Wer steht hinter MacronLeaks?

Letzter Auftritt von Le Pen. Screenshot vom FN-YouTube-Video.

Viel spricht für rechte Trump-Anhänger aus dem Umfeld von Alt-Right in den USA, die mit dem Front-National kooperieren und eifrig Fake-News verbreiten

Stehen die Russen hinter MacronLeaks? Interessant ist am Fall von MacronLeaks und zuvor schon von MacronGate, dass man verfolgen kann, wie Informationen von Akteuren verbreitet werden, die eine klare politische Agenda haben (MacronLeaks: Hacker veröffentlichten Dokumente aus dem Macron-Lager). Interessant ist auch, dass eine direkte Verbindung zu Russland fehlt, dafür aber Verbindungen zu rechten Akteuren im rechten Umfeld von Alt-Right und von Trump-Anhängern.

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Einige gehen davon aus, dass ein rechter Journalist, der aktiv die Donald-Trump-Kampagne (Citizens for Trump) unterstützt hatte, sich als Anhänger von #SlavRight, einer nationalistischen slawischen Bewegung, bezeichnet und jetzt bei der Zeitschrift The Rebel Redakteur ist, im Zentrum steht, zumindest aber die Aufmerksamkeit auf die Leaks über 4Chan.org losgetreten hat und maßgeblich in der Anti-Macron-Kampagne involviert ist. Jack Posobiec verlinkte am Freitagnachmittag auf 4chan.org, wo sich Links zu den Dokumenten befinden. Daher ging man bei WikiLeaks wohl zunächst von einem Scherz aus.

The Rebel versteht sich als Publikation, die nicht nur über Nachrichten berichtet, sondern auch welche schafft. Jack Posobiec, der manisch twittert, hatte sich schon am Donnerstag engagiert, um das Gerücht zu verbreiten, dass Macron eine Firma in einer Steueroase habe und das Zahlen von Steuern damit umgehen wolle. Mit dem "MacronGate" sollte der Präsidentschaftskandidat beschädigt werden. Und er beschwerte sich auch wegen angeblicher Zensur: "#MacronGate is the biggest and most-talked-about story in the world right now but Twitter won't let it trend. Really makes you think."

Jack Posobiec. Screenshot aus dem YouTube-Video.

Le Pen hatte sich während des letzten Fernsehduells darauf bezogen. Macron stellte daraufhin Strafanzeige nicht gegen Le Pen, sondern gegen die Verbreiter der Behauptung, zu deren Unterstützung im Netz zwei Dokumente zirkulierten. Auch diese wurden anfänglich über chan4.org verbreitet, wo sie kurz vor dem Fernsehduell gepostet wurden, aber haben sich als höchstwahrscheinlich manipuliert gezeigt. Mitgeholfen haben auch andere rechte US-Onlinemedien wie Disobedient Media, richtig angeschoben hatte es dann der Drudgereport. Mit dabei war auch die konservative GotNews.com, die Posobiec als "Investigativ" beschreibt und in der jemand unter Pseudonym einen Artikel veröffentlichte, in dem die angebliche Echtheit der Dokumente bestätigt wurde. Vermutet wird, dass schon die Unterschrift gefälscht wurde.

Untersucht hat die beiden Dokumente auch Bivol, ein Projekt für investigative Berichte, worauf auch WikiLeaks verweist. Aus den Metadaten ging hervor, dass eines der Dokumente mit 14 Seiten am 3.5.2017 erzeugt, d.h. mit einem Drucker des Typs Canon iR-ADV 6255 eingescannt und 5 Minuten später verändert wurde. Das lasse auf einen professionellen Hintergrund schließen, denn dieser Drucker kostet neu um die 30.000 US-Dollar. Das andere farbige und einseitige PDF-Dokument wurde eine Minute später mit einem Farbdrucker des Typs Canon iPR C700 eingescannt und vier Minuten später noch einmal verändert. Der Drucker kostet um die 100.000 US-Dollar.

Wenn die Metadaten nicht selbst manipuliert wurden, so Bivol, müsse man davon ausgehen, dass die Erzeuger Zugang zu professionellen Geräten haben, wie sie von großen Unternehmen oder Institutionen verwendet werden. Erzeugt im Abstand von einer Minute könne man davon ausgehen, dass die Drucker im selben Raum standen. Am Abend an dem Tag fand das letzte Fernsehduell zwischen Le Pen und Macron statt.

