Wettkampf mit Robotern entmutigt Menschen

Wenn Maschinen besser sind, mögen die Menschen sie weniger und sinkt ihr Selbstvertrauen sowie ihre Leistungsmotivation

Schon vor 60 Jahren hatte der Philosoph Günther Anders die "Antiquiertheit des Menschen" gegenüber der Perfektion seiner Produkte festgestellt und von der dadurch ausgelösten "prometheischen Scham" gesprochen. Dabei waren die Maschinen und Produkte in den 1950er Jahren nicht besonders smart, auch wenn damals für Anders die Atombombe gezeigt hatte, dass die Menschen damit das Ende ihrer Geschichte selbst bereiten können. In den 1950er Jahren schwärmte man noch zukunftsbesoffen von den Möglichkeiten der für den Bau der Atombombe entwickelten Computer und sah die "Elektronengehirne" schon kurz davor, schlauer als die Menschen zu werden. Die Dartmouth Conference (1956) etablierte das Forschungsgebiet der Künstlichen Intellgenz.

Es hat dann doch ein paar Jahrzehnte gebraucht, bis die Computer entsprechende Maschinenintelligenz erworben haben, um nicht nur in sehr eingeschränkten Gebieten wie komplexen Berechnungen oder Strategiespielen wie Schach besser und schneller als Menschen zu sein. Mit künstlichen neuronalen Netzen und maschinellem Lernen dringen nun KI-Systeme in viele Bereiche vor und können menschliche Arbeit ersetzen. Das kann nicht nur zu Arbeitslosigkeit führen, sondern auch die prometheische Scham gegenüber den KI-Systemen verstärkt entstehen lassen.

US-Präsident Donald Trump hatte am Dienstag angesichts der tödlichen Probleme der Boeing-Maschine zwar weniger die Scham, aber doch den Zorn oder die Verzweiflung über die den Menschen ablösenden Maschinen zum Ausdruck gebracht: "Airplanes are becoming far too complex to fly. Pilots are no longer needed, but rather computer scientists from MIT. I see it all the time in many products. Always seeking to go one unnecessary step further, when often old and simpler is far better."

Keine Lust auf Verlieren

Die prometheische Scham war aber das Ergebnis eines als Glücksspiel simulierten Experiments, das Wissenschaftler der Cornell University und der Hebrew University of Jerusalem durchführten. Dabei ließen sie 60 Versuchspersonen gegen einen Roboter in Form des Roboterarms WidowX Mark II antreten, um zu sehen, wie Menschen auf die Leistung von diesen reagieren. Interessant ist das deswegen, weil immer mehr Menschen mit KI-Systemen wie Robotern zusammenarbeiten werden oder müssen und auch erleben werden, dass diese ihnen zumindest teilweise überlegen sind und menschliche Arbeit degradieren.

Es handelte sich um ein harmloses Spiel um Geld und eine langweilige oder nerventötende Arbeit mit kognitiven und motorischen Komponenten. Die Versuchspersonen mussten auf dem Bildschirm in einer Reihe von 20 zufällig erzeugten Buchstaben erkennen, wie oft G vorkommt (3, 4 oder 5 mal), und dann in einen Kasten einen mit 3, 4 oder 5 beschrifteten Block je nach der Zahl der Vorkommnisse legen. Zur endgültigen Registrierung musste ein Knopf gedrückt werden, dann wurde die nächste Buchstabenreihe vorgelegt. Bei richtiger Antwort gab es einen Punkt, bei falscher keiner und die Ausgabe der Buchstabenreihe wurde um 10 Sekunden verzögert. Eine Runde dauerte maximal 2 Minuten, konnte aber vorher abgebrochen werden.

Setup des Experiments mit aufdringlichem Leistungsabgleich. Bild: Alap Kshirsagar et al.

Die Gewinnwahrscheinlichkeit wurde durch eine Lotterie ermittelt, die auf dem Unterschied zwischen dem Abschneiden der Versuchsperson und dem des Roboters basierte. Wenn beide dieselbe Leistung erzielt hatten, stand die Chance 50:50, wenn einer besser war, stieg die Wahrscheinlichkeit an. Auf dem Bildschirm wurde den Versuchspersonen immer ihre jeweilige Gewinnchance oder Verlustwahrscheinlichkeit angezeigt. Dass noch ein Rest Zufall beim Gewinn eine Rolle spielte, dämpfte vermutlich die Konkurrenz, da bei einer solchen einfachen, repetitiven Aufgabe der Roboter so einstellbar war, dass er auf jeden Fall den Menschen übertreffen konnte.

