Wespenfreie Feigen, etwas hart geworden

Als die Jäger und Sammler sesshaft wurden, kultivierten sie als erste Obstsorte die Feige

Der Echte Feigenbaum (Ficus carica) zählt zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt. Domestiziert wurde er, so die gängige Meinung, vor etwa 6.500 Jahren im Nahen Osten. In der aktuellen Ausgabe von Science (Science, Vol 312 vom 2. Juni 2006) präsentieren israelische Archäobotaniker fossilierte Feigen, die zwischen 11.400 und 11.200 Jahren alt sind und bereits von Menschenhand kultiviert wurden.

Seit Aaron Aaronsohn (1876–1919) vor fast genau 100 Jahren wilden Weizen in den Weinbergen Galiläas fand, suchen Wissenschaftler an archäologischen Grabungsstätten in der Levante – auch Fruchtbarer Halbmond genannt, dazu zählen Kleinasien, Libanon, Syrien und Ägypten – nach botanischen Überresten aus der Zeit eines der wichtigsten Umbrüche der Menschheit: der Neolithischen Revolution – der Zeit, in der der Mensch vom umherziehenden Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern wurde.

Essbare Feigen, die mittlere stammt aus Iran, die rechte aus der Türkei. (Bild: Jonathan Reif)

Jetzt wurde ein weiterer wichtiger Baustein zum Verständnis dieser Epoche entdeckt: In der Grabungsstätte Gilgal I, im Jordantal in der Nähe von Jericho gelegen, stießen Forscher auf fossilierte Feigen und deren im Inneren enthaltene Steinfrüchte (das, was beim Essen so zwischen den Zähnen knirscht). Interessanterweise handelte es sich dabei um parthenokarpe Früchte, die keinen fruchtbaren Samen enthielten. Sie stammten von einer seltenen Mutation bei Feigenbäumen, die ohne Zutun des Menschen mit dem Absterben des Baumes verloren geht.

Komplexe Befruchtung

Um zu verstehen, was es mit diesen Feigen auf sich hat, muss man den bemerkenswerten Befruchtungsvorgang des Feigenbaumes kennen. Es handelt sich dabei um eine ungewöhnlich komplexe Symbiose zwischen drei Beteiligten: der männlichen Bocksfeige (Ficus carica var. caprificus), der weiblichen Essfeige (Ficus carica var. Domestica) und der zwei bis drei Millimeter großen Feigen- oder Gallwespe (Blastophaga psenes).

Feigen-Überreste von Gilgal I. (Bild: Jonathan Reif)

Die funktioniert grob vereinfacht so: Während die Bocksfeige männliche und weibliche Blüten besitzt, hat die Essfeige nur weibliche, die mithilfe der Gallwespen durch die Pollen der Bocksfeige bestäubt werden müssen. Die Feigenwespe legt ihre Larven in den weiblichen Blüten der Bocksfeige ab. Wenn die jungen Wespen schlüpfen, sind die männlichen Blüten reif, und beim Verlassen des Fruchtstands nehmen die Wespen die Pollen mit. Zur Eiablage suchen die Wespen Feigen beider Varianten auf, wobei sie die Blüten bestäuben.

Die Feigen, die wir essen, sind die Früchte von weiblichen Bäumen. Sie sind süß, während die Früchte der Bocksfeige bitter schmecken und vor allem voller Wespen sind. Doch es gibt noch eine Variante der weiblichen Feige: Ein durch Mutation entstandener Feigenbaum, der parthenokarpe, d. h. samenlose Früchte trägt. Er bildet die fleischigen Fruchtstände ohne Bestäubung aus. Die heute kultivierten Sorten sind fast alle parthenokarp.

Zu 90 % parthenokarpe Früchte

In dem prähistorischen Dorf Gilgal I, das auf 11.400 bis 11.200 Jahre v. Chr. datiert wird, haben Mordechai E. Kislev, Anat Hartmann und Ofer Bar-Yosef vom Archäobotanischen Labor der Bar-Ilan Universität in Ramat-Gan/Israel neun fossilierte Früchte sowie hunderte Steinfrüchte geborgen. Mit einem Durchmesser von 18 mm sind die Feigen relativ klein, da sie nicht zerdrückt oder sonstwie beschädigt waren, gehen Kislev und Kollegen davon aus, dass sie für den Verzehr getrocknet wurden. Unter allen Früchten aus Gilgal I waren Feigen am zahlreichsten.

Das Jordantal von der Grabungsstätte Gilgal aus gesehen. (Bild: Anat Hartmann)

Mit Nadeln und Pinzetten öffneten die Forscher die kleinen Steinfrüchte aus dem Inneren der Feigen, in mehr als 90 Prozent der Fälle fanden sie keine Hinweise auf Samen. Damit stammen sie von parthenokarpen Pflanzen. Um sicher zu gehen, dass es sich bei den samenlosen Feigen nicht um einen singulären Fund handelte, untersuchten die Forscher Feigen aus anderen, in der Nähe gelegenen Fundstätten (z. B. Netiv Hagdud, Gesher, Jericho Phase VIIB, Gilgal III), die alle dasselbe Ergebnis lieferten.

Die Feigen von Gilgal stammen demnach von Bäumen, die die Menschen der Jungsteinzeit bewusst angebaut haben, um sich Nahrung zu sichern. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt wussten sie also, dass samenlose Pflanzen keine neuen Bäume hervorbringen, man sie dafür aber sehr leicht vermehren kann, indem man einen Zweig in den Boden steckt. Dass ausgerechnet die Feige zur Domestizierung erste Wahl war, scheint auch insofern plausibel, als die Feige ein robustes Gewächs ist, das Hitze, Kälte und auch Trockenheit gut aushält. Diese Vorzüge führten vermutlich dazu, dass die Feige rund 5.000 Jahre vor Trauben, Oliven und Datteln kultiviert wurde.

Die Wüste von Judäa von Gilgal I aus betrachtet. Die jährliche Niederschlagsrate liegt heute niedriger als vor 11.000 Jahren. (Bild: Anat Hartmann)

Zusammen mit den Feigen fanden die Wissenschaftler jede Menge wilder Gerste, Hafer und Eicheln. Die Bauern von Gilagal ernährten sich also einerseits von wilden Pflanzen, begannen aber bereits mit der Kultivierung von Früchten. Dies scheint, so das Fazit der Wissenschaftler, 12.000 v. Chr. gängige Praxis in dieser Region gewesen zu sein.

Nun gibt es so etwas wie einen Wettbewerb darüber, wo genau der Ackerbau zuerst begann und welches die Pionier-Pflanze war. Waren es Kichererbsen und Linsen, die erstmals im Süden der Türkei angebaut wurden oder Gerste in Israel? Bei den Früchten zumindest hat Israel zur Zeit die Nase vorn. (Katja Seefeldt)