Das Digital Forensic Research Lab (DFRL) des Atlantic Council geht in einem Beitrag davon aus, dass Posobiec mit an der Spitze der Verbreitung der Links zu den geleakten Dokumenten stand. Der erste Tweet erfolgte 14:49 EST (18:49 UTC), der in der ersten Minute 15mal und in den ersten 5 Minuten 87mal retweeted wurde, was auf den Einsatz von Bots hinweise. Verbreitet wurde der Link auch von dem rechten Amerikaner William Craddick, mit dem Posobiec bereits bei der Verbreitung von MacronGate kooperierte. Le-Pen-Anhänger @Messsmer und @AudreyPatriote verbreiteten die Neuigkeiten dann in Frankreich. Messsmer unterstellte bei seinem Tweet um 13:32 am Freitag, dass WikiLeaks die Dokumente veröffentlichen würde und gab den Hashtag #MacronLeaks weiter.

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Nach DFRL wurden die Tweets bis Freitag Mitternacht vorwiegend von Accounts von Alt-Rights in den USA und von Rechten in Frankreich verbreitet. Der Tweet von WikiLeaks, in dem es zunächst hieß, es dürfte sich um einen Scherz von Chan4.org handeln, schuf dann noch eine größere Aufmerksamkeit. Ausgegangen sei der Hashtag #MacronLeaks jedenfalls von den USA und sei dann von Bots und Le-Pen-Anhängern verbreitet worden.

Posobiec frohlockte: "Drei Tage wurden wir als Fake angesehen. Jetzt sollen wir auf einmal Hacker sein?" Er stellte ein Video ein, um noch einmal auf der Steueroase herumzureiten. Den französischen Medien wirft er vor, sich mehr darüber aufzuregen, dass die Daten geleakt wurden, als darüber, was Macron und seine Unterstützer machten. Ähnlich wurde schon bei den Email-Leaks von Clinton und dem DNC von rechter Seite argumentiert. Mit reichlich narzisstischer Attitüde schreibt er dann auch noch, dass er anfragt, vor dem französischen Parlament über #MacronLeaks zu sprechen. Weiter gefällt er sich, Frankreich voll von islamistischen Teroristen zu sehen, gegen Muslime zu hetzen und zu berichten, dass es viele Vergewaltigungen in Frankreich gebe. Ansonsten ist er höchst erfreut, eine so große Medienaufmerksamkeit zu erhalten.

In manchen Kreisen will man auf jeden Fall bei den Russen bleiben, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Allen voran verbreitet die Bild-Zeitung diese Meinung. Unter dem Titel "Mit diesen Fake-News will Russland Macron die Wahl verderben" werden Anti-Macron-Artikel von russischen Medien zitiert, was allerdings kein Beleg dafür ist, dass hinter dem Leak der Kreml steht.

Zu MacronGate und MacronLeaks kommt noch ein weiterer Versuch, die Stimmung zu beeinflussen. Noch kurz vor Freitag Mitternacht setzte Florian Philippot, Vizepräsident des Front National, noch den suggestiven Tweet ab, MacronLeaks könne zeigen, dass der investigative Journalismus tot sei. Er versuchte mit anderen Le-Pen-Anhängern auch, das Gerücht zu verbreiten, "En-Marche"-Aktivisten aus Reims hätten mit einer SMS dazu aufgerufen, Le Pen zu töten. Sie war an diesem Tag in Reims gewesen. Philippot merke an: "Eine Erklärung M. Macron?" Auch David Rachline, Kampagnenchef von Le Pen, verbreitete die angebliche SMS sowie viele andere Front-National-Mitglieder und -Anhänger.

Aller Wahrscheinlichkeit gefälschte SMS, die vom Front National verbreitet wurde.

Dass es sich um eine Fälschung handelt, dürfte bereits daran ablesbar sein, dass die Zeitangabe für eine iPhone-SMS falsch ist. Auf der Kopie wird die Zeit so angegeben: "9 H 32", während Apple hier einen Doppelpunkt verwenden würde, also 9:32. Das war auch schnell berichtet worden. In den Antworten auf den Tweet wurde auch gezeigt, wie leicht sich so etwas fälschen lässt. Ähnlich korrigierten Twitter-User den Tweet von Rachline, der darauf nicht direkt einging, sondern Fotos präsentierte, auf denen En-Marche-Anhänger vor der Kathedrale zu sehen sind, die Le Pen besuchte, und schrieb, als ob dies die angebliche SMS beweisen würde: "Und diese Fotos? Sind das auch Fotomontagen?" (Florian Rötzer)

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