Wer und was bedroht langfristig die nationale Sicherheit der USA?

Bild: DoD

Die Phantasie von Pentagon, Geheimdiensten oder Außenministerium scheint begrenzt zu sein, der Defense Science Board sieht die US-Militärmacht hingegen wegen mangelhafter Logistik bedroht

Das Government Accountability Office (GAO) wurde vom Repräsentantenhaus anlässlich des Pentagonhaushalts für das Jahr 2018 beauftragt, einen Bericht über die langfristigen Bedrohungen der nationalen Sicherheit der USA zu erstellen. Im Dezember wurde eine Version veröffentlicht, aus der als geheim klassifizierte Informationen entfernt wurden. Ausgewertet wurden Sicherheitsstrategien, Dokumente, und an das Pentagon, das Außenministerium, das Heimatschutzministerium und die oberste Geheimdienstbehörde ODNI geschickte Fragebögen. Dazu wurden Vertreter der Sicherheitsbehörden befragt.

Insgesamt wurden 210 langfristige Gefährdungen benannt. Als langfristig wurden solche betrachtet, die in 5 Jahren oder weiter in der Zukunft eintreten können Herausgepickt wurden von der GAO 26 Bedrohungen in vier Bereichen, die von den Ministerien und Behörden genannt wurden.

Die erste Kategorie nennt politische und militärische Fortschritte der Gegner. Man wird nicht lange überlegen müssen, um zu dem Schluss zu kommen, dass China und Russland ganz oben stehen. China wolle zu einer regionalen und globalen Macht werden, das könne den Zugang der USA zum Luft- und Weltraum, zum Cyberspace und zum Meer gefährden. Man müsste allerdings sagen, dass es hier um die amerikanische Vorherrschaft geht, da die USA bestrebt ist, den Gegnern den Zugang möglichst zu verwehren oder überlegen zu sein. Hervorgehoben werden Nutzung des Cyberspace und elektronische Kriegsführung.

Auch Russland dehne sich global aus. Als bedrohlich gelten verschiedene Waffensysteme, darunter Versuche, "computerbasierte Angriffe mit Energiewaffen auf militärische Ziele" zu entwickeln. Zudem werde Russlands Kombination von "irregulärer Kriegsführung, Beeinflussungsoperationen, Täuschung und Cyberangriffen" als gefährlich betrachtet.

Weiter werden Iran und Nordkorea genannt, Terrorismus mit neuen Taktiken und Waffen, neue Staatsfeinde oder auch Konzerne, die mehr Einfluss haben als Staaten. Und dann werden noch einmal Informationsoperationen genannt, die von China, Russland oder Iran ausgehen können: "fortgeschrittene Informationsoperationen, die soziale Medien, KI und Big Data nutzen, um die USA und ihre Alliierten zu schwächen". Als Beispiele werden "Ausbeutung und Diebstahl von US-Informationen" oder "Informationen als Waffen" (weaponizing information) genannt.

Man fragt sich allerdings, was daran langfristig als Bedrohungskulisse sein soll, das sind die Gefährdungen, die derzeit kursieren und genannt werden, klar wird daran vor allem, dass sich das militärische Feld weg von Materialschlachten hin zu Informationsschlachten bewegt, also weg von Panzern, Schiffen, Kampfflugzeugen oder Raketen zur Verteidigung oder Einnahme von Territorien hin zu digitalen Waffen und Strategien bewegt. Darauf weist auch die zweite Kategorie über "Dual-use-Techniken" hin, die den USA gefährlich werden könnten, wenn sie von Gegnern eingesetzt werden. Hier werden u.a. alle Techniken genannt, die gerade boomen: Künstliche Intelligenz, Quanteninformatik, Internet of Things, autonome Systeme, Biotechnik wie Synthetische Biologie oder Gentechnik, Verschlüsselungstechniken oder 3D-Drucker. Da wurde einfach nur zusammengetragen, was irgendwie eine Bedeutung haben könnte, aber schon in Entwicklung ist.

Dazu muss man aber auch gleich sagen, dass der Begriff "Dual-use" eigentlich auch in Zeiten von Cyberwar, Informationsoperationen, digitalen Angriffen oder irregulärer oder hybrider Kriegsführung überholt ist. Hier werden grundsätzlich die Maschinen, Techniken, Programme verwendet, die auch im zivilen oder wirtschaftlichen Bereich, inklusive Kriminalität, eingesetzt werden. "Cyberwaffen", die von der NSA entwickelt und dann geleakt wurden, konnten andersherum wie im Fall von WannaCry zum Kapern und Erpressen von Unternehmen, Behörden, Krankenhäusern etc. verwendet werden. Cyberwar etwa verschmilzt den militärischen und zivilen Bereich, denn hier würde auch oder primär versucht werden, die Wirtschaft und das Funktionieren der Gesellschaft eines feindlichen Staates zu schädigen oder zum Zusammenbruch zu bringen.

