Werbegag als Politikum oder Politikum als Werbegag?

In Neukölln und in deutschen Medien sorgt eine riesige Fahne für Aufmerksamkeit

Mit eine Deutschlandfahne in "Normalgröße" lässt sich zu Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft keine Aufmerksamkeit erregen. Anders sieht es aus, wenn die Fahne vom Dach eines vierstöckigen Hauses bis zum Erdgeschoss reicht. Dann zieht sie die Blicke der Passanten auf sich. Das wiederum ist etwas, das Händler wollen. Deshalb dekorieren sie Schaufenster, installieren beleuchtete Schilder und stellen werbeverzierte Fahrradständer auf. Doch solch traditionelle Werbung ist - anders als vermeintliches oder tatsächliches Fußballfantum - teilweise recht strengen behördlichen Einschränkungen unterworfen.

Ibrahim Bassal ist Händler. In der Berliner Sonnenallee 36, an der Ecke zur Pannierstraße, betreibt er zusammen mit seinem Cousin Youssef einen Laden. Und Ibrahim Bassal hängte in dem Haus, in dem sich dieser Laden befindet, eine solche 22 Meter lange und fünf Meter breite Deutschlandfahne auf. Die erregte nicht nur die Aufmerksamkeit von Passanten, sondern auch von Medien. Landesweit. Unfreiwillige Helfer waren dabei "Autonome", die das angeblich 500 Euro pro Stück teure Tuch bereits mehrfach heruntergerissen haben sollen, weshalb Bassal seinen eigenen Angaben nach bereits zweimal nachbestellen musste.

Die "Autonomen" reagieren auf die Flagge offenbar wie ein instinktgesteuertes Rindvieh in einer Stierkampfarena: Sie ist für sie ein "rotes Tuch", das sie herunterreißen. Nicht nur an Bassals Laden, sondern auch anderswo: Auf fahnenflucht.blogsport.eu liefert eine "Autonome WM Gruppe" sogar eine Art Regeln für diesen Stierkampf: Danach gibt es einen Punkt für eine Autoflagge, zwei Punkte für eine "große Flagge" oder das "Beweisfoto" einer verbrannten Autoflagge, zehn Punkte für ein "Original Triko" [sic] und hundert für Bassals Riesenfahne. Der Disclaimer, dass man in dem Blog "nicht zu Straftaten aufrufen" wolle und sich "alle Aussagen [...] natürlich lediglich auf legal erworbene Fahnen etc." bezögen, wird offenbar auch von den Lesern als Schutzbehauptung gewertet - was möglicherweise nicht zuletzt an Sätzen wie "Da eine geklaute Fahnen wahrscheinlich als Politisch [sic] motivierte Straftat gilt[,] hoffen wir auf höhere Zahlen im nächsten Jahr!" liegt. Auf Indymedia brüstete sich ein "Kommando Kevin-Prince Boateng" bereits am 23. Juni damit, über eineinhalbtausend Deutschlandfahnen "erbeutet" zu haben.

Für die Wegnahme oder Zerstörung von Vuvuzelas, die Menschen im Gegensatz zu nur leise flatternden Fahnen tatsächlich schaden können, gibt es dagegen seltsamerweise kein Anreizsystem. Aber hier halten es die Autonomen offenbar ähnlich wie die Polizei: Die nahm am Sonntag einen Mann, der anlässlich des WM-Spiels gegen England nackt und in schwarz-rot-goldener Ganzkörperbemalung die Münchener Leopoldstraße auf und ab fuhr, wegen "Belästigung" fest. Nach Auskunft eines Anwohners war er allerdings praktisch der einzige Fußballfan der nicht störte - ganz im Gegensatz zu seinen lärmenden und hupenden Artgenossen, gegen die die Beamten nichts unternahmen.

Das Ibrahim Bassal Araber ist, stört die "Autonomen" anscheinend nicht. "Der antifaschistische Kampf kennt keine Gnade, und auch ein Kleinhändler aus dem Libanon kann ein gemeingefährlicher Flaggen-Nazi sein" brachte es ein Kommentator im Spiegel ganz treffend auf den Punkt. Aber genau das scheint der 39-jährige Libanese, der Journalisten Sätze wie "ich werde die deutsche Fahne verteidigen", "wir leben in Deutschland und wir gehören auch zu Deutschland" und "wir lassen uns das hübsche Deutschland, das in unseren Herzen ist, nicht wegnehmen" liefert, als "Steilvorlage" zu nehmen. Auf seinen Umsatz wirken sich solche Sätze offenbar nicht negativ aus: Vor-Ort-Berichterstatter schrieben bereits Mitte der Woche von einem "vollen" Geschäft, in dem "immer mehr Leute [...] die Geschichte von der großen Fahne hören" wollen.

Doch nicht nur für Bassal ist die Fahne Werbung, sondern auch für seinen Cousin Badr Mohammed - einem Politiker, der die Idee mit der Riesenfahne angeblich zusammen mit dem Ladenbesitzer entwickelte, um "Integration durch Freizeit und Sport" voranzutreiben. Mohammed wechselte im letzten Jahr von der SPD in die CDU. Der Presse gegenüber begründete der laut Morgenpost "bekannteste Integrationspolitiker Berlins" den Wechsel mit dem "interreligiösen Dialog" in Wolfgang Schäubles Islamkonferenz, in deren Präsidium er Mitglied ist. (Peter Mühlbauer)

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