Wer hoch fliegt, fällt tief - auch in Afghanistan

Bidl: Emran Feroz

Junge Afghanen aus dem Ausland sollten die alte Garde ablösen. Doch die Friedensverhandlungen mit den Taliban ändern alles

Der gegenwärtige afghanische Präsident Ashraf Ghani gilt als Technokrat, der den Staat zurechtbiegen will. Dies hat Ghanis theoretisch jedenfalls mehrmals deutlich gemacht, etwa in seinem Werk "Fixing Failed States: A Framework for Rebuilding a Fractured World". Der Titel des Buches, das er gemeinsam mit der britischen Wissenschaftlerin Clare Lockhart einst verfasst hat, ist aussagekräftig. Doch seit Ghani im Amt ist, hoffen nicht wenige darauf, dass er seine Theorie in die Praxis umsetzt, nämlich im "failed state" Afghanistan.

Um dies zu schaffen, hat der Präsident seit Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2014 vor allem junge Afghanen aus dem Ausland um sich geschart. Sie sollen die alte politische Garde, allen voran korrupte Funktionsträger und brutale Warlords, ablösen und - ganz dem Zeitgeist entsprechend - irgendwann selbstbewusst und souverän die Führung übernehmen. Dies klingt vernünftig und konstruktiv, doch ausgerechnet ebenjene jungen Herrschaften sorgen in diesen Tagen für Unmut.

Das beste Beispiel hierfür ist Hamdullah Mohib, der - noch - als Nationaler Sicherheitsberater Afghanistans agiert. Der 35-Jährige hat im vergangenen Jahr den weitaus erfahreneren Hanif Atmar, der wohl mit Ghanis Egozentrik nicht mehr auskam, abgelöst. Zuvor war Mohib als Botschafter in Washington tätig. Diesen wichtigen diplomatischen Posten erhielt der in London studierte Informatiker als eine Art Belohnung, nachdem er Ghanis Social-Media-Team während des Präsidentschaftswahlkampfes 2014 erfolgreich leitete. Mohibs politische Erfahrung war bis zum damaligen Zeitpunkt gleich null.

Doch ebenso war es auch ein offenes Geheimnis, dass ihn weniger seine Fähigkeiten, sondern vielmehr seine Nähe zum Präsidenten an die Spitze gebracht haben. Es war auch London, wo Mohib Ghani 2008 das erste Mal traf. Damals leitete Mohib einen afghanischen Studentenverein. Er lud Ghani für einen Vortrag ein, was dieser annahm. Seitdem ist Mohib fasziniert von Ghani, und ihm treu ergeben. "Ghani pflegt zu Mohib ein väterlicheres Verhältnis als zu seinem eigenen Sohn", meint etwa ein Kenner der Familie des Präsidenten.

Damit dürfte mittlerweile gezwungenermaßen Schluss sein. Der hoch aufgestiegene Mohib ist nun nämlich tief gefallen. Grund hierfür sind die gegenwärtigen Friedensverhandlungen mit den Taliban, die anfangs unter Ausschluss der Kabuler Regierung stattfanden. Im Fokus stand stattdessen US-Chefunterhändler Zalmay Khalilzad, der selbst einen afghanischen Hintergrund hat. Wie der Rest der Regierung war Mohib alles andere als glücklich damit.

Amerikaner sind mit ihren Äußerungen konsequenter als gedacht

In einem Interview mit dem rechten US-Sender Fox News warnte er vor einem Frieden mit den Taliban und meinte, dass Washington "seine Opfer", sprich, all die getöteten Soldaten in Afghanistan sowie den 11. September 2001 nicht vergessen dürfe.

Kurze Zeit darauf eskalierte die Situation, als Mohib während einer Pressekonferenz in Washington Khalilzad direkt vorwarf, die Kabuler Regierung unterminieren zu wollen, um in Afghanistan selbst als Präsidentschaftskandidat ins Rennen zu gehen.

Diese Äußerungen brachten das Fass zum Überlaufen. Kurz darauf ließ Washington nämlich verlauten, mit Mohib nichts mehr zu tun haben zu wollen. Afghanistans Nationaler Sicherheitsberater hatte sich selbst ins Abseits geschossen und damit auch den Präsidenten in eine Krise gebracht. Ghani ist nun nämlich gezwungen, Ersatz für Mohib zu finden - auch wenn er das bis jetzt offiziell nicht getan hat.

Die Amerikaner sind mit ihren Äußerungen nämlich konsequenter als gedacht. Einige Treffen wurden von US-Offiziellen boykottiert, nachdem sie Mohibs Anwesenheit bemerkten. Als sich Khalilzad und andere US-Vertreter mit der Kabuler Regierung trafen, wurde der Noch-Sicherheitsberater kurzerhand in die Provinz Nooristan, die weit weg von der Hauptstadt, entsandt, um - so die offizielle Version der Dinge - die dortige Sicherheitslage in Augenschein zu nehmen.

Viele Beobachter gehen mittlerweile davon aus, dass Hamdullah Mohibs politische Karriere vorbei sei. Allem Anschein nach wird verzweifelt nach einem Ersatzposten für ihn gesucht. Aufgrund des Einflusses der USA dürfte es allerdings auch in vielen Botschaften zu eng werden. Bei der nächsten Verhandlungsrunde mit den Taliban in Katar sollen erstmals auch Vertreter Kabuls anwesend sein. Mohib gehört nicht zu ihnen, und das wird sich wohl auch nicht ändern. (Emran Feroz)

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