Wertgesetz und warenlose Gesellschaft

Zur Definition einer Nichtwarengesellschaft

Ausgangspunkt des Diskurses über eine zukunftsträchtige Gesellschaftsstruktur kann nicht die vorgefasste Annahme einer Nichtwarengesellschaft sein, die auf der Produktion von bedürfnisgerechten Gütern in absoluter Freiwilligkeit basiert, sonst erübrigte sich ein solches Projekt. Dies wäre auch nicht logisch, da zuvor oder zumindest parallel die Diskussion zu den grundlegenden ökonomischen Kategorien die Standpunkte zumindest auf ein erträgliches Niveau annähern müsste. Nur daraus ergäbe sich die Möglichkeit eines Bildes der Zukunftsgesellschaft.

Die bisherige Auseinandersetzung ist vorrangig vom akademischen Stil geprägt, überfrachtet von Marxzitaten und dessen angeblichen Vorstellungen, die damit belegt werden. Kurios ist dabei: Auch gegensätzliche, teilweise unvereinbare Thesen berufen sich auf Marx. Dass da etwas nicht stimmen kann, ist unübersehbar.

Neben dem weiterhin notwendigen akademischen Streit, der viele Argumentationen verkürzt und so übersichtlich werden lässt, ist vielleicht eine damit verbundene, nicht explizit geführte Diskussion ertragsträchtig, die die nüchterne Betrachtung mit einfachen Worten pflegt, Einstein gleich, der sich der Fama nach dieser Methode als Prüfung des Selbstverstehens seiner eigenen Theorien bediente. Der Gebrauch seines Bonmots zum Pfeifenrauchen, nach dem dies zu einigermaßen objektivem und gelassenem Urteil über menschliche Angelegenheiten beitragen würde, brachte mich zwar seinem Genie keinen Quant näher. Das Zitat hängt immer noch leblos über meinem Tisch und mag ich noch so viel qualmen. Die angedachte Methodik jedoch verspricht die Realität ins Boot zu holen und die Bodenhaftung zu sichern. Wie so oft kommt es auf einen Versuch an.

Zumindest unter alternativen Ökonomen und anderen Gesellschaftstheoretikern dürfte unbestritten sein, dass die Dynamik des kapitalistischen Grundwiderspruchs, der immer fester alle gesellschaftlichen Bereiche dominiert, zu einer ebenso dynamischen Dysfunktionalisierung des autonomen Regulierungsmechanismus über den Markt und dem drohenden gesellschaftlichen Supergau führt. Die Dimension des abstrakten gesellschaftlichen Reichtums, dem eigentlichen Ziel der kapitalistischen Warenproduktion, hat Größenordnungen erreicht, die ein einfaches Ausgleichen der Diskrepanz zwischen blind für den Markt vorhaltig geschaffener Überproduktion und absetzbarer Menge, die eigentliche Funktion von Krisen, nicht mehr wirken lässt, zumal die diversen Regulierungseingriffe die Krisenzyklen deformieren und damit deren Wirksamkeit weiter einschränken.

Dieser Zustand würde auch eintreten, wenn keine private, sondern z.B. gesamtgesellschaftliche Aneignung des Mehrwertes erfolgen würde. Das allerdings ist rein spekulativ, da in Realität nicht denkbar. Es sei daran erinnert, dass z.B. im New-Deal der Spitzensteuersatz bei 90% lag, die Millionäre aber trotzdem wie Pilze aus dem Boden schossen und die Frage der Wiederanlage des Reichtums immer dringender wurde mit allen Folgen, die wir heute noch ärger erfahren. Das Kapitalverhältnis erweist sich als eigene Fallgrube.

Dieser Umstand verweist ziemlich eindeutig darauf, dass Zukunftsmodelle auf der Basis von Warenproduktion wohl nicht das Gelbe vom Ei sein können. Der Grundwiderspruch kapitalistischer Warenproduktion besteht zwischen der gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung des objektiv entstehenden Mehrwertes. Das ist, so auch Marx, kein moralischer Mangel, dessen Kritik dann im Weiteren zur Kritik der Verteilungsverhältnisse und Vorstellungen zur Heilung des System durch deren gerechte Gestaltung führt, sondern ein rationales Muss zur Funktionalität des kapitalistischen Warenproduktionssystems. Und eben diese hat sichtbar ihre Grenzen erreicht.

