Wer ist schuld an Skandalmanagern?

BWL-Professoren schlagen sich an die Brust

Noch immer schlägt ein Artikel des indischen Managementgurus Sumantra Ghoshal unter Betriebswirtschaftsprofessoren hohe Wellen. Der Aufsatz erschien bereits 2005, Ghoshal selbst starb vor seinem Erscheinen an einem Hirn-Aneurysma. Trotzdem gehört der Artikel, quasi sein intellektuelles Testament, auch aktuell zu denjenigen, auf die in wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften am häufigsten verwiesen wird. Erstaunlich, denn unter dem Titel Bad Management Theories Are Destroying Good Management Practices betrieb Ghoshal gnadenlose Kollegenschelte. Die BWL-Professoren, so Ghoshal, sind mitschuldig an Unternehmensskandalen. Sie trügen Mitverantwortung für unmoralisches oder sogar kriminelles Verhalten von Managern.

Immerhin, bei denjenigen, die sich daneben benehmen, handelt es sich um Zöglinge der Wirtschaftsfakultäten. Zum Beispiel Kenneth Lay. Der spätere Geschäftsführer von Enron studierte Volkswirtschaft an der University of Missouri und promovierte 1970 im selben Fach an der University of Houston.

Im Oktober 2001 gibt Lay zu, dass Enron seine Bilanzen um 1,2 Milliarden Dollar aufgebläht hat. Die Schuld schiebt er seinem Finanzvorstand Fastow zu. Schon ab September hatte Lay einen Großteil seiner Enron-Anteile an der Börse verkauft, während er gleichzeitig die Beschäftigten ermutigte, Enron-Aktien zu kaufen. Keine 2 Monate später war Enron pleite, die Anleger verloren Milliarden, 20.000 Mitarbeiter ihre Stelle. Im Mai 2006 wurde Lay von einem Gericht in Houston/ Texas in sechs Fällen des Betrugs für schuldig befunden. Am 5. Juli 2006 starb er infolge einer Herzattacke.

Liegt es auch an Defiziten in der Managerausbildung, wenn Manager sich skandalös verhalten? Der Fall Enron und andere Skandale der New Economy hatten die Diskussion darüber schon längst entfacht, als Sumantra Ghoshal seinen Artikel schrieb. Die Leute an der Ausbildungsfront, die Hochschullehrer, blieben allerdings skeptisch, was ihre Möglichkeiten betrifft und sie sind es wohl bis heute. Das zeigte jüngst eine Umfrage unter Wirtschaftsprofessoren in den USA. Ethikkurse an Wirtschaftsfakultäten laufen zumeist unter dem Motto: Es kann zumindest nicht schaden.

Immerhin befinden sich die Befragten mit ihrer Skepsis in guter Gesellschaft. Schon Platon schrieb:

Wenn wir aber jetzt in unserer ganzen Untersuchung richtig zu Werke gegangen sind und geredet haben: so entstände die Tugend weder von Natur, noch wäre sie lehrbar, sondern durch göttliche Schickung wohnte sie denen bei, ..., denen sie beiwohnt.

Nun wusste Sumantra Ghoshal ebenso wenig wie Platon einen Weg, wie man Tugend lehren kann. Wohl aber war er sich sicher, einen Weg zu kennen, wie man Tugend ausmerzen kann: durch das BWL-Studium.

In Verhaltensexperimenten verhalten sich Ökonomen tatsächlich regelmäßig selbstsüchtiger als Vergleichsgruppen. Eines dieser Experimente wurde an der Universität Hohenheim durchgeführt. Vor einer Filmvorführung des studentischen Filmklubs konnten die Besucher an einem Gewinnspiel teilnehmen. Sie sollten dazu dem Filmklub einen Klempner aus einer vorgegebenen Liste vorschlagen. Je teurer der vorgeschlagene Klempner war, desto höher war der mögliche Gewinn („die Provision“), desto geringer war allerdings auch der Betrag, den der gemeinnützige Filmklub von den Veranstaltern des Gewinnspiels bekommen sollte. (Der „Preis des Klempners“ wurde von der in Aussicht gestellten Summe abgezogen.)

Aus den abgegebenen Vorschlägen wurde der Gewinner nach dem Ende des Films zufällig ermittelt. Die gewonnene Summe wurde nicht öffentlich bekannt gegeben. Auch ein Gewinner, der nur seine eigene Provision im Auge hatte, konnte so nicht durch die anderen moralisch verurteilt werden.

Die spätere Auswertung von insgesamt 161 Vorschlägen ergab: Wirtschaftsstudenten empfahlen häufiger als Studenten anderer Fächer einen teuren Klempner. Der Filmklub, den sie selbst besuchten, lag ihnen offensichtlich weniger am Herzen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern waren nur gering.

Die Teilnehmer eines anderen Experiments bekamen eine Summe von umgerechnet 12 €. Sie konnten den Betrag nach Belieben zwischen sich und einem anderen Mitspieler aufteilen und diesem ein Ultimatum stellen. Entweder er nahm das Angebot an, egal wie gering, oder er ging leer aus. Wenn der andere allerdings das Angebot ablehnte, dann bekam auch der Ultimatumsteller kein Geld.

