Wer Leseprobleme hat, stirbt früher?

Eine britische Studie hat untersucht, welche Folgen es haben kann, wenn Menschen Anweisungen zur Einnahme von Medikamenten nicht und nur teilweise verstehen können

Wer Analphabet ist, aber auch wer nicht so ganz versteht, was er in Texten liest, ist nicht nur von einer wesentlichen Grundlage unserer Kultur und unseres Arbeitslebens ausgeschlossen, sondern scheint als Folge auch noch an Lebenserwartung einzubüßen.

Nach einer Studie von Wissenschaftlern des University of College, die im British Medical Journal erschienen ist, soll ein Drittel der älteren Briten über 65 Jahre Schwierigkeiten haben, auch nur grundlegende medizinische Informationen zu verstehen, was natürlich auch damit zu tun haben könnte, wie die Informationen formuliert sind. Wer Schwierigkeiten mit dem Verständnis von Gebrauchsanweisungen für die Einnahme von Medikamenten hat, soll nach der Studie innerhalb der nächsten Jahre doppelt so häufig sterben wie diejenigen, die keine Lese- und Verständnisprobleme haben.

Grundlage der Studie ist, dass es so etwas wie "Gesundheitsalphabetismus" gibt, womit die Fähigkeiten von Menschen gemeint ist, "grundlegende Gesundheitsinformationen und -dienste zu erhalten, zu verarbeiten und zu verstehen". Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Wissen über Gesundheit und der Krankengeschichte gibt, liegt wohl auf der Hand. Wer über Ursachen und Prävention von Krankheiten wenig weiß, soll nach US-Studien denn auch eher psychisch und physisch erkranken, weniger Präventivangebote nutzen und mehr Krankenhausaufenthalte haben.

Da das britische Gesundheitssystem schon aus Spargründen stärker auf den aktiven Menschen setze, der sich informiert und entsprechende Angebote wahrnimmt, wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob es zwischen Gesundheitsalphabetismus und Mortalität einen Zusammenhang gibt - und zwar unabhängig von den bekannten Risikofaktoren wie der sozioökonomischen Herkunft, dem Alter und schon vorhandener Krankheiten. So kann mit zunehmenden Alter nicht allein etwa der Bildungsstand eine Rolle spielen, ob man wichtige Gesundheitsinformationen versteht, sondern auch abnehmende kognitive Funktionen. Für die Studie werteten sie die Daten einer Langzeitstudie von fast 8.000 Menschen aus, die 50 Jahre und älter waren und 1998, 1999 und 2001 an einer Umfrage teilgenommen haben.

Die Teilnehmer sollten einen kurzen Test mit vier Fragen zu Anweisungen beantworten, wie man sie auf einem Beipackzettel für Aspirin findet, z.B. "Wie lange dürfen Sie die Tabletten maximal einnehmen?" oder: "Nennen Sie ein Leiden, gegen das Sie das Medikament einnehmen können?" Der Text für das fiktive Medikament wurde auf eine DIN-A4-Seite vergrößert. Die Teilnehmer konnten bei der Befragung den Text lesen, um dort nach den Angaben zu suchen. 67,5 Prozent konnten alle Fragen beantworten und erzielten so einen hohen Grad an Gesundheitsalphabetismus, 20 Prozent machten einen Fehler (mittel) und 12,5 Prozenten konnten nur zwei, eine oder keine Fragen richtig beantworten. Dabei spielte das Alter eine erhebliche Rolle. Die Hälfte der Teilnehmer im Alter von 80 Jahren und mehr konnten nicht alle vier Fragen korrekt beantworten, bei den unter 60-Jährigen war ein Viertel dazu nicht imstande. Die Bildung spielte natürlich eine wichtige Rolle, zudem waren die Menschen mit einem geringen Gesundheitsalphabetismus eher depressiv, chronisch krank (Herz, Diabetes, Asthma) und körperlich behindert, dafür rauchten und tranken sie häufiger Alkohol und bewegten sich weniger.

In der Regel wurden die Teilnehmer weitere 5 Jahre nach dem Test beobachtet, d.h. es wurde überprüft, wie viele Menschen in diesem Zeitraum starben, nämlich 621. Bei den Menschen mit einem hohen Gesundheitsalphabetismus starben 6,1 Prozent (321), mit dem mittleren waren es 9 Prozent (143) und mit dem niedrigen 16 Prozent (157). Die Wissenschaftler bereinigten die Ergebnisse um Faktoren wie Ausbildungsstand, Einkommen, Vermögen, Herkunft oder gesundheitliche Verfassung. Dabei wurde der Zusammenhang zwischen geringem Gesundheitsalphabetismus und erhöhter Mortalität geringer, er blieb aber signifikant. Mittlerer Gesundheitsalphabetismus erhöhte das Sterberisiko gegenüber dem hohen um 24 Prozent, hoher Gesundheitsalphabetismus gleich um 75 Prozent. Da Menschen mit geringer oder keiner Ausbildung und mit geringen Lese- und Verständnisfähigkeiten an solchen Umfragen auch weniger teilnehmen, könnten die Ergebnisse entsprechend verfälscht sein, was heißt, der Gesundheitsalphabetismus könnte ebenso höher wie die damit vielleicht zusammenhängende Mortalität sein. Da die Ergebnisse auch dann zutreffen, wenn erst Todesfälle zwei Jahre nach der Befragung einbezogen werden, ist eher unwahrscheinlich, dass ein altersbedingter steiler Abfall der kognitiven Fähigkeiten dafür verantwortlich ist.

Wenn geringer Gesundheitsalphabetismus tatsächlich die Mortalität bei älteren Menschen erhöhen sollte, wie die Studie nahelegt, dann ist noch keineswegs klar, aus welcher Grund dies sein könnte. Offenbar spielen die bekannten Risikofaktoren wie Einkommen oder Bildung bzw. der Lebensstil auch hier eine Rolle, aber die Verbindung ist, wie die Wissenschaftler einräumen, weitgehend unerklärt. Es sei aber bekannt, dass Ärzte die kognitiven Fähigkeiten ihrer Patienten gerne überschätzen und vielleicht die Anweisungen nicht klar und einfach genug geben. Menschen mit geringem Gesundheitsalphabetismus scheinen sich auch weniger an komplexere Anweisungen für die Medikamenteneinnahme zu erinnern oder diese zu befolgen.

Die Wissenschaftler folgern, dass in einem Gesundheitssystem, in dem es auf aktive Mitwirkung der Patienten stärker ankommt, die Kommunikation verbessert werden müsse, damit alle die angeblich gesundheitlich wichtigen Informationen und Anweisungen verstehen können. Man könnte freilich auch langfristig folgern, dass nicht nur die schriftliche Kommunikation verbessert werden müsste, sondern auch die Kluft zwischen Arm und Reich verringert werden sollte. Sie hat mit dem Ausbildungsstand zu tun (Wer lang studiert, lebt auch länger), zudem weiß man aus anderen Studien, dass die Schichtzugehörigkeit mit der Lebenserwartung zusammenhängt, dass also wer reicher ist, normalerweise auch länger lebt (Lebenserwartung und soziale Schicht). Die Frage des Gesundheitsalphabetismus ist nur Teil des Problems, zumal man davon ausgehen kann, dass keineswegs jeder, der Gesundheitsinformationen versteht, dieses auch befolgen wird. (Florian Rötzer)