Wer im Grünen lebt, lebt länger

Bild : Robert Rössler/gemeinfrei

Die Mortalität ist nach einer Langzeitstudie um 12 Prozent geringer als in einer städtischen Umgebung mit kaum einer Vegetation

Seit geraumer Zeit wird von einer "Renaissance der Städte" gesprochen, nachdem die Menschen diese nicht mehr verlassen oder in die Vororte ziehen. Im Gegensatz zu manchen Vorhersagen über die Auswirkungen der Vernetzung, die vor 20 Jahren vom Schwinden der Zentralität und damit auch von dem der räumlichen Verdichtung in Städten ausgingen, boomen trotz zunehmender Vernetzung zumindest manche Städte, in denen sich die "kreative Klasse" vornehmlich in den Zentren selbst ballt.

Mit dem Wachstum der Bevölkerung und der Landflucht steigen auch, angetrieben von der Zinspolitik der Zentralbanken, die Immobilienpreise und Mieten. Mit der damit einhergehenden, teils rasant verlaufenden Gentrifizierung könnte der Zenith des Wachstums bald überschritten sein und wieder vermehrt allein schon aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten eine Bewegung ins Umland mitsamt "Landlust" einsetzen. Städte ziehen an, weil sich hier Universitäten und Hightech-Unternehmen massieren, es Jobs, auch in der Diestleistungsbranche im Niedriglohnbereich, und Möglichkeiten der Gründung von Start-ups gibt und natürlich auch wegen des urbanen Lebens mit vielem Freizeit-, Kultur- und Konsumangeboten.

Das Leben in den Städten wurde aber schon immer kritisch gesehen. Es galt nicht nur als verderblich, sondern auch als ungesund. Wer es sich leisten konnte, hatte seinen Sommersitz irgendwo auf dem Land, seit dem Industriezeitalter begann mit Eisenbahn, Autos und Telefon der Auszug in die Vororte und Gartenstädte. Zwar ist in den westlichen Städten die Luft besser geworden, zumindest sichtbar, doch der Feinstaub gefährdet weiterhin die Menschen vor allem in den Städten, auch wenn die Belastung in den europäischen Städten seit 1990 zurückgegangen ist, aber die von der EU verordneten Grenzwerte weiterhin oft überschritten werden. Die Stickstoffdioxid-Belastung, verursacht vor allem von Auto-Abgasen, ist angestiegen, auch Ozon ist weiterhin ein Problem. Die Feinstaubbelastung in Innenräumen hängt von der Außenluft ab und entsteht intern durch Rauchen, Kochen, Öfen, offene Kamine, Bürogeräte …

Nach einer groß angelegten Studie von Wissenschaftlern der Harvard University über den Effekt, den das Leben in einer grünen Umgebung hat, scheint die Stadtluft tatsächlich gefährlich zu sein und die Mortalität zu erhöhen. Ausgewertet wurde eine Langzeitstudie von über 120.000 Krankenschwestern im Alter zwischen 30 und 55 Jahren in den USA zwischen 2000 und 2008. Herangezogen wurden nur Frauen, die 2000 noch lebten und von denen eine auf die Straße genaue Adresse bekannt war (108.000). Die Studie ist in dem Wissenschaftsjournal Environmental Health Perspectives erschienen.

Die Vegetationsdichte am Wohnort wurde mittels MODIS-Satellitenbilder und dem Normalized Difference Vegetation Index (NDVI) erfasst. Zugrundegelegt wurde die Vegetationsdichte 250 Meter für die direkte Wohnumgebung und von 1250 Metern für die nähere Umgebung. Berücksichtigt wurden durch Befragung Faktoren, die wie Rauchen, Gewicht, Geschlecht, sozioökonomischer Status der Person und der Wohnumgebung, Wohnungswechsel, Luftverschmutzung, körperliche Aktivität, soziales Engagement, körperliche und psychische Gesundheit etc. In der Beobachtungszeit starben 8604 Frauen an nicht-zufälligen Ursachen.

Menschen, die in der Nahumgebung von 250 Metern im dichtesten Grünen leben, haben gegenüber denen, bei denen es am wenigsten Vegetation gibt, danach ein 13 Prozent geringeres Risiko, an Krebs zu sterben, und sogar ein 34 Prozent geringeres, an Atemwegserkrankungen zu sterben. Für tödliche Nierenerkrankungen ist das Mortalitätsrisiko um 41 Prozent geringer.

Allgemein ist die Mortalität nach der Studie um 12 Prozent geringer. Für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes oder Infektionskrankheiten scheint die Wohnumgebung, was die Vegetation betrifft, keine Rolle zu spielen. Ähnlich sieht es für die weitere Umgebung mit dem Radius von 1250 Metern aus, die Zusammenhänge seien statistisch aber etwas schwächer. Festgestellt wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen Städten, Vororten oder dem Land, aber da 80 Prozent der Frauen in Städten lebten, ist wohl die Datenlage verzerrt.

Die Wissenschaftler sagen, sie seien selbst von den starken Zusammenhängen zwischen niedrigeren Mortalitätsraten und dem Leben im Grünen überrascht. Dichtere Vegetation reduziert die Luftverschmutzung und scheint erhöhte körperliche Aktivität zu fördern, während psychische Krankheiten, allen voran Depressionen, weniger häufig sind, so wurde in der Studie festgestellt. Die Wissenschaftler ziehen den Schluss, dass das Wohnen im Grünen vor allem psychisch förderlich ist: "Der Zusammenhang zwischen der Vegetationsdichte und der Mortalität wird primär durch die Verbesserung der psychischen Gesundheit und vermehrtem sozialem Engagement erklärt, aber auch durch geringere Luftverschmutzung und mehr körperlicher Aktivität."

Der Vorteil der Studie ist, dass die Frauen alle demselben Beruf nachgingen und damit in etwa denselben sozioökonomischen Status hatten. Allgemein werden aber wohl in den Städten eher die reicheren Schichten in grünen Vierteln leben. Und die Reicheren, besser Gebildeten werden auch ohne Berücksichtigung des Grünanteils in ihrer Wohnumgebung deutlich älter als die Menschen aus den ärmeren Schichten.

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