Wer kennt diesen Mann?

Fotos von ihm gibt es nicht. Zumindest keine, die zu Lebzeiten angefertigt wurden

Sein Totenschädel zierte einmal die Titelseite der Bild-Zeitung, sein Gerippe war in der Tagesschau. Das Phantombild der Polizei erscheint hier zum ersten Mal.

Sein wirkliches Aussehen lässt sich nur anhand von Beschreibungen erahnen. Zum Glück fühlten sich unzählige Mitmenschen bemüßigt, verbale Portraits von ihm anzufertigen. Doch wie bei Augenzeugen üblich fallen deren Aussagen oft recht unterschiedlich, zuweilen direkt widersprüchlich aus.

“Er hatte das schönste braune Haar, er trug es im Nacken gebunden, so dass es in dichtem Gelock frei herabwallte”, berichtete ein Zeuge. Ein anderer: “Er sieht blass aus, hat eine große, etwas gebogene Nase, ein längliches Gesicht und mittelmäßige schwarze Augen und schwarzes Haar.” Ob die Haare braun oder schwarz waren, interessierte den dritten Zeugen eher weniger. “Außer einem Paar schwarzglänzenden italienischen Augen, die er im Kopf hatte, wüsste ich sonst nichts, das mir besonders an ihm aufgefallen wäre”, schrieb er. Einem vierten fielen zwar “schöne feurige schwarze Augen” an unserem Mann auf, dazu aber auch noch die “mäßigen Pockengruben” in seinem “blassen Gesicht.” Ein fünfter meinte dagegen, “die Gesichtsfarbe (sei) schwärzlich, und die Nase ziemlich groß; seine schwarzen Augen sind lebhaft.”

Über die Augenfarbe konnten sich die Zeugen scheinbar nicht einig werden. “Ich hatte heute Gelegenheit”, berichtete ein anderer Beobachter, “seine Physiognomie noch genauer zu betrachten: schöne braune Augen und ein hübsches Obergesicht, nur um den Mund einige unangenehme Züge.” Ob die Augen schön gewesen sein, bezweifelte der nächste: “Er hat einen Adlerblick, der nicht zu ertragen ist. Wenn er die Augenbrauen in die Höhe zieht, so ist es, als ginge der Hirnknochen mit.”

Ein Schuss Frankensteins Monster?

Oder doch eher nur ein sommerlich braungebrannter Landbriefträger? Als solchen sah ihn ein weiterer Portraitist: “Er hat ein männlich braunes Antlitz”, schrieb er (es war Mitte Juli, eine braune Gesichtsfarbe daher nicht besonders verwunderlich) und “schwarze funkelnde Augen, einen starken schwarzen Bart; ich hätte ihn für einen biederherzigen Amtmann gehalten.”

Einen Monat später, im August, war er nicht nur besser rasiert, sondern auch sonst vollständig verwandelt - ein “Mann in den besten Jahren, der mit einem so vornehmen Wesen auftrat, dass man ihn wirklich eher für einen Prinzen hätte halten können.” Dies war wenige Tage vor seinem 43. Geburtstag.

Anderthalb Jahre später wirkte er sichtlich gealtert. “Unter den Augen”, so berichtete ein Zeuge, “hat er schon Falten und ziemlich beträchtliche Säcke; überhaupt sieht man ihm das Alter von 44 bis 45 Jahren recht eigentlich an, der Mund ist sehr schön, klein, und außerordentlicher Biegungen fähig, das Gesicht ist voll, mit ziemlich herabhängenden Backen. Er hat eine männliche, sehr braune Gesichtsfarbe.” Die braune Gesichtsfarbe, nunmehr Mitten im März, nimmt man die obenerwähnten “italienischen Augen” dazu, ließe auf einen Südländer schließen.

Allerdings einen mit absolut absurder Frisur: “Er trägt das Vorderhaar ratzenkahl abgeschoren, an den Seiten ausgekämmt und völlig anliegend.” Damit konnte er, nach Meinung dieses Zeugen, durchaus “ein Minister, ein Kriegsrat, ein Geheimrat, allenfalls ein Amtmann sein, nur kein Gelehrter und gewiss kein Virtuose.”

