein Stichwortgeber ist dabei allerdings kein Beweis, allenfalls ein Indiz.

In zahlreichen Radiogesprächen haben Ärzte gewarnt, Rauchen erhöhe das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung, aufzuhören sei daher gerade jetzt richtig und wichtig. Was soll ein Arzt auch sonst sagen, zumal wenn er Lobbyist und es Weltnichtrauchertag ist? Allein: Zum Zeitpunkt vieler dieser Tatsachenbehauptungen wusste man noch gar nichts, es gab schlicht keine Daten, später sogar welche, die die gegenteilige Annahme stützten. Es waren stets nur Meinungen (genauer: Glaubenssätze), die von Experten geäußert fälschlich als Tatsachen behandelt wurden. Aktuell spricht das RKI von "schwacher Evidenz".

In der Sendung "Forschung aktuell" riet ein Wissenschaftsjournalist noch Ende März, beim Einkaufen Handschuhe zu tragen. Hier hätte die fehlende Evidenz schon auffallen können, wenn er noch dazu gesagt hätte, wie genau das schützen soll.

Fehler werden nicht korrigiert

Auf den fatalen Fehler in der Spiegel-Meldung über verletzte Polizisten hatten zahlreiche Twitter-Nutzer hingewiesen, vom Social-Media-Team erfolgte jedoch keine Reaktion. Auf eine Presseanfrage teilte der Spiegel nach drei Tagen Bearbeitungszeit mit:

Wir möchten Ihnen versichern, dass die SPIEGEL-Redaktion auch in diesem Fall sorgfältig recherchiert hat. An unserer Berichterstattung halten wir fest; sie fußt auf mehreren, offiziellen Quellen.

Der Spiegel

Erst eine Eingabe bei der neu eingerichteten Ombudsstelle führte schließlich zu einer Korrektur. In einem Hinweis am Ende des geänderten Artikels wird allerdings keine Verantwortung für die eigene Fehlleistung übernommen, eine aktive Korrektur auf Social Media gab es nicht (ausführlich dokumentiert auf Spiegelkritik).

Der Umgang des Journalismus mit seiner Fehlerproduktion ist eine lange, traurige Geschichte. Gerade hat Jakob Buhre sein wochenlanges Bemühen dokumentiert, in einzelnen Medien die Falschbehauptung korrigieren zu lassen, die Anmelder der Berliner Demonstration vom 29. August hätten sich nicht von gewalttätigen beziehungsweise rechtsextremem Demonstranten distanziert. Das falsche Narrativ ging schon bei der ersten Berliner Großdemonstration durch die Medien, obwohl bereits im Aufruf die Ablehnung jeglicher Gewalt stand (pdf).

Ungenaue Behauptungen

In vielen Fällen lassen sich Aussagen nicht eindeutig als falsch bezeichnen, obwohl sie bei einigen Rezipienten sicherlich ein falsches Bild zeichnen, also eines, das relevant verschieden ist von dem, das bei eigenem Augenschein der Geschehnisse entstünde.

So beginnt noch Ende August ein Teaser zur Entwicklung der Pandemie bei Spiegel.de mit dem Satz:

Auf den Covid-Stationen der Krankenhäuser hat sich die Lage entspannt, auch die Todeszahlen stagnieren.

Der Spiegel

Das behauptet zunächst einmal, "auf den Covid-Stationen" sei die Lage irgendwann zuvor angespannt gewesen. Man möchte nach den Belegen fragen - oder schlicht den validen Zahlen: in wie vielen Krankenhäusern war von wann bis wann die Lage angespannt (was ja nur bedeuten kann: hart an der Kapazitätsgrenze)? Und die nächste Frage betrifft die Aktualität: Wann genau hat sich die Lage entspannt? Selbst nach der im Artikel veröffentlichten Statistik hat sich da seit drei Monaten nur wenig verändert, die Zahlen waren konstant sehr niedrig (das "sehr" sei angesichts der explizit nur für Covid-19-Patienten zur Verfügung gestellten Kapazitäten eine erlaubte Wertung).

Letztlich kann man auch viele Irreführungen durch unpassende Zusammenhänge unter dem Gesichtspunkt fehlender Richtigkeit bemängeln. Wenn die Zeit beispielsweise ein Interview zur "Berliner Clubszene" (das in seiner Fragepenetranz schon preiswürdig ist) mit einem Foto aus den USA illustriert, dessen Botschaft völlig im Kontrast zu den Aussagen im Text steht. Doch dazu mehr bei den Qualitätsstichworten "Objektivität" und "Repräsentativität". (Timo Rieg)