Wer sucht schon nach Natalee?

Von der Medienreise eines weißen amerikanischen Mädchens

Ende Mai wurde ein 18-jähriges Mädchen aus Alabama auf der Karibik-Insel Aruba nahe Venezuela als vermisst gemeldet. Das US-Fernsehen berichtet seitdem fieberhaft über den Fall. Doch der erste Google-Treffer auf den Namen des Mädchens ist ein beißender Kommentar im Überblog Kuro5hin unter dem Titel Fuck Natalee Holloway.

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Zusammen mit 124 anderen Schülern der Mountain Brook High School hatte Natalee eine Abschlussreise ins Inselparadies unternommen - doch seit einem Nachtclub-Besuch verliert sich ihre Spur. Unter Verdacht steht der 17jährige Sohn eines Justizbeamten. Fox News, MSNBC, CNN und andere US-Medien, sogar Radio-Talkshows, berichten über den Fall mit einer ähnlichen Intensität wie zuvor im Falle der schwer hirngeschädigten Komapatientin Terri Schiavo. Mit Millionenaufwand produzieren sie täglich neues Material: Interviews mit den Angehörigen und mit Ermittlern, Experten-Gespräche, Kommentare und Analysen sowie Berichte aus diversen Lokalitäten in Aruba. Das Geschehen wird als Krimi präsentiert, mit immer neuen Tatverdächtigen, mit Sex und Verschwörungstheorien.

Man sollte glauben, dass der Einfluss der Medienimperien, die dem Fall Natalee mehr Platz einräumen als etwa der humanitären Krise in Somalia, sich auch auf das Internet erstreckt und eine Suche nach dem Namen des Mädchens dominiert ist von Themenportalen und Vermissten-Seiten unter dem schützenden Dach von Time Warner und der News Corp.

Wer aber den Namen "Natalee Holloway" in Google eintippt, landet trotz 273.000 Treffern zunächst bei keiner der milliardenschweren Nachrichtenorganisationen, die das Mädchen berühmt gemacht haben, sondern bei Kuro5hin, einem Tummelplatz für Geeks und Misanthropen. Der vierte Treffer in der Ergebnisliste ist der Artikel über Natalee in der Freiwilligen-Enzyklopädie Wikipedia. Das entkräftet zumindest teilweise den Vorwurf, derartige Inhalte könnten es nur durch Provokation nach oben schaffen.

Kuro5hin ist kein gewöhnliches Blog, das nur von einem Autor oder einer kleinen Gruppe betreut wird. Statt dessen kann jeder angemeldete Benutzer Beiträge einsenden, die dann in einem demokratischen Verfahren von der Benutzergemeinde ausgewählt werden. In den vergangenen Jahren sind so einige beeindruckende Artikel entstanden, die im Kuro5hin-Wiki gesammelt werden. Viele Benutzer beklagen zwar eine Stagnation der Website, seit sich Gründer Rusty Foster anderen Projekten wie der technischen Betreuung des Polit-Blogs Daily Kos zugewandt hat, doch als selbstorganisierende Gemeinschaft funktioniert Kuro5hin nach wie vor und veröffentlicht Artikel von schwankender Qualität.

Der Text über Natalee unter dem reißerischen Titel ist eine scharfe Kritik an der Medienberichterstattung über den Fall. Der Autor "gbd" weist darauf hin, dass der Name eines ebenfalls im Mai verschwundenen hispanischen Mädchens aus Georgia in Google nur 6 Treffer produziere.

Der Autor beklagt weiterhin, der Aufwand der Suche nach Natalee habe schon bizarre Züge angenommen. So hat etwa die niederländische Regierung zugesagt, für die Suche nach Natalee drei umgerüstete F16-Jets zur Verfügung zu stellen (Aruba gehört zum Königreich der Niederlande). "Gbd" befürchtet auch eine Politisierung des Themas. Er weist darauf hin, dass in der Medienberichterstattung insbesondere beim konservativen Sender "Fox News" immer wieder den Behörden vor Ort Inkompetenz und Laxheit unterstellt wird.

Tatsächlich zitiert eine ähnliche Kritik der Fox-Beobachter im Blog News Hounds beispielhaft den konservativen Fox-Kommentator Sean Hannity mit den Worten: "Ich muss Dir sagen, viele Menschen in [den USA] empfinden so. Dass diese Untersuchung von Anfang an vermasselt wurde, dass es mindestens Korruption auf höchster Ebene gab, und Inkompetenz auf einer anderen Ebene." Und im Kommentarbereich des Kuro5hin-Artikels paraphrasiert ein Benutzer ein Interview auf MSNBC, in dem die Interviewerin sich äußerst besorgt und verwundert darüber gezeigt habe, dass die Behörden auf Aruba die Ermittlungen nicht dem doch eindeutig kompetenteren FBI überlassen. So suggeriert die Medienkritik einen unterschwelligen Rassismus und Weltherrschaftsfantasien der US-Medien.

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Warum aber taucht der Artikel so hoch in der Ergebnisliste von Google auf? Das ist die direkte Konsequenz des Google-PageRank-Verfahrens, das stark verlinkte Seiten als besonders wichtig einstuft. Und wer verlinkt am häufigsten auf Inhalte im Web? Das sind natürlich Millionen von Bloggern, die nicht diskriminieren zwischen Inhalten auf anderen Blogs, Überblogs und Mainstream-News-Seiten. Die Kuro5hin-Schlagzeilen werden außerdem als RSS-Feed auf diversen Websites ganz automatisch eingebunden, was wiederum ihren Seitenrang verbessert. Der PageRank-Effekt hat schon anderen Inhalten zu ungewöhnlicher Prominenz in den Ergebnislisten verholfen, etwa der berühmt gewordenen Spreeblick-Satire über die Geschäftspraktiken des Klingelton- und Computerküken-Konzerns Jamba!.

So ist das Phänomen Natalee schnell erklärt, was jedoch der Faszination keinen Abbruch tun sollte. Vier Tage nach Veröffentlichung des Artikels stellten die Betreiber von Kuro5hin Auszüge aus der empfangenen Hass-Mail online, etwa wie folgt:

The "person" who wrote the "Fuck Natalee Holloway" story is a waste of human skin and bones...I hope and pray that someone in their family gets chopped into timy peices [sic] and left on their doorstep so they can smell the rotting flesh of a loved one...better yet, I hope they die today.

Die Bewohner der alten Medienwelt reagieren mit Hass und Befremden auf die Freiheit und Unabhängigkeit des Internet, fordern Zensur und Gewalt. Die Story verzeichnet insgesamt derzeit 45.000 Besuche, so dass man annehmen kann, dass die überwältigende Mehrzahl der US-Fernsehzuschauer nicht auf eigene Faust nach Inhalten im Internet auf die Suche geht, sondern sich bestenfalls direkt den Websites der vertrauten Nachrichtenproduzenten zuwendet. Die Google-gewandte Netzgemeinde dagegen dürfte an einem derartigen Boulevardthema kaum genügend Interesse haben, um danach zu recherchieren.

Der Fall Natalee steht deshalb nicht nur für die heimliche Rückeroberung des Netzes durch seine Nutzer, sondern auch für die massive Polarisierung der Medienwelten. Dass ein Artikel wie "Fuck Natalee Holloway" auf klassischem Wege veröffentlicht und verbreitet werden könnte, ist praktisch undenkbar. Genau das macht ihn aber so wertvoll. (Erik Möller)

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