Wetten gegen den Euro

Wenn der Euro geschützt werden soll, müssen die Euroländer Griechenland unter die Arme greifen

An der Unterstützung Griechenland führt kein Weg vorbei. Diese Erkenntnis setzt sich offenbar langsam auch bei den Entscheidungsträgern durch. Einige Verantwortliche formulieren diese einfache Wahrheit nun auch deutlich, um nicht noch mehr Porzellan zu zerschlagen. Denn angesichts immer neuer Sparforderungen, die vor allem in Berlin vorgetragen werden, platzt vielen Griechen inzwischen der Kragen. Man erinnert sich, dass es Deutschland bei der Frage der Reparationen und Entschädigung der Kriegsopfer auch nicht so genau genommen habe. Ein Verbraucherverband fordert nun offen zum Deutschland-Boykott auf. Nutzen bringt die Situation eigentlich nur Spekulanten, die auf die Schwächung des Euros setzen, um mit ihren Wetten enorme Gewinne einzustreichen.

Am Freitag berichtete das Wall Street Journal, dass sich verschiedene Hedge-Fonds abgestimmt hätten, um die Schwäche Griechenlands für einen Angriff auf den Euro zu nutzen. Beim Dinner sollen in Manhattan Vertreter verschiedener Fonds, unter anderem von SAC Capital, Soros Fund Management und Brigade Capital, über Strategien gesprochen haben, wie man von der Situation profitieren könne. "This is an opportunity...to make a lot of money," zitiert die Zeitung Hans Hufschmid. Der Dollar könne mittelfristig auf Parität zum Dollar fallen, lautete die These.

Dass danach die Nettoverkaufspositionen an den Terminmärkten für den Euro deutlich anstiegen, ist ein Hinweis dafür, dass es sich um eine illegale konzertierte Aktion handeln könnte. Andere Berichte sprechen davon, dass auch die US-Notenbank (FED) inzwischen Untersuchungen anstellt. Dabei geht es nicht nur um die Rolle von US-Großbanken, die Griechenland geholfen haben, einen Teil der Schulden zu verstecken (Konkrete Finanzhilfe für härtere Auflagen an Griechenland?), sondern auch um Aktionen, mit denen Banken und Hedge-Fonds nachhelfen, damit auch das eintritt, worauf sie hohe Wetten abgeschlossen haben. So schreibt die Washington Post: "Ein anderes mögliches Problem ist, ob Banken und Hedge-Fonds Wetten darauf abschließen, dass Griechenland zusammenbricht und so eine selbsterfüllende Prophezeiung einer Abwärtsspirale für die Mittelmeernation erzeugen."

Die Rolle der Rating-Agenturen darf bei dieser Strategie nicht unbeachtet bleiben. Schließlich war es Standard & Poor's (S&P), die im Dezember eine weitere Herabstufung der Kreditwürdigkeit Griechenlands ankündigte. Als Fitch dann definitiv Griechenland von "A-" auf "BBB+" herabstufte, wurde von einer drohenden Staatspleite in Griechenland gesprochen.

Danach stufte S&P Griechenland genau dann herab, als es dort zum Generalstreik gegen geplante Sparmaßnahmen der Regierung kam. So darf man sich eigentlich kaum noch wundern, wenn die Rating-Agenturen nun während des Generalstreiks, der am vergangenen Mittwoch das Land weitgehend lahm legte, erneut mit Abstufungen drohten. "Eine Senkung um ein bis zwei Noten ist innerhalb eines Monats möglich", war die Reaktion des S&P-Analysten Marko Mrsnik. Griechenland würde dann schon fast auf der Ebene von Junk-Bonds ankommen, an deren Grenze schon der Pleitestaat Island liegt. Und genau der Eindruck soll offenbar erzeugt werden, weshalb man auch bei Moody`s davon spricht, "das Rating tatsächlich um ein paar Stellen nach unten zu setzen”.

Man könnte in diesem Zusammenhang auch von Willkür sprechen, denn es erklärt sich einfach nicht wirklich, warum Italien weiter mit A+ und einem stabilen Ausblick bewertet wird. Dabei hat Griechenland erst 2009 zum Schuldenmeister Italien aufgeschlossen, dessen Schuldenberg beträgt im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) 115 %. Bekannt ist auch, dass es Italien mit seinen Zahlen ebenfalls nicht immer so genau nimmt. Gegenüber dessen Gesamtverschuldung von fast zwei Billionen Euro ("Italien ist größte Gefahr für den Euro") sehen die 300 Milliarden Euro der Griechen geradezu lächerlich aus. Massive Forderungen zur Sanierung der italienischen Finanzen bleiben aus. Warum hat man Italien nicht längst unter Zwangsverwaltung der EU gestellt, wie man es jetzt mit Griechenland tut?