Überdies wurde schon in den 1990er Jahren mit der Verbreitung des Internet das Verschwimmen des Zivilen und Militärischen beschworen. So heißt es in der Nationalen Sicherheitsstrategie aus dem Jahr 1998, dass die "Grenze zwischen der Innen - und Außenpolitik zunehmend verschwimmt", weswegen die einst getrennten Aufgabenbereiche des Militärs, der Geheimdienste, der Polizei und der Wirtschaftspolitik unter dem Oberbegriff der Sicherheit miteinander verknüpft werden müssen (Die Gefahren des neuen globalen Zeitalters).

Genannt werden als künftige Waffensysteme die nicht gerade neuen Bedrohungen, die auch immer ein Grund für Aufrüstungsbemühungen waren: Massenvernichtungswaffen, Elektronische Kriegsführung, Weltraumwaffen, Unterwasserwaffen, neue Flugzeuge, Überwachungstechniken, Raketen und Cyberwaffen. Relativ neu sind nur die Hyperschallwaffen, bei denen gerade Russland und China einen Vorsprung erreicht zu haben scheinen und die das amerikanische Raketenabwehrschild wertlos machen.

Interessanterweise werden aber noch Bedrohungen aufgelistet, hinter denen keine Gegner stehen, die aber den USA oder der nationalen Sicherheit schaden können. Auch hier findet man keine neuen Ideen, wenn die Behördenvertreter auf Grippeepidemien oder andere Infektionskrankheiten, den Klimawandel mit Extremwetterereignissen oder dem Abtauen der Arktis, Lebensmittelengpässen oder dem Wachstum vom Megacities hinweisen. Katastrophen in Megacities, auch Bürgerkriege und andere Konflikte, könnten die Strukturen zusammenbrechen lassen und zu einer Massenauswanderung führen. Das bedrohe die regionale Stabilität, unterminiere Regierungen und überdehne militärische und zivile Antworten der USA. Auch das ist schon seit Jahrzehnten Thema ("Pockets of Darkness").

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US-Streitkräfte wegen Logistik nicht für einen Krieg mit Russland oder China gewappnet

Interessant wäre natürlich, ob die Ausführungen im geheimen Teil etwas konkreter und maßgeblicher sind. Drastisch warnt hingegen ein Bericht des Defense Science Board vom November 2018, dass die amerikanischen Streitkräfte schlecht gerüstet für einen Krieg mit Russland oder China wären. Das liegt nach dem Bericht aber weniger an den Waffensystemen, sondern an der Nachschubkette oder Logistik, um Truppen und Material zu verlegen. Das sei seit Jahrzehnten vernachlässigt worden, weil es in asymmetrischen Kriegen keine Gegner gegeben habe, die die Logistik hätten stören können, indem Flugzeuge abgeschossen oder Transportschiffe versenkt werden. Da geht es dann nicht primär um den Cyberwar oder die elektronische Kriegsführung, sondern um Transportflugzeuge, Tankflugzeuge, Schiffe, Tanker und andere Transportmittel sowie um Vorräte und Lagerhaltung. Das betrifft auch weniger die Landesverteidigung, sondern die Sicherung der weltweiten Stützpunkte und die Möglichkeit, militärisch global handeln zu können.

Die Möglichkeit, dass Gegner die militärische Versorgungsketten bedrohen können, habe mit neuen Waffen und Raketen sowie Fähigkeiten der "grauen Zone" wie Cyberangriffe und Weltraum-Kriegsführung zugenommen: "Ein Konflikt mit einem strategischen Gegner verlangt eine verteilte und überlebensfähige Logistikstruktur und robuste IT-Systeme, die man nicht nur gegen Cyberangriffe verteidigen, sondern die auch sicher logistische Informationen über militärische und kommerzielle Elemente verbreiten kann."

Craig Fields, der Vorsitzende des Defense Science Board: "Überlebensfähige Logistik ist die entscheidende Kraft hinter der gesamten US-Militärmacht. Ohne die Fähigkeit, unsere Soldaten, Matrosen, Piloten und Marines mit den Ressourcen zu versorgen, die für den Sieg auf dem Schlachtfeld notwendig sind, macht die Entwicklung von fortgeschrittenen Taktiken und Techniken keinen Unterschied." Allerdings wird auch der Einsatz von KI und Maschinenlernen zur Unterstützung der Logistik gefordert, Blockchain-Technik sei gut, um Cyberangriffe abzuwehren. (Florian Rötzer)

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