Westminster: Terroranschlag in Londons Regierungsviertel

Screenshot, ABC-News, YouTube

Die Ermittlungen gehen von einem Einzeltäter aus, dessen Identität bekannt ist. Der von der Polizei getötete Attentäter soll mit dem "internationalen, islamistischen Terrorismus" in Verbindung gestanden haben

Genau ein Jahr nach den Anschlägen in der belgischen Hauptstadt Brüssel, am frühen Nachmittag des 22. März, fuhr ein Mann auf der Westminster-Brücke in London auf mehrere Passanten in offensichtlicher Tötungsabsicht zu, zwei starben, (am Donnerstagmorgen wurde die Zahl auf drei Todesopfer korrigiert), 40 Personen wurden zum Teil sehr schwer verletzt. Danach fuhr er in Richtung Parlamentsgebäude, in dessen Eingangsbereich er sein Auto verließ und einem Polizisten mit einem Messer so schwere Wunden zufügte, dass dieser an Ort und Stelle starb.

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Die Londoner Polizei wurde bereits in ersten Eilmeldungen damit zitiert, dass sie die tödlichen Aktionen als "terroristische Akte" einstufte. Sie agierte sehr schnell. Der Mann war kurz nach seiner Messerattacke mit mehreren Schüssen getötet worden. Nur wenige Minuten nach den tragischen und brutalen Vorfällen war die Zone um den Westminster-Palace voller Polizisten und Spezialkräfte, die alles abriegelten.

Der Westminster-Palast, der zu Londons Sehenswürdigkeiten gehört und beide Kammern des Parlaments beherbergt, wurde ebenfalls sehr zügig abgeriegelt. Die Premierministerin wurde in die nahe gelegene Downing Street gefahren. Die Parlamentarier des Unterhauses wurden wie andere, die sich im Gebäude aufhielten, angewiesen, bis zur Klärung der Sicherheitslage dort zu verweilen.

Eine ganze Zeit lang herrschte Unsicherheit darüber, ob der von der Polizei Getötete, der den Polizisten erstochen hatte und allem Anschein nach der "Todes-Fahrer" ist, alleine gehandelt hatte. Die ersten Meldungen berichteten noch von zwei augenscheinlichen Terrorakten, deren Verbindung untereinander noch nicht geklärt war.

Es hieß, dass sich Polizisten in den über 1.000 Räumen des mehrstöckigen Westminster Palace auf die Suche nach einem möglichen Mittäter machen würden - der raschen Kontroll-Reaktion der Sicherheitskräfte folgten die Terrorakte begleitenden Momente des Durcheinanders und Irrsinns mitten in einer Welt, die zuvor noch auf rationale Abläufe und Übersicht ausgerichtet war.

Der Sturz einer Frau von der Westminster-Brücke in die Themse, die lebend, aber schwerverletzt geborgen wurde, wobei unklar ist, ob sie vom Angreifer-Auto übers Geländer geschleudert wurde oder aus Furcht von der Brücke sprang, zeigt die Erschütterung durch diesen Schockkollaps der gewohnten Realität, den Medien auch rasch aufgriffen.

Am späten Mittwochabend dominierte in den Livetickern des Guardian, der BBC und des russischen RT die Ansicht, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Einzeltäter handelt. Laut dem Ticker des Guardian äußerte die Londoner Polizei kurz vor Mitternacht, dass ihr die Identität des mutmaßlichen Attentäters bekannt sei.

Einzelheiten wurden aber nicht an die Öffentlichkeit gegeben. Die Ermittler seien noch dabei zu klären, ob der Mann mögliche Helfer hatte und sie zu identifizieren. Der Assistant deputy commissioner Mark Rowley wird darüber hinaus mit der Aussage zitiert, dass man überzeugt sei, der mutmaßliche Attentäter sei "vom internationalen Terrorismus, der mit Islamisten in Beziehung stehe, inspiriert".

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Die Art des Anschlags lässt an Berlin denken und an Nizza und an den Mordaufruf des mittlerweile getöteten IS-Scharfmachers al-Adnani vom September 2014. Adnani hatte Anhänger der mörderischen Takfiri-Doktrin dazu aufgefordert, jeden Ungläubigen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu töten, ob es nun die Scherbe einer Teetasse sei, ein Messer oder ein Auto (siehe: Tötet sie, bespuckt sie, verachtet sie).

Die Politiker, die sich bislang zu Wort meldeten, allen voran die Premierministerin Theresa May und Londons Bürgermeister Sadiq Khan, richteten ihre Äußerungen an die Öffentlichkeit danach aus, Unbeirrbarkeit und Ruhe zu demonstrieren. Solche Taten würden dem Alltagsleben der Londoner und ihrer Gäste - unter den Opfern befinden sich Besucher aus anderen Ländern - nichts anhaben und auch die demokratische politische Werteordnung unberührt lassen. Man werde sich dem Terror nicht beugen.

Dennoch dürfte es Befürchtungen geben, dass solche Akte wie Mörderfahrten oder Messerattacken, die seit einiger Zeit häufiger Schlagzeilen machen, zum "new normal" in exponierten westlichen Ländern werden, wie dies eine Terrorexpertin, angeblich eine "ehemalige-MI5-Offizierin", formulierte, die von RT zitiert wird.

Nach dem Usus des IS müsste, da der Attentäter tot ist und nicht lebendig in Polizeigewalt, demnächst ein Bekennervideo im Netz auftauchen - falls der mutmaßliche Attentäter Verbindungen zu dieser Gruppe des internationalen islamistischen Terrorismus hatte. Im Fall des IS ist das gewöhnlich ein Video mit Treue-Schwur, geschickt an eine virtuelle IS-Adresse. (Thomas Pany)

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