Wer hat, dem wird gegeben

Online-Feldexperimente bestätigen den Matthäus-Effekt und zeigen, dass erste Erfolge unabhängig von jeder Leistung oder Qualität weitere nach sich ziehen

Der Matthäus-Effekt ist bekannt: "Wer hat, dem wird gegeben." Er dokumentiert eine "Volksweisheit", nach der kaum jemand eine Chance hat, der von unten kommt, während den Reichen und Mächtigen auch ganz leistungslos immer mehr Reichtum oder Macht zufließt. Das Prinzip gilt auch bei der Währung des Medienzeitalters, der Aufmerksamkeit. Google hat sich das selbstverstärkende Prinzip der Herdenbildung exemplarisch zu eigen gemacht und fördert beim Ranking das, was bereits Aufmerksamkeit gefunden hat.

Wissenschaftler des University College London und der Stony Brook University haben in einigen Versuchen den bekannten Matthäus-Effekt bestätigt und gezeigt, dass mit bestimmten Einschränkungen auch derjenige erfolgreicher ist, der bereits einen Erfolg erzielt hat: Erfolg brütet Erfolg aus, was auch heißt, Chancengleichheit bleibt eine Utopie, wenn sie nicht gezielt gefördert wird, da dann intrinsische Qualität oder individuelle Leistung für den Erfolg oft keine wichtige Rolle spielen.

Die Wissenschaftler gingen allerdings von der Beobachtung aus, dass auch dann, wenn ähnliche Menschen Projekte starten, die einen wiederholt erfolgreich sein können, während andere wiederholt scheitern. Und sie fragten sich, wie diese positive oder sich selbst verstärkende Feedback-Schleife entsteht, was sie mit vier Online-Experimenten untersuchten. Das Prinzip war einfach: Hat der mehr Erfolg, der schon von Anfang an mehr Erfolg hat? Setzen die Menschen also eher auf diejenigen, auf die mutmaßlich schon andere Menschen gesetzt haben, die also höher "bewertet" sind?

Da eine Überprüfung der Hypothese im wirklichen Leben praktisch unmöglich ist, versuchten die Wissenschaftler, wie sie in PNAS schreiben einen "frühen Erfolg" zufällig über reale Online-Projekte in Form von Spenden, Unterstützung oder Statusverstärkung zu verteilen. Arnout van de Rijt vom Institute for Advanced Computational Science an der Stony Brook University ein Programm entwickelt, mit dem man automatisch einer Vielzahl von Internet "Erfolge" zuweisen und die weitere Entwicklung verfolgen kann. Wenn dann die Rezipienten der jeweiligen künstlich gewährten Unterstützungen, die einen Anfangserfolg darstellten, auch weiterhin erfolgreicher sind als diejenigen, die leer ausgingen, dann spräche dies für die Annahme der Hypothese, da der Anfangserfolg zufällig ohne Ansehen der Person oder des Projekts verteilt wurde.

Die Wissenschaftler haben beispielsweise 100 neuen Crowdfunding-Projekten von 200 auf kickstarter.com, die noch keine Spenden erhalten haben, willkürlich eine Anschubsumme überwiesen. Diese Projekte erhielten mit einer verdoppelten Wahrscheinlichkeit danach weitere Gelder als die Projekte, die sich durch das normale Prozedere finanzierten. 39 Prozent der nicht mit Spenden bedachten Projekte erhielten weitere Spenden, aber 70 Prozent derjenigen, die von den Wissenschaftlern eine Anschubfinanzierung erhalten hatten.

Bei Petitionen funktioniert dies ganz ähnlich. Wenn eine zufällig ausgewählte Petition auf change.org von einem Dutzend Internetnutzer unterschrieben wurde, dann waren diese erfolgreicher als die anderen. Wieder erhielten zufällig ausgewählte 100 von 200 gerade eingestellten Petitionen einige Unterschriften. 66 Prozent erhielten zumindest eine Unterschrift mehr, bei den anderen waren es 52 Prozent. Ähnlich war dies bei den produktivsten Wikipedia-Editoren, die für einen Preis vorgeschlagen wurden, oder bei Autoren von epinions.org, die neue Produkte bewerten und selber von den Besuchern danach bewertet werden, wie nützlich ihre Bewertungen sind. Erhielten diese zusätzliche positive Bewertungen, dann wurden während zwei Wochen Beobachtung 90 Prozent der Bewertungen als "sehr nützlich" eingestuft, bei den übrigen waren es 72 Prozent.

Allerdings spielt die schiere Zahl offenbar keine Rolle, wichtig ist, dass etwas am Anfang gut startet und Widerhall findet. Erhielten die Crowdfunding-Projekte die doppelte Menge an Spenden, dann waren sie nicht doppelt so erfolgreich. Möglicherweise will man ja nicht in der Masse mitschwimmen, sondern einer Avantgarde angehören. Aber man sichert sich ab, nicht selbst zu scheitern, indem man sich auf Vorbewertungen anderer verlässt, was wiederum die eigene Urteilskraft hintanstellt. Man verlässt sich auf die Schwarmintelligenz und misstraut der eigenen Intelligenz oder will nicht gegen den Strom schwimmen.

Soong Moon Kang von der University College London meint, dass diese Bestätigung des Matthäus-Effekts Möglichkeiten eröffne, Ungleichheit zu reduzieren und eine stärker auf Leistung setzende Gesellschaft (Meritokratie) zu schaffen. Fragt sich nur, wie das gehen soll? Soll mehr Anschubfinanzierung oder –unterstützung gegeben werden? Aber an wen und aufgrund welcher Kriterien? Soll mehr Unterstützung zufällig verteilt werden, damit die Chancengleichheit wächst? Eine Unterstützung müsse nicht groß sein oder teuer kommen: "Es ist der erste Anschub, der zählt", sagt Soong Moon Kang. "Wir haben auch herausgefunden, dass Interventionen die größte Wirkung bei denjenigen haben, die fast von Nichts starten."

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