"75 bis 80 Prozent der Kunden kündigen vorzeitig"

Wo sehen Sie den größten Nachteil für den Kunden?
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Holger Balodis: Die sehe ich bei privaten Renten in der Rentenphase. Hier wird mit Lebenserwartungen gerechnet, die die meisten von uns schlicht nicht schaffen können. So sollen die heute 30-jährigen rund 100 Jahre alt werden - im Durchschnitt. Durch diese unrealistischen Annahmen können im Alter nur niedrige Renten gezahlt werden. Wer allerdings früher stirbt, der hinterlässt der Versicherung erhebliche Sterblichkeitsgewinne.
Wie viele Leute steigen vorzeitig aus den Altersvorsorgeverträgen aus und wie viel Geld bekommen sie dann zurück, beziehungsweise in welchen Dimensionen bewegen sich deren Verluste?
Holger Balodis: Schätzungsweise 75 bis 80 Prozent der Kunden kündigen vorzeitig und erhalten dann den Rückkaufswert ausgezahlt. In den ersten Jahren können sie mit einer Rückzahlung von rund der Hälfte ihrer Beiträge rechnen. Bei den meisten Anbietern dauert es sehr lange, in Einzelfällen rund 30 Jahre, bis der Rückkaufswert die bis dato gezahlten Beiträge übersteigt. Die meisten Aussteiger erleiden deshalb empfindliche Verluste. Die exakte Höhe hängt vom Zeitpunkt der Kündigung und der Versicherungsgesellschaft ab.
Angenommen, man schafft es tatsächlich bis zum vereinbarten Zeitpunkt in die private Rentenversicherung einzuzahlen: Warum bekommen die Versicherten auch dann im Endeffekt so wenig von ihrem Geld zurück?
Holger Balodis: Tatsächlich schaffen es wie gesagt nur 20 bis 25 Prozent der Kunden durchzuhalten. Doch auch diese Kunden haben noch nicht gewonnen. Insbesondere wenn sie sich für eine Verrentung entscheiden, werden sehr viele weniger herausbekommen als sie in den Jahrzehnten zuvor eingezahlt hatten. Sie sterben schlicht zu früh. Nur für sehr Langlebige ist eine private Rente ein gutes Geschäft. Die Steuerbelastung ist abhängig vom Produkt und dem Datum des Vertragsschlusses. Sie ist aber für das schlechte Gesamtergebnis eher irrelevant.
Mit einer Ausnahme: Betriebsrenten. Hier werden im Alter nicht nur Steuern erhoben, sondern auch noch die vollen Krankenkassen- und Pflegeversicherungsbeiträge. Also Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil. Millionen Betriebsrentner sind deshalb bitter enttäuscht. Insbesondere wenn sie die Beiträge im Wege der Entgeltumwandlung selber eingezahlt haben.
Die Privatisierung der Rentenversicherung wurde seinerzeit unter Rot-Grün vorangetrieben. Handelt es sich hier um einen echten Sachzwang - oder wurde dieser von der Politik erst installiert?
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Holger Balodis: Die unter Rot-Grün beschlossene Riester-Reform war überflüssig. Die in den 1990er Jahren erfolgten Reformen hatten die gesetzliche Rente bereits wetterfest und zukunftsfähig gemacht. Doch die Politik folgte seinerzeit den Forderungen der Lobbyisten und den Arbeitgebern. Die einen wollten einen Einstieg in die Privatisierung der Rente, die anderen wollten dauerhaft niedrige gesetzliche Rentenbeiträge. Also demontierte man ohne Not die gesetzliche Rente. Seitdem dient das sinkende Rentenniveau als Begründung für den Zwang zu mehr privater Vorsorge.
Wie wurde diese Versicherungslogik politisch durchgesetzt?
Holger Balodis: Das Kernprojekt ist sicher die Einführung der Riester-Rente. Die Lobbyisten hatten nach jahrelangen Mühen die Politiker weichgeklopft. Man muss wissen, dass damals ohnehin eine allgemeine Privatisierungseuphorie den Zeitgeist bestimmte. Dazu kamen interessante personelle Verflechtungen zwischen Politik und Finanzwirtschaft, außerdem beachtliche Parteispenden von den Versicherungsunternehmen.
Dazu eine Debatte über eine angebliche demografischen Falle. Und prominente Wissenschaftler, die all das in die Öffentlichkeit trugen. Später stellte sich heraus, wie sehr auch sie mit der Finanzwirtschaft verbandelt waren. Da kam also viel zusammen. Aber es war nicht zuletzt der Durchsetzungswille von Kanzler Schröder, der sich später als guter Freund von AWD-Gründer Carsten Maschmeyer outete.
2014 wurde das Lebensversicherungsreformgesetz beschlossen. Bringt dieses Gesetz den Kunden Vorteile?
Holger Balodis: Man muss wohl einräumen, dass die Politik zumindest den Versuch unternimmt, die Abschlusskosten einzudämmen. Ob das mit den getroffenen Maßnahmen gelingt, bleibt abzuwarten. Ansonsten liefert das Gesetz den Versicherungen eine Steilvorlage, um die Kundenbeteiligung an den Bewertungsreserven dramatisch zu kürzen. Das sehe ich nicht als Vorteil.
Muss man im Fall von Arbeitslosigkeit die privaten Rentenversorgung kündigen und erst einmal dieses Geld verbrauchen, bevor man Hartz IV beziehen kann?
Holger Balodis: Riester-Renten, Rürup-Renten und Betriebsrenten bleiben auch bei Hartz IV-Bezug grundsätzlich unangetastet. Falls man auch im Alter auf Grundsicherung angewiesen ist, werden diese Renten dann aber als Einkommen gewertet und mindern den Grundsicherungsanspruch.
Bei privaten Renten- und Lebensversicherungen gehört der Rückkaufwert zum Vermögen und muss möglicherweise, wenn die vom Lebensalter abhängige Schongrenzen überschritten werden, aufgebraucht werden. Sollte die Auflösung des Vertrages allerdings eine "unzumutbare Härte" darstellen, kann davon abgesehen werden. Wann dieser Fall zutrifft, darüber werden seit vielen Jahren Gerichtsverfahren ausgetragen.
Wie verbreitet und massiv wird die Altersarmut zukünftig sein, wenn man am Konzept der privaten Altersversorgung festhält?
Holger Balodis: Entscheidend für den Umfang der Altersarmut ist, ob es gelingt, die gesetzliche Rente so zu reparieren und weiterzuentwickeln, dass sie die unteren und mittleren Einkommensbezieher im Alter wirklich schützt. Schaffen wir dies nicht, dann laufen 40 bis 50 Prozent der heutigen Erwerbstätigen Gefahr in die Grundsicherung zu rutschen. Alle Anstrengungen mit privaten Renten ändern daran nur wenig. (Reinhard Jellen)
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