Wie Woody Allen einst als mimetischer Anpassungskünstler in “Zelig” schien auch unser Held sich von Mal zu Mal zu verwandeln. “Er war entsetzlich dick, mit kurzen Armen, die er ganz gestreckt in beide Hosentaschen hielt”, beobachtete ein Zeuge. Ein zweiter bemerkte: “Sein Gang ist überaus langsam, sein Bauch nach unten vorstehend, sein Kinn ganz an den Hals herangezogen, seine Backen dick.” Ein dritter dagegen meinte, er sei “einer der schönsten Männer, die ich je gesehen habe, sehr gut gewachsen, angenehm dick.”

Als er älter wurde, veränderte sich sein Aussehen offenbar zu seinem Vorteil: “Ich schwöre”, erklärte ein Zeuge, “dass ich nie einen schöneren Mann von sechzig Jahren gesehen habe. Seine ehemalige Korpulenz hat er verloren, und seine Figur ist jetzt im vollkommensten Ebenmaß und von höchster Schönheit. Und wie kommt er in die Stube, wie steht er und geht er! Er ist ein geborener König der Welt.”

Bizarr, gleichwohl, blieb weiterhin seine Frisur. Er “trug das Haar in einen starken, den ganzen Rücken hinabhängenden Zopf gewunden.” Ein anderer Beobachter schilderte seine Haare als “schwarz mit Grau untermischt. Sein Kopf, der eher schmal ist, spitzt sich gegen oben hinten zu. Schwarz und schön und immerfort in Bewegung sind seine Augen.” Die Augen blieben offenbar immer sein größtes Plus. “Ein solches Feuer, wie es aus seinen großen schwarzbraunen Augen blitzt!”, schwärmte einer, der ihn gesehen hatte. “Ein prächtiges Gesicht mit zwei klaren braunen Augen, die mild und durchdringlich zugleich sind.

"Wenn er spricht, verschönert er sich unglaublich; ich kann ihn dann nicht genug ansehen”, schwärmte ein anderer. Und ein weiterer: “Die stolze breite Stirn und die schönsten braunen Augen. Aber doch gewahrte ich, was mir in seiner Haltung schon früher aufgefallen war, ein kleines Missverhältnis: seine Beine waren um sechs, sieben Zoll zu kurz. Ich habe mir das Wesen der Zukurzbeinigen im Leben genug betrachtet: Sie entbehren immer einer leichten natürlichen Beweglichkeit.”

Vielleicht schienen die Beine aber auch nur deshalb etwas kurz, weil der Hang zur Korpulenz wieder einsetzte. “Seiner Vollblütigkeit wegen, die sich in dem geröteten Antlitze kundgab, (so gab ein neuer Zeuge zu Protokoll) hatte er sich angewöhnt, das Halstuch sehr locker zu tragen. In seiner Wohnung pflegte er den Hals ganz frei zu halten und im Schlafrock zu arbeiten.” Im Alter wurde “die Gesichtsfarbe bräunlich”, aber er bewahrte sich “einen ungeheuren Klang der Stimme - und schreien kann er wie zehntausend Streiter.”

Ein Zeuge, der ihn nach einer Krankheit besucht hatte, “erschrak über sein Aussehen bis in tiefster Seele, das Gesicht gelb und mumienhaft, der zahnlose Mund in ängstlicher Bewegung.” Drei Jahre später hatte unser Mann sich etwas erholt: “Das Gesicht ist edel, nicht so verfallen, als Du glaubtest, die Farbe dunkel, braunrot, die Nase groß.” Trotzdem gab der alte Mann kein wirklich schönes Bild mehr her: “Der ganz zahnlose Mund war beim Sprechen und noch mehr beim Lachen unschön”, konstatierte lapidar ein letzter Zeuge.

Hätten wir von Goethe (um ihn handelt es sich hier) außer solchen Bildern-in-Worten keine sonstigen Abbildungen, wir täten uns vermutlich schwer, eine richtige Vorstellung von ihm zu bekommen.

Freilich gibt es unzählige Gemälde, Zeichnungen, Büsten und Scherenschnitte von Goethe. Aber auch von diesen Portraits vermittelt uns keines den direkten, klaren Eindruck, den wir von einem Foto gewinnen. Das einzige wirklich echte Bildnis Goethes ist eine Lebendmaske, die heute vor 200 Jahren, am 19. Oktober 1807, abgenommen wurde, als Goethe 58 Jahre alt war. Natürlich sieht er darauf aus, als bereite es ihm herzlich wenig Spaß, mit schmalzgetränkten Wattepfropfen auf den Augen dazusitzen und einen nassen Gipsverband im Gesicht zu tragen. “Glaubt mir, guter Kräuter”, ließ er seinen langjährigen Sekretär, Theodor Kräuter, wissen, “es ist keine Kleinigkeit, sich solchen nassen Dreck ins Gesicht schmieren zu lassen.” Goethes missbehaglicher Gesichtsausdruck ist also echt, fotografisch-wahr.

