Wer wird zuerst eine EMP-Waffe einsetzen?

Zum Jahresende feiert Nordkorea die Erfolge seiner Raketen- und Atomwaffentests.

Im Wettlauf um funktionsfähige EMP-Systeme, den Waffen für das digitale Zeitalter, geht die Entwicklung in Richtung taktischer Systeme, was die Einsatzschwelle senken wird

Die gefährlichste Waffe gegen digitalisierte Staaten und ihr Militär ist ein massiver elektromagnetischer Impuls, der die elektronische und digitale Infrastruktur eines ganzen Landes lahmlegen oder ausschalten könnte. Die Entwicklung des Computers hat mit der Atombombe bereits die finale Waffe geschaffen, denn mit einer hoch in der Luft zur Explosion gebrachten Atombombe wird durch die freigesetzte Radioaktivität Leben nicht in Gefahr gebracht, aber der dadurch ausgelöste elektromagnetischer Impuls kann großflächig alle nicht gehärteten Netzwerke und elektronische Geräte kurzzeitig, aber auch dauerhaft ausschalten.

Die potenziell katastrophale Bedrohung durch nukleare EMP-Waffen ist seit den 1960er Jahren bekannt, derzeit besteht vor allem Sorge, dass Nordkorea nun mit Langstreckenraketen und Atomsprengköpfen die Fähigkeit besitzen könnte, die USA in weiten Teilen nur mit einem einzigen Atombombenangriff, der von der Raketenabwehr nicht verhindert werden kann, zwar nicht zu zerstören, aber nachhaltig ins Chaos zu stürzen (Warnung vor einem nordkoreanischen EMP-Angriff auf die USA).

Die Ängste kursieren schon länger, aber EMP-Waffen werden natürlich nicht nur von Nordkorea entwickelt bzw. in Strategien bedacht. Zuletzt wurde die Hoffnung geäußert, dass das Pentagon mit einer EMP-Waffe aufsteigende Langstreckenraketen wirksam kurz nach dem Abschuss außer Funktion setzen könnte. Im Zentrum steht dabei das von Boeing und Raytheon entwickelte Counter-electronics High Power Microwave Advanced Missile Project (CHAMP), das 2012 erstmals angeblich erfolgreich getestet wurde. Dabei wurde ein drohnenähnlicher Marschflugkörper von einem Flugzeug abgefeuert, die mit Hochleistungsmikrowellen einen elektromagnetischen Impuls erzeugte, der Computer und elektronische Geräte während einer Stunde in sieben Objekten unwiederherstellbar schädigte. Im Unterschied zu einer nuklearen EMP-Waffe ist CHAMP eine Waffe, die nur lokal einzelne Ziele angreift.

Ähnlich wie ein nuklearer EMP-Angriff keine direkten Opfer wie eine konventionelle oder nukleare Bombe verursachen würde, hätte CHAMP den Vorteil, dass zwar die elektronischen Systeme einer Rakete ausgeschaltet werden können, ohne einen Menschen zu schädigen, aber auch alle anderen elektronischen Systeme oder Radarsysteme in der Nähe wären von diesem "EMP-Präzisionsschlag" betroffen. Nach dem ersten CHAMP-Test verkündete der damalige Programmmanager pflichtschuldig die optimalen Ziele der Technik, wie sie einmal sein könnte. Man könne damit die "elektronischen und Datensysteme eines Feindes unbenutzbar machen, bevor die ersten Truppen oder Flugzeuge treffen". Es heißt, die EMP-Waffe habe mit hundertprozentiger Genauigkeit funktioniert.

Die Idee also wäre, mit einer Rakete von einem Flugzeug ein CHAMP-System abzufeuern und damit den weiteren Aufstieg einer nordkoreanischen Langstreckenrakete zu verhindern, indem die Elektronik eingefroren wird. Da nicht klar ist, ob die amerikanischen Raketenabwehrsysteme Patriot, THAAD, Aegis oder NMD die Rakete während des Aufstiegs oder während des Wiedereintritts in die Atmosphäre abfangen können, hätte man so womöglich ein sicheres Mittel, suggerieren die Vertreter der Technik. Die Vorstellung ist, viele solcher Raketen im Fall des Falles abzuschießen, es müssten allerdings die Flugzeuge vor Ort sein und die Raketen müssten ihrem Ziel nahe kommen, damit die Mikrowellen die Elektronik lahmlegen können.

Das Versprechen ist, dass für diese Abwehrmethode keine Bodentruppen und keine massiven "kinetischen" Angriffe notwendig seien, ja, dass eigentlich mit dem Abfangen der gegnerischen Rakete gar kein kriegerischer Angriff stattfindet. Allerdings muss CHAMP mit einer normalen Rakete geliefert werden, die von Nordkorea eben als normale oder auch nukleare Rakete betrachtet werden könnte, also als Angriff, auf den mit allen Mitteln reagiert würde.

