Wer das große Geld hat, entscheidet

Was den Krieg unbezahlbar macht,Teil 5

Wenngleich die Rüstungsvorhaben der Bundesrepublik Anlass zum Nachdenken geben, können sie im Rahmen der zurzeit geltenden verteidigungs- und außenpolitischen Ausrichtung des Landes grundsätzlich als relativ ausgewogen gelten. Wie ist es aber mit unseren Partnern bestellt?

Teil 4: Die Heuschrecken des Waffenhandels

Die Höhe der militärischen Ausgaben Frankreichs wird durch drei Eckpunkte der politischen und diplomatischen Agenda bestimmt. Erstens sind die Verteidigungsausgaben Frankreichs historisch bedingt: Das Drama des Nazi-Überfalls von 1940 und des darauf folgenden Zusammenbruchs der Armee bewegte nach dem Krieg die französischen Politiker dazu, die Entwicklung einer eigenen Atombombe voranzutreiben, damit das Land vor der Gefahr einer erneuten Invasion geschützt wird. 1960 war es dann soweit, und seitdem bestimmt diese politische Grundsatzvorgabe einen Großteil der militärischen Ausgaben des Landes.

Zweitens setzt Frankreich zum Schutz der eigenen Industrie und - während des NATO-Austritts von 1966 bis 2009 - aus politischen Gründen auf Militärgeräte heimischer Produktion. Drittens muss Frankreich eine starke Marine und Luftwaffe zum Schutz seiner zahlreichen Überseeterritorien unterhalten. Ergänzend dazu ist die Möglichkeit, Truppen zu verlegen, um die außenpolitischen Interessen des Landes (zum Beispiel in Afrika) durchzusetzen, immer Teil der französischen Diplomatie gewesen.

Deshalb wird Frankreich in den nächsten Jahren unter anderem elf neue Fregatten der Aquitaine-Klasse zum Gesamtpreis von 7,8 Milliarden erwerben. Eine kostspielige Investition, um die Marine auf dem höchsten Stand der Technik zu halten. Das Land lässt sich seine 286 Dassault Rafale aus heimischer Produktion außerdem insgesamt ganze 40,6 Milliarden Euro kosten (142,3 Millionen pro Stück).

Doch das umstrittenste Rüstungsprojekt der französischen Streitkräfte dürfte das zugleich prestigeträchtigste sein: der 2001 in Dienst gestellte nuklearangetriebene Flugzeugträger Charles de Gaulle. Trotz eines Kaufpreises von etwa drei Milliarden Euro (ohne Flugzeuge) hat der Träger für Frankreich im Prinzip nur Symbolcharakter. Eine einsatztechnische Faustregel lautet nämlich, dass mindestens drei Schiffe nötig wären, um ein sinnvolles System zu bilden, denn: während ein Schiff im Einsatz ist, ist ein weiteres Schiff auf dem Weg zum Einsatzort oder kehrt davon zurück und ein drittes Schiff wird im Hafen gewartet.

Flugzeugträger Charles de Gaulle

Doch trotz einer Rüge des französischen Senats in diesem Sinne wurde das Vorhaben, zumindest einen weiteren Träger zu bauen, auf Eis gelegt, weil weitere Investitionen in diesem Bereich innenpolitisch zur Zeit wohl weder zumutbar noch vermittelbar wären (obwohl ein Schwesterschiff wegen der Einsparung der Entwicklungskosten wesentlich billiger wäre und diese Investitionen der heimischen Industrie zugute käme).

Dieses Beispiel illustriert stellvertretend, wie aufgrund der Teuerung der Waffensysteme im Allgemeinen bestimmte Investitionen nicht mal mehr von einem reichen europäischen Land alleine getragen werden können. Es illustriert auch, dass eine Investition dieser finanziellen und zeitlichen Größenordnung sich für das Land nur dann rentieren kann, wenn ein Gesamtkonzept zugrunde liegt.

Eine nennenswerte Flugzeugträgerflotte können heute ausschließlich die Amerikaner aufstellen. Während Frankreich gerade mal einen einzigen nuklearangetriebenen Träger finanziell schultern kann, bieten die USA elf der weltweit insgesamt zwölf nuklearangetriebenen Flugzeugträger auf. Diese sind übrigens ungefähr jeweils doppelt so groß wie der französische Träger und haben mit insgesamt 90 hochleistungsfähigen Maschinen fast dreimal mehr Flugzeuge und Hubschrauber an Bord.