In diesem Ultimatumspiel neigen die meisten dazu, eine Aufteilung halbe-halbe vorzuschlagen oder sich eine kleine Prämie zu gönnen und ein Verhältnis von 60 zu 40 anzubieten. Wirtschaftsstudenten weichen jedoch auffallend häufig von diesem Schema ab. Sie billigen sich selbst eine größere Prämie zu. Sie offenbaren damit nicht nur eine größere Gier, sondern unterstellen eine solche auch ihrem Mitspieler. Sie setzen darauf, dass er selbst eine unfaire Aufteilung akzeptiert, um überhaupt etwas zu bekommen.

Fragt sich, ob eigennützige Menschen häufiger Wirtschaftswissenschaften studieren oder ob das Wirtschaftsstudium erst die Menschen eigennütziger macht. Manches deutet darauf hin, dass Letzteres zumindest auch stimmt. Fortgeschrittene Wirtschaftsstudenten schlagen in dem Ultimatumspiel eine ungleichere Verteilung vor als Studienanfänger. Vergleichbares konnte man für Studenten anderer Studienfächer nicht feststellen.

Sumantra Ghoshal, um zu ihm zurückzukehren, führte abweichendes Verhalten der Ökonomen auf den Einfluss der Theorien zurück, die sie gebüffelt haben. Er hatte dabei vor allem das Modell des Homo oeconomicus im Blick. Dieses Modell dominiert in den Volkswirtschaftsvorlesungen der Unis, wird aber inzwischen auch in der Betriebswirtschaft, der Soziologie, ja quasi in allen Sozialwissenschaften gerne benutzt. Der Mensch, so wird unterstellt, ist ein genau kalkulierendes und selbstsüchtiges Wesen, immerfort auf die Maximierung seines eigenen Nutzens bedacht. Mehr noch, in der so genannten Agency-Theorie geht man explizit davon aus, dass Menschen selbst vor Lug und Betrug nicht zurückscheuen, vorausgesetzt es rechnet sich.

Anders als naturwissenschaftliche Theorien haben nun sozialwissenschaftliche Theorien die ärgerliche Eigenschaft einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Leute, die gelehrt bekommen haben, dass „der Mensch des Menschen Wolf“ ist, beginnen zu glauben, sich entsprechend verhalten zu müssen, um nicht als dumm und naiv belächelt zu werden.

Zudem fördern Einrichtungen, die nach der Idee des Homo oeconomicus entwickelt wurden, diesen neuen Typ Mensch. In vielen Betrieben veranlasst die Idee des Homo oeconomicus Manager dazu, die Kontrolle und Überwachung der Mitarbeiter auszubauen. Die Mitarbeiter nehmen dies jedoch als Misstrauenserklärung wahr. Enttäuscht ziehen sie sich von freiwilligem Engagement in der Firma zurück. Ihre Gedanken kreisen nun hauptsächlich um die Kontrollen – zwar anders, als man es bei der Einführung der Maßnahmen erhofft hat, aber völlig in Übereinstimmung mit dem Leitbild des Homo oeconomicus: Ihre Überlegungen zielen nun darauf, wie man die Überwachungsmaßnahmen umgehen kann.

Für die Wirtschaftsforscher selbst hat das Modell des Homo oeconomicus einen großen Vorteil; denn, wer rechnet, wird selbst berechenbar. Den berechenbaren Menschen brauchen sie aber, um Wirtschaftsprognosen zu erstellen. Dies war übrigens schon dem (späteren) Nobelpreisträger Milton Friedman in den 50er Jahren bewusst. Friedman glaubte, dass sich der einzelne Mensch selten wie ein rationaler Nutzenmaximierer verhält. Er meinte aber, wenn man größere Massen betrachtet, wiegen sich die vielen Abweichungen letztlich gegenseitig auf.

Tatsächlich jedoch – wir haben es teilweise schon gesehen – führen Prognosen auf der Basis des Verhaltens des Homo oeconomicus oft in die Irre. Neue Kontrollen für Mitarbeiter führen dazu, dass sie weniger arbeiten anstatt mehr. Finanzielle Anreize für Manager durch Bonuszahlungen haben keinen Einfluss auf die Unternehmensperformance. So ist zumindest der Sachstand in der empirischen Betriebswirtschaftslehre.

Auch die Wirtschaftsstudenten beim Ultimatumspiel verkalkulieren sich. Anders als ihre Theorie es voraussagt, gehen ihre Mitspieler nämlich nicht auf ihr Ultimatum ein. Vor die Wahl gestellt, entweder die ihnen angebotene Mini-Beteiligung zu akzeptieren oder das Spiel platzen zu lassen, wählen sie Letzteres. Die Mitspieler verzichten auf ihr Geld, um dem unfairen Ultimatumsteller eins auszuwischen; denn der bekommt nun auch nichts.

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