Werden die Menschen immer klüger - oder nur intelligenter?

James Flynn versucht zu erklären, warum der durchschnittliche Intelligenzquotient historisch gestiegen ist

„Was haben Kaninchen und Hunde gemeinsam?“ Sehr, sehr vieles natürlich, aber in einem Intelligenztest wird nur eine Antwort besonders hoch bewertet: „Beide sind Säugetiere, bringen also ihre Jungen lebend zur Welt!“ Ganz selbstverständlich erscheint uns diese Lösung heute als die beste und genaueste. Aber für viele unserer Vorfahren klang sie entschieden merkwürdig, fast unsinnig.

Die meisten Amerikaner, die um das Jahr 1900 lebten, hätten wahrscheinlich etwas gesagt wie „Man nimmt Hunde, um Kaninchen zu jagen!“ Die richtige Antwort, dass beide Säugetiere sind, legt nahe, dass es wichtig ist, die Welt in wissenschaftlichen Kategorien zu beschreiben. Selbst wenn die Person diese Kategorien kennt, erscheint ihr die korrekte Antwort völlig nebensächlich. Wen interessiert, ob beide Säugetiere sind? Für sie ist diese Tatsache das Unwichtigste, was man über Hunde und Kaninchen sagen kann. Wichtig sind Orientierung in Raum und Zeit, welche Dinge nützlich sind, und welche Dinge man unter seiner Kontrolle, sprich: in seinem Besitz, hat.

James Flynn

So jedenfalls argumentiert der neuseeländische Intelligenzforscher James R. Flynn in seinem jüngsten Buch mit dem Titel “What is intelligence?”. Heute dagegen sei den meisten Menschen eine „wissenschaftliche Perspektive“ und unanschauliches und abstrahierendes Denken vertraut. So versucht der neuseeländische Wissenschaftler und Politiker ein Paradox zu lösen, das der Intelligenzforschung seit über 20 Jahren keine Ruhe lässt: Die durchschnittliche Leistungsfähigkeit steigt von Generation zu Generation an.

James Flynn

Besonders eindrucksvoll ist das niederländische Beispiel, wo 18jährige Rekruten bei der Musterung getestet werden. Zwischen 1952 und 1982 stieg das durchschnittliche Ergebnis eines Jahrgangs um 20 IQ-Punkte! Fasst man alle verfügbaren Daten aus den westlichen Ländern zusammen (und ignoriert damit die wichtigen regionalen Unterschiede), ergibt sich eine Steigerung von drei IQ-Punkten pro Jahrzehnt.

Im Jahr 1984 beschrieb James Flynn als erster Wissenschaftler dieses Phänomen. Mittlerweile ist der stetige Intelligenzgewinn durch viele historische Vergleichsuntersuchungen gut belegt und als „Flynn-Effekt“ bekannt. Weil aber die meisten Intelligenzforscher davon ausgehen, dass Intelligenz in erster Linie vererbt und nur in zweiter Linie durch Umwelteinflüsse wie Erziehung gefördert werden kann, passt hier etwas entschieden nicht zusammen: Der Genbestand kann sich nicht innerhalb so kurzer Zeit verändert haben. Außerdem müsste ein so starker Unterschied zwischen den Generationen auch im Alltag bemerkt werden. Ein Intelligenzquotient von 70 gilt als Beleg einer Lernbehinderung, ein Quotient von 100 bekanntlich als Durchschnitt. Bedeutet der historische Zuwachs also, „dass die Mehrheit unserer Vorfahren geistig zurückgeblieben waren“, wie Flynn formuliert? Sind die Enkel von heute ihren Großeltern derart geistig überlegen?

Seine Antwort: Unserer Vorfahren waren nicht dümmer, sondern bevorzugten das Konkrete; sie verließen die Grundlage ihrer Wahrnehmung und Erfahrung nicht, eine „wissenschaftliche Perspektive“ war ihnen fremd. Flynn zitiert in diesem Sinne Interviews, die der sowjetische Psychologe Alexander Luria in den 1920er Jahren mit usbekischen Bauern durchführte. Der Forscher verlangt ihnen im Gespräch Analogieschlüsse ab, die diese aber beharrlich verweigern:

Die Stadt B liegt in Deutschland. In Deutschland gibt es keine Kamele. Gibt es in der Stadt B Kamele?

Ich weiß es nicht. Ich war niemals in einem deutschen Dorf. Wenn es eine große Stadt ist, sollte es dort Kamele geben.

Ein anderer Dialog macht den Unterschied in der Denkweise – oder besser: der Denkhaltung – noch deutlicher.