Die Flugzeugträgerverbände sind deswegen die eiserne Faust Washingtons auf der völkerrechtlichen Weltbühne. Der neueste US-Flugzeugträger, die George H. W. Bush, wurde von Northrop-Grumman gebaut und 2009 unter dem Beinamen "Freedom at Work" (sic!) in Dienst gestellt. Kostenpunkt 6,2 Milliarden Dollar. Die täglichen Betriebskosten dieser Schiffen der Nimitz-Klasse werden auf ca. 250.000 Dollar geschätzt.

Allerdings ist auch zu berücksichtigen, dass Flugzeugträger nie alleine unterwegs sind, sondern stets von mehreren Begleitschiffen unterstützt werden, typischerweise ein oder zwei Kreuzer, zwei bis drei Zerstörer, ein oder zwei nuklearangetriebene U-Boote sowie verschiedene Versorgungsschiffe.

USS George H.W. Bush

Für die Amerikaner wird das Streben nach der weltweiten absoluten Seeübermacht in den nächsten Jahren nicht billiger. Eine Untersuchung des US-Kongresses von Juni 2012 geht davon aus, dass die drei schon geplanten Flugzeugträger der nächsten Generation (Gerald R. Ford-Klasse) insgesamt 37,6 Milliarden Dollar (30,2 Milliarden Euro) kosten werden.

Überteuerte Rüstungsprogramme haben in den USA allerdings eine lange Tradition. Mit Gesamtkosten von über 45 Milliarden Dollar laut amerikanischem Rechnungshof kostete jedes der 21, ab 1997 in Dienst gestellten, Tarnkappenflugzeuge Northrop-Grumman B-2 laut einer Berechnung der Time von 1992 (!) das Dreifache seines Gewichts in Gold.

Dass sogar diese rekordverdächtige Summe für ein einziges Programm überboten werden kann, zeigt eine Evaluierung des amerikanischen Rechnungshofs von 2011, in welcher die bisherigen Kosten für das neueste Luftüberlegenheitsjägerprogramm der US Air Force, die Lockheed Martin F-22 Raptor, mit 77,4 Milliarden Dollar (61,6 Milliarden Euro) angegeben wurden. Umgerechnet kostet die F-22 also rund 411,7 Millionen Dollar (327 Millionen Euro) pro Stück.

F-22 Raptor Bild: Rob Shenk. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Den wirklich großen Reibach dürfte Lockheed Martin jedoch mit der F-35 Lightning II machen können, das neue Universal-Kampfflugzeug der US Air Force, der US Navy und des US Marines Corps. Zwar wird das Flugzeug pro Stück wesentlich billiger als die F-22 sein, ganz geschweige denn die B-2, aber da ein Gesamtbedarf an 2.457 Flugzeugen angemeldet und das Projekt schon 26% teurer als geplant wurde, rechnet der amerikanische Rechnungshof für das Gesamtprogramm (inklusive Entwicklung) mit Ausgaben von insgesamt 382 Milliarden Dollar. Das ist das bisher teuerste aller Pentagon-Einzelprogramme.

Das Flugzeug, von dem bis heute nur wenige Exemplare fertiggestellt wurden, und das immer noch mit technischen Problemen zu kämpfen hat, wurde trotzdem schon über 500 mal an Australien, Kanada, Italien, Israel, Großbritannien, die Niederlanden, Norwegen und die Türkei verkauft.

Einmal gekauft müssen Flugzeuge, besonders Militärjets, jedoch gewartet werden. Daran verdient der Hersteller auch gut, manchmal fällt der Verdienst mit den Wartungs- und Aktualisierungsarbeiten sogar wesentlich höher aus als für den Verkauf der Flugzeuge selbst. Wie viel Lockheed Martin letztendlich verdienen wird, sei dahingestellt. Allerdings werden die Kosten für die langfristigen Wartungs- und Aktualisierungsarbeiten der amerikanischen Jets zurzeit auf eine Billion (1000 Milliarden) Dollar geschätzt.