Was also als relativ harmlose Abwehr mittels einer nichttödlichen Waffe erscheint, die nur die Kontrollsysteme einer Rakete ausschaltet, könnte schnell eben in einen Atomkrieg münden, der gerade verhindert werden sollte. Zudem wäre mit dem Einsatz von CHAMP-Raketen das Spiel mit EMP-Waffen eröffnet, was bislang von allen Seiten vermieden wurde. Allerdings sind CHAMP-Raketen noch nicht vorhanden, sie sollen aber bei Bedarf angeblich schnell einsatzbereit sein. Das kann natürlich nur ein Wink an Nordkorea sein, ohne Tatsachen zu entsprechen.

In die Diskussion sprang schnell The National Interest, herausgegeben vom Center for the National Interest, ein und wies auf eine größere Bedrohung durch EMP-Waffen als Nordkorea hin. Es ist natürlich Russland, der große Gegner des Kalten Kriegs, der seit einiger Zeit reaktiviert wurde. In russischen Medien wurde eine neue taktische EMP-Waffe beschrieben, die als bedrohlich gilt, obgleich sie ähnlich wie CHAMP nur lokale Auswirkungen hat.

Im Rahmen des Alabuga-Programms zur Entwicklung von EMP-Waffen soll es auch eine Rakete geben, die 200 bis 300 Meter über einer feindlichen Stellung einen elektromagnetischen Impuls mit einem UHF-Feld (Ultra-High-Frequency) mit einer Reichweite von 3,5 km abgibt. Er soll Computer, Radarsysteme, Kommunikationssysteme und Präzisionswaffen nicht nur lahmlegen, sondern unbrauchbar machen: "Auch wenn das System nichttödlich ist und keine schädlichen Wirkungen auf Menschen entfaltet, sind die elektromagnetischen Wirkungen der Rakete (bis zu 100 Gigawatt) angeblich mit einer Atomwaffe vergleichbar", heißt es in einem Ende September erschienenen Artikel der Rossiyskaya Gazeta, der vom U.S. Army's Foreign Military Studies Office übersetzt wurde.

Überdies sei bereits eine seit 2001 einsatzfähige EMP-Waffe namens Ranets-Ye entwickelt worden. Sie könne mit einer 20 Nanosekunden langen 500-MW-Strahlung im Umkreis von 8-14 km alle elektronischen Komponenten zerstören und in einem Umreis von 40 km diese lahmlegen, womit Flugzeuge, Raketen und jede Munition mit Elektronik ausgeschaltet werden können. Das würde auch die eigenen Systeme im Umkreis einschließen, wenn diese nicht gehärtet sind. National Interest meint nach der ersten Beschwörung einer Waffe, die möglicherweise nur ein Wunschtraum ist, dass sie gar nicht vom russischen Militär gewünscht wurde, weil das EMP-Kurzstreckenraketensystem eine direkte Sichtlinie zum Ziel voraussetze und überdies 20 Minuten zum Neuaufladen brauche, wodurch es schnell zum Angriffsziel würde.

Deutlich wird an der Diskussion, dass eifrig EMP-Waffen entwickelt werden und dass versucht wird, die Einsatzschwelle ebenso herabzusetzen, wie dies mit taktischen Atomwaffen anvisiert wird. Die ultimative EMP-Waffe, die mit einer hoch gezündeten Atombombe ein riesiges Gebiet elektronisch zur Wüste machen kann, bleibt in der Hinterhand. Aber taktische EMP-Waffen sind, wenn sie gegen einen mächtigen Gegner gerichtet werden, zwar ähnlich nichttödlich wie Cyberangriffe, aber sie können dennoch leichter einen Krieg auslösen, weil sie sich taktisch einsetzen lassen.

In der Luft schwebt das EMP-Kriegsszenario deswegen, weil es gegen einen großen Angriff kaum Mittel gibt, die Folgen wirksam einzudämmen. Die US-Stromkonzerne sagen, sie würden zwar Sicherheitsmaßnahmen gegen EMP-Angriffe und Sonnenstürme treffen, aber könnten die Folgen nicht wirklich verhindern, auch wenn man besser gegen Blitze oder lokale EMP-Angriffe gerüstet wäre. Alles zu härten, wurde zu "astronomischen Kosten" führen. EIN EPRI-Bericht (Electric Power Research Institute) gibt eine gewisse Entwarnung. Nach Simulationen würde die Explosion einer 1,4-Megatonnen-Atombombe in der Höhe von 400 km nur regional die Stromversorgung unterbrechen. Das würde nur einige Bundesstaaten, nicht aber die gesamten östlichen oder westlichen Netzwerke betreffen. Nach keinem der Szenarien würde die Stromversorgung landesweit zusammenbrechen (Schutz vor einem EMP-Angriff). (Florian Rötzer)

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