Überraschend wirkt bei diesem genauen, direkt von Goethes Gesicht abgenommenen Gipsabguss das stellenweise ziemlich starke Hervortreten von Narben, die daran erinnern, dass Goethe im Knabenalter von Pocken befallen war. Aber die Maske ist auch in einem viel fundamentaleren Sinn wahr. Sie zeigt uns die Asymmetrien in Goethes Gesicht, die für jedes Lebewesen typisch sind. Wir erkennen erst anhand dieser Maske die von vielen Zeitgenossen bei Goethe beobachtete, auffallende linkshemisphärische Ausbuchtung des Kopfes, die bei unserer Spezies immer mit einer Betonung des Sprachzentrums in Verbindung gebracht wird.

Tatsächlich entstand die Maske ursprünglich auf Betreiben des Wiener (oder zumindest ganz besonders in Wien tätigen) Arztes Franz Gall, dem Erfinder der “Schedellehre” (auch Beulenkunde oder Phrenologie genannt), wonach Begabungen und Charaktereigenschaften an ausgeprägten Schädel- und Gesichtsmerkmalen zu erkennen seien.

Bei Goethe lässt sich aus der Kopfform - jenseits aller wissenschaftlichen Mummenschanzereien - auf eine besonders stark entwickelte linksseitige zerebrale Asymmetrie schließen: also, wie nicht anders zu erwarten, auf einen kräftig entwickelten Sprachmuskel im Gehirn. Die Maske ist dreidimensional, ein Abdruck des Lebens, und zeigt uns genau, an welchen Stellen die zahlreichen optischen Umsetzungen der Künstler falsch waren. Mit Ausnahme der Goethe-Büste von Martin Gottlieb Klauer, die 1790 (vermutlich nach einem früheren, verschollenen Gipsabdruck) entstand, zeigt kein Kunstwerk diese ungleichen Gesichtshälften ähnlich deutlich.

Die rechte Hälfte des Gesichts erscheint schmäler als die linke, die rechte Seite des Stirnbeins wirkt etwas eingedrückt und das linke Auge ist höher als das rechte. Wir könnten jetzt, wenn wir Lust und die entsprechende Software hätten, alle anderen Goethe-Bilder in einen Computer scannen und dazu dieses dreidimensionale Abbild als Grundmatrix benutzen, um (a) die „Fehler” der Künstler von einst zu korrigieren und (b) beliebig viele neue virtuelle Echtbilder von Goethe zu erschaffen. Wir könnten sie sogar im korrekten Maßstab anfertigen, denn die Maske ist bis in alle Einzelheiten genau vermessen worden, von einem Mediziner namens Paul Möbius: “Die Höhe des Gesichts”, schrieb er, „vom unteren Rande des Kinnes bis zur Biegung des Stirnbeines ist etwa 20 cm, die größte Breite des Gesichts 13 cm, die der Stirn 12 cm, der Abstand der Augenmitten 6 cm, die Länge der Nase 5,7 cm, die Breite des Mundes 6,5 cm. Es besteht eine starke Skoliose des Gesichtes mit der Konkavität nach rechts. Der linke Nasenflügel und der linke Mundwinkel einerseits stehen tiefer, das rechte Auge andererseits: Abstand zwischen äußerem Augenwinkel und Mundwinkel links 8 cm, rechts 7, 3 cm. Ursache der Skoliose ist offenbar die wesentlich stärkere Entwicklung der linken Hälfte des Vorderkopfes: die Wölbung der linken Stirnhälfte ist stärker als die der rechten.

Von den nur mäßig starken Stirnhöhlenbuckeln ist der linke größer. Das Charakteristische der Stirn ist die starke Entwicklung ihres mittleren oberen Teiles und die Breite der Stirn in der Höhe des Schläfenmuskelansatzes. Dagegen ist die untere Stirn schmal (etwa 11 cm), wie schon der geringe Augenabstand zeigt. Die Stirnecken fehlen ganz. Von Hautfurchen der Stirn ist wenig zu sehen, nur rechts über dem inneren Augenwinkel ist ein tiefer Einschnitt. Die Nasenlippenfurchen sind tief, die Winkel des fest geschlossenen Mundes sind gesenkt. Die Oberlippe ist mittelang (2 cm) und hat ein auffallend breites Philtrum. Das Kinn ist ziemlich lang (4 cm), breit und kräftig, ein wenig vorstehend, in der Mitte geteilt. Die linke Hälfte ist stärker als die rechte. Der Unterkieferwinkel scheint wenig ausgesprochen gewesen zu sein.