Aus all diesen Beispielen ergibt sich eine Faustregel: Im Supermarkt für Militärtechnik wartet auf den Staat kurz nach der ersten Rechnungsbegleichung schon der nächste Kassengang.

Die Versorgung einer modernen Armee ist tatsächlich eine logistische Herausforderung. Nehmen wir das Beispiel einer motorisierten US-amerikanischen Brigade. Die 1.500 PS starke Gasturbine eines schweren Kampfpanzers vom Typ Abrams M1 verlangt um die 210 Liter Kraftstoff pro Stunde. Die "Spartan"-Brigade der US-Armee zum Beispiel verfügt aber über insgesamt etwa 2.000 Fahrzeuge verschiedener Typen, die in einer Kampfsituation, alle zusammen 40.000 Liter pro Stunde verbrauchen. Damit benötigte die "Spartan" im Irak also rund 2,3 bis 2,8 Millionen Liter Treibstoff am Tag. Das ist jedoch bei weitem nicht alles: Hinzu kommen noch ca. 2.000 Tonnen Nachschubgüter, sodass während des Irak-Kriegs 20.000 Soldaten und Privatangestellte damit beschäftigt waren, alleine diese Aufgabe zu bewältigen.

Die "Spartan" ist aber nicht die einzige Brigade der US-Streitkräfte. Die USA verfügen zum Beispiel über insgesamt ca. 7.725 Abrams, deren Anschaffung inflationsbereinigt ca. 8,5 Millionen Dollar (2012) pro Stück gekostet hat und für jeden dieser Panzer muss der nötige Nachschub organisiert werden. Genauso wie für die etwa 170.000 leichte Fahrzeuge (Humvee, usw.) der US-Armee.

Deshalb ist eine moderne Armee nur so gut wie sein schwächstes Glied: seine Versorgungskette.

Die Bundeswehr muss ihre Einsätze also einerseits aufgrund des benötigen Materials und Nachschubs, aber auch mit Rücksichtnahme auf die tatsächlich verfügbaren Transportmittel einplanen. Da die Airbus A400M nicht zur Verfügung stehen und die Bundeswehr die strategische Luftverlegbarkeit von schwerem Material im Rahmen der Auslandseinsätze nicht selbst stemmen kann, muss diese Transportkapazität bei privaten Anbietern eingekauft werden.

So hat die ukrainische Firma Volga-Dnepr / Ruslan-Salis seit 2006 schon etwa 700 Flüge für die Bundeswehr absolviert und etwa 40.000 Tonnen Fracht (in der Regel Richtung Afghanistan) transportiert. Dabei wird pro Flug einer Großraummaschine vom Typ Antonov AN-124 nach Einschätzung einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik von 2005 über 250.000 Dollar fällig.

Auf den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan dürfte sich die Firma Volga-Dnepr / Ruslan-Salis deshalb freuen, weil die Bundeswehr rund 6.000 Container, sowie 1.900 Fahrzeuge nach Deutschland bzw. zumindest bis zum nächsten Hafen verfrachten muss. Deshalb dürfte sich die ganze Angelegenheit nicht wirklich einfach gestalten, wie eine kürzlich erschiene Reportage der Welt es zeigt.

Antonov An-124. Foto: Markus Kutscher

Eine Antonov AN-124 kann pro Flug außerdem lediglich acht Container bzw. 150 Tonnen Nutzlast transportieren. Das ist viel für ein Flugzeug, aber wenig für ein Schiff, denn dagegen kann ein sogenanntes Panamax-Containerschiff (294m Länge mal 32m Breite) ca. 5.000 Standard-Container an Bord nehmen. Die Luftverlegung von Militärgerät - welches naturgemäß außerordentlich schwer ist -, ist deshalb immer extrem teuer.

Die britische Regierung kommt ihrerseits zum Schluss, dass die Rückverlegung der meisten Fahrzeuge sich indes einfach nicht rentiert, so dass 1.200 Fahrzeuge der afghanischen Regierung übergeben werden sollen, was zu einer möglichen Abschreibung in Höhe von einer Milliarden Pfund (1,24 Milliarden Euro) führen dürfte.