Die Leistung des Roboters und damit dessen Gewinnchancen wurden zwischen den, aber nicht innerhalb der Spielrunden verändert. Das Ziel des Experiments war herauszufinden, wie die Versuchspersonen damit umgehen, gegenüber der Maschine zu verlieren. Auf der einen Seite, so die Hypothese, steigt die Motivation mit der Höhe des Gewinns, auf der anderen Seite sinkt die Motivation, wenn die Gewinnchancen geringer werden und der Roboter besser ist. Nach 10 Spielrunden mussten die Versuchspersonen einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie angeben sollten, wie sie ihre Kompetenz und die des Roboters einschätzten. Zudem sollten sie angeben, wie sympathisch sie den Roboter fanden. Zudem sollten sie Hinweise auf ihre Erfahrung und die von ihnen gewählte Strategie aufschreiben.

Geld spielt keine Rolle

Die Höhe des finanziellen Gewinns spielte offenbar kaum eine Rolle, wohl aber die Leistung bzw. die Überlegenheit des Roboters. Je besser der Roboter abschnitt und je schlechter die Versuchspersonen, desto weniger sympathisch wurde er von den menschlichen Konkurrenten betrachtet. Während sie einräumten, dass seine Leistung sich verbesserte, sank entsprechend das Vertrauen in die eigene Kompetenz. Die Wissenschaftler, darunter Ökonomen, erstaunte eher, dass die in der Ökonomie vorherrschende rationale Theorie der Entscheidungsfindung, nach der die Konkurrenz von der Gewinnhöhe abhängig sein sollte, hier nicht zutraf. Die Konkurrenz erfolgte weitgehend aus nicht-finanziellen Gründen.

Manche der Versuchspersonen gefiel es, gegen den Roboter anzutreten, andere fanden dies stressig. Wenn der Roboter auf geringere Leistung eingestellt, also langsamer war, konkurrierten die Versuchspersonen in der Regel stärker mit ihm. Im Spiel fand keine direkte Interaktion zwischen Roboter und Versuchspersonen statt. Das war vermutlich der Grund, warum der Roboter nicht vermenschlicht wurde.

Verhalten gegenüber konkurrierendem Menschen und Roboter ähnlich

Alap Kshirsagar, einer der Studienautoren, sagt: "Wir waren überrascht, dass die Menschen sich als weniger kompetent gegen über einem schnellen, konkurrenztüchtigen Roboter betrachteten, obwohl es keine direkte Interaktion gab. Der Roboter erledigt seinen Job und man macht auch seine eigene Arbeit."

Das ist aber naiv, schließlich war das Experiment darauf angelegt, dass die menschlichen Versuchspersonen permanent die Leistung des Roboters mitbekamen und deswegen in einen ähnlichen Wettstreit mit sich selbst und dem Mitkonkurrenten eintraten, wie das auch der Fall bei Apps ist, bei denen man die eigene quantifizierte Leistung mit der von anderen, die auch nicht vor Ort sind, vergleichen kann. Damit das Selbstwertgefühl erhalten bleibt, mochten die Versuchspersonen den Wettstreit mit einem langsamer agierenden Roboter lieber als mit einem schnellen. Und wenn der Roboter zu gut ist, wächst die Lustlosigkeit, weiter mit diesem zu konkurrieren, also Verlierer zu sein.

Auch wenn der Roboter selbst nicht vermenschlicht wird, reagieren die Menschen hier dennoch so auf diesen wie auf einen menschlichen Mitbwerber. Es kann also in der Arbeitswelt ungemütlich werden, wenn Menschen und smarte Maschinen nebeneinander arbeiten und ähnliche Aufgaben haben. Aber das ist eigentlich wohl auch eine künstliche Situation, denn dann wäre der Mensch schon ersetzt und würden die Maschinen von Menschen höchstens noch überwacht. (Florian Rötzer)

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