Es drängt sich der Verdacht auf, dass kleine Länder gezielt für eine Strategie der Schwächung des Euro herausgegriffen werden. Deshalb wird auch von Portugal in einem Atemzug mit Griechenland gesprochen. Dessen Verschuldung liegt gerade bei 85 % des BIP, also etwa im EU-Durchschnitt. Das Haushaltsdefizit lag 2009 mit 8 % weit unter den Werten, die Großbritannien und Irland auswiesen, deren Defizite wie in Griechenland bei etwa 13 % lagen. Doch Großbritannien erhält sogar weiter die Bestnote "AAA", obwohl auch für 2010 und 2011 jeweils ein Defizit im Bereich von 13 % erwartet wird. Verlässt man Europa, wird das noch plastischer. Denn auch im Fall von Japan sprechen die Rating-Agenturen nicht von einem Pleitestaat. Doch kein Industrieland ist so hoch verschuldet wie Japan, dessen Verschuldung schon bei 200 % der jährlichen Wirtschaftsleistung liegt.

Im Fall Griechenland wird alles getan, damit sich die selbsterfüllende Prophezeiung (Self-fulfilling prophecy) erfüllen muss. Die Schulden für das Land werden wegen dem Geschrei immer teurer. Die Risikoaufschläge für zehnjährige Staatsanleihen steigen und am Donnerstag mussten schon 6,65 % Zinsen gezahlt werden. Das sind gut 3,5 % mehr als für deutsche Staatsanleihen. So kann man langfristig dafür sorgen, dass Griechenland in die Pleite abschmiert. Griechenland zahlt bei diesem horrenden Zinssatz für die in diesem Jahr benötigten Anleihen in einer Gesamthöhe von 50 Milliarden jährlich 3,25 Milliarden Euro Zinsen. Über die Laufzeit von zehn Jahren summieren sich also 32,5 Milliarden Euro auf, während Deutschland nicht einmal die Hälfte der Summe berappen muss.

Dabei ist die Pleite eines Mitglieds der Währungsunion unrealistisch. Man kann eines nicht oft genug wiederholen. Wenn man einzelne Banken innerhalb Europas, wie in Deutschland die Hypo Real Estate (HRE), als "systemisch" erklärt und bereit ist, notfalls allein in der HRE mehr als 100 Milliarden Euro an Steuergeldern zu versenken, kann nicht ernsthaft davon ausgegangen werden, dass man ein Mitglied der Währungsunion abstürzen lässt. Die Folgen für den Euro und für die Gemeinschaft insgesamt wären unabsehbar. Haben deutsche Regierungspolitiker vergessen, dass sie im Fall der HRE davon sprachen, erst müsse der Brand gelöscht werden, "auch wenn es sich um Brandstiftung handelt". Erst danach müsse man die Brandstifter zur Rechenschaft ziehen.

Was für die HRE gilt, muss auch für Griechenland gelten. Die wachsweichen und nichts sagenden Beteuerungen helfen wenig. Man spielt damit nur den Spekulanten in die Hände. Mit einer schnellen und klaren Hilfszusage hätte man die Angriffe auf die Gemeinschaftswährung frühzeitig abwehren können, die nun über Griechenland auf den Euro gestartet werden. Dass sich erst so langsam ein Plan herausschält, um die Finanzierung von Griechenland zu sichern, lässt den Finanzjongleuren weiterhin viel Spielraum für ihre Angriffe, mit denen sie viel Geld machen.

Ein gutes Signal ist für die nun auch, dass deutsche Banken sich nicht weiter in Griechenland engagieren wollen. Wenn Griechenland im März und April neue Anleihen platziert, wollen sie sich heraushalten, obwohl hohe Renditen winken und die Kredite letztlich über die Gemeinschaft garantiert werden. Die Deutsche Bank wolle nur noch als Investmentbank bei der Platzierung von Anleihen mitwirken - und nicht mehr selbst Geld in griechischen Staatspapieren anlegen, schreibt die Financial Times Deutschland. Auch die verstaatlichte HRE, die mit 10 Milliarden größter deutscher Gläubiger ist, will nicht erneut zugreifen.

Es gibt inzwischen aber auch immer mehr Stimmen, welche die Lage realistischer einschätzen. So sagte Luxemburgs Finanzminister Luc Frieden in einem Interview: "Wir werden nicht zulassen, dass Griechenland ein Risiko für den Euro-Raum wird." Auf die Nachfrage, ob die Euro-Länder auch mit Geld helfen müssen, sagte Frieden: "Wir haben keine andere Wahl. Europa ist eine Solidargemeinschaft."