Auch "Herkules", das 1999 unter dem damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) initiierte Erneuerungsprojekt der nichtmilitärischen Informations- und Kommunikationstechnik der Bundeswehr, sorgt seit Jahren für erhebliche Missstimmung zwischen Regierung und Auftragnehmer.

Der 2006 im Rahmen eines 17.000 Seiten starken Vertrag beschlossene Vorhaben erwies sich von Anfang an als so problematisch, dass der zuständige Verteidigungsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sich schon 2010 - also nach nur vier Jahren des Projekts - gezwungen sah, ein Machtwort zu sprechen: Er nannte den Kostenanstieg von rund 700 Millionen Euro als schlichtweg "inakzeptabel".

Bei diesem Projekt geht es darum, 140.000 Rechnerplätze (PCs), 7.000 Server, sowie 300.000 Telefonanschlüsse und 15.000 Mobiltelefone an ca. 1.300 Standorten in ein einheitliches System zu verwandeln. Eine Besonderheit des Projektes ist, dass es sich um eine sogenannte öffentlich-private Partnerschaft (ÖPP) handelt. Diese hat ein Volumen von insgesamt 7,1 Milliarden und ist damit die größte Europas. Im Endeffekt handelt es sich bei dem Projekt um eine (Teil-)Privatisierung, denn der Bund hat sich nur eine Minoritätsbeteiligung im Projekt zugesichert.

Dieser allgemeine Zustand von problembehafteten Projekten ist dennoch nicht sonderlich erstaunlich, denn mit der zunehmenden technologischen Hochrüstung der Armeen wurde ein Prozess in Gang gesetzt, in dem die Waffensysteme immer leistungsfähiger, aber auch immer komplexer und somit teurerer wurden. Sie sind also sowohl entwicklungstechnisch als auch budgettechnisch schwer zu planen. Parallel dazu ist die Versorgung der Waffensysteme mit dem richtigen Nachschub eine organisations- und kostenaufwendige Angelegenheit geworden.

Planer und Schatzmeister, die für das Verteidigungsministerium arbeiten, haben die schwierige Aufgabe, Finanzierungspläne zu erstellen trotz den vielen unbekannten Faktoren, die die Weltgeschichte mit sich bringt. Die Entscheidung der französischen Regierung im lybischen Bürgerkrieg 2011 zu intervenieren, kostete das Land zum Beispiel "ungeplante" 300 bis 350 Millionen Euro.

Auch die Bundeswehr hatte 2011 unplanmäßige Extrakosten zu beklagen. Zum Beispiel belasteten das benötigte Kerosin für die AWACS-Aufklärungsflugzeuge und für die Transportflüge zwischen Deutschland und Afghanistan das Budget im besonderen Maße. Dennoch dürften diese Flüge nicht das einzige Problem gewesen sein.

Die Bundeswehr unterhält zurzeit insgesamt 1.900 Fahrzeuge in Afghanistan. Laut Angaben des Bundesministeriums der Verteidigung verbraucht ein Truppentransporter Dingo (Besatzung 6 Mann) über 30 Liter auf 100 Kilometer und der Radtransportpanzer Fuchs (Besatzung 12 Mann) bringt es auf 48 Liter. Das sind aber Verbrauchswerte auf befestigten Straßen. Im Gelände bzw. im Gebirge dürften sich diese Richtwerte mindestens verdoppeln. Kettenfahrzeuge, wie der in Afghanistan eingesetzte Marder, bringen es leicht auf 400 Liter Verbrauch auf 100 Kilometer.

Laut der Wirtschaftswoche, die sich auf einen Bericht aus Regierungskreisen beruft, seien die größten Kostentreiber 2011 deswegen "ganz profan die gestiegenen Treibstoffkosten" gewesen.

Die relative Entspannung in Afghanistan zahlte sich für die Bundeswehr dagegen aus: "Deutlich geringer fiel (…) die Position 'Erhaltung von Wehrmaterial' aus", da die Zahl der Strengstoffanschläge 2011 gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen sei und somit weniger Reparaturen notwendig waren, so der von der Wirtschaftswoche zitierten Bericht.

Frieden zahlt sich im wahrsten Sinne des Wortes also wohl aus!

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