Quo vadis? Diese Frage stellt sich von selbst. Von hier ab scheiden sich offensichtlich die Geister. Obwohl die Varianten zahlreich, wie etwa die Kontraverse um die Neue Marx-Lektüre zeigt, lässt sich alles auf zwei Grundvarianten einkochen. Die einen wollen ein Gesellschaftssystem, das wertbasiert ist, sowie einer gesellschaftlichen Gesamtplanung unterliegt, ökonomisch wäre das eine bedürfnisorientierte Planwirtschaft mit notwendiger Hierarchie. Diese bedürfte logisch auch des Geldes in irgendeiner Form, denn es würden wiederum Waren produziert werden, die bei aller möglichen Vorplanung nachträglich auf einem wie immer gestalteten Markt getauscht werden, natürlich mit einem allgemeinen Äquivalent.

Selbst wenn man dabei z.B. Stundenkonten zur Verrechnung einsetzen würde, ein in dieser Situation ökonomisch nicht unbedingt notwendiger und deshalb voluntaristischer Akt analog dem bekannten "Volkseigentums", übernähme diese Institution automatisch die Geldfunktionen, ohne einen qualitativ neuen Ersatz dafür zu schaffen. Auch wenn, diese Tendenz ist unter heutigen technischen Möglichkeiten ohne Systemveränderung schon sichtbar, time-to-market gegen Null strebt, so bleibt in jeder Warenproduktion die Nachträglichkeit des Marktes generell erhalten.

Den anderen schwebt eine Gesellschaft vor, die von unten her die Bedürfnisse ermittelt, den Ressourcen entsprechend örtlich, dann regional und schließlich landes- und kontinentweit gemeinsam die Produktion der Güter organisiert und realisiert, ohne einen Markt zu benötigen. Die konkrete Arbeit erweist sich dabei von vorneherein als gesellschaftlich notwendige Arbeit, der Widerspruch zwischen diesen Kategorien, aus dem Warenfetischismus geboren, tritt nicht in Erscheinung. Produzent und Konsument bilden eine Einheit, eine sachliche Vermittlung ist nicht notwendig, sie stehen in direkten Beziehungen.

Wachstum wie in der Warenproduktion ist nicht Voraussetzung des Funktionieren des Systems, die Voraussetzungen zum schonenden Gebrauch der Naturressourcen sind gegeben, da auch die Möglichkeit greift, dass die Bedürfnisse von allen Gesellschaftsmitgliedern auf das Wesentliche, gereinigt vom Marketingmüll, zurück geführt werden können. Erst so, allen lächerlichen aktuellen Versuchen zum Trotz, kann Nachhaltigkeit ins gesellschaftliche Leben einziehen, denn Nachträglichkeit des Marktes und Nachhaltigkeit schließen sich aus. Die Plausibilität, wie früher bereits erwähnt, wurde überzeugend z. B. von Christian Sieffkes geprüft (Christian Siefkes, Beitragen statt tauschen).

Das sind zwei sehr unterschiedliche, diametral gelagerte Varianten einer Zukunftsgesellschaft. Woher kommen denn diese divergierenden Denkrichtungen? Die einen sind nicht schlauer als die anderen, in beiden Lagern sind kluge Leute angesiedelt, die nehmen sich nichts. Warum aber und weshalb, das wäre schon wieder ein eigenes Thema, das nicht, hier aber doch, ausgespart werden soll. Es käme garantiert in einem Diskurs, sollte er gelingen, zur Sprache. Der Knackpunkt des Dissenses wäre nach aller Erfahrung garantiert in der unterschiedlichen Definition des Wertes und den darauf aufbauenden Interpretationen gesellschaftlicher Vorgänge zu finden. Wetten?

Demnächst: Nichtwarenproduktion in der Gegenwart?

(Werner Richter)

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