Ins Gewissen redet der Bundesregierung auch der Direktor der deutschen Finanzagentur. "Sollte eines der 16 Euro-Mitgliedsländer pleite gehen, würde das gesamte System zusammenbrechen", warnte Carl Heinz Daube gegenüber Reuters. Der Mann, der Deutschland an den Finanzmärkten vertritt, machte deutlich, was hier auf dem Spiel steht: "Das wäre das Ende für die Währungsunion."

Das Berliner Gehabe, immer neue und absurdere Sparforderungen an Griechenland zu stellen, dient nur dazu, den Unsinn vergessen zu machen, den die Regierung schnell zum Besten gab. Griechenland müsse sich nun selber aus dem Schlammassel befreien, deutsche Steuerzahler würde man nicht zur Kasse bitten, wurde geredet. Es ist schon jetzt unrealistisch, dass es Griechenland schaffen kann, in einem Jahr das Defizit um 4 % zu senken. Noch unrealistischer ist, dass es bis 2013 die Defizitmarke von 3 % einhält. Die Lage wird aber nicht besser, wenn man nach Abnicken des griechischen Sparplans nun die Forderungen immer weiter heraufschraubt. Sie werden nur immer unrealistischer. Das Gerangel führt lediglich dazu, dass der Schuldendienst für das Land noch teurer wird, anstatt es an dieser Front finanziell zu entlasten. Das wäre schon aus Eigeninteresse gut. Wie sonst will Berlin die Gefahren für den Euro beseitigen?

Das Berliner Verhalten führt in Griechenland inzwischen zu Verstimmungen und bisweilen zu einer regelrechten Feindschaft gegen Deutschland. Besonders geht vielen Griechen auf den Geist, pauschal als Betrüger und Faulenzer dargestellt zu werden. Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war das Titelbild des Nachrichtenmagazins "Focus" mit dem entsprechenden Schriftzug. Es zeigte die Venus von Milo mit einem Stinkefinger und nannte die Griechen die "Betrüger in der Euro-Familie".

Nun erinnert man sich, dass es Deutschland mit den Reparationszahlungen für die Schäden nach dem faschistischen Überfall und der Entschädigungen der Opfer ja auch nicht so eng sieht. "Wie kann Deutschland die Frechheit besitzen, uns wegen unserer Finanzen zu denunzieren, wenn es noch immer keine Entschädigung für die griechischen Opfer des Zweiten Weltkriegs gezahlt hat?". Diese Frage beschäftigt nicht nur den Ex-Minister Margaritis Tzimas von der konservativen Nea Dimokratia.

Die kleine Linkskoalition fordert von der sozialistischen Regierung, "Druck" wegen der Reparationszahlungen auf Deutschland auszuüben. Und angesichts der Stimmung im Land verschließen sich auch die regierenden Sozialisten (Pasok) nicht mehr ganz dem Thema. Ministerpräsident Giorgos Papandreou bezeichnete die Frage deutscher Reparationszahlungen als ungelöst. "Wir haben unsere Forderungen nie aufgegeben", sagte er.

Bei seinem Besuch am kommenden Freitag in Berlin wolle er das Thema aber nicht ansprechen. Dies sei angesichts der augenblicklich schwachen Position Griechenlands nicht opportun. Der Kritik der Konservativen begegnete er, sie hätten bis Oktober 2009 an Regierung genug Zeit gehabt, um ihre Forderungen an Deutschland zu richten. Die sozialistische Regierung mahnt allerdings gegenüber Deutschland, angesichts der Nazi-Vergangenheit in Hinblick auf die Schuldenproblematik zurückhaltender zu sein.

Inzwischen wird in Griechenland offen ein Boykott Deutschlands gefordert. Der mächtige Verbraucherverband INKA verteilte entsprechende Aufrufe in der Athener Innenstadt, unter anderem vor einem Media Markt. "Boykott von heute an von allen deutschen Produkten und Geschäften durch alle Bewohner Griechenlands", heißt es darin. Es sei nicht hinnehmbar, die griechischen Geschichte, Schönheit und Zivilisation zu verfälschen. Von der deutschen Regierung forderte der INKA-Präsident, Giorgos Lakouritis, die Focus-Publikation zu verurteilen. INKA reicht die Entschuldigung durch den deutschen Botschafter nicht. Mit Bezug auf die "Freunde" aus Deutschland sagte Lakouritis: "Wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde mehr." (Ralf Streck)

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