Wo immer Schnee liegt, sind die Tiere weiß. In Novaya Zemlya liegt immer Schnee. Welche Farbe haben die Bären dort?

Ich kenne nur schwarze Bären, und ich rede nicht über Dinge, die ich nicht selbst gesehen habe.

Ja, aber was legen meine Worte nahe?

Wenn jemand nicht dort war, kann er aus den Worten gar nichts schließen. Wenn ein Mann von vielleicht 60 oder 80 Jahren selbst dort war und mir von einem weißen Bären erzählte, würde ich ihm glauben.

Flynn kommentiert:

Diese Bauern haben völlig recht, sie verstehen den Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Urteilen. Reine Logik sagt nichts über die Wirklichkeit; das kann nur die Erfahrung. Allerdings wird ihnen diese Einstellung in einem Intelligenztest nicht gut bekommen.

James Flynn

In einem Interview vor einigen Monaten betonte er: „Der Zugewinn an IQ-Punkten ist kein Zugewinn an dem, was die meisten Menschen unter Intelligenz verstehen.“

Seine Theorie wird dadurch unterstützt, dass der Zuwachs nicht in allen Testbereichen gleich war. So haben sich die Leistungen, die Vorwissen und Erfahrung verlangen – die so genannte „kristallisierte Intelligenz“ – kaum verändert, der Zuwachs fand vor allem bei Aufgaben statt, die die Testpersonen vor neue Probleme stellen. Beides geht, durch eine Faktorenanalyse, in den errechneten IQ ein.

Damit scheint das Paradox gelöst, warum die Testergebnisse zwischen den Generationen so weit auseinanderklaffen. Aber wie ist der „Flynn-Effekt“ überhaupt möglich, wo doch das Gros der Wissenschaftler aus der Zwillings- und Adoptionsforschung ableitet, dass Intelligenz zum überwiegenden Teil vererbt wird? Flynn argumentiert, dass Anlagen - „Talente“ – zwar in den Erbanlagen begründet sind, dann aber durch Umwelteinflüsse verstärkt und teilweise erst zur Geltung gebracht werden. Musikalisch wird ein Kind nur, wenn es von den Eltern gefördert wird und ein Instrument erlernt. Ist das aber der Fall, wird die Begabung verstärkt, das Kind wird gelobt, bekommt bessere Lehrer und verbringt mehr Zeit mit gleichermaßen musikalisch talentierten Kindern.

Solche Verstärkungseffekte sollen nun die Unterschiede im gemessenen IQ erklären. Die Begabten suchen und finden ein gesellschaftliches Milieu, das ihrer Begabung entspricht und „ihre Fähigkeiten weiter steigert“. Günstige Milieus und Förderung durch Eltern oder Staat dagegen haben, zumindest bei Erwachsenen, angeblich keine dauernde Wirkung. Sobald sie aufhören, sinkt der IQ angeblich wieder auf sein „normales“ Maß. Für Flynn existiert sozusagen

ein Tauziehen zwischen zwei Umwelten: das von den Eltern errichtete Umfeld, das nicht direkt mit der genetischen Begabung des Kindes korreliert, und dem Umfeld, das das Kind selbst durch seine Interaktion mit der Welt hervorbringt, und das in der Regel seiner genetischen Begabung entspricht.

James Flynn

So versucht er zu erklären, warum die Umwelt innerhalb einer Generation wenig Einfluss haben, im historischen Vergleich aber entscheidend sein soll – sicher nicht das letzte Wort in der Sache.

Der Flynn-Effekt beschäftigt schon seit Jahren die Phantasie und Forschung, kaum ein Aspekt an ihm ist nicht umstritten. Als mögliche Ursachen diskutiert werden die längere Schulausbildung und kleinere Familien, in denen Kinder mehr Aufmerksamkeit und Förderung erhalten. Außerdem werden die bessere Gesundheitsversorgung und Ernährung angeführt. Andere argumentieren, die Menschen seien heute vertrauter mit Testsituationen seien beziehungsweise hätten eine größere Motivation.

Selbst die Gendeterministen haben noch nicht ganz aufgegeben und wollen auch die Unterschiede zwischen den Generationen biologisch erklären Sie sprechen von einem Heterosis–Effekt – der aus der Züchtung bekannten Tatsache, dass hybride Pflanzen oder Tiere oft leistungsfähiger sind als ihre reinerbigen Eltern. Flynn selbst hält sich in seiner Analyse der sozialen Ursachen auffallend zurück und führt den Triumph der wissenschaftlichen Perspektive nur vage auf die „industrielle Revolution“ zurück.

Der dänische Psychologe Tom Teasdale war einer der ersten, der feststellte, dass das Wachstum offenbar nicht unumkehrbar ist. In einer Studie verglich er die Testleistungen von mehr als einer halben Million dänischer Soldaten zwischen 1959 und 2004. Der durchschnittliche IQ stieg bis zum Ende der 1990er Jahre kontinuierlich an, stagnierte aber dann beziehungsweise fiel sogar leicht (um 2 IQ-Punkte) ab. Eine ähnliche Untersuchung aus Norwegen zeigte, dass es auch dort seit Mitte der 1990er Jahre keinen weiteren Zuwachs gab. Teasdale folgerte daraus, dass der Flynn-Effekt in Norwegen und Dänemark vorbei sei. Heute gehen Intelligenzforscher davon aus, dass dieser Befund mindestens auch auf Frankreich, Großbritannien, die Schweiz, Österreich und Deutschland zutrifft. In den so genannten Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen steigt der durchschnittliche Intelligenzquotient weiterhin.

Wieder sind die Ursachen heftig umstritten. Zusammen mit dem amerikanischen Psychologen David Owen (PDF, stellte Teasdale fest, dass der historische Flynn-Effekt in erster Linie darauf beruhte, dass die Testpersonen im unteren Bereich besser abschnitten, während der Zuwachs bei den „Begabten“ viel geringer war. Sehr vorsichtig versuchten Teasdale und Owen daraufhin den Abfall durch das Ende der Bildungsexpansion zu erklären. Im Vergleich zu den vorigen Jahrzehnten mache das dänische Bildungssystem weniger große Fortschritte, beispielsweise besuchten weniger Schüler das Gymnasium.

Wenn den aktuelle geringe Rückgang mehr als ein Artefakt ist (also nicht ausschließlich auf die gewählte statistische Methodologie zurückzuführen ist, M.B.), könnte das gleichzeitige – ebenfalls nur mäßige – Abnehmen der Zahl der Abiturienten möglicherweise zu ihm beigetragen haben.

Dass sich der Flynn-Effekt gedreht hat, bringt einige Intelligenzforscher dazu, von einer Entwicklung in die Dekadenz zu reden. Ein passiver und konsumorientierter Lebensstil, besonders bei den Unterschichten, soll schuld sein. Siegfried Lehrl, Psychologe der Universität Erlagen und Vorsitzender der Gesellschaft für Hirntraining, bringt die Stagnation in Zusammenhang mit dem Lebensstil der Bildungsfernen, die angeblich bevorzugt auf Sofas sitzen, sich von banalen Angeboten des Unterschichtenfernsehens berieseln lassen und dabei Chips essen. Auch die massenhafte Verbreitung von elektronischen Medien und Computerspielen sei verantwortlich für eine gesunkene Merk- und Konzentrationsfähigkeit.

Die öffentlichen Aussagen von Intelligenzforschern sind politisch nicht unwichtig. Sie werden herangezogen, um bildungs-, gesundheits- und familienpolitische Entscheidungen zu begründen – heute oft entsprechend einer „angebotsorientierten Arbeitsmarktpolitik“, die in der Employability der Bevölkerung den Schlüssel zum wirtschaftlichen und sozialen Erfolg sieht. Richard Herrsteins und Charles Murrays The Bell Curve ist da nur ein besonders bekanntes Beispiel. Die beiden US-amerikanischen Autoren verfassten 1994 nicht nur eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Intelligenzquotient und beruflichem Erfolg, sondern betrieben gleichzeitig Politikberatung.

Die sachlich exakte Beschreibung der amerikanischen Geburtenpolitik lautet, dass sie Kinder ärmerer Frauen subventioniert, die überdurchschnittlich häufig im unteren Bereich der Intelligenzverteilung sind. Wir mahnen dringend, dass die entsprechenden politischen Maßnahmen, nämlich das umfangreiche Netz aus finanziellen und anderen Hilfen für Mütter mit niedrigem Einkommen, beendet wird.

Zwei Jahren später wurde diese Forderung der Wissenschaftler mit dem Personal Responsibility und Work Opportunity Act von der Regierung Clinton weitgehend umgesetzt und die Hilfsangebote für Mütter gekürzt. Immer mehr Studien vergleichen heute die Bildungssysteme verschiedener Länder. Welche Richtung die Debatte darüber nimmt, wie die Intelligenz der Bevölkerung am besten zu fördern sei, könnte uns bald alle angehen. (Matthias Becker)

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