So präzise die Beschreibung ist: die Polizei könnte damit wenig anfangen. Das Phantombild-Programm der Wiener Kripo stammt von der amerikanischen Firma Smith & Wesson und funktioniert nach breiten und fast ein wenig nebulösen Kategorien: männlich, Mitte 50, kaukasoid muss für “Goethe” erst mal genügen. Aber es funktioniert. Alles allzu Genaue ist der primären Intention dieses Programms der Polizeifahndung nicht zweckdienlich. Hohe Kunst ist nicht gefragt.

“Ich kann nicht besonders gut zeichnen, aber ich kann dieses Programm bedienen”, meinte denn auch, eher bescheiden, der zuständige Künstler, Oberinspektor Josef Major vom Erkennungsdienst der Bundespolizeidirektion Wien, der das nachfolgende Portrait anfertigte. Um ein „Goethe”-Bild hinzukriegen, benötigte er die größte Nase, die das Programm zu bieten hat. Ebenso die größten Augen - es sind weibliche: für Männer sieht das Programm solche Augen, wie Goethe sie besaß, nicht vor. Eine Goethe-Frisur gibt es darin ebenfalls nicht. Obwohl die besagte Lebendmaske und zahllose andere Goethe-Bilder zum Vergleich vorlagen, ließ sich mit der sündteuren Phantombild-Software nach zweistündiger Mühe zuguterletzt nur jenes Annäherungsbild anfertigen, das diesen Artikel begleitet.

Merkwürdigerweise ähnelt es noch am ehesten jener recht plakativen Kreidezeichnung von Goethe, die Johann Heinrich Lips im Jahr 1791 anfertigte. Sie ziert heute Briefmarken und zahlreiche andere mit „Goethe” zu identifizierende Objekte. Die Ähnlichkeit der Zeichnung war bei den Zeitgenossen umstritten, aber wenigstens ein Goethe-Besucher, der Zeichner Carl Gotthard Grass, bestätigte nach seinem Besuch: “Lips hat ihn, wie noch niemand vor ihm, gezeichnet.” Das Gleiche lässt sich, in abgewandelter Form, auch von der Wiener Kripo sagen – ihr Goethe-Portrait ist ein „World First“. Es entfremdet das scheinbar bekannte Gesicht und bringt es uns zugleich näher: Indem es Goethe ganz nüchtern und „erkennbar” in unser eigenes Jahrhundert hereintransportiert.

Die Lebendmaske, die ja gerade den Vorzug haben sollte, Goethe fotografisch genau abzubilden, zu einer Zeit, als es noch keine Fotografie gab – scheint den Zeitgenossen keine rechte Freude bereitet zu haben. Zwar wurde danach eine Kopfplastik angefertigt, aber sie wurde verändert und verschönt, die bärbeißige Mimik Goethes aufgeheitert, die Augen wieder eingesetzt. Zuletzt ging sogar dieser geschönte Goethe-Kopf verloren und tauchte erst eine Ewigkeit später wieder auf, mittlerweile mit Brandspuren versehen, die Goethes blindem Auge einen ganz eigenen, neuen Blick verleihen.

Die Lebendmaske hat nicht einmal im Zeitalter der Computeranimation irgendjemanden zu größeren Aktivitäten verleitet, obwohl z. B. gerade die Paläontologen ganz aus dem Häuschen wären, wenn jemals vor 100.000 Jahren ein Neandertaler so, volle Kanne, mit dem Gesicht in irgendeinen Matsch gefallen wäre – und sich der Abdruck bis heute erhalten hätte. Immerhin kann man im Internet damit etwas machen, was in einem Printmedium schwerer fällt. Man kann die historische Zeit punktgenau wie mit einem Laserstrahl fixieren und sagen: „Heute genau vor 200 Jahren sah Goethe für ungefähr eine Stunde lang genau so aus wie wir ihn hier zeigen.“ Das hat auch seinen Reiz.

Alle Zitate aus:
“Goethe - seine äußere Erscheinung”, von Emil Schaeffer und Jörn Göres, Insel Verlag, Frankfurt/Main, 1980

(